Trump II oder Obama 2.0 – was hat die Region zu erwarten?

Lateinamerika ist für die USA wichtiger geworden. Deswegen passt Washington seine Politik gegenüber der Region an. Dieser Prozess wird anhalten – egal, ob der nächste Präsident Biden oder Trump heißt. Doch auch einige Regierungen in Lateinamerika werden sich umstellen müssen, wenn es zum Wechsel kommt.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wahlen in den USA sind in Lateinamerika bisher kein großes Thema. Dazu sind die Pandemie und die wirtschaftliche Krise zu dominierend für die meisten Menschen. Dennoch beginnen sich die Regierungen und Politik immer mehr mit den politischen Szenarios nach den Wahlen im Norden zu beschäftigen. Interessant ist dabei, wie deutlich sich das Verhältnis zwischen den USA und Lateinamerika in den letzten Jahren geändert hat. Und zwar für beide Seiten.

„Cuba, Cocaine und Chávez“ waren viele Jahre die einzigen Themen, welche die USA in Lateinamerika aufmerksam verfolgten – so erklärten US-Diplomaten das lange Zeit eher schwache Interesse Washingtons an der Region. Das hat sich geändert: Zwar sind Venezuela und Kuba weiterhin Krisenherde mit geopolitischen Konfliktpotenzial vor der Haustüre. Doch China und Immigration sind zu wichtigeren Themen der US-Innenpolitik geworden – und haben direkt und indirekt viel mit Lateinamerika zu tun.

Zu China erwarten die meisten Experten die größte Kontinuität auch nach einem Machtwechsel in Washington. Dessen Offensive als Handelspartner und Investor in Lateinamerika beobachten die USA seit kurzem genau. Unter Trump haben sie Geschütze in Stellung gebracht: Sie kontrollieren nun auch personell die Interamerikanische Entwicklungsbank als einen der wichtigen Finanziers in der Region. Auch die neu benannte International Development Finance Corporation dürfte wichtiger werden bei der Kreditvergabe.

Unklar ist, wie die USA künftig mit Staaten umgehen werden, die sich weiterhin von China finanzieren lassen oder etwa Huawei als Ausrüster für das Telekomnetz zulassen. Unter Trump könnte es vermutlich eher zu Strafmaßnahmen (wie Zöllen) kommen als unter Biden.

Sowohl unter Biden als auch Trump werden Mexiko und die Karibik von der Verlagerung der Lieferketten aus China als neue Standorte für US-Zulieferer profitieren. Das gilt abgeschwächt auch für die südamerikanischen Pazifik-Allianz Staaten wie Chile, Peru, Kolumbien.

Beim Thema Immigration werden jedoch von einer Biden-Regierung neue Akzente erwartet, etwa durch weniger strenge Immigrationsregeln oder Abschiebepraxis. Das würde Mexiko und die Karibik begünstigen. Hohe oder wachsende Rücküberweisungen aus den USA durch die Emigration würde innenpolitisch den Druck in diesen Ländern reduzieren.

Neu einstellen müssten sich die lateinamerikanischen Regierungen unter Biden bei den Themen Umwelt, Klima sowie Menschenrechte. Die wären wieder Leitlinien der Außenpolitik. Das gilt einerseits für Staaten wie Mexiko, wo die Demokraten unter Biden stärker auf gleiche Arbeitsbedingungen und -standards pochen könnten, etwa für das USMCA, dem seit Juli dieses Jahres geltende Nafta-Folgeabkommen.

Aber vor allem wird es Brasilien treffen, wenn Biden auf den Kurs der EU einschwenkt und Standards bei Umwelt und dem Amazonasschutz aber auch bei Themen wie der Genderpolitik einfordert. Brasilien wäre dann bald ziemlich isoliert in der Welt.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

Lateinamerika beginnt seinen langen Weg zurück zur Normalität

In Lateinamerika findet die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie langsamer statt als sonst auf der Welt – dafür aber deutlich stabiler. Bisher ist es in der Region zu keiner zweiten Welle der Infizierungen gekommen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Zu diesem Ergebnis kommen die Ökonomen von Oxford Economics, die anhand verschiedener Indikatoren die Rückkehr zur Normalität messen. Danach ist Brasilien mit 11 Prozent weniger Aktivitäten als vom Februar dieses Jahres, also vor dem Ausbruch der Epidemie, schon am weitesten vorangeschritten auf dem Weg zum Vorkrisenzustand. Kolumbien (-23 Prozent) folgt mit deutlichem Abstand, knapp vor Mexiko (-25 Prozent). Peru (-34 Prozent) und Argentinien (-37 Prozent) sind nach den radikalen Quarantänen noch am weitesten entfernt von der Prä-Pandemie-Normalität.

Für 2021 erwartet das Institute of International Finance (IIF) eine gedämpfte Erholung der Kapitalströme in die Region, moderate Wachstumsaussichten und weiterhin Druck auf die lokalen Währungen. Der globale Bankenverband hat gerade Prognosen zu Lateinamerika mit Blick auf die Leistungsbilanzen der Staaten veröffentlicht. Dabei sind die Ökonomien wegen ihrer flexiblen Wechselkurse meist recht erfolgreich dabei, ihre Devisenreserven zu schützen – obwohl die ausländischen Kapitalzuflüsse zurückgegangen und die Exporte eingebrochen sind.

In der heftigen Rezession sind die Importe nach Lateinamerika insgesamt um 15 Prozent geschrumpft. Das hat die Leistungsbilanzdefizite schnell verringert. Doch auch die Exporte haben nachgelassen, vor allem bei Energieexporteuren wie Mexiko und Kolumbien. Rohstoffexporteure wie Chile oder Brasilien haben geringere Einbrüche bei den Exporten erlebt. Heftig waren die Einbußen bei den Deviseneinnahmen wiederum bei Staaten, die stärker vom Tourismus abhängen, wie Mexiko und die Karibik.

Kompensieren konnten das einzelne Staaten in der Region mit den Rücküberweisungen der Lateinamerikaner aus Europa und vor allem den USA in ihre Heimatländer. Die sind – anders als erwartet – stabil geblieben oder in einigen Ländern sogar noch gewachsen. Die chronische Kapitalflucht aus der Region dagegen stagnierte in diesem Jahr. Die Investoren stecken ihr Kapital in lokale Börsen und Anlagen. Das ist positiv. Schlecht ist dagegen, dass lateinamerikanische Unternehmen sich in der Krise aus ihren globalen Investitionen zurückziehen. Auch die ausländischen Direktinvestitionen werden zurückgehen. Das wird den Tech-Transfer in die Region verlangsamen.

Einige Währungen in der Region werden angesichts der politischen Unsicherheit und der daraus resultierenden Auswirkungen auf die Kapitalströme weiterhin unter Druck stehen, lautet das Fazit des IIF. Das könnte vor allem den Real in Brasilien sowie den Peso in Argentinien betreffen.

In Brasilien zogen sich die ausländischen Investoren bisher vor allem aus Portfolioinvestitionen in Anleihen und Aktien zurück. Wie weit die Direktinvestitionen in Unternehmen dieses Jahr tatsächlich abnehmen werden, ist noch offen: Nach Prognosen des IIF werden die Direktinvestitionen in Brasilien dieses Jahr von 73 (2019) auf 50 Mrd. Dollar sinken.

COVID-19 in Lateinamerika

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2021 wird für Lateinamerika zum Schicksalsjahr

Lateinamerika wird sich wirtschaftlich nur langsam von der schweren Rezession erholen und politische Krisen können die Region weiter destabilisieren. Ein Überblick zu den Folgen von Corona für Politik und Wirtschaft

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Es hätte schlimmer kommen können – doch es wird dauern, bis es wirklich wieder besser wird.“ (“Latin America: Could be much worse, but will be hard to get much better”) – so beschreibt die Investmentbank JP Morgan in ihrer neuesten Analyse knapp und treffend die Lage in Lateinamerika. Die Situation und Aussichten für den weiteren Verlauf der Pandemie sowie für Politik und Wirtschaft sind tatsächlich durchwachsen.

 

Corona

Ziemlich genau ein halbes Jahr nachdem zum ersten Mal offiziell Corona-Infizierte in Lateinamerika registriert wurden, beginnen die Infektionszahlen langsam zu sinken. Dennoch lässt sich als vorläufiges Fazit feststellen: Den Regierungen in Lateinamerika ist es in der Pandemie schwergefallen, die richtige Mischung aus sozialer Isolierung und wirtschaftlicher Öffnung zu finden. Das trifft vermutlich auf die meisten Staaten weltweit zu, weil es keinen Königsweg gegen die Pandemie gibt.

Doch die Statistiken zeigen, dass Lateinamerika besonders schlecht abschneidet im Kampf gegen Covid-19: Sowohl bei den Infizierten als auch bei den Opfern zählen die lateinamerikanischen Staaten zu den weltweit am stärksten betroffenen Ländern – das gilt sowohl absolut, also pro Land, als auch relativ im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Dazu kommt, dass die COVID-Statistiken die dramatische Lage nur teilweise wiedergeben: Die Zahl der Tests liegt im Durchschnitt weit unter denen Europas oder der USA.

Prognosen über eine zweite Welle an Infizierungen sind schwierig: Einerseits könnte der kommende Sommer die Zahl der Neuinfizierungen bremsen. Auch scheint in einigen zuvor schwer betroffenen Regionen bereits eine hohe Immunität zu existieren. Andererseits nehmen im Sommer auch die Agglomerationen zu.

 

Im Überblick einige Prognosen für Politik und Wirtschaft

Die sozialen Proteste, die wegen Corona fast ein halbes Jahr gestoppt waren, sind in den letzten Wochen wieder aufgeflammt. In Kolumbien, Chile und Bolivien kam es bereits zu Unruhen. Es ist wahrscheinlich, dass die insgesamt weiter zunehmen werden, sobald die Corona-Sozialhilfen und die -isolierungen in den Ländern zurückgefahren werden. Die Gründe für die Unzufriedenheit der Bevölkerung vergangenes Jahr haben durch die schwere Wirtschaftskrise noch zugenommen.

Anders als erwartet, hat die Popularität der Regierungen in Mexiko oder Brasilien nicht unter deren offensichtlich gescheitertem Krisenmanagement gelitten. Präsident Bolsonaro in Brasilien ist so beliebt wie noch nie zuvor, trotz hoher Opferzahlen. Auch Präsident López Obrador in Mexiko erfreut sich einer stabilen Zustimmung, obwohl er kaum mit staatlichen Maßnahmen die Folgen der Pandemie für Unternehmen oder Bevölkerung abgemildert hat.

Der Trend zu stärker autoritären Regierungsformen, die Aushebelung der Gewaltenteilung sowie der wachsende Staatseinfluss in der Wirtschaft dürfte anhalten. 2021 wird zudem politisch ein Jahr mit wichtigen Wahlen (Bolivien, Peru, Chile) und Zwischenwahlen (Argentinien, Mexiko, Kolumbien) in der Region.

Derzeit nimmt der Nationalismus in der ganzen Region zu. Statt regional zusammenzuarbeiten, was in den Jahrzehnten nach den Demokratisierungen durchaus erfolgreich in Lateinamerika geschehen ist, versuchen die Regierungen wieder stärker allein Lösungen zu finden. Die mangelnde Koordination in der Region bei der Wahl des neuen Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) hat das klar gezeigt: Die USA konnten erstmals in fast 60 Jahren einen US-Amerikaner an deren Spitze setzen. In der Region regte sich kein Protest, die meisten Staaten stimmten zu oder enthielten sich. Auch die lateinamerikanischen Freihandelsabkommen stagnieren.

Die Folgen für die Wirtschaft sind inzwischen überschaubarer geworden. Tatsächlich wurde Lateinamerikas Wirtschaft am schwersten von der Pandemie weltweit betroffen. Vor 2022 wird keine Ökonomie wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen.

Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile, Kolumbien oder Brasilien. Auch werden die Zentralbanken nicht bald die Zinsen erhöhen, wegen des geringen Inflationsdrucks. Das begünstigt lokale Investitionen und die öffentliche Finanzierung. Auch Chinas schnelle Erholung sorgt für einem Exportschub für Rohstoffe aus Agrarindustrie, Energie und Bergbau.

So haben sich die Aussichten für die Wirtschaft leicht gebessert. 8,2 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen, erwartet JP Morgan. Für 2021 rechnet die Bank mit einem Wachstum von 4,2 Prozent. Die Rezession wird am stärksten Peru (-13,5 Prozent), Argentinien (-12,5 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-5,6 Prozent), Kolumbien (-7,7 Prozent) und vor allem Brasilien (-5,2 Prozent) werden die Verluste geringer ausfallen.

Dazu kommen jedoch neue Probleme: Die Haushaltsdefizite haben wegen der höheren (Sozial)ausgaben und geringeren (Steuer)einnahmen rasant zugelegt. Die Staaten müssen nun Mittel und Wege finden, in der stagnierenden Wirtschaft zu sparen oder die Einnahmen erhöhen. Sonst drohen die Rating-Agenturen mit einer Erhöhung des Risikoeinschätzungen für die Staaten, was deren Finanzierung erschweren wird. Zumal auch die ausländischen Direktinvestitionen schrumpfen werden.

Fazit: 2021 dürfte zum Schlüsseljahr für Lateinamerika werden. Danach dürfte klarer sein, ob der Region erneut eine verlorene Dekade droht, wie die vergangene.

COVID-19 in Lateinamerika

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Steht Brasilien vor einer schnellen Erholung?

In Lateinamerika gehen die Corona-Neuinfektionen langsam zurück – jedoch von einem hohen Niveau aus und nicht überall. Die Wachstumsprognosen bleiben durchwachsen. Nur Brasilien überrascht positiv.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im September sind die Ansteckungsraten in Lateinamerika erstmals am Sinken. Ausnahme sind Argentinien und Venezuela. In Chile und Mexiko stabilisieren sich die Zahlen der Neuinfektionen. In den anderen größeren Ökonomien nehmen die Infektionsmeldungen ab. Doch von Entwarnung kann noch keine Rede sein. In vielen Ländern findet immer noch ein reduziertes öffentliches Leben statt, mit weiterhin geschlossenen Schulen. Trotzdem steigen immer wieder die Infektionen in einzelnen Regionen und Ländern sprunghaft an.

Derzeit ist Lateinamerika für über die Hälfte der weltweit offiziell registrierten Corona-Opfer verantwortlich. Brasilien steht international auf Platz 2 der meisten Corona-Toten. Unter den zehn Staaten der Welt mit den höchsten Todesfällen pro Tag und pro Million Einwohner befinden sich aktuell acht aus Lateinamerika. Das gilt für Länder wie Argentinien oder Peru, die strenge Isolationspolitiken betrieben und ebenso für Staaten wie Mexiko, die das nicht machten.

Die Folgen für die Wirtschaft sind noch nicht klar. Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile oder Brasilien. Auch Chinas schnelle Erholung hat zu einem Exportschub für Rohstoffe aus Agribusiness, Energie und Bergbau gesorgt.

So haben sich die Aussichten für die Wirtschaft leicht gebessert nach ersten pessimistischen Prognosen noch zur Jahresmitte. 8,5 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen, erwartet die Investmentbank Morgan Stanley. Für 2021 rechnet die Bank mit einem Wachstum von 4,7 Prozent. Das regionale Bruttoinlandsprodukt wird nicht vor Ende 2022 wieder an das Vor-Pandemie-Niveau heranreichen. Die Rezession wird am stärksten Peru (-15,8 Prozent), Argentinien (-12,7 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-6,8 Prozent) und Kolumbien (-8,2 Prozent) werden die Verluste geringer ausfallen.

Überraschend schwach dürfte die Rezession in Brasilien (-5,1 Prozent) verlaufen, also etwa so hoch wie in Deutschland. Das ist ein positives Zeichen für Südamerika, das von Brasilien als Wachstumstreiber abhängig ist. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat gerade festgestellt, dass in Brasilien im August unter den größten Ökonomien weltweit die Zeichen am stärksten auf Expansion stehen – nach China.

Wie nachhaltig dieser Stimmungsumschwung sein wird, bleibt offen: Mit seinen massiven Ausgleichzahlungen von 11,8 Prozent des BIP steht Brasilien unter 168 Nationen auf Platz 24 der Staaten weltweit, die ihre Ökonomien am stärksten mit staatlichen Maßnahmen stimulieren. Kurz nach den USA, aber weit vor Frankreich, Spanien oder etwa Italien. Doch die staatlichen Corona-Hilfen werden spätestens zum Jahresende auslaufen. Die Frage ist nun, ob die Unternehmen bis dahin zu investieren beginnen.

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Werden die lateinamerikanischen Länder abgehängt?

Lateinamerika droht, bei der Neuordnung der globalen Wertschöpfungsketten übergangen zu werden – und sich gleichzeitig weiter von Europa zu entfernen

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In den letzten Monaten ist deutlich geworden, dass die weltweiten Lieferketten neu aufgestellt werden. Das hängt mit der Pandemie zusammen, wonach Unternehmen wie Staaten künftig autonomer werden und sich nicht mehr dem Versorgungsrisiko aussetzen wollen, wenn ein Glied in der Lieferkette ausfällt. Zudem führt der verschärfte Konflikt zwischen den USA und China dazu, dass sich weltweit parallele Liefer- und Technologieketten bilden, um die Abhängigkeit der USA von China als dem industriellen Zulieferer der Welt zu verringern.

Die erste Frage ist, inwieweit Lateinamerika von diesen Veränderungen profitieren kann. Um die Antwort vorweg zu nehmen: Vermutlich wenig.

Die Economist Intelligence Unit hat dazu gerade eine kurze Studie („Will Latin America take advantage of supply chain shifts?“) veröffentlicht. Das Fazit: Lateinamerika wird vermutlich von den Investoren beim „nearshoring“ eher links liegen gelassen. Dazu ist die Infrastruktur in der Region zu rückständig, die Unternehmen zu wenig auf hochwertige Produktion („Industrie 4.0“) vorbereitet, die Arbeitskräfte ungenügend ausgebildet und die Rahmenbedingungen für ausländische wie nationale Unternehmen wenig förderlich für neue Ansiedelungen.

Unterm Strich stellt EIU fest, seien Chile, Costa Rica, Kolumbien, Mexiko und Brasilien noch am besten darauf vorbereitet, von den Trends der globalen Arbeitsteilung zu profitieren. Die einzige klar positive Ausnahme ist Mexiko und möglicherweise Teile Zentralamerikas, die von der Einbindung in die US-Lieferketten profitieren können, indem sie einen Teil der asiatischen Importe in die USA ersetzen.

Was heißt das für die europäischen Unternehmen und ihre Interessen in Lateinamerika?

Auch da sieht es nicht besser aus: Denn einerseits haben sich die Aussichten für den Handel und Direktinvestitionen europäischer Unternehmen mit der Pandemie und der schweren Wirtschaftskrise in der Region eher verschlechtert: Das Pro-Kopf-Einkommen ist gesunken, die Währungen geschwächt, der Staat dürfte als Investor in der Infrastruktur wegen der hohen Ausgaben während der Pandemie für Jahre ausfallen.

Dazu kommen die verschlechterten Rahmenbedingungen für die Integration auch auf politischer Ebene. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte jetzt, dass sie zweifele, ob das EU-Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur noch umgesetzt werden könne. Grund sei die Umwelt- und Amazonaspolitik Brasiliens.

Deutschland galt bis vor wenigen Tagen als einer der wichtigsten Unterstützer für das Abkommen in der EU. Merkel hat zwar nicht die Reißleine gezogen, aber den Druck erhöht. Möglicherweise, um das Abkommen noch zu retten.

Erstaunlich ist die fehlende Resonanz in Südamerika. Keine Regierung der Mercosur-Mitgliedsländer äußerte sich zur Kritik der Kanzlerin. Auch in Europa fielen die Reaktionen der Unterstützer des Abkommens eher protokollarisch aus. Der Schluss kann eigentlich nur einer sein: Auch in Südamerika ist derzeit niemand mehr wirklich von dem Abkommen überzeugt.

Das gilt für das Thema Integration allgemein: Auch innerhalb der Pazifikallianz (Chile, Peru, Kolumbien, Mexiko und bald Ecuador) ist nun nach knapp einer Dekade die anfängliche Euphorie einer Ernüchterung gewichen. Derzeit arbeitet keine Regierung innerhalb der Allianz für mehr Integration untereinander.

Es sieht also alles danach aus, als hätten sich nicht nur Europa und Lateinamerika in den letzten Wochen voneinander entfernt. Auch innerhalb des Kontinents werden sich die Staaten wieder fremder.

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„Nach vorne schauen – und weitermachen“

In Lateinamerika verharren die Infektionsraten auf hohem Niveau, auch die Zahl der Opfer sinkt nicht. Eine Entwarnung für die Coronakrise ist nicht in Sicht. Doch immer mehr Staaten kehren trotzdem zur Normalität zurück. Die Finanzinvestoren scheinen auf eine wirtschaftliche Erholung zu setzen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Nach vorne schauen – und weitermachen“ – das empfahl Präsident Jair Bolsonaro vor einer Woche seinen Landsleuten, als offiziell 100.000 Brasilianer an Corona gestorben waren. Inzwischen rechnen Experten, dass die 150.000-Toten-Grenze Ende September erreicht wird. Doch trotz der Tragödie, die auch Folge des Missmanagements der Regierung ist, versuchen viele Brasilianer nun genau das zu machen, was der Präsident ihnen empfohlen hat: In die Normalität zurückzukehren.

Dieser Prozess findet in den meisten Staaten in der Region statt. Nach einer Untersuchung von Oxford Economics haben die Aktivitäten in Mexiko und Brasilien sich am weitesten erholt seit Ausbruch der Pandemie. In Brasilien bewegen sich die ökonomischen Aktivitäten nur noch 13 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, in Mexiko sind es 17 Prozent. Auch Peru hat sich deutlich erholt mit nur noch 23 Prozent Rückstand zum März. In Chile, Argentinien und Kolumbien, in denen die Regierungen auch jetzt immer wieder neu soziale Isolationsmaßnahmen verhängen, liegen die Aktivitäten noch immer rund ein Drittel unter dem Vor-Krisen-Niveau, so Oxford Economics.

In Brasilien deuten mehrere Mikroindikatoren auf eine stattfindende Normalisierung hin. So hat der Stromverbrauch im August wieder Vorjahresniveau erreicht. Die Kapazitäten der Industrie sind im Vergleich zu vor der Krise zu 80 Prozent ausgelastet. Die Lagerbestände der Unternehmen werden schneller abgebaut, als bisher erwartet. In fast allen Branchen ist die Zuversicht gegenüber Juni deutlich gewachsen. Die Ausnahme ist der Dienstleistungsbereich, der noch unter Schließungen leidet.

An den brasilianischen Finanzmärkten herrscht gute Stimmung: Dieses Jahr werden an der Börse so viele Aktienlaunchs (IPO) erwartet, wie zuletzt im Rekordjahr 2007. Die Übernahmen und Fusionen in den Branchen Gesundheit, Bildung, Infrastruktur haben kräftig zugenommen. Die niedrigen Zinsen machen den Aktienmarkt sowohl für Privatanleger als auch für Unternehmen zur Kapitalaufnahme attraktiv.

Positiv für die Leistungsbilanzen in ganz Lateinamerika ist, dass die Rücküberweisungen der Lateinamerikaner in den USA und Europa weit weniger eingebrochen sind, als bisher befürchtet. Nur rund 7 Prozent könnten die Überweisungen dieses Jahr abnehmen, erwarten die Experten beim Inter-American Dialogue. Die Weltbank hatte noch im April einen Rückgang für 2020 von 20 Prozent prognostiziert.

Für die Risikoeinschätzungen für ganz Lateinamerika werden sich auch neueste Entwicklungen bei den Umschuldungen positiv auswirken: Argentinien wie Ecuador sind auf dem Weg, sich mit ihren Gläubigern zu einigen.

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Keine Entwarnung in Sicht für Lateinamerika

Lateinamerika erlebt auch nach fünf Monaten mit der Pandemie noch keine sinkenden Infektionsraten. Dennoch können die Regierungen immer weniger soziale Distanzierungsmaßnahmen durchsetzen. Die Folge: Kurzfristig verbessern sich die Wachstumsraten, aber wegen der notwendigen neuen Schließungen wird die Erholung langsamer ausfallen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Lateinamerika lebt nun seit fünf Monaten mit der Pandemie durch Covid 19. Doch anders als China oder große Teile Europas, nehmen die Ansteckungsraten insgesamt noch nicht ab. Im Gegenteil, die Infizierungen steigen oder explodieren gar immer wieder neu in einzelnen Regionen und Ländern. Von Entwarnung kann also keine Rede sein. Das gilt selbst für Uruguay nicht, welches mit einem vorbildhaften Krisenmanagement die niedrigsten Infizierungen und Todesrate aufweist, obwohl die Nachbarländer Argentinien und Brasilien schwer von der Pandemie betroffen sind.

Den Regierungen fällt es nach nun rund zwei Monaten Quarantänemaßnahmen schwer, ihre Bevölkerungen weiter zur Isolation anzuhalten. Das führt zu ganzen oder teilweisen Öffnungen im Handel und bei den Dienstleistungen, die dann wieder zurückgenommen werden müssen, weil die Zahl der Infizierten hochschnellt, wie etwa in Argentinien, Chile, Kolumbien oder Brasilien.

Diese vorschnellen Öffnungen haben den paradoxen Effekt, dass die Wachstumszahlen für das zweite Quartal zum Teil besser ausgefallen sind, als erwartet. Das gilt vor allem für Brasilien, Mexiko und auch Chile, welche keine oder nicht konsequente Distanzierungsprogramme aufgelegt haben. Die Staaten mit den härtesten lockouts wie Peru und Argentinien dagegen verzeichnen die stärksten Rezessionen. Dennoch sollten diese Zahlen nicht zu einem verfrühten Optimismus verleiten: Kommt es zu neuen Schließungen, dann wird die wirtschaftliche Erholung länger brauchen.

Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile oder Brasilien. Auch Chinas sowie möglicherweise Europas schnellere Erholung könnte über ein weiteres Exportwachstum an Rohstoffen aus Agro und Bergbau für einen Wachstumsschub in Südamerika sorgen. Das gilt auch für Mexiko, welches von einer – derzeit aber noch nicht erkennbaren – Erholung der US-Wirtschaft profitieren könnte. Auch an den Finanzmärkten hat sich die Stimmung gebessert: Staaten und Unternehmen aus Lateinamerika hatten in den letzten Wochen erstmals wieder Zugang zu internationalem Kredit.

Die stärksten Rezessionen werden Mexiko (-10,5%), Peru (-13,5%) und Argentinien (-13,4%) dieses Jahr erleben, erwartet JP Morgan. Brasiliens Wachstumsaussichten hat die Investmentbank gerade auf -6,2% verbessert. Lateinamerikas Wirtschaftskraft wird dieses Jahr um 8,6% schrumpfen. Wegen der wahrscheinlich immer wieder notwendigen Quarantäne-Maßnahmen wird die Region sich trotz des schwersten Einbruchs seit 100 Jahren auch 2021 nur schwach erholen (4,1% Wachstum).

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Brasilien isoliert sich – und droht, Südamerika mit sich zu ziehen

Der Verlust an Soft Power wird Brasilien und damit ganz Südamerika teuer zu stehen bekommen. Es wird Jahrzehnte dauern, diesen Vertrauensverlust wieder wettzumachen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Soft Power war lange Zeit ein Begriff, mit dem nur Politologen etwas anfangen konnten. Der US-Publizist Joseph Nye hat den Begriff geprägt. Gemeint ist, wenn ein Land Einfluss ausübt in der Welt, ohne wirtschaftliche oder militärische Macht einzusetzen. Brasilien hat lange Zeit seine Soft Power bewusst genutzt: Seine demokratischen Regierungen weiteten mit Verhandlungsgeschick und Diplomatie ihren Einfluss aus. Brasilien spielte zeitweise in einer höheren Liga in der Weltpolitik, als dem Land nach Wirtschaftskraft oder Bedrohungspotenzial zugestanden hätte: In der Klimadiskussion, im Freihandel, bei der Durchsetzung von Menschenrechten, bei der Armutsbekämpfung, in der globalen Gesundheitspolitik, selbst in der Weltfinanzkrise 2008 saß Brasilien bei den Verhandlungen mit am Tisch der Großmächte. Weil Brasilien mit allen redete und mit allen zurechtkam, hatte es Einfluss. Diese Soft Power ergänzte perfekt seine zunehmend wichtigere Rolle als Lieferant von Rohstoffen, Agrarprodukten und Energie in der Weltwirtschaft. Brasilien war zudem eine weltweit bewunderte Kultur- und Sportnation, ein begehrtes Reise- und Lebensziel für viele Menschen weltweit.

Doch das ist vorbei. Noch nie war Brasiliens Ruf in der Welt so schlecht wie derzeit. Das begann mit den großen Korruptionsskandalen, die von Brasilien aus ganz Lateinamerika überzogen und im Nachhinein die Linksregierungen unter Lula und Dilma Rousseff in ein schlechtes Licht rückten. Die Wahl des Rechtspopulisten Bolsonaro zum Präsidenten hat den Abstieg noch beschleunigt: Dessen permanenten Attacken gegen die Demokratie, sein chaotisches Regieren, die anhaltende Wirtschaftskrise und jetzt vor allem das schlechte Management der Coronakrise, die das Land zur Nummer 2 weltweit nach Infizierungen und Toten gemacht hat – alles das hat dazu geführt, dass Brasilien zum weltweiten Paria geworden ist. Ohne Verbündete, ohne Sympathien. Es wird Jahrzehnte dauern, dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Wie hoch die Kosten für diesen Verlust an Soft Power sein werden, das lässt sich erahnen. Vor wenigen Tagen sandten 29 Banken und globale Fonds einen offenen Brief an die brasilianische Regierung. Zusammen verwalten sie Aktiva in Höhe von 3,75 Billionen US-Dollar. Sie äußerten ihre Besorgnis über die Zunahme der Amazonasrodungen und den Abbau der Umwelt- und Menschenrechtspolitik. Die Finanzakteure reagieren damit auf den Druck, den sie von ihren Anteilseignern bekommen. Für die ist umweltgerechte Agrarpolitik, der Schutz des Regenwaldes, von Minderheiten und Indigenen oder Gender-Politik die Basis für Investitionen in Brasilien – sonst ziehen sie ihr Kapital eben ab.

Der Schaden wird nicht sich nicht nur auf Brasilien beschränken. Weil das Land die Hälfte der Bevölkerung, Fläche und Wirtschaftskraft Südamerikas vereint, werden auch die anderen Staaten auf dem Kontinent unter dem Verlust der brasilianischen Soft Power leiden.

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Lateinamerika: “Out of the frying pan into the fire”?

Lateinamerika beginnt mit den Lockerungen der sozialen Isolation trotz weiter ansteigender Infektionszahlen. Für die Wirtschaft bedeutet das: Der Kontinent wird länger und stärker in der Rezession verharren als der Rest der Weltwirtschaft. Es gibt aber auch Lichtblicke.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Investmentbank JP Morgan hat gerade ihren Lateinamerika-Ausblick für dieses Jahr veröffentlicht mit dem Titel, der für sich selbst spricht: „Out of the frying pan into the fire“, übersetzt etwa: „Aus der Pfanne direkt ins Feuer.“ Derzeit sieht es danach aus, als ob die wirtschaftliche Krise in Lateinamerika stärker ausfallen wird als im Rest der Welt – und die Region dazu noch länger brauchen wird, um sich von dem Einbruch zu erholen. Denn Lateinamerika versuchte nach dem Ende des Rohstoffzyklus die letzten fünf Jahre mehr oder weniger erfolglos wieder auf Wachstumskurs zu kommen – da kam die Corona-Krise dazu. „Die Auswirkungen von COVID-19 sind nicht nur eine weitere Bodenwelle für die lateinamerikanischen Ökonomien“, schreibt JP Morgan. „Es ist eher so, als sei das Fahrzeug von einem Felsvorsprung gestürzt.“

8,4 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen. Für 2021 rechnet die Investmentbank mit einer eher statistisch als realwirtschaftlich bedingten Erholung und einem Wachstum in Höhe von 4,5 Prozent. Dennoch wird das regionale Bruttosozialprodukt nicht vor 2022 wieder an das Vor-Pandemie-Niveau heranreichen. Die Rezession wird am stärksten Peru (-12,7 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-5,2 Prozent) und Kolumbien (-6,5 Prozent) werden die Verluste am geringsten ausfallen.

Der Grund für die düsteren Aussichten sind in allen Staaten ähnlich: Die Länder beginnen die sozialen Isolationsvorschriften zu lockern, obwohl die Infektionszahlen noch weiter ansteigen. Zwar sind die Infektionszahlen im Vergleich zu vielen Staaten in Europa deutlich geringer – was jedoch zum Teil mit den fehlenden Tests zusammenhängt. Weiterhin besteht die Gefahr, dass die Regierungen die Kontrolle über die Ausbreitung der Krankheit verlieren. Zudem ist der Spielraum für staatliche Ausgabenprogramme beschränkt. Bereits 2021 müssen die Staaten wieder sparen, um ihre Staatsbudgets nicht überzustrapazieren.

Ein möglicherweise positiver Schock für Lateinamerika könnte eine schnelle Erholung in China bedeuten, mit wachsender Nachfrage und steigenden Preisen nach Rohstoffen aus der Region.

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Mexiko: Wie die Regierung im Schatten der Corona-Krise die Wirtschaft umbaut

Mexiko droht infolge der Coronakrise die stärkste Rezession in Lateinamerika. Doch die Regierung überlässt die Unternehmen und Mitarbeiter ihrem Schicksal. Das wird dem wichtigen Standort der deutschen Industrie in der Region schaden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Verkehrte Welt in Mexiko: Ausgerechnet der linkspopulistische Präsident López Obrador setzt in der Corona-Krise auf eine beinharte Austeritätspolitik statt auf staatliche Hilfsprogramme. Gerade mal 1,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung gibt seine Regierung aus, um die Folgen abzumildern. Damit bildet Mexiko das Schlusslicht in Lateinamerika. Dabei dürfte die Wirtschaft mit einem Minus von fast neun Prozent in keinem anderen Land der Region so stark schrumpfen.

Für Unternehmen oder Arbeitnehmer sind gar keine Hilfsmaßnahmen vorgesehen: Es gibt weder Kurzarbeitergeld noch Steuerstundungen oder Hilfskredite. López Obrador macht kein Hehl daraus, dass er die Krise als willkommenen Anlass sieht, um die private Wirtschaft zurechtzustutzen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Wirtschaft und Regierung sei zutiefst gestört, heißt es in der Industrie und den Verbänden.

López Obrador nutzt die Corona-Krise, um die Wirtschaft im Eiltempo umzubauen: Staatskonzerne, allen voran Pemex, sollen die Wirtschaft wieder dominieren. Jobs will er schaffen bei staatlichen Infrastrukturprojekten, wie der Eisenbahnlinie Tren Maya, dem Bau der Dos-Bocas-Raffinerie sowie des neuen Flughafens Santa Lucia in Mexiko-Stadt. Die Energiewende wurde kurzerhand abgeschafft. Statt auf erneuerbare Energien setzt die Regierung nun auf Schweröl-Kraftwerke. Dass Pemex von den Rating-Agenturen schon bald auf Junk-Niveau herabgestuft wird – das kümmert die Regierung nicht. Das wird jedoch den Investitionsfluss nach Mexiko empfindlich stören.

Für die deutsche Industrie ist das ein heftiger Schlag: Mexiko ist nach den USA und China der drittwichtigste Markt für Maschinen und Anlagen außerhalb Europas. Die deutschen Autobauer Audi, BMW und Mercedes haben dort erst kürzlich neue Werke errichtet. Mexiko ist der viertgrößte Kfz-Exporteur weltweit.

Doch der Präsident wird seinen wirtschaftsfeindlichen Kurs nicht stoppen. Er hat die Mehrheit im Kongress. Und vor allem: 60 Prozent der Bevölkerung stehen weiterhin hinter ihm.

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