2026: Ein Schlüsseljahr für Wirtschaft und Politik in Lateinamerika

Die wirtschaftlichen Prognosen für das kommende Jahr fallen stabil und leicht positiv aus. Auf politischer Ebene steht der Kontinent wegen mehrerer Wahlen vor einem Richtungswechsel. Zudem dürfte die Geopolitik einen noch stärkeren Einfluss ausüben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die wirtschaftlichen Aussichten für Lateinamerika sind stabil, wenn auch auf niedrigem Niveau. Nach einem schwachen zweiten Halbjahr 2025 sollte das Wachstum in der ersten Hälfte 2026 wieder anziehen, allerdings weiterhin unter dem Potenzial. Die gesamte Region dürfte im nächsten Jahr um 1,7 % wachsen (2025: 2,2 %). Aber kein Land wird in die Rezession rutschen, so die Erwartungen.

Ein positiver Ausreißer ist Argentinien. Die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas schneidet bei den Vorhersagen für 2026 am besten ab. Die Investmentbank JP Morgan rechnet mit 3,4 % Wachstum. Die Ökonomen begründen dies mit der erwarteten Erholung nach dem klaren Wahlsieg von Präsident Javier Mileis Partei bei den Zwischenwahlen.

Auch die Prognosen für Kolumbien (2,8 %), Chile (2,3 %) und Peru (3,1 %) sehen besser aus als der Durchschnitt. Kolumbiens Wirtschaft profitiert weiterhin vom politisch stimulierten Konsum. In dem Bergbauland Peru sorgen die hohen Preise für Erze und Rohstoffe für zusätzlichen Schub. Chile könnte 2026 von stabilen Investitionen unter einer wahrscheinlichen Mitte-Rechts-Regierung profitieren.

Für Brasilien und Mexiko, die in Lateinamerika die Plätze eins und zwei der größten Ökonomien belegen, fallen die erwarteten Wachstumszahlen schwächer aus. Brasilien wächst trotz expansiver Fiskalpolitik deutlich unter seinem Potenzial. Die mexikanische Wirtschaft stagniert dieses Jahr. Aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten über die USMCA-Freihandelszone wird das Wachstum vermutlich auch weiterhin begrenzt bleiben.

Politisch wird 2026 für die Region ein Schlüsseljahr

In fast allen großen Volkswirtschaften stehen Wahlen an. Ausnahmen sind Mexiko und Argentinien. Im März wird die neue Regierung in Chile antreten. In Peru wird im April und Mai gewählt, in Kolumbien gehen die Wähler Ende Juni zum ersten Mal an die Urnen, in Brasilien Anfang Oktober. Die Wahlergebnisse gelten als richtungsweisend für den wirtschaftspolitischen Kurs der Region.

Dabei ist nicht sicher, ob der zuletzt stattgefundene Rechts-Mitte-Trend anhalten wird, wie er in Argentinien, Ecuador und Bolivien zu beobachten war. In Brasilien und Kolumbien liegen derzeit linke Kandidaten vorn.

Grundsätzlich besteht die Tendenz, dass Amtsinhaber oder ihnen nahestehende Kandidaten abgewählt werden. Die Menschen sind unzufrieden mit den aktuell an der Macht befindlichen Politikern. Das prägt Wahlkämpfe durch stärkere Polarisierung. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit politischer Wechsel oder des Aufstiegs politischer Außenseiter.

Einen starken Einfluss hat die neue US-Strategie unter US-Präsident Donald Trump. In dessen zweiter Amtszeit verfolgen die USA einen deutlich aktiveren Kurs gegenüber Lateinamerika. Dabei ist schwer vorhersehbar, wie sich dieser Kurs mittelfristig auswirken wird. So wird etwa Argentiniens Präsident Milei vom Weißen Haus aktiv unterstützt. Zu Brasilien und Kolumbien haben sich unter Trump die Beziehungen hingegen zeitweise stark verschlechtert. Mit Venezuela steht Trump wortwörtlich auf Kriegsfuß.

Ebenfalls schwer einzuschätzen ist die Reaktion Chinas auf die nordamerikanische Offensive in Lateinamerika. Bisher hat sich China mit Kritik an Trumps Kurs in der Region öffentlich zurückgehalten. Inzwischen gewinnt Trump jedoch in mehreren lateinamerikanischen Ländern an Zustimmung – vor allem im wachsenden politischen Spektrum rechts der Mitte.

Die sechs wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas im Detail

Brasilien

In Brasilien dominieren die im Oktober 2026 stattfindenden allgemeinen Wahlen bereits den politischen Alltag. Sie erzeugen erhebliche politische und wirtschaftliche Unsicherheit, da völlig unklar ist, wer das Land ab Anfang 2027 regieren wird.

Die Regierung wird versuchen, ihre Ausgaben zu steigern, um den Wahlsieg des voraussichtlich erneut kandidierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu ermöglichen. Dieser fiskalische Impuls wird jedoch durch hohe Zinsen ausgebremst. Positiv ist, dass die Inflation weiter sinkt. Der Druck für strukturelle Reformen nimmt zu, doch das wird im Wahlkampf kein Thema sein.

Mexiko

Die Wirtschaft wird durch die bis Juli 2026 vorgesehene Revision des USMCA-Abkommens belastet. Die Regierung und die Notenbank verfolgen eine restriktive Finanz- und Geldpolitik. Dadurch wird verhindert, dass die Rating-Agenturen das Risiko des Landes erhöhen.

Positive Impulse kommen von der US-Nachfrage nach High-Tech-Gütern sowie von einem relativ robusten Konsum. Auch dieses Jahr fließen erneut ausländische Investitionen in rekordmäßiger Höhe nach Mexiko. Trotz der Unsicherheit, wie Trump gegenüber Mexiko verhandeln wird, bauen US-Unternehmen ihre Standorte im Land weiter aus.

Argentinien

Nach Mileis klarem Sieg bei den Zwischenwahlen sind wichtige Steuer- und Arbeitsmarktreformen politisch wahrscheinlicher geworden. Zumal die USA die Regierung auch weiterhin unterstützen wollen. Die Regierung kontrolliert weiterhin strikt die staatlichen Ausgaben. JP Morgan rechnet bis Ende nächsten Jahres mit einer Jahresinflation von 17 Prozent.

Für die Kontinuität des Kurses der Regierung wird entscheidend sein, ob die Kaufkraft der Bevölkerung über die Inflationsgewinne hinaus weiter zunimmt. Argentinien braucht dringend Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft, um die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Chile

Die Präsidentschaftswahl (José Antonio Kast versus Jeannette Jara) entscheidet über den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs des Landes in einem Umfeld von geringem Wachstum. Für 2026 wird ein Wachstum von 2,3 % erwartet, was für Chile viel zu wenig ist. Daneben dominiert das Thema der fehlenden Sicherheit die öffentliche Debatte. Die Wirtschaft rechnet unter der nächsten Regierung mit einem unternehmerfreundlichen Umfeld.

Kolumbien

Die Wahlen 2026 – der Kongress wird im März, die Präsidentschaft im Mai/Juni gewählt – finden in einem Klima von Unsicherheit, Gewalt und angespannten Beziehungen zu den USA statt. Die Regierung hat die Staatsausgaben kontinuierlich erhöht, sodass der kolumbianische Staat neben Brasilien nun das höchste Haushaltsdefizit in Lateinamerika hat. Private Investoren halten sich zurück. Die Sicherheitslage im Land hat sich verschlechtert.

Peru

Trotz der chronischen Regierungsinstabilität – sieben Präsidenten in acht Jahren – bleibt die Makroökonomie robust: Das Wachstum beträgt 3 %, die Inflation ist niedrig und die Preise für Kupfer, Gold und Silber sind hoch. Die Wahlen im Jahr 2026 bieten theoretisch eine Chance zur politischen Stabilisierung. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Das Parteiensystem bleibt zersplittert, ohne dass sich ein klarer Favorit abzeichnet.

Rio de Janeiro
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Trump bescherte Lateinamerika eine Kehrtwende in der Außenpolitik der USA

Die USA versuchen, ihren Einfluss in der Region wieder zu verstärken, um Chinas massives Engagement zurückzudrängen. Welche Auswirkungen das auf europäische Unternehmen haben wird, ist offen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor einem Jahr wurde Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt. Seitdem ist Lateinamerika nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder auf der politischen Agenda Washingtons. Trump agiert gegenüber Lateinamerika bisweilen unerwartet aggressiv, dann wieder unterstützend. So hat er etwa in wenigen Monaten mehrfach seine Haltung gegenüber einzelnen Regierungen, wie etwa Venezuela oder Brasilien, gewechselt.

Washingtons Aktionen fallen für jeden Staat Lateinamerikas anders aus. Für einige Regierungen, wie etwa die in Venezuela oder Kolumbien, ist der zunehmend feindliche US-Kurs existenziell bedrohlich. Andere Präsidenten wie Javier Milei in Argentinien unterstützt die US-Regierung dagegen massiv finanziell und politisch. Brasilien und Mexiko reagieren bisher geschickt auf Trumps Provokationen. Regierungen wie die in Ecuador versuchen jedoch auch, die Unterstützung der USA zu gewinnen und sie innenpolitisch zu nutzen.

Die US-Regierung betrachtet Lateinamerika aus der Perspektive der Monroe-Doktrin als Einflusssphäre der USA. Mit der Monroe-Doktrin erklärten die USA vor rund 200 Jahren, dass sie Lateinamerika kontrollieren würden und dort keine ausländischen Mächte duldeten. Mit dieser Doktrin rechtfertigten sie zuletzt im Kalten Krieg politische und militärische Eingriffe in die Staaten Lateinamerikas.

Ähnlich geht Trump jetzt wieder vor: Er lässt Marineeinheiten in der Karibik vor Venezuela kreuzen und vermeintliche Drogenboote abschießen. Er sorgt dafür, dass chinesische Anbieter ihre Positionen in Panamas Häfen aufgeben müssen. Über einen Sonderfonds des Finanzministeriums lässt er argentinische Peso aufkaufen, um den Wechselkurs zu stabilisieren.

Dies stellt einen abrupten Kurswechsel gegenüber der weitgehenden Vernachlässigung Lateinamerikas durch die US-Regierungen der letzten Jahrzehnte dar. Vor allem seit dem Scheitern der Verhandlungen zu einer Amerikanischen Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas – FTAA) im Jahr 2005 aufgrund des Widerstands der damals überwiegend links regierten Staaten Südamerikas hielten sich die USA vor allem politisch weitgehend aus der Region heraus.

China nutzte die Abwesenheit der USA, um in Lateinamerika Fuß zu fassen. Es ist inzwischen der wichtigste Handelspartner und Investor in der Region und hat einen wachsenden politischen Einfluss.

Trumps neuer Kurs gegenüber Lateinamerika lässt sich zu einem großen Teil mit dem Versuch erklären, Chinas Einfluss in der Region wieder einzudämmen. So forderte der US-Finanzminister Argentinien im Gegenzug für Stützungsmaßnahmen auf, die chinesische Kredithilfe zu kappen.

Dennoch hat Trumps Zollpolitik bisher keine größeren Auswirkungen auf das Wachstum in Lateinamerika: Die sechs wichtigsten Ökonomien der Region wachsen dieses Jahr und laut Prognosen für 2026 um 2 bis 3 Prozent.

Eine Ausnahme ist Mexiko, wo das Wachstum dieses Jahr auf 0,5 Prozent geschrumpft ist. Brasilien, das von den weltweit höchsten Zöllen der USA belegt wurde, konnte einen großen Teil seiner in die USA exportierten Produkte in andere Weltregionen umlenken. Das gilt vor allem für Kaffee und Rindfleisch.

Dennoch profitieren die beiden wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas von einem unerwarteten Investitionsschub ausländischer Unternehmen. Brasilien und Mexiko stehen auf der OECD-Liste der Staaten, die im ersten Halbjahr 2025 weltweit die meisten Auslandsinvestitionen erhalten haben, auf Platz 2 und 5 – vor China oder Indien.

Es sieht so aus, als ob Konzerne mit mehreren Standorten in Lateinamerika ihre Wertschöpfungsketten nun von Mexiko bis Brasilien neu gestalten wollen. Zudem hat der Handel zwischen Lateinamerika und Mexiko zugenommen.

Wie sich die neue US-Offensive in Lateinamerika auf die europäischen Interessen auswirken wird, ist jedoch völlig offen. Zwar scheinen die Aussichten für den Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens bis zum Jahresende gut zu sein. Doch unklar ist, wie stark die USA den Druck oder die Angebote an die südamerikanischen Mitgliedsstaaten erhöhen werden, um ein solches Freihandelsabkommen zu verhindern.

Das neue Interesse der USA bedeutet zudem eine veränderte Konkurrenzsituation: Bisher spüren europäische Unternehmen neben den US-Konzernen vor allem die chinesische Konkurrenz auf den lateinamerikanischen Märkten.

Wenn die US-amerikanischen Unternehmen jetzt mit Rückendeckung ihrer Regierung in Lateinamerika wieder verstärkt auftreten, werden sie automatisch auch zu stärkeren Konkurrenten. Wenn Washington strategisch Branchen unterstützt (Energie, Rohstoffe), dann wird es zu harten Auseinandersetzungen mit Chinas Unternehmen kommen. Europäische Konzerne werden dann von zwei Seiten unter Druck stehen.

Die US-Präsenz sollte man nicht unterschätzen. Die USA sind trotz ihrer zwei Jahrzehnte langen politischen Abwesenheit weiterhin ein bedeutender Investor und Handelspartner der Region. Beim Bestand ausländischer Direktinvestitionen liegen US-Konzerne mit europäischen Unternehmen in Lateinamerika etwa gleichauf.

Beim Handel ist das Volumen mit den USA jedoch deutlich größer, was vor allem am Austausch mit Mexiko liegt. Der Gesamthandel der USA mit Lateinamerika betrug im Jahr 2024 rund 365 Milliarden US-Dollar. Das Handelsvolumen zwischen Europa und Lateinamerika war mit rund 180 Milliarden Euro dagegen nur circa halb so groß.

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EU und Lateinamerika wollen dank Trump beim Freihandel Nägel mit Köpfen machen

Brüssel hat den Ratifizierungsprozess für die Handelsabkommen mit Mercosur und Mexiko eingeleitet. Die Chancen stehen gut, dies noch in diesem Jahr zu schaffen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Am 6. Dezember 2024 wurden die Verhandlungen über das Abkommen zwischen dem Mercosur und der EU abgeschlossen. Die EU-Kommission hat sich nun das ehrgeizige Ziel gesetzt, das Abkommen noch bis Ende des Jahres ratifizieren zu lassen.

Zu diesem Zweck leitete sie die Vertragstexte für die Vereinbarungen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay an die Regierungen der EU-Staaten und das Europäische Parlament weiter.

Um sicherzustellen, dass die nötige Stimmmehrheit zustande kommt, hat die Kommission den Handelsteil vom politischen Rahmen getrennt: Als reines Handelsabkommen kann es mit einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedstaaten beschlossen werden. Dazu ist die Zustimmung von mindestens 15 der 27 Mitgliedstaaten notwendig, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Das komplette Abkommen würde auch die Ratifizierung durch die Parlamente der Mitgliedstaaten benötigen, was jedoch kaum realistisch scheint.

Brüssel erhofft sich, nach einem Vierteljahrhundert Verhandlungen den endgültigen Abschluss des Abkommens zu ermöglichen, das den größten Freihandelsraum der Welt mit mehr als 715 Millionen Menschen schaffen könnte.

Die erratische Zollpolitik der Trump-Regierung hat den Einigungsprozess deutlich beschleunigt. Denn beide Regionen sind von den Zollerhöhungen der USA stark betroffen.

Zuletzt kam die EU auch den Gegnern und Kritikern des Abkommens deutlich entgegen. Zu den Gegnern zählen vor allem Frankreich und Polen, aber auch Italien, Österreich und die Niederlande haben immer wieder erklärt, dass sie gegen ein Abkommen mit dem Mercosur sind.

Vor allem die Bauern in diesen Staaten stemmen sich gegen ein Abkommen mit den Agrarexporteuren aus Südamerika, da sie um ihre geschützten Märkte fürchten. Die Industrie, Banken und Dienstleister in Europa hingegen sind in der ganzen EU weitgehend für das Abkommen.

Doch jetzt hat die EU noch einmal deutlich gemacht, dass sie auch künftig nur geringe Mengen lateinamerikanischer Agrargüterimporte zulassen wird. So dürfen beispielsweise jährlich nur 99.000 Tonnen Rindfleisch zu einem reduzierten Zollsatz von 7,5 Prozent in die EU importiert werden. Das entspricht 1,5 Prozent des europäischen Konsums. Bei Mengen, die darüber hinausgehen, wird weiterhin eine deutlich höhere Importabgabe fällig. Das Gleiche gilt für Geflügel.

Darüber hinaus hat die Kommission versprochen, halbjährlich zu analysieren, ob es bei Agrargütern infolge des Abkommens zu Marktverwerfungen kommt, etwa zu einem Preisrückgang oder einem Importanstieg von über zehn Prozent. Sollte es dazu kommen, gibt es einen Schutzmechanismus, der unter anderem die Wiedereinführung von Quoten vorsieht. Zudem will die EU einen Fonds in Höhe von 6,3 Mrd. Euro schaffen. Er soll Landwirte unterstützen, die infolge von Marktverzerrungen unter Druck geraten.

Ob diese Zugeständnisse ausreichen werden, um die Gegner zu überzeugen, ist noch nicht garantiert. Polen und Frankreich haben jedoch angedeutet, dass sie sich nicht mehr gegen den Vertrag stemmen würden. Italien und Österreich wollen noch prüfen.

Zeitgleich hat die EU auch das Ratifizierungsabkommen für das laufende Abkommen mit Mexiko vorgelegt. Für dieses wurde eine Vertiefung und Modernisierung ausgehandelt.

Die geostrategische Signalwirkung eines regelbasierten Abkommens für eine Freihandelszone zweier Wirtschaftsgemeinschaften ist groß: Brüssel will damit zeigen, dass es wieder in der Lage ist, Handelsabkommen abzuschließen. Mehr als sechs Jahre lang ist dies nicht gelungen.

Auch die Potenziale für den Handel und Investitionen in beiden Regionen sind beträchtlich: Die EU-Kommission schätzt, dass das Abkommen die jährlichen EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent (49 Milliarden Euro) steigern kann und somit mehr als 440.000 Arbeitsplätze in ganz Europa unterstützt. Besonders große Chancen werden für die Autoindustrie, den Maschinenbau, die Chemie- und die Pharmabranche gesehen.

Die lateinamerikanischen Partnerländer erhoffen sich vor allem Direktinvestitionen und Kredite aus Europa, um Teil der industriellen Wertschöpfungsketten zwischen Europa und Lateinamerika zu werden. Für den Standort Mercosur und Mexiko sprechen eine Vielzahl wichtiger Rohstoffe, nachhaltige und konventionelle Energiequellen sowie Humankapital.

Nun ist es wichtig, dass das Abkommen auch in den lateinamerikanischen Parlamenten angenommen wird. In der Region selbst sind die Reaktionen auf die Nachrichten aus Brüssel bisher verhalten ausgefallen.

Doch vor allem Brasilien, das den Mercosur dominiert, hat ein großes Interesse an einem Abschluss: Trump hat Brasilien gerade mit Rekordzöllen von 50 Prozent belegt. Die brasilianische Industrie und Landwirtschaft suchen dringend neue Auslandsmärkte.

European Union
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Lateinamerika ist besorgt über die politische Einflussnahme Trumps

Noch ist unklar, wohin die Zollpolitik der USA gegenüber der Region letztendlich führen wird. Auch die Zukunft der EU-Freihandelsabkommen mit Lateinamerika ist offen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Bis vor kurzem hofften viele Regierungen in Lateinamerika, dass sie weniger unter den US-Zollerhöhungen leiden würden als andere Regionen weltweit.

Einerseits verzeichnen die USA mit den fünf wichtigsten Ökonomien Südamerikas Handelsbilanzüberschüsse. Die Ausnahme ist Mexiko, mit dem die USA ein großes Defizit erwirtschaften. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region ist jedoch durch das Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada verbunden. Das USMCA – das ehemalige NAFTA-Abkommen – wurde in Trumps erster Regierungszeit neu ausgehandelt und 2018 verabschiedet.

Tatsächlich wurden die Zollerhöhungen für Exporte aus Lateinamerika in die USA weniger stark erhöht als befürchtet. So gilt für viele Länder weiterhin der seit dem 1. April gültige Einfuhrzoll von 10 Prozent.

Das betrifft etwa die meisten mittelamerikanischen Staaten, die stark von den USA abhängig sind. Aber auch Rohstoffexporteure wie Peru und Chile profitieren davon, dass Kupferexporte (Erz, Kathoden) in die USA zollbefreit bleiben, was erst nachträglich verkündet wurde.

Völlig offen ist hingegen die Lage in Brasilien und Mexiko. Das ist bedeutsam für den Doppelkontinent: Mexiko liegt mit seiner Wirtschaftskraft dieses Jahr erstmals vor Kanada und ist damit nach den USA und Brasilien die drittgrößte Volkswirtschaft der Amerikas.

Mexiko konnte den für den 1. August 2025 angekündigten Zollsatz von 30 Prozent vorläufig vermeiden. Die USA haben eine Frist bis Ende Oktober zugestanden, um über eine weiterreichende Vereinbarung zu verhandeln. Seit dem 4. März 2025 erhebt die US-Regierung 25 Prozent Zölle auf mexikanische Importe, die nicht unter das USMCA-Abkommen fallen. Das betrifft etwa die Hälfte der mexikanischen Exporte in die USA. Produkte, die den USMCA-Regeln entsprechen (etwa Pkw), sind bislang von den Zöllen ausgenommen.

Mexikos Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum ist es bisher gelungen, gegenüber Trump eine Deeskalationsstrategie zu verfolgen. So schickte sie 10.000 Soldaten zur Grenzüberwachung und verstärkte die Maßnahmen gegen den Fentanyl-Schmuggel an Mexikos Nordgrenze. Es bleibt jedoch weiterhin offen, wie Trump sich im Fall Mexikos entscheiden wird. Das Land ist eng mit den USA verbunden: 80 Prozent seiner Exporte gehen nach Norden. Viele US-Konzerne produzieren in Mexiko. Den Handelspartner Kanada, mit dem ebenfalls das USMCA-Abkommen besteht, bestrafte Trump beispielsweise mit einem Zoll von 35 Prozent – vor allem wegen der geplanten Anerkennung eines palästinensischen Staates.

Auch im Fall von Brasilien hat Trump seine Drohung mit Rekordzöllen an politische Forderungen geknüpft: Das Land soll das Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro wegen dessen möglicher Beteiligung an einem Staatsstreich sofort einstellen. Die brasilianische Regierung weigerte sich, dieser Forderung nachzukommen. Deshalb belegten die USA brasilianische Einfuhren mit dem Rekordsatz von 50 Prozent. Gleichzeitig nahm die Regierung jedoch knapp die Hälfte der brasilianischen Importwaren von der Erhöhung aus. Fast alle der wichtigsten Exportartikel aus Brasilien werden nun nur noch mit zehn Prozent besteuert, darunter Flugzeuge von Embraer, Öl, Orangensaft und Stahlprodukte. Für andere wichtige Exportprodukte wie Kaffee, Rindfleisch, Ethanol oder Zellulose gelten ab sofort 50 Prozent.

Der unmittelbare Schaden für die Region fällt den Prognosen zufolge geringer aus als erwartet. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) rechnet mit einem Wachstum der Ökonomien in der Region um 2,2 Prozent und damit mit einem etwas höheren Wert als noch im April prognostiziert. Der IWF senkte jedoch die Prognose für das Wachstum Lateinamerikas und der Karibik für dieses Jahr von 2,4 auf 2,0 Prozent. Der Fonds warnt vor „Abwärtsrisiken durch Handelsunsicherheit, Zölle, Volatilität in den Lieferketten und Rohstoffpreisen”. Laut Moody’s könnte bei einem drastischen Anstieg der US-Zölle (etwa auf 20 Prozent) eine Rezession in Lateinamerika drohen, von der sich die Region erst ab 2028 erholen würde. Eine Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen Washington und Brasilien, Mexiko oder Kolumbien aus politischen Gründen kann jeden Moment stattfinden.

Schwer einzuschätzen ist, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit lateinamerikanischer Exporte auf Drittmärkten durch die US-Zollpolitik verändern wird: So haben asiatische Staaten ihre Märkte für US-Produkte geöffnet. Ähnliches könnte bei Chinas Verhandlungen mit den USA geschehen. Lateinamerikanische Produkte könnten es dann auf diesen Märkten schwerer haben. Das Gleiche gilt für Investitionen, die jetzt unter Berücksichtigung der neuen Bedingungen in den USA dorthin umgeleitet werden – möglicherweise zu Lasten der Direktinvestitionen in Lateinamerika.

Unklar ist auch, wie sich die US-Zollpolitik auf die bilateralen Freihandelsabkommen der EU mit Lateinamerika auswirken wird. Dies betrifft sowohl die bestehenden als auch die neu verhandelten Verträge mit Chile oder Mexiko sowie das Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur, das noch dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Zwar dürfte das Interesse der Industrie in der EU und der Unternehmen in Lateinamerika zunehmen, den gegenseitigen Marktzugang zu erleichtern. Doch nun hat die EU gegenüber den USA Zusagen für Energieimporte und Investitionen gemacht, auf die ähnlich auch die lateinamerikanischen Staaten hoffen.

Zudem gilt in den Außenbeziehungen zwischen der EU und den mit ihr verbundenen Staaten in Lateinamerika weiterhin das Prinzip der Meistbegünstigungsklausel: Gewährt die EU den USA einseitig bessere Zollkonditionen (z. B. niedrigere Zölle auf Autos, Agrarprodukte, Maschinen) ohne ein Freihandelsabkommen, dann gilt grundsätzlich die WTO-Meistbegünstigungspflicht. In diesem Fall könnten auch Mercosur-Staaten oder andere Partnerländer in Lateinamerika dieselben Zollvergünstigungen verlangen.

Andererseits fürchten lateinamerikanische Industrie- und Konsumgüterunternehmen, dass weltweit agierende Konzerne versuchen könnten, ihre in die USA blockierten Exporte in andere Regionen umzuleiten – das wachsende Lateinamerika wäre ein interessanter Markt.

Containerskulptur Le Havre
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Energie vom Acker – Brasiliens Stärke in Zeiten schwankender Ölpreise

Fast ein Drittel seiner Energie produziert das Land in der Agrarwirtschaft. Das macht es zu einem attraktiven Standort für nachhaltige Wertschöpfung.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In den letzten Tagen wächst angesichts der Kriege im Nahen Osten auch in Lateinamerika die Sorge, dass der Ölpreis wieder historische Höhen erreichen könnte. Für die Weltkonjunktur wäre das schlecht, denn steigende Ölpreise würden die Inflation anheizen. Die Zentralbanken wären gezwungen, die Zinsen anzuheben. Die Folge wäre eine Stagnation der Weltwirtschaft bei hoher Inflation.

In Brasilien werden diese Szenarien weniger dramatisch gesehen als in Europa oder Asien, die von Ölimporten abhängig sind. Das liegt einerseits daran, dass Brasilien selbst ein großer Ölproduzent ist. Brasilien steht auf Platz 10 unter den weltweiten Ölexporteuren.

Andererseits deckt die eigene Landwirtschaft Brasiliens Energienachfrage. 30 Prozent der in Brasilien verbrauchten Energie in Form von Strom oder Treibstoff stammen von den Farmen. Das ist weltweit selten. Nur Thailand und die skandinavischen Staaten haben ähnlich hohe Anteile von Agrarenergie in ihren Energiesystemen. In Deutschland stammen lediglich rund acht Prozent der Energie aus Biogasanlagen. In Südamerika ist Uruguay ähnlich weit fortgeschritten.

Gerade ist eine entsprechende Untersuchung des Observatório de Bioeconomia der Fundação Getulio Vargas (FGV) in São Paulo erschienen. Dort werden Ethanol und Biodiesel aus Zuckerrohr, Mais und Soja als Treibstoffe beigemischt oder pur genutzt. In Brasilien wird ab August eine Beimischung von 20 Prozent Ethanol zu Benzin (E20) und von 15 Prozent Biodiesel zu Diesel (B15) landesweit vorgeschrieben sein.

Die Zuckerkonzerne verbrennen zudem Biomasse und speisen sie ins Stromnetz ein. Die Fabriken könnten heute so viel Strom erzeugen wie ganz Argentinien. In Biogasanlagen wiederum werden organische Abfälle zu Gas verarbeitet.

Der Anteil der Energie vom Acker wird noch zunehmen. Die zweite Generation der Ethanolproduktion steht jedoch erst am Anfang. Dabei werden Enzyme genutzt, um die Fasern des Zuckerrohrs zur Ethanolgewinnung zu verwenden. Auch die Ethanolproduktion aus Mais wächst rasant. Die ersten Pilotprojekte zur Produktion von SAF (Sustainable Aviation Fuel), also nachhaltig gewonnenem Treibstoff für Flugzeuge, sind angelaufen. Das wichtigste Ziel der Landwirtschaft wird es sein, den immer noch hohen Dieselverbrauch durch nachhaltig gewonnene Treibstoffe zu ersetzen.

Immer mehr Agrarbetriebe speisen ihren Strom direkt ins Netz ein oder werden mithilfe von Solarpaneelen energieautark. Dadurch werden sie auch bei der Entwicklung von grünem Wasserstoff eine Rolle spielen. Die Untersuchung der FGV zeigt, dass rund 60 Prozent der gesamten nachhaltig gewonnenen Energie in Brasilien aus der Landwirtschaft stammen.

Jedoch wird in Europa die nachhaltige Energieautonomie Brasiliens bisher kaum als Standortvorteil wahrgenommen. Das ist erstaunlich, denn angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen wird sie zu einem immer wichtigeren Standortfaktor.

Europa erlebt gerade erneut, wie abhängig es von ausländischer Energiezufuhr ist – sei es russisches Erdgas oder Öl aus dem Nahen Osten. Seit den „Ölkrisen“ vor einem halben Jahrhundert ist es Europa nicht gelungen, seine Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren.

Brasiliens Pionierrolle bei der Energiegewinnung bleibt in Europa weitgehend unbeachtet. Mit dem Argument des mangelnden Naturschutzes, etwa beim Amazonas-Regenwald, werden die Fortschritte Brasiliens bei der Energiegewinnung aus Agrarrohstoffen oftmals einseitig betrachtet – und das Potenzial übersehen. China etwa sieht das anders und ist sehr daran interessiert, Teile des brasilianischen Agrar-Energie-Systems für sich zu adaptieren.

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Wächst Südamerikas Infrastruktur jetzt endlich zusammen?

Der Hafen Chancay in Peru könnte Impulsgeber für die Entwicklung grenzüberschreitender Infrastruktur werden. Chinesische Investitionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Wenn sich Trucks von den Metropolen Brasiliens nach Westen zu den Pazifikstädten Perus oder Chiles auf den Weg machen, dann brauchen sie viel Zeit. Auf dem Landweg gibt es nur zwei oder drei Verbindungen über Fernstraßen, die jeweils etwa 3.500 Kilometer lang sind. Nach Süden geht es über Argentinien nach Mendoza und über die Anden zum chilenischen Hafen Valparaíso. Weiter nördlich führt eine Straßenverbindung durch Bolivien zu den peruanischen Häfen. Die reine Fahrtzeit beträgt im besten Fall 45 bis 50 Stunden.

Dabei müssen die Fahrzeuge Pässe von über 4.000 Metern Höhe überwinden oder durch Routen im Amazonasgebiet fahren, die mehrere Monate im Jahr in der Regenzeit nicht befahrbar sind. Wenn der Grenzübergang in den Anden kurz hinter Mendoza zugeschneit ist, müssen die 1.300 Lkw, die den Pass täglich überqueren, mitunter mehrere Tage warten, bis der Schnee geräumt ist. Auch auf der Route durch Bolivien können Unfälle die Fahrtdauer deutlich erhöhen. Die alternative, aber längere Route, die Brasilien und Peru direkt verbindet, wird kaum benutzt. Zudem sind die Grenzübergänge teilweise nachts geschlossen.

Noch immer teilen die Anden und die Amazonasregion den Kontinent in zwei Hälften und stellen kaum überwindbare Hindernisse dar. Doch das könnte sich nun erstmals ändern. Brasilien arbeitet derzeit intensiv an fünf „biozeanischen Korridoren“ zwischen den Staaten. Dabei handelt es sich um große Straßen-, Fluss- und Schienenprojekte in unterschiedlichen Phasen der Planung und Umsetzung.

Mit der Ende 2023 gestarteten Initiative „Rotas da Integração Sul-Americana” soll einerseits die Agrarregion Brasiliens im Westen des Landes an den Pazifik angeschlossen werden.

Am aussichtsreichsten sieht derzeit die „Amazonas-Route” aus. Dafür sollen die vorhandenen Flusswege nach Peru und Kolumbien genutzt werden. In den Ländern soll dann das Soja per LKW zu den Häfen am Pazifik transportiert werden. Zwei andere Routen sollen andererseits die Agrar- und Industrieregionen des brasilianischen Südens und Südostens an die Häfen Chiles und Perus binden.

Die Pläne dafür gibt es schon lange. Die unendlichen Hürden, die hohen Finanzierungskosten sowie die unterschiedlichen Regularien der beteiligten brasilianischen Bundesstaaten und Nationalstaaten haben die Umsetzung der ambitionierten Projekte bisher verhindert.

Neu sind jedoch die stark angestiegenen Handelsströme Südamerikas nach Fernost. Heute handelt Südamerika deutlich mehr mit Asien als mit Europa oder den USA. Chinesische Konzerne und südamerikanische Farmer würden deshalb gern den Transport von Agrargütern zwischen Südamerika und Asien beschleunigen und vereinfachen.

Derzeit benötigt ein Containerschiff vom brasilianischen Hafen Santos aus im besten Fall 35 Tage bis nach China. Die Route führt um das Kap der Guten Hoffnung an Afrika vorbei. Der Weg über den Panama-Kanal ist teurer.

Einen neuen Schub könnte nun der gerade eröffnete Hafen Chancay nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima auslösen. Die chinesischen Investoren und Betreiber des Hafens wollen ihn über die Anden und durch den Regenwald mit allen Staaten verbinden – per Schiene, Fluss und Straße.

Denn je mehr Waren der Kontrolleur Cosco durch den Hafen verschifft, desto schneller rechnet sich die Investition von 3,5 Milliarden Dollar. Die Konkurrenz schläft schließlich nicht. Auch die anderen Pazifikhäfen in Chile (San Antonio, Valparaíso), Kolumbien (Buenaventura), Peru (Callao) und Ecuador (Guayaquil) investieren derzeit, um die Nachfrage nach Asientransporten zu decken.

Doch hinter Chancay steht mit China ein finanzkräftiger Investor. Der Hafen und die anderen chinesischen Infrastrukturprojekte in den Pazifikländern werden von Peking aus über die Belt and Road Initiative (BRI) finanziert. Nun ist auch Kolumbien der Seidenstraßen-Initiative Chinas beigetreten. Unter den großen Staaten Lateinamerikas sind nur noch Brasilien und Mexiko nicht Teil der chinesischen Infrastruktur-Initiative.

Das hat den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva jedoch nicht davon abgehalten, vor wenigen Tagen in Peking die Finanzierung eines Schienenwegs durch den Amazonas zu den brasilianischen Agrargebieten zu diskutieren.

Für die Wirtschaft Südamerikas würde eine bessere Integration einen wichtigen Produktivitätsschub mit sich bringen. Der Grund: In Lateinamerika und der Karibik lag der Anteil des intraregionalen Handels im Jahr 2022 bei nur etwa 15 Prozent. Zum Vergleich: In Europa und Asien sind die intraregionalen Handelsanteile mit 69 bzw. 56 Prozent deutlich höher.

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Fliegt Südamerika unter Washingtons Radar?

Für fast alle Staaten Südamerikas hat Trump „nur“ den reziproken Mindestzoll von 10 Prozent verhängt. Was ist der Grund dafür und welche Folgen könnte das für die Region haben?

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Südamerika atmet auf. Donald Trump hat an seinem „Tag der Befreiung“ die südamerikanischen Staaten bei seiner Zollerhöhungsoffensive nur mit den niedrigsten Importzöllen bedacht. Mit Ausnahme von Venezuela werden die Importe aller Staaten „nur“ um zehn Prozent erhöht.

Davon ausgenommen sind die bereits erfolgten Zollerhöhungen für Stahl und Aluminium. Auch für Mexiko gelten ab sofort die bereits vor einigen Wochen angekündigten Importzölle von 25 Prozent.

Warum Südamerika im Vergleich zu den Schwellenländern aus Südostasien vergleichsweise glimpflich davon kommt – darüber lässt sich nur spekulieren. Ein Blick in die Handelsbilanzen hilft weiter: Mit allen großen Volkswirtschaften Südamerikas erzielen die USA Handelsüberschüsse. Es gibt also keinen rationalen Grund, südamerikanische Exporte mit Importzöllen zu belegen, wenn man – wie Trump offensichtlich – Außenhandelsdefizite abbauen will und diese negativ bewertet.

Anders verhält es sich mit Mexiko. Das Land, das mit den USA und Kanada zunächst durch NAFTA und ab 2020 durch das Nachfolgeabkommen USMCA (United States-Mexico-Canada Agreement) verbunden ist, verzeichnet nach China den größten Handelsüberschuss mit den USA.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Südamerika aufgrund seiner Handelsdefizite mit den USA in Zukunft von Trumps Vergeltungspolitik verschont bleiben wird – dafür ist es noch zu früh und Trump zu unberechenbar.

Dennoch könnte die unerwartet entspannte Haltung des US-Präsidenten gegenüber Südamerika darauf hindeuten, dass Trump den südlichen Teil des amerikanischen Kontinents im Sinne der Monroe-Doktrin als zu den USA gehörig betrachtet.

Danach erklärten die USA vor rund 200 Jahren, dass sie Lateinamerika kontrollieren und dort keine ausländischen Mächte dulden würden.

Nach dem Ende des Kalten Krieges geriet die Monroe-Doktrin in Vergessenheit. Doch schon unter der ersten Trump-Administration erklärten enge Mitarbeiter wie Sicherheitsberater John Bolton oder der CIA-Direktor und spätere Außenminister Mike Pompeo, dass die Monroe-Doktrin wieder gelte.

Eine Bestrafung Südamerikas mit hohen Zöllen würde die Region aber in die Arme anderer Handelspartner – und vor allem Chinas – treiben. Die wachsenden chinesischen Investitionen in Bergbau, Stromnetze, Telekommunikation und Infrastruktur werden in Washington kritisch beobachtet.

So schlug Mauricio Claver-Carone, Sonderbeauftragter des US-Außenministeriums für Lateinamerika, vor, Produkte, die über den von China finanzierten Hafen Chancay in Peru in die USA gelangen, mit einem Zoll von 60 Prozent zu belegen.

Es bleibt jedoch abzuwarten, welche Auswirkungen die erhöhten US-Zölle auf die Weltwirtschaft und damit indirekt auch auf den Außenhandel in Südamerika haben werden.

Südamerikanische, aber auch mexikanische Agrarproduzenten hoffen beispielsweise darauf, dass die ostasiatischen Staaten und China ihre Nahrungsmittelimporte aus Südamerika erhöhen, da sie ebenfalls Zölle auf Agrarexporte aus den USA erheben könnten.

In der ersten Trump-Administration konnten die lateinamerikanischen Landwirte ihre Exporte nach Asien deutlich steigern.

Positiv könnte auch sein, dass lateinamerikanische Konzerne nun ihre Wertschöpfungsketten von Mexiko nach Argentinien ausdehnen. Bislang galt die mexikanische Wirtschaft in Südamerika als eine Region, die sich vor allem auf Nordamerika konzentriert und die südlichen Nachbarn vernachlässigt. Das könnte sich nun ändern.

Auf der anderen Seite fürchten lateinamerikanische Industrie- und Konsumgüterunternehmen, dass asiatische Konkurrenten nun versuchen könnten, ihre in den USA blockierten Exporte in andere Regionen umzuleiten – das wachsende Lateinamerika böte sich dafür als Binnenmarkt mit einer ähnlich hohen Bevölkerungszahl wie Südostasien an.

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Macht Trump Ernst gegenüber dem wichtigsten Handelspartner Mexiko?

Auch wenn er seine Zollpolitik noch ändern wird, der Schaden ist bereits angerichtet: Investoren sind verunsichert und werden ihre Investitionen in dem Land zurückfahren. Das trifft vor allem auch deutsche Unternehmen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Donald Trump zieht seine Abschottungspolitik durch, wie er es angekündigt hat: Jetzt hat er Importzölle für Mexiko (und Kanada) auf 25 Prozent angekündigt. Die Erhöhung für Mexiko soll erst ab dem 2. April gelten. Das dürfte die mexikanische Wirtschaft in diesem Jahr in die Rezession treiben. Auch in den USA werden die Zölle die Inflation beschleunigen und das Wachstum bremsen.

Denn Mexiko ist der wichtigste Handelspartner der USA. Seit mehr als 30 Jahren sind die USA und Mexiko zusammen mit Kanada durch Freihandelsabkommen miteinander verbunden.

Zunächst war es das 1994 geschlossene Nafta-Abkommen, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das den Handel und den Ausbau der Wertschöpfungsketten in Nordamerika vorangetrieben hat. Seit 2020 ist das Nachfolgeabkommen USMCA (United States-Mexico-Canada Agreement) in Kraft, das im kommenden Jahr einer Revision unterzogen werden soll.

Dank dieser institutionellen Handelsabkommen ist Mexiko seit 2023 der wichtigste Handelspartner der USA – noch vor China. Im vergangenen Jahr exportierte Mexiko Waren im Wert von 506 Milliarden US-Dollar in die USA. Zum Vergleich: Die Exporte deutscher Unternehmen in die USA beliefen sich im vergangenen Jahr auf 161 Milliarden Euro.

US-Unternehmen wiederum exportierten Waren im Wert von 335 Milliarden Dollar nach Mexiko. Das Handelsbilanzdefizit (171 Milliarden Dollar) ist damit fast dreimal so hoch wie das mit Kanada.

Die Handelsbilanzen sagen allerdings wenig über die intensive Verflechtung der Unternehmen aus: Hunderte von US-Konzernen produzieren seit Jahrzehnten in Mexiko – von Konsumgüterherstellern im Lebensmittelbereich bis zu Hightech-Konzernen in der Raumfahrt.

Am weitesten fortgeschritten ist die Arbeitsteilung in der Automobilindustrie. Das bedeutet, dass ein Auto während seiner Produktion mehrmals zwischen den Werken in Mexiko und den USA hin- und hertransportiert wird, bevor es vom Band rollt.

Die deutsche Industrie ist von dieser Arbeitsteilung besonders betroffen. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank haben deutsche Konzerne seit der Jahrtausendwende zwischen 15 und 20 Milliarden US-Dollar in Mexiko investiert. Damit ist Mexiko nach Brasilien der wichtigste Empfänger deutscher Direktinvestitionen in Lateinamerika.

Dort gibt es mehr als 2000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung. Auch die mexikanischen Niederlassungen deutscher Konzerne exportieren den Großteil ihrer Produktion in den Norden. Entsprechend hoch entwickelt sind die Produkte im Vergleich zu den südamerikanischen Standorten, wo meist der lokale Markt das Ziel ist.

Mit der US-Zollpolitik wird sich nun der Durchschnittspreis eines in Mexiko gefertigten Pkw in den USA um rund 6.000 Dollar erhöhen. Ein SUV, also ein Stadtjeep, könnte jetzt 8000 Dollar mehr kosten. Nun hat die Regierung angekündigt, dass sie US-Konzerne von den Zöllen ausnehmen will. Wie und ob das umzusetzen ist, bleibt jedoch offen.

Es liegt auf der Hand, dass die Maßnahmen auch der US-Wirtschaft großen Schaden zufügen werden. Die US-Börse reagierte negativ, die Inflationserwartungen stiegen, die Wachstumsaussichten verdüsterten sich.

US-Handelsminister Howard Lutnick versuchte nach der Ankündigung der Zollerhöhungen zu beschwichtigen, er stehe in ständigem Kontakt mit den „Partnerländern“.

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Wachstumsaussichten in Lateinamerika bleiben stabil

Wegen Trump wird die Region versuchen, die Beziehungen zu anderen Partnern auszubauen. Davon wird vor allem China profitieren, aber auch für Europa eröffnet sich eine historische Chance, die Zusammenarbeit zu stärken.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Selten waren Konjunkturprognosen für Lateinamerika so schwierig wie in diesem Jahr. Einen Vorgeschmack bekam Mexiko, als der US-Präsident eine Importsteuer von 25 Prozent auf Einfuhren aus dem südlichen Nachbarland ankündigte.

Die mexikanische Wirtschaft würde sofort in eine Rezession rutschen, die mindestens bis Ende 2026 andauern könnte, schätzte die Ratingagentur S&P. 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die USA. Rund 4,5 Prozent der Wirtschaftskraft hängen von den Überweisungen der geschätzten 37 Millionen Mexikaner in den USA ab.

Allerdings muss man den Unsicherheitsfaktor Trump in Lateinamerika regional relativieren. Während die Karibik, Zentralamerika und Mexiko stark von den Dekreten der neuen Regierung abhängen und die Aussichten entsprechend unsicher sind, gilt dies für Südamerika weit weniger.

Die Rohstoffexporteure der Region wie Argentinien, Brasilien oder auch Chile und Peru sind kaum vom nordamerikanischen Absatzmarkt abhängig. Im Gegenteil: Unter der ersten Trump-Administration (2017-2021) profitierten die südamerikanischen Rohstoffökonomien von steigenden Exporten nach China. Dort ersetzten sie US-Exporte, die aufgrund der chinesischen Sanktionen gegen nordamerikanische Importe ausfielen.

Einen ähnlichen Substitutionseffekt schließen die meisten Beobachter derzeit aus, da auch China aufgrund seiner wirtschaftlichen Stagnation die Importe von Erzen, Metallen und Agrargütern kaum steigern dürfte.

So sind die Aussichten für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften – sieht man einmal vom Trump-Effekt ab – durchaus stabil: 2,2 Prozent wird die Region in diesem Jahr wachsen, schätzt JP Morgan, etwas mehr als im Vorjahr.

Das leichte Plus ist vor allem Argentinien zu verdanken, das unter Präsident Javier Milei in diesem Jahr erstmals wieder deutlich wachsen könnte (5,5 Prozent). Auch für Kolumbien (2,5 Prozent) und Ecuador (1,5 Prozent) erwartet die Investmentbank ein stärkeres Wachstum als im Vorjahr. Angesichts der schwierigen politischen Rahmenbedingungen in diesen Ländern sind diese Prognosen jedoch mit Vorsicht zu genießen.

In den anderen großen Volkswirtschaften fällt das Wachstum im Vergleich zu 2024 schwächer aus. Keine der sechs großen Ökonomien Lateinamerikas wird jedoch stagnieren oder gar in eine Rezession abrutschen.

Die neue Regierung in Washington und die damit verbundene Unsicherheit werden die Regierungen der Region aber veranlassen, sich nach neuen Handelspartnern umzusehen.

Vor allem für China ist Trumps schwer vorhersehbarer Kurs gegenüber Lateinamerika eine Steilvorlage. 2024 hat China seine Kooperation in Südamerika strategisch ausgebaut: Peking hat Argentinien Kredit gewährt, in Peru einen der größten Häfen des Kontinents eröffnet und mit Brasilien ein großes Investitions- und Kooperationspaket verabschiedet.

Damit kann China sein Engagement in Südamerika nahtlos intensivieren. Die Staaten werden chinesische Investitionen in die Infrastruktur begrüßen, wenn sich andere Investoren wie die USA zurückziehen oder Europa mit seinen eigenen Krisen beschäftigt ist.

In der zweiten Jahreshälfte bietet der BRICS-Gipfel in Brasilien ein politisches Forum, das China nutzen wird, um seine neue Verbundenheit mit Südamerika zu demonstrieren. Gut möglich, dass die USA auf eine solche Machtdemonstration in ihrer Einflusssphäre mit Sanktionen reagieren. Diese würden vor allem Brasilien treffen.

Für Europa bietet der mögliche Konfrontationskurs der USA gegenüber Lateinamerika eine historische Chance, sich als verlässlicher Partner ins Spiel zu bringen. Die Aussichten für eine Wiederbelebung des EU-Mercosur-Abkommens haben sich verbessert – trotz aller politischen Unsicherheiten, die die Verwirklichung der biregionalen Wirtschaftsgemeinschaft sowohl in Europa als auch in Südamerika weiterhin behindern könnten.

Europa sollte diese Chance nutzen und massiv in die Beziehungen zu Lateinamerika investieren – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

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Argentinien ist Südamerikas Erfolgsgeschichte des Jahres

Präsident Milei hat das Land in einer schweren Krise stabilisiert. Nun muss er seinen Reformkurs fortsetzen. Für Südamerika wäre eine weitere Erholung der zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents wichtig.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor genau einem Jahr trat der politische Quereinsteiger Javier Milei sein Amt als Präsident Argentiniens an.

Man kann ohne Übertreibung sagen: Milei hat es geschafft, dass Argentinien und seine Politik international wieder beachtet werden. Die Politik des Libertären polarisiert viele Menschen weltweit. Inzwischen ist „Milei“ als Schlagwort sogar Teil des Wahlkampfes in Deutschland geworden.

Mileis Bilanz nach einem Jahr kann sich sehen lassen:

Inflation gesenkt

Es ist gelungen, die Inflation deutlich zu senken. Statt über 20 Prozent im Monat liegt sie jetzt bei knapp drei Prozent. Läuft alles nach Plan, könnte die Jahresinflation Ende nächsten Jahres auf 25 Prozent gesunken sein. Für argentinische Verhältnisse ist das wenig.

Staatshaushalt im Plus

Zudem erwirtschaftet die Regierung im Staatshaushalt keine Defizite mehr, sondern Überschüsse. Damit ist die Wurzel der jahrzehntelangen Inflation gekappt. Erreicht hat Milei dies durch Kürzungen der Staatsausgaben um – je nach Schätzung – bis zu 30 Prozent: Entlassungen von Staatsangestellten, Rentenkürzungen, die Streichung von Transferzahlungen an die Provinzen waren die entscheidenden Maßnahmen, um den Haushalt in die schwarzen Zahlen zu bringen.

Deregulierung vorangetrieben

Dazu werden Gesetze, welche die Wirtschaft und den Alltag der Argentinier belasten, abgeschafft oder geändert. Viele aus ihrer Sicht überflüssige Behörden und Ministerien wurden geschlossen. So will die Regierung die schwache Produktivität der Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung steigern. Dabei geht sie nach einem detailliert ausgearbeiteten Plan vor.

 

Das Reformprogramm hat Mileis Popularität nicht geschadet. Die Regierung hat die gleichen Zustimmungs- und Ablehnungswerte wie bei den Wahlen vor einem Jahr. Das ist besser als bei den Vorgängerregierungen. Mit der Stabilität ist das Vertrauen gewachsen, dass es 2025 besser wird. Die Armutsrate, die in diesem Jahr um elf Prozentpunkte gestiegen ist, beginnt wieder zu sinken.

Der Start war also beachtlich. Viele hatten damit gerechnet, dass sich der oft aggressiv auftretende Ökonom nur wenige Monate in der Casa Rosada halten würde.

Die Regierung Milei muss nun ihr Reformprogramm fortsetzen. Kurzfristig hat sie einige drängende Probleme zu lösen:

Hohe Preise

Zum einen ist Argentinien in den vergangenen zwölf Monaten zum teuersten Standort Südamerikas geworden. Das gefährdet die Industrie, die gegenüber den ausländischen Wettbewerbern kaum noch konkurrenzfähig ist – im Inland ebenso wie auf den Exportmärkten oder im Mercosur. Auch lokale Dienstleister (Tourismus, Rechenzentren) leiden unter den hohen Preisen.

Kaufkraft steigern durch neue Jobs

Zudem müssen schnell neue Arbeitsplätze geschaffen werden, um die Kaufkraft der Bevölkerung und die Zustimmung zur Regierung zu erhöhen.

Kapitalverkehrskontrollen abschaffen

Entscheidend für Investoren wird aber sein, dass die Regierung im kommenden Jahr die Kapitalverkehrskontrollen schrittweise lockert und schließlich ganz aufhebt. Denn Investoren zögern, ihr Kapital ins Land zu bringen, wenn sie bei einer Abwertung Wertverluste erleiden könnten. Außerdem wollen ausländische Investoren Kapitalerträge und Dividenden zurückführen können.

 

Ein stabiles Argentinien ist wichtig für Südamerika. Die vielen Krisen der letzten Jahre haben vergessen lassen, dass das Land die zweitgrößte Volkswirtschaft des Kontinents ist. Ein führungsloses, chaotisches Argentinien wie in den letzten Jahren belastet Südamerika als Standort und Handelspartner.

Wenn das Land wieder Investitionen und Aufmerksamkeit auf sich zieht, stärkt das auch die Bedeutung des Mercosur. Die Widerstände in der EU gegen das Abkommen mit dem Staatenbund dürften geringer werden, wenn Argentinien wieder als vollwertiger Handelspartner auftreten kann.

Man kann also nur hoffen, dass Milei mit seinem Reformkurs auch weiterhin Erfolg haben wird.

Caminito, Buenos Aires, Argentinien
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