Lateinamerika sucht die Neutralität in der Geopolitik

Seit Beginn des Ukraine-Konflikts hält die Region zunehmend Abstand zu den weltweiten Machtblöcken. Den USA droht deshalb jetzt beim Amerikagipfel im Juni eine empfindliche Blamage. Für uns in Europa sollte das ein Warnzeichen sein.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Zwei Vize-Staatssekretäre aus dem US-Außenministerium besuchten gerade Brasilien – und gleich für mehrere Tage. Das Ziel ihrer diplomatischen Offensive: Sie wollen Präsident Bolsonaro dazu bewegen, am Summit der Amerikas im Juni in Los Angeles teilzunehmen. Der lässt aber offen, ob er nach Kalifornien anreisen wird.

Auch sonst laufen die Vorbereitungen für den neunten Summit of the Americas eher stockend. Washington will zum ersten Mal seit 1994 wieder einen Amerikagipfel bei sich veranstalten. Vom 6. bis 10. Juni sollen sich alle Staaten des Doppelkontinents in Los Angeles versammeln.

Doch da gehen die Kontroversen schon los: Die Regierung von Joe Biden wollte nur demokratische Staaten einladen. Die Regime in Nicaragua, Venezuela und Kuba sollten keine Einladungen bekommen. Inzwischen ist das nicht mehr sicher.

Denn Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador erklärte letzte Woche, dass er nur kommen werde, wenn alle Staaten der Hemisphäre eingeladen würden. Bolivien, Honduras und einige Karibik-Staaten zogen nach.

Für die USA droht nun eine empfindliche Schlappe: Wenn mit Brasilien und Mexiko und einigen anderen Staaten deutlich mehr als die Hälfte der 660 Millionen Lateinamerikaner nicht beim Gipfel vertreten sind, dann wäre der gescheitert, bevor er überhaupt begonnen hat.

Das ist eine Blamage. Die USA würden gerne zeigen, dass sie die dominierende Großmacht der Amerikas sind – auch südlich von Texas. Doch das sind sie immer weniger: Die lateinamerikanischen Staaten sind immer weniger bereit, sich den USA unterzuordnen oder von Washington irgendetwas diktieren zu lassen. Auch hat der Ukraine-Konflikt die Region als weltweiten Rohstoff- und Energielieferant aufgewertet. Die Staaten verhalten sich zunehmend neutral in den Auseinandersetzungen zwischen den globalen Machtblöcken.

Der entscheidende Grund jedoch ist: Die USA unter Biden bieten zu wenig. Zu den drängendsten Themen der Region – Migration, Handel und wachsende Armut – hat die Biden-Regierung keine Vorschläge, gemeinsame Projekte oder Lösungen für Lateinamerika im Köcher. Biden führt die Lateinamerika-Politik von Trump weiter fort – mit der Distanz zu den Diktatoren in Lateinamerika und einer restriktiven Migrationspolitik. Eigene Akzente hat Biden bisher nicht gesetzt.

Die Lateinamerikaner haben nicht vergessen, dass Trump beim letzten Gipfel in Peru 2018 gar nicht erschien und die USA in der Pandemie Lateinamerika kaum mit Vakzin-Lieferungen geholfen haben.

Für uns in Europa sind die Vorgänge in Washington ein Warnzeichen. Auch wir könnten bald eine wachsende Indifferenz aus Lateinamerika zu spüren bekommen. Denn auch Deutschland und die EU bieten Lateinamerika außenpolitisch und wirtschaftlich wenig Optionen an für eine neue, engere Partnerschaft. Wir haben die Länder in der Pandemie ähnlich vernachlässigt wie die USA. Und wir kritisieren gerne die Mängel in den Demokratien und Umweltstandards der Region – während uns das bei vielen Staaten, mit denen wir weltweit zusammenarbeiten, anscheinend wenig stört.

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Uruguay und Costa Rica weltweite Vorbilder als Demokratien

Die Demokratie in Lateinamerika steht unter Druck. Die Region ist dabei weiterhin der Kontinent außerhalb Westeuropas und Nordamerikas mit der höchsten Demokratiedichte weltweit. Uruguay und Costa Rica rangieren im Ranking sogar vor vielen europäischen Staaten oder den USA.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die schlechte Nachricht zuerst: Im jährlichen Demokratie-Index des Economist Intelligence Unit (EIU) ist die Qualität der Demokratien in Lateinamerika das sechste Jahr in Folge gefallen. „Dies war nicht nur der stärkste Rückgang, den der Index im Jahr 2021 weltweit verzeichnete“, so der EIU, „es war auch die größte Verschlechterung, die eine Region seit Einführung des Demokratie-Index zu verzeichnen hat.“

Die Coronavirus-Pandemie hat die Frustration über die Politik noch verstärkt. Die demokratischen Regierungen scheinen immer weniger in der Lage, auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme angemessen zu reagieren. Wie in den vergangenen Jahren kam es auch 2021 in ganz Lateinamerika zu großen Protesten.

Gleichzeitig ist die Toleranz gegenüber autoritären Regierungen gewachsen. Die Popularität von Regierungen, die offen gegen demokratische Institutionen opponieren, wie die von Jair Bolsonaro in Brasilien, Andrés Manuel López Obrador in Mexiko oder Nayib Bukele in El Salvador, zeigen das.

Insgesamt wurden 2021 fünf Länder Lateinamerikas im Index herabgestuft: Chile, 2019 noch eine „vollständige Demokratie“, wurde durch die Pandemie wieder zu einer „lückenhaften Demokratie“ („flawed democracy“). Ecuador, Mexiko und Paraguay stiegen ab auf den Status von „hybriden Regimen“ („hybrid regimes“). Haiti gesellte sich zur Gruppe der autoritären Regime Nicaragua, Venezuela und Kuba.

Die gute Nachricht ist, dass Lateinamerika – neben Westeuropa und Nordamerika – die Region mit dem höchsten durchschnittlichen Demokratie-Score bleibt. Etwa 80 Prozent der 664 Millionen Menschen dort leben in Demokratien.

Erstaunlich positiv ist die Spitzenstellung einiger Staaten in dem Index: So steht Uruguay auf Platz 13, zwei Plätze vor Deutschland. Uruguay ist einer der wenigen Staaten weltweit, der seit mehr als 15 Jahren seine Demokratie verbessert im Index. Costa Rica ist das zweite lateinamerikanische Land unter den 22 vollständigen Demokratien Lateinamerikas, auf der gleichen Stufe wie Österreich. Und auch Chile auf Platz 25 weltweit, rangiert bei der Qualität seiner Demokratie auf der gleichen Stufe wie etwa Spanien.

Zum Vergleich: Alle drei Staaten stehen auf dem Index des EIU deutlich vor den USA, Italien oder Belgien.

Nach den teilweise hoch polarisierten Wahlen 2021 in Ecuador, Chile, Peru und Honduras stehen dieses Jahr in Lateinamerika Entscheidungen in Kolumbien und Brasilien an. Diese werden hart umkämpft sein, mit Kandidaten, die rechts und links im politischen Spektrum stehen mit wenigen Gemeinsamkeiten.

Für die weitere Entwicklung der Demokratien in Lateinamerika werden der Verlauf, der Ausgang der Wahlen sowie die Regierungsbildungen in diesen beiden Ländern zu Schlüsselereignissen für die ganze Region.

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Warum Brasilien und Südamerika durch den Ukraine-Konflikt wichtiger für uns werden

Brasilien und das restliche Südamerika könnten vom Krieg in Europa profitieren. Die dortigen Ökonomien gewinnen durch die steigenden Energie- und Rohstoffpreise. Zudem erhöht sich durch die jetzigen geopolitischen Verschiebungen Südamerikas Gewicht in der Welt. Wir sollten bei diesen Veränderungen nicht passiv zuschauen und jetzt strategische Partnerschaften anbieten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Betrachtet man die ökonomischen Entwicklungen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, dann lässt sich überraschend feststellen: Wenig andere Länder weltweit haben seitdem einen positiven Schub wie Brasilien erlebt. Das gilt ähnlich auch für Chile, Peru, Kolumbien und sogar Argentinien. Ein Beleg dafür sind die Währung und Aktienmärkte in diesen Ländern, die sich seitdem kräftig aufgewertet haben.

Es gibt mehrere Gründe für diese unerwartete Entwicklung: So profitieren die Exportindustrien der Länder von den steigenden Preisen für Rohstoffe und Energie. Das gilt sowohl für Agrarrohstoffe wie Soja, Mais und Weizen, aber auch für Erze und Metalle. Zudem sind bis auf Chile die genannten Staaten in ihrer Energieproduktion weitgehend autark oder exportieren sogar Öl.

Zwar steigen auch in Südamerika die Preise für Energie und Lebensmittel. Mit den fehlenden Düngemitteln auf dem Weltmarkt wird das Preisniveau für Agrarprodukte weltweit sogar noch anziehen. Die Versorgung ist jedoch nicht existenziell bedroht, wie etwa im Falle eines russischen Gas-Lieferstopps für die europäische und vor allem deutsche Industrie. Auch ist keine Lebensmittelknappheit zu erwarten, wie möglicherweise bald in Ländern des Nahen Ostens, die von russischen und ukrainischen Getreidelieferungen abhängen. Auf den Inflationsdruck haben die südamerikanischen Zentralbanken zudem schneller mit Zinserhöhungen reagiert als die Europäische Zentralbank oder die Fed in den USA.

Speziell Brasilien profitiert derzeit davon, dass Fondsmanager weltweit gerade ihre Investitionen umschichten: Sie ziehen ihr Kapital ab von Unternehmen, Branchen oder Regionen, die vom Krieg negativ betroffen sein könnten oder weil sie die westlichen Sanktionen gegen russische Konzerne befolgen. Die Kapitalzuflüsse nach Brasilien sind in den ersten drei Monaten rekordmäßig gewachsen. Das gilt zum Teil auch für die Pazifikstaaten Südamerikas.

Brasilien ist zudem vor den Folgen der Ukraine-Krise in der Weltwirtschaft teilweise geschützt. Denn das Land ist eine der verschlossensten großen Volkswirtschaften. Entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum ist der lokale Konsum, nicht der Außenhandel.

Das geopolitische Gewicht Brasiliens, aber auch Südamerikas, könnte in einer zunehmend polarisierten Welt nun sogar wachsen: Jeder der Machtblöcke weltweit – USA, China, Russland, EU – wird versuchen, Brasilien und Südamerika als Partner für sich zu gewinnen.

Brasilien aber auch Argentinien haben es in ihrer Geschichte außenpolitisch meist geschickt verstanden, die verschiedenen Angebote für Partnerschaften in ihrem Interesse zu nutzen, ohne sich an eine der Mächte zu eng zu binden – oder sie vor den Kopf zu stoßen. Die diplomatisch tolpatschig agierenden Regierungen der Präsidenten Bolsonaro und Fernández sind eine Ausnahme.

Die Frage ist jedoch, ob wir in Deutschland und Europa dabei zusehen wollen, wie andere Mächte ihren Einfluss in Südamerika durchsetzen und erhöhen, oder ob wir aktiv werden und strategische Partnerschaften anbieten.

Denn es ist doch ganz einfach: Wir brauchen dringender denn je verlässliche Lieferanten für Rohstoffe, Lebensmittel und – grüne – Energien. Wir brauchen Märkte für unsere Produkte und den weltweiten Personalaustausch. Und nicht zuletzt brauchen wir demokratische Partner in der Welt. In Südamerika gibt es das alles.

Wir müssen uns nur in Gang setzen und dieses Potenzial nutzen, bevor es zu spät ist und andere das machen.

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Mexikos Zukunftsaussichten verdüstern sich, wirtschaftliche Rahmenbedingungen jedoch solide

Die Regierung in Mexiko macht Druck auf rechtsstaatliche Institutionen, fährt die nachhaltige Energiereform zurück und ignoriert die Wirtschaft. In Europa wird das kaum wahrgenommen. Trotzdem steht Mexiko bei seinen Finanzen insgesamt weiterhin erstaunlich solide da.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Nachrichten aus Mexiko sind derzeit durchwachsen. So verschlechtern sich die Aussichten für die Wirtschaft des Landes. Angesichts der hartnäckigen Inflation, die inzwischen mit 7,3 Prozent den höchsten Stand seit zwei Dekaden erreicht hat, wird die Zentralbank stärker die Zinsen anheben – und damit die Konjunktur bremsen. Zwar dürfte die Inflation bis Jahresende wieder sinken. Doch wegen der hohen Zinsen rechnen die Investmentbanken dieses Jahr mit einem Wachstum von 1,5 bis 2 Prozent. Damit wird Mexikos Wirtschaftsleistung noch länger unter dem Stand zu Beginn der Corona-Krise verbleiben.

Die Regierung hat seit 2020 kaum Maßnahmen eingeleitet, um die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu lindern. Die Armutsrate ist nun deutlich angestiegen auf über 44 Prozent der Bevölkerung.

Gleichzeitig greift die Regierung immer aktiver in die Wirtschaftspolitik ein – zum Misstrauen der Wirtschaft. So wird gerade die nachhaltige Energiereform Mexikos schrittweise wieder zurückgedreht. Zusätzlich bekommt die staatliche Ölindustrie des Landes wieder höchste Priorität bei der Abnahme von Strom zugesichert.

Mit einem Dekret, wonach staatliche Infrastrukturprojekte Priorität genießen und ohne die üblichen Regeln über Transparenz der öffentlichen Ausschreibungen verabschiedet werden, öffnet die Regierung zudem der in Mexiko endemischen Korruption Tür und Tor. Auch erhärten sich Gerüchte, dass enge Familienangehörige des Präsidenten in Korruptionsvorgänge verstrickt seien. Mexiko ist mit Rang 124 von 180 Staaten unter den korruptesten Staaten Lateinamerikas nach Transparency International.

Der Ölproduzent Mexiko profitiert wenig von den hohen Ölpreisen durch die Ukraine-Krise: Das Land importiert im Wert fast doppelt so viele Energieprodukte wie es Rohöl exportiert.

Zudem nehmen die Attacken des Präsidenten Andrés Manuel López Obrador auf den Rechtsstaat zu. So will er jetzt am 10. April in einem Volksentscheid über den möglichen Widerruf seines sechsjährigen Mandats abstimmen lassen. Der Präsident erwartet eine hohe Zustimmungsrate. Unter anderem hofft er darauf, dass seine Kandidaten bei den Gouverneurswahlen in sechs Bundesstaaten am 5. Juni dadurch Rückenwind bekommen. Doch erstmals sind die hohen Zustimmungsraten von López Obrador gesunken (auf immer noch hohe 54 von 60 Prozent zu Jahresbeginn).

Wie in manchen Staaten Lateinamerikas könnte also auch in Mexiko der staatliche Druck auf die Demokratie und Wirtschaft bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen 2024 noch deutlich zunehmen. Doch anders als ähnliche Tendenzen in Brasilien oder Argentinien, wird dies in Europa kaum wahrgenommen.

Andererseits steht Mexiko im regionalen Vergleich erstaunlich solide bei seinen Finanzen und Außenhandelskonten da. Die höheren Öleinnahmen stabilisieren den Haushalt. Mit einem Defizit von 3,5 Prozent zur Wirtschaftsleistung ist der Staat solide finanziert. Die Devisenreserven konnte die Zentralbank seit Beginn der Pandemie sogar noch um 12 Prozent steigern. Mit einer Verschuldung von rund 50 Prozent des BIPs droht in Mexiko keine Schuldenkrise.

Die ausländischen Investitionen bleiben ebenfalls stabil – wenn auch auf niedrigem Niveau. Vor allem die Automobilindustrie profitiert von der Erholung der Nachfrage. Tendenziell wird Mexiko zugutekommen, dass US-Konzerne ihre Zulieferer lieber vor der Haustür in Mexiko als in Fernost haben wollen.

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Lateinamerika stimmt überraschend geeint gegen Russland

Im Vorfeld der UN-Vollversammlung hatten einige Präsidenten damit gezögert, Russland zu verurteilen. Noch ist unklar, wie sich die Ukraine-Krise auf die Ökonomien in der Region auswirken wird.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Als bei der UN-Vollversammlung am 2. März 141 Staaten den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilten, waren dabei auch die überwältigende Mehrheit der Länder Lateinamerikas. Kein Staat sprach sich für Russland aus. Kuba, Bolivien, El Salvador und Nicaragua enthielten sich. Das zu Russland stehende Venezuela war ohne Stimmrecht, weil es seine Beiträge nicht bezahlt hatte.

Diese Einigkeit, mit der die Staaten Lateinamerikas den Abzug Russlands forderten, überraschte: Denn in den Tagen seit dem Angriff Russlands auf das Nachbarland, hatten wichtige Staatschefs der Region damit gezögert, die Invasion zu verurteilen.

Die linksnationalistischen und autoritären Regierungen Kubas, Nicaraguas und Venezuelas bezeichneten den Überfall auf die Ukraine zuvor als legitim. Das war zu erwarten. Russland ist ein wichtiger Waffenlieferant und Gläubiger für diese Länder.

Unerwartet war, dass El Salvador ausscherte und nicht die russische Aggression verurteilte. Es wird vermutet, dass der autoritäre Präsident sich mit Russland gut stellen will. Er könnte El Salvador mit seiner staatlichen Förderung von Kryptowährungen als einen Kanal anbieten, um die Sanktionen zu umgehen. Russland könnte etwa den Handel mit Rohstoffen und anderen Gütern via digitale Währungen unkontrolliert über das mittelamerikanische Land abwickeln – fürchten US-Behörden.

Mexiko und Brasilien bemühten sich vor der Abstimmung um einen Balance-Akt in der Krise. Der Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador erklärte, dass Mexiko sich mit allen Staaten weltweit gut stellen wolle und das Land deshalb nicht die Sanktionen gegen Russland unterstützen werde.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hatte noch kurz vor Beginn der russischen Offensive bei einem Besuch im Kreml seine „Solidarität mit Russland“ erklärt und öffentlich bekräftigt, sich nicht in den Konflikt einmischen zu wollen. Sein Land sei zudem durch umfangreiche Düngerimporte wirtschaftlich an Russland gebunden. Dennoch sorgten die Außenminister beider Länder mit ihren parallelen Statements, die deutlich härter gegen Russland ausfielen, schließlich bei der Abstimmung der UN dafür, dass beide Staaten doch offiziell Russlands Aggression verurteilten.

Überraschend war, dass sich die Staatschefs in Panama, Paraguay, Peru sowie Honduras nicht zu einer Verurteilung der russischen Invasion durchringen konnten.

Klare Kritik an Russland kam, wie erwartet von den konservativeren Regierungen in Kolumbien, Uruguay und Ecuador. Auch der diese Woche sein Amt antretende Linkspräsident Gabriel Boric in Chile verurteilte die Aggression klar.

Eine neue außenpolitische Entwicklung hat die Ukraine-Krise zwischen Venezuela und den USA ausgelöst. Die eigentlichen Erzfeinde haben begonnen, über Energie und politische Annäherung zu sprechen. Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt, produziert aber wegen des wirtschaftsfeindlichen Kurses seiner Regierung weit unter Potenzial. Die USA könnte einen Lieferanten ganz in der Nähe gut gebrauchen, die Regierung des Autokraten Nicolás Maduro erhofft sich gelockerte Sanktionen gegenüber seinem Land.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen auf Russland auf Lateinamerika sind schwer zu prognostizieren: Einerseits könnten Rohstoffexporteure wie Argentinien, Brasilien, Chile und Peru von den steigenden Preisen für Agrargüter wie Metalle profitieren. Auch Ölexporteure wie Ecuador und Kolumbien profitieren von den hohen Ölpreisen.

Schlecht sind die gestiegenen Energiepreise für alle Nettoimporteure von Öl und Gas – vor allem in der Karibik und Mittelamerika. Auch die nun stark reduzierten Düngemittelexporte aus Russland, der Ukraine und Weißrussland könnten mittelfristig zu Ernterückgängen bei den Agrarproduzenten in Südamerika führen.

Insgesamt werden die deutlich steigenden Inflationsraten auch in Lateinamerika zu einem Anstieg der Armut und verringertem Wachstum führen.

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Überraschend gute Aussichten für Lateinamerikas Wirtschaft

Die Corona-Infektionen haben in Lateinamerika seit Jahresbeginn ihr Allzeitrekordhoch erreicht – doch ohne die befürchteten dramatischen Folgen wie zuvor. Ausländische Investoren stecken so viel Kapital in Lateinamerikas Finanzmärkte wie schon lange nicht mehr.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Covid-Omikron-Welle hat auch in Lateinamerika ihren Zenit erreicht: Nach rekordhohen Neuinfektionen noch im Januar sinkt die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle. Ein Grund könnte sein, dass Lateinamerika heute der Kontinent mit der höchsten Impfquote weltweit ist. Der Abklang der Pandemie wirkt sich teilweise positiv auf die allgemeine wirtschaftliche Situation aus.

So konnten Kolumbien und Chile ihre Wachstumstrends von vor der Pandemie fortsetzen. Die Wirtschaften Mexikos, Brasiliens und auch Perus entwickeln sich jedoch weiterhin schwächer als noch vor zwei Jahren.

Argentinien ist weiterhin unter den großen sechs Ökonomien der Außenseiter mit einem erwarteten Wachstum von vier Prozent und einer Inflation von 56 Prozent am Ende dieses Jahres.

Neue Wolken tauchen auf am Horizont: Auch im restlichen Lateinamerika sorgen sich die Ökonomen wegen der Inflation. Doch anders als in Europa oder den USA steuern die Zentralbanken hier bereits klar gegen die Teuerung an. In Brasilien, Chile und Kolumbien haben die Zentralbanken die Zinsen bereits so deutlich erhöht, dass die Ökonomen ab Ende dieses Jahres sinkende Inflationsraten erwarten. Dennoch werden die steigenden Rohstoff- und Energiepreise weiteren Druck auf das allgemeine Preisniveau ausüben.

Neu ist jedoch: Die ausländischen Finanzinvestoren lassen sich im Moment nicht von den unsicheren Aussichten abschrecken – im Gegenteil: Seit Jahresanfang bewegt vor allem ausländisches Kapital die Aktienmärkte in der Region. Die Börsen in Brasilien, aber auch in Peru, Kolumbien und Chile haben seit Jahresbeginn deutlich gewonnen. Ganz im Gegensatz zu den führenden Handelsplätzen für Aktien in Europa, den USA oder Asien.

Die Risikokapitalinvestoren setzen weiterhin auf Lateinamerika. Letztes Jahr flossen etwa 15 Mrd. Dollar als Venture-Capital nach Lateinamerika. Das ist etwa dreimal so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2019. Zum Vergleich: In Asien (außer China) investierten die Risikokapital-Fonds letztes Jahr rund 25 Mrd. Dollar. Im Januar haben diese Investoren ihre Zuflüsse erneut erhöht.

Gleichzeitig erwarten viele Investoren, dass die Preise für Rohstoffe zulegen werden und setzen auf Bergbau- und Agrarunternehmen, die es in Lateinamerika zahlreich gibt.

Der Kapitalzufluss hat zu einer Stärkung der Kaufkraft der Region geführt: In Brasilien, aber auch in Peru, Mexiko und Chile haben die Währungen gegenüber dem Dollar kräftig zugelegt.

Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor bleiben die politischen Krisen und Spannungen in fast allen Ländern der Region. In Peru scheint es zunehmend unwahrscheinlich, dass die Regierung von Pedro Castillo die nächsten Monate überleben wird. In Chile tritt mit Gabriel Boric im März erstmals ein linker Präsident an, während gleichzeitig die Verfassung überarbeitet wird. In Argentinien ist die Regierung gespalten, ob sie ein Abkommen mit dem IWF unterzeichnen soll. Und in Brasilien wie Kolumbien wird in diesem Jahr gewählt, was die politischen Spannungen in diesen Ländern zusätzlich erhöht.

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Argentinien und Brasilien nähern sich Russland und China an

Derzeit findet eine geopolitische Verschiebung in den Beziehungen zwischen Südamerika und dem Rest der Welt statt. Argentinien und Brasilien nutzen die Chancen, die sich mit der zunehmenden Konfrontation zwischen China, Russland und dem Westen ergeben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

So war der argentinische Präsident Alberto Fernández die letzten Tage erst in China und Russland auf Staatsvisite unterwegs. In China schloss er ein Investitionsabkommen im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) ab. 23 Mrd. Dollar will China die nächsten Jahre in die Infrastruktur des Pampalandes investieren, darunter auch in das vierte Atomkraftwerk Argentiniens.

Damit ist Argentinien das Land Nummer 20, welches sich in Lateinamerika eng mit China verbindet. Unter den großen Staaten sind dann nur noch Mexiko, Brasilien und Kolumbien nicht über ein BRI-Abkommen an China gekoppelt.

In Russland erklärte Fernández, dass Argentinien die Dominanz der USA und des Internationalen Währungsfonds stören würde. Zudem pries er sein Land als Brückenkopf an für russische Investitionen in Südamerika.

Das war ein diplomatischer Faux-Pas: Denn Argentinien hat vor wenigen Tagen ein für die Regierung wie Wirtschaft des südamerikanischen Landes überaus vorteilhaftes Abkommen mit dem Fonds abgeschlossen. Das geschah mit dem ausdrücklichen Segen der USA, aber auch der EU, die beim Fonds in Washington das Sagen haben.

Auch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will nächste Woche Russlands Präsident Wladimir Putin besuchen. Derzeit sind keine konkreten Abkommen vorgesehen. Es scheint, dass die beiden Staatschefs ihr Treffen vor allem als willkommene Gelegenheit nutzen wollen, um zu zeigen, dass sie in der Welt nicht isoliert sind.

Betrachtet man die Diplomatie der beiden südamerikanischen Staatschefs, dann lässt die sich durchaus strategisch rechtfertigen: Beide Staaten wollen unabhängig sein, mit allen reden, Handel treiben und Investitionen anziehen.

Zudem haben sie in der Corona-Krise gerade mitbekommen, dass China und Russland mit ihren Vakzin-Lieferungen wie Coronavac und Sputnik V die ersten Impfungen in Südamerika überhaupt erst möglich gemacht haben. Aus Europa und den USA kam lange Zeit keine Unterstützung in der Pandemie durch Impfstoffe.

Es sieht also alles danach aus, als würden Brasilien und Argentinien sich derzeit nicht nur von den USA, sondern auch von Europa entfernen. Beide Staaten sind die wichtigsten südamerikanischen Ökonomien. Sie dominieren zudem den Mercosur, mit dem die EU ein Freihandelsabkommen beschlossen hat. Das Abkommen könnte allein mit dem Beitritt Argentiniens zum BRI – wie auch dem Uruguays zuvor – infrage gestellt werden.

Das sind keine guten Nachrichten für das europäisch-südamerikanische Verhältnis.

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Ein Angebot der OECD an Südamerika

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt Argentinien, Brasilien und Peru eine Mitgliedschaft in Aussicht. Für die Staaten ist das eine seltene Chance, ihre notwendigen Reformen in Gang zu setzen. Es locken Investitionen und Produktionsgewinne.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das sind gute Nachrichten für Südamerika: Die OECD hat die Anträge von Argentinien, Brasilien und Peru akzeptiert und diese Staaten eingeladen, die Verhandlungen über eine Aufnahme in die internationale Organisation aufzunehmen.

Das kam überraschend. Bisher hatten sich vor allem die USA dagegen gesträubt, den Aufnahmeprozess zu beschleunigen – während Europa eher für eine schnellere Ausweitung des Clubs der wohlhabenderen 38 Mitgliedstaaten weltweit war.

Zusammen mit den drei südamerikanischen Staaten sind auch Einladungen an die Regierungschefs von Bulgarien, Kroatien und Rumänien gegangen. In Lateinamerika sind bisher Mexiko (seit 1994), Chile (2010), Kolumbien (2020) und Costa Rica (2021) Mitglieder. Durchschnittlich benötigen die Staaten und die OECD zwischen drei und vier Jahre, um die Verhandlungen abzuschließen. Die Verhandlungen für die Aufnahme Kolumbiens dauerten jedoch zuletzt fast sieben Jahre.

In Südamerika rechnet sich vor allem Brasilien gute Chancen aus, schon unter der nächsten Regierung bis zum Jahr 2026 in den Club der OECD aufgenommen zu werden. Seit 2017 arbeitet Brasilien bereits daran, seine Gesetze schrittweise den Auflagen der OECD anzupassen. Rund 40 Prozent aller Regeln seien bereits konform.

Argentinien hat sich unter dem liberalen Präsidenten Mauricio Macri für eine OECD-Aufnahme stark gemacht. Ob seine Nachfolger in den nächsten Jahren noch daran interessiert sind, wird sich zeigen müssen. Das gleiche gilt für Peru.

Schwierigkeiten haben die südamerikanischen Staaten vor allem bei den Steuersystemen und der Gleichbehandlung von ausländischen Investoren und Kapital. Zudem sind die Ökonomien von Argentinien und Brasilien stark verschlossen gegenüber Importen. Argentinien hat derzeit außerdem ein Wechselkursregime. Auch Brasilien besteuert Kapitalzuflüsse aus dem Ausland unterschiedlich. Das alles ist nach den Regeln des Pariser Clubs nicht erlaubt.

Für die Staaten ist die mögliche OECD-Mitgliedschaft vor allem eine Chance, die immer wieder aufgeschobenen Reformen in Finanzbereich und Wirtschaft, aber auch bei der Korruptionsbekämpfung oder im Umweltschutz anzugehen. Eine Aufnahme in die OECD, die für Marktwirtschaft und Demokratie steht, ist wie ein Gütesiegel für den Standort und bedeutet mittelfristig einen deutlichen Produktionsgewinn für die Wirtschaft.

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COVID-19 ist zurück – auch in Lateinamerika

Die Prognosen über die Auswirkungen der schnellen Verbreitung der Infizierungen fallen schwer, wie überall auf der Welt. Es ist gut möglich, dass die hohe Inflation dieses Jahr die Ökonomien in der Region stärker belasten könnte als der Virus.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Wie bisher im Verlauf der Pandemie, erreicht auch die neue Infektionswelle Lateinamerika mit rund zwei Monaten Verspätung. Aber nun mit voller Wucht: Zum Jahreswechsel noch schätzte die Investmentbank Goldman Sachs die Zahl der Infizierungen in der Gesamtregion auf 100.000 Fälle. Doch allein in Argentinien, das derzeit der Vorreiter an Infektionen mit der Omikron-Variante zu sein scheint, gibt es derzeit täglich über 135.000 Erkrankungen. In Brasilien sind es rund 100.000 Fälle – obwohl die Zahl der Tests verschwindend gering ist und die Statistiken kaum zuverlässig sind, seitdem Hacker die Rechner der staatlichen Gesundheitsbehörde lahmgelegt haben.

Die explodierenden Infizierungen führen zu höheren Auslastungen der Krankenstationen. Die Behörden in den Ländern setzen darauf, dass der Anstieg ähnlich heftig aber weniger langwierig und tödlich verlaufen wird. So wie in Großbritannien oder Südafrika. Im derzeitigen Sommer in Südamerika und nach zwei Jahren Pandemie zögern die Regierungen, neue Lockdown-Maßnahmen zu verhängen.

Dennoch fallen die Prognosen über die Auswirkungen der Omikron-Welle schwer: Goldman Sachs etwa rechnet damit, dass die Neuinfizierungen die Ökonomien in der nächsten Zeit belasten werden, da wieder freiwillige und obligatorische Lockdown-Maßnahmen für Dienstleistungen und Mobilität eingeführt werden dürften. „Das geringe Risiko von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen sowie die sinkende Bereitschaft der politischen Entscheidungsträger strenge Maßnahmen durchzusetzen sowie weitere Fortschritte bei der Impfung dürften die Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit jedoch begrenzen.“

Für Oxford Economics bleibt Lateinamerika die weltweit am meisten gefährdete Region – obwohl in vielen Ländern weitaus mehr Menschen geimpft sind als etwa in Europa: Mindestens eine Impfung erhalten haben die Menschen in Chile (90 %), Argentinien (85 %), Uruguay und Ecuador (jeweils 80 %) und Brasilien (78 %). Dennoch ist die Bevölkerung wegen der schwachen Gesundheitsinfrastruktur bedroht. Rekordzahlen an Infizierungen führen auch zu schweren Krankheitsverläufen. Das macht sich jetzt vor allen in den abgelegenen Regionen in Südamerika bemerkbar, wo bisher noch gar nicht geimpft wurde.

Dennoch machen einzelne Ökonomen in der hohen Inflation eine größere Bedrohung für das Wachstum in Lateinamerika aus als durch die neue Welle an Covid-Infizierungen. So sind die Inflationsraten in Brasilien (10 %) und in Mexiko (7,4 %) auf dem höchsten Stand seit zwanzig Jahren. Die Preiserhöhungen für Lebensmittel und Energie sind die entscheidenden Gründe.

Die Zentralbanken werden die Zinsen weit überdurchschnittlich erhöhen müssen, um die weitere Geldentwertung zu stoppen. Und trotzdem wird unsicher sein, ob die monetären Maßnahmen schnell greifen werden. Denn die Inflation in diesen Ländern wird zunehmend importiert.

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Ein Investitionsboom in Startups verändert Lateinamerikas Wirtschaft

Das brasilianische Startup Nubank ist diese Woche an die Börse gegangen und jetzt die wertvollste Bank Lateinamerikas. Die Finanzindustrie in der Region erlebt die stärkste Umwälzung ihrer Geschichte. Doch auch in anderen Branchen geschieht gerade das gleiche. Lateinamerikas Ökonomie gewinnt an Produktivität.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die brasilianische Nubank hat vor acht Jahren mit kostenlosen Kreditkarten begonnen und schreibt bis heute nur Verluste. Dennoch ist sie seit dieser Woche mehr wert als die brasilianische Privatbank Itaú-Unibanco, die bislang das führende Institut nach Marktkapitalisierung in der Region war.

Mit dem Börsengang spielt Nubank zudem den Vorreiter einer ganzen Branche an der Wallstreet: Der erfolgreiche IPO von Nubank gilt nun als Referenz für andere globale Neobanken wie Chime aus Kalifornien oder Revolut aus Großbritannien, die ebenfalls ihr Kapital eröffnen wollen.

Doch Nubank ist nicht allein: Es gibt in Lateinamerika inzwischen etwa zwei Dutzend Fintechs, die den etablierten Banken Konkurrenz machen. Stone, PagSeguro oder XP aus dem brasilianischen Finanzsektor haben ebenfalls in New York ihre Aktien notiert.

Dieser Verdrängungsprozess findet auch in anderen Branchen statt: Quinto Andar oder Loft wirbeln den brasilianischen Immobiliensektor durcheinander. Rappi aus Kolumbien oder ifood haben die Essens-Branche völlig verändert. Loggi rollt den Logistiksektor auf. Ualá aus Argentinien ist als Fintech erfolgreich und geht jetzt nach Mexiko. Satellogic aus Uruguay ist das erste Unicorn unter den AgTechs – also ein Startup, das nach den ersten Finanzierungsrunden über eine Milliarde Dollar wert ist.

Der Wert der Fintechs wie anderen Startups in der Region wird sowohl von dem allgemeinen Hype um Neobanken weltweit getrieben als auch dem Interesse der Venture-Capital-Investoren an High Tech-Unternehmen in Lateinamerika: Allein zwischen Januar und November dieses Jahres flossen 14 Milliarden Dollar Kapital in diese Unternehmen. Das ist dreimal mehr als im bisherigen Rekordjahr 2020. Die Zahl der Unicorns in Lateinamerika verdoppelt sich seit 2018 jedes Jahr. Heute gelten 26 Startups als Unicorns.

Das japanische Investmentkonglomerat Softbank hat gerade seinen Lateinamerika-Fond aufgestockt auf nun insgesamt acht Milliarden Dollar. An 48 Startups ist Softbank in Lateinamerika beteiligt, 15 davon sind Unicorns.

Inzwischen stecken auch traditionelle Investoren ihr Geld in brasilianische Fintechs: Bei Nubank stieg Mitte des Jahres der US-Investor Berkshire Hathaway um Warren Buffet ein. Bei C6 in Brasilien etwa übernahm JP Morgan 40 Prozent des Kapitals.

Für Lateinamerika sind das gute Nachrichten: Wenn die Regierungen seit Jahren kaum noch Reformen hinbekommen, dann dürften die größten Produktivitätssteigerungen derzeit aus der digitalen Umwandlung kommen.

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