Keine Entwarnung in Sicht für Lateinamerika

Lateinamerika erlebt auch nach fünf Monaten mit der Pandemie noch keine sinkenden Infektionsraten. Dennoch können die Regierungen immer weniger soziale Distanzierungsmaßnahmen durchsetzen. Die Folge: Kurzfristig verbessern sich die Wachstumsraten, aber wegen der notwendigen neuen Schließungen wird die Erholung langsamer ausfallen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Lateinamerika lebt nun seit fünf Monaten mit der Pandemie durch Covid 19. Doch anders als China oder große Teile Europas, nehmen die Ansteckungsraten insgesamt noch nicht ab. Im Gegenteil, die Infizierungen steigen oder explodieren gar immer wieder neu in einzelnen Regionen und Ländern. Von Entwarnung kann also keine Rede sein. Das gilt selbst für Uruguay nicht, welches mit einem vorbildhaften Krisenmanagement die niedrigsten Infizierungen und Todesrate aufweist, obwohl die Nachbarländer Argentinien und Brasilien schwer von der Pandemie betroffen sind.

Den Regierungen fällt es nach nun rund zwei Monaten Quarantänemaßnahmen schwer, ihre Bevölkerungen weiter zur Isolation anzuhalten. Das führt zu ganzen oder teilweisen Öffnungen im Handel und bei den Dienstleistungen, die dann wieder zurückgenommen werden müssen, weil die Zahl der Infizierten hochschnellt, wie etwa in Argentinien, Chile, Kolumbien oder Brasilien.

Diese vorschnellen Öffnungen haben den paradoxen Effekt, dass die Wachstumszahlen für das zweite Quartal zum Teil besser ausgefallen sind, als erwartet. Das gilt vor allem für Brasilien, Mexiko und auch Chile, welche keine oder nicht konsequente Distanzierungsprogramme aufgelegt haben. Die Staaten mit den härtesten lockouts wie Peru und Argentinien dagegen verzeichnen die stärksten Rezessionen. Dennoch sollten diese Zahlen nicht zu einem verfrühten Optimismus verleiten: Kommt es zu neuen Schließungen, dann wird die wirtschaftliche Erholung länger brauchen.

Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile oder Brasilien. Auch Chinas sowie möglicherweise Europas schnellere Erholung könnte über ein weiteres Exportwachstum an Rohstoffen aus Agro und Bergbau für einen Wachstumsschub in Südamerika sorgen. Das gilt auch für Mexiko, welches von einer – derzeit aber noch nicht erkennbaren – Erholung der US-Wirtschaft profitieren könnte. Auch an den Finanzmärkten hat sich die Stimmung gebessert: Staaten und Unternehmen aus Lateinamerika hatten in den letzten Wochen erstmals wieder Zugang zu internationalem Kredit.

Die stärksten Rezessionen werden Mexiko (-10,5%), Peru (-13,5%) und Argentinien (-13,4%) dieses Jahr erleben, erwartet JP Morgan. Brasiliens Wachstumsaussichten hat die Investmentbank gerade auf -6,2% verbessert. Lateinamerikas Wirtschaftskraft wird dieses Jahr um 8,6% schrumpfen. Wegen der wahrscheinlich immer wieder notwendigen Quarantäne-Maßnahmen wird die Region sich trotz des schwersten Einbruchs seit 100 Jahren auch 2021 nur schwach erholen (4,1% Wachstum).

COVID-19 in Lateinamerika

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Brasilien isoliert sich – und droht, Südamerika mit sich zu ziehen

Der Verlust an Soft Power wird Brasilien und damit ganz Südamerika teuer zu stehen bekommen. Es wird Jahrzehnte dauern, diesen Vertrauensverlust wieder wettzumachen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Soft Power war lange Zeit ein Begriff, mit dem nur Politologen etwas anfangen konnten. Der US-Publizist Joseph Nye hat den Begriff geprägt. Gemeint ist, wenn ein Land Einfluss ausübt in der Welt, ohne wirtschaftliche oder militärische Macht einzusetzen. Brasilien hat lange Zeit seine Soft Power bewusst genutzt: Seine demokratischen Regierungen weiteten mit Verhandlungsgeschick und Diplomatie ihren Einfluss aus. Brasilien spielte zeitweise in einer höheren Liga in der Weltpolitik, als dem Land nach Wirtschaftskraft oder Bedrohungspotenzial zugestanden hätte: In der Klimadiskussion, im Freihandel, bei der Durchsetzung von Menschenrechten, bei der Armutsbekämpfung, in der globalen Gesundheitspolitik, selbst in der Weltfinanzkrise 2008 saß Brasilien bei den Verhandlungen mit am Tisch der Großmächte. Weil Brasilien mit allen redete und mit allen zurechtkam, hatte es Einfluss. Diese Soft Power ergänzte perfekt seine zunehmend wichtigere Rolle als Lieferant von Rohstoffen, Agrarprodukten und Energie in der Weltwirtschaft. Brasilien war zudem eine weltweit bewunderte Kultur- und Sportnation, ein begehrtes Reise- und Lebensziel für viele Menschen weltweit.

Doch das ist vorbei. Noch nie war Brasiliens Ruf in der Welt so schlecht wie derzeit. Das begann mit den großen Korruptionsskandalen, die von Brasilien aus ganz Lateinamerika überzogen und im Nachhinein die Linksregierungen unter Lula und Dilma Rousseff in ein schlechtes Licht rückten. Die Wahl des Rechtspopulisten Bolsonaro zum Präsidenten hat den Abstieg noch beschleunigt: Dessen permanenten Attacken gegen die Demokratie, sein chaotisches Regieren, die anhaltende Wirtschaftskrise und jetzt vor allem das schlechte Management der Coronakrise, die das Land zur Nummer 2 weltweit nach Infizierungen und Toten gemacht hat – alles das hat dazu geführt, dass Brasilien zum weltweiten Paria geworden ist. Ohne Verbündete, ohne Sympathien. Es wird Jahrzehnte dauern, dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Wie hoch die Kosten für diesen Verlust an Soft Power sein werden, das lässt sich erahnen. Vor wenigen Tagen sandten 29 Banken und globale Fonds einen offenen Brief an die brasilianische Regierung. Zusammen verwalten sie Aktiva in Höhe von 3,75 Billionen US-Dollar. Sie äußerten ihre Besorgnis über die Zunahme der Amazonasrodungen und den Abbau der Umwelt- und Menschenrechtspolitik. Die Finanzakteure reagieren damit auf den Druck, den sie von ihren Anteilseignern bekommen. Für die ist umweltgerechte Agrarpolitik, der Schutz des Regenwaldes, von Minderheiten und Indigenen oder Gender-Politik die Basis für Investitionen in Brasilien – sonst ziehen sie ihr Kapital eben ab.

Der Schaden wird nicht sich nicht nur auf Brasilien beschränken. Weil das Land die Hälfte der Bevölkerung, Fläche und Wirtschaftskraft Südamerikas vereint, werden auch die anderen Staaten auf dem Kontinent unter dem Verlust der brasilianischen Soft Power leiden.

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Lateinamerika: “Out of the frying pan into the fire”?

Lateinamerika beginnt mit den Lockerungen der sozialen Isolation trotz weiter ansteigender Infektionszahlen. Für die Wirtschaft bedeutet das: Der Kontinent wird länger und stärker in der Rezession verharren als der Rest der Weltwirtschaft. Es gibt aber auch Lichtblicke.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Investmentbank JP Morgan hat gerade ihren Lateinamerika-Ausblick für dieses Jahr veröffentlicht mit dem Titel, der für sich selbst spricht: „Out of the frying pan into the fire“, übersetzt etwa: „Aus der Pfanne direkt ins Feuer.“ Derzeit sieht es danach aus, als ob die wirtschaftliche Krise in Lateinamerika stärker ausfallen wird als im Rest der Welt – und die Region dazu noch länger brauchen wird, um sich von dem Einbruch zu erholen. Denn Lateinamerika versuchte nach dem Ende des Rohstoffzyklus die letzten fünf Jahre mehr oder weniger erfolglos wieder auf Wachstumskurs zu kommen – da kam die Corona-Krise dazu. „Die Auswirkungen von COVID-19 sind nicht nur eine weitere Bodenwelle für die lateinamerikanischen Ökonomien“, schreibt JP Morgan. „Es ist eher so, als sei das Fahrzeug von einem Felsvorsprung gestürzt.“

8,4 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen. Für 2021 rechnet die Investmentbank mit einer eher statistisch als realwirtschaftlich bedingten Erholung und einem Wachstum in Höhe von 4,5 Prozent. Dennoch wird das regionale Bruttosozialprodukt nicht vor 2022 wieder an das Vor-Pandemie-Niveau heranreichen. Die Rezession wird am stärksten Peru (-12,7 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-5,2 Prozent) und Kolumbien (-6,5 Prozent) werden die Verluste am geringsten ausfallen.

Der Grund für die düsteren Aussichten sind in allen Staaten ähnlich: Die Länder beginnen die sozialen Isolationsvorschriften zu lockern, obwohl die Infektionszahlen noch weiter ansteigen. Zwar sind die Infektionszahlen im Vergleich zu vielen Staaten in Europa deutlich geringer – was jedoch zum Teil mit den fehlenden Tests zusammenhängt. Weiterhin besteht die Gefahr, dass die Regierungen die Kontrolle über die Ausbreitung der Krankheit verlieren. Zudem ist der Spielraum für staatliche Ausgabenprogramme beschränkt. Bereits 2021 müssen die Staaten wieder sparen, um ihre Staatsbudgets nicht überzustrapazieren.

Ein möglicherweise positiver Schock für Lateinamerika könnte eine schnelle Erholung in China bedeuten, mit wachsender Nachfrage und steigenden Preisen nach Rohstoffen aus der Region.

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Mexiko: Wie die Regierung im Schatten der Corona-Krise die Wirtschaft umbaut

Mexiko droht infolge der Coronakrise die stärkste Rezession in Lateinamerika. Doch die Regierung überlässt die Unternehmen und Mitarbeiter ihrem Schicksal. Das wird dem wichtigen Standort der deutschen Industrie in der Region schaden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Verkehrte Welt in Mexiko: Ausgerechnet der linkspopulistische Präsident López Obrador setzt in der Corona-Krise auf eine beinharte Austeritätspolitik statt auf staatliche Hilfsprogramme. Gerade mal 1,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung gibt seine Regierung aus, um die Folgen abzumildern. Damit bildet Mexiko das Schlusslicht in Lateinamerika. Dabei dürfte die Wirtschaft mit einem Minus von fast neun Prozent in keinem anderen Land der Region so stark schrumpfen.

Für Unternehmen oder Arbeitnehmer sind gar keine Hilfsmaßnahmen vorgesehen: Es gibt weder Kurzarbeitergeld noch Steuerstundungen oder Hilfskredite. López Obrador macht kein Hehl daraus, dass er die Krise als willkommenen Anlass sieht, um die private Wirtschaft zurechtzustutzen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Wirtschaft und Regierung sei zutiefst gestört, heißt es in der Industrie und den Verbänden.

López Obrador nutzt die Corona-Krise, um die Wirtschaft im Eiltempo umzubauen: Staatskonzerne, allen voran Pemex, sollen die Wirtschaft wieder dominieren. Jobs will er schaffen bei staatlichen Infrastrukturprojekten, wie der Eisenbahnlinie Tren Maya, dem Bau der Dos-Bocas-Raffinerie sowie des neuen Flughafens Santa Lucia in Mexiko-Stadt. Die Energiewende wurde kurzerhand abgeschafft. Statt auf erneuerbare Energien setzt die Regierung nun auf Schweröl-Kraftwerke. Dass Pemex von den Rating-Agenturen schon bald auf Junk-Niveau herabgestuft wird – das kümmert die Regierung nicht. Das wird jedoch den Investitionsfluss nach Mexiko empfindlich stören.

Für die deutsche Industrie ist das ein heftiger Schlag: Mexiko ist nach den USA und China der drittwichtigste Markt für Maschinen und Anlagen außerhalb Europas. Die deutschen Autobauer Audi, BMW und Mercedes haben dort erst kürzlich neue Werke errichtet. Mexiko ist der viertgrößte Kfz-Exporteur weltweit.

Doch der Präsident wird seinen wirtschaftsfeindlichen Kurs nicht stoppen. Er hat die Mehrheit im Kongress. Und vor allem: 60 Prozent der Bevölkerung stehen weiterhin hinter ihm.

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Was sich durch die COVID-19-Pandemie in Lateinamerika ändern wird

Welche Prognosen für Lateinamerika sind für die Zeit nach der Coronakrise möglich? Sicher scheint, dass die Ökonomien stärker von den Regierungen kontrolliert und die Bevölkerung ärmer sein wird. Südamerika wird zum Rohstoffexporteur zurückfallen und immer weniger als Standort der weltweiten Industrie konkurrieren können. Ob die sozialen Spannungen wieder aufflammen, bleibt abzuwarten. Populisten stehen überall in den Startlöchern.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Rund zwei Monate ist es her, dass die ersten Corona-Infizierten in Südamerika registriert wurden. Noch ist die Region deutlich vom Höhepunkt der täglichen Neuansteckungen und Toten entfernt sind. Derzeit scheint die Zahl der Infizierten in Argentinien, Chile und Peru geringer auszufallen als etwa in Ecuador, Mexiko oder Brasilien. Doch weiterhin sind die Statistiken weder zu vergleichen noch verlässlich.

Dennoch ist jetzt schon abzusehen, dass Lateinamerika die schwerste Rezession nach den Schuldenkrisen der 1980er Jahre erleben wird. Die Lage ist überraschend ähnlich. Heute wie damals steigen die Schulden der Staaten rasant – jetzt infolge der sozialen Maßnahmen aufgrund von Corona, damals für staatliche Investitionen. Auch diesmal sind Nachfrage und Preise für Öl wie viele Agro- und Bergbauprodukte gesunken. Für einen Rohstoff-Exporteur wie Südamerika ist das eine tragische Kombination, weil die Zahlungsfähigkeit schrumpft. Neue Schuldenkrisen werden unvermeidlich sein. Ecuador und Argentinien versuchen sie gerade mit Verhandlungen zu vermeiden. Wie die Finanzinvestoren und die multilateralen Banken auf eine regionale Verschuldungskrise reagieren werden, ist noch offen.

Abzusehen ist, dass Steuern steigen werden und insgesamt die staatliche Kontrolle der Wirtschaft zunehmen wird. Hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut werden die Pro-Kopf-Einkommen und damit den Konsum schrumpfen lassen. Damit stottert neben den Rohstoffexporten auch der entscheidende Wachstumsmotor Lateinamerikas, die Nachfrage der 630 Millionen Menschen. Für Investoren wird es weniger attraktiv in die Produktion von Konsumgütern zu investieren.

Die schwächeren Währungen könnten die Region als Exportplattform begünstigen. Doch wegen des technologischen Rückstandes der Industrie und der verringerten globalen Wertschöpfungsketten, dürfte vor allem Südamerika noch stärker als bisher zum Rohstoffexporteur werden.

Die Auswirkungen auf die Politik sind noch unklar: Werden die sozialen Unruhen, die noch vor wenigen Monaten Chile, Ecuador, Kolumbien und Bolivien erschütterten sich in der Pos-Corona-Ära fortsetzen? Einerseits scheint es in den Umfragen etwa in Chile, dass weder die Kritik an den sozialen Gegensätzen durch die Krise noch die Unzufriedenheit mit der Politik abgenommen haben. Andererseits zeigt sich den gleichen Umfragen, dass gutes Krisenmanagement von der Bevölkerung anerkannt wird. So ist einerseits eine Fortsetzung der Unruhen möglich, andererseits aber auch, dass autoritäre Regierungen versuchen werden, diese zu unterdrücken. Generell scheint es sicher, dass Populisten in allen Ländern versuchen werden, die Krise zu nutzen.

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Die Investoren beginnen, schwache Regierungen abzustrafen

Die Corona-Krise hat einen Prozess beschleunigt, der sich schon in den letzten Monaten andeutete: Investoren und Rating-Agenturen achten genauer auf die Qualität der Regierungen in den Ländern und lassen ihre Einschätzungen dazu verstärkt in ihre Risikobewertungen einfließen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Diese Woche stufte die Rating-Agentur Fitch die Aussichten für ihre Risikoeinschätzung für Brasilien von stabil auf negativ herab. Die drittgrößte Agentur erklärte das unter anderem auch explizit mit den zunehmenden Spannungen zwischen der Regierung und dem Kongress. Die Agentur sieht die Chancen für neue Reformen für die Zeit nach der Corona-Krise wegen des Konfrontationskurses in der Politik deutlich verringert.

Damit ändern die Analysten zwar noch nichts an der Kreditwürdigkeit Brasiliens, die derzeit auf BB-, also drei Stufen unter dem Investmentgrade steht. Bei der nächsten Revision ist aber nun ein weiteres Downgrade wahrscheinlicher geworden. Damit verteuern sich die Kredite für Brasilien, den Staat wie die Unternehmen. Ein Rating ist wie eine Note, mit der das Vertrauen in das Land bewertet wird. Je schlechter es ausfällt, umso mehr Zinsen verlangen die Gläubiger.

In den letzten Wochen gab es ähnliche Risikoerhöhungen aus politischen Gründen auch sonst in Lateinamerika. Standard & Poor´s stufte Chile herab wegen der wachsenden sozialen Spannungen zwischen Regierung und Bevölkerung. Chile besitzt aber weiterhin ein Investmentgrade der Agentur.

In Mexiko reduzierte Fitch sowohl das Kreditrisiko des Staates als auch des staatlichen Ölkonzerns Pemex. Mexikos Kreditrating steht jetzt nur noch eine Stufe über dem von Junk-Bonds. Die Herabstufung erfolgte wegen des schwachen Abschneidens der Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador in der Pandemie, der keine Strategie hat, wie er auf die Krise reagieren soll. Auch Pemex braucht wachsende staatliche Zuschüsse, weil der Präsident den Ölkonzern angewiesen hat, seine Produktion hochzufahren. Dabei liegen die Förderkosten je Fass höher als der Ertrag.

Die einzige Ausnahme unter den neuesten negativen Revisionen in der Region ist Kolumbien, wo die Analysten vor allem den gesunkenen Ölpreis und die Coronakrise für das schwächere Rating verantwortlich machen – und nicht die Regierung.

Die Corona-Krise wirkt also wie ein Bewährungstest für die Regierungen in Lateinamerika: Irrationale oder inkonsistente Politik wie in Brasilien und Mexiko werden von den Investoren jetzt sofort abgestraft – und nicht mehr toleriert, wie noch vor kurzem.

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Lateinamerikas Regierungen ohne Plan, wie es weitergehen soll

Nach dem ersten, teilweise erfolgreichen Krisenmanagement reagieren die Regierungen in Lateinamerika zunehmend chaotisch: Sie stehen vor dem Dilemma, dass sie die Wirtschaft wieder in Gang bekommen wollen, aber dass das wegen der noch zunehmenden Infizierungen riskant ist. Sicher ist, dass die Staaten sich zunehmend verschließen werden. Eine regionale Integration scheint in der nächsten Zukunft unwahrscheinlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In wenigen Tagen hat sich in den meisten Staaten Lateinamerikas die Gesundheitssituation dramatisch verschlechtert. In vielen Ballungszentren der Region sind die Krankenhäuser und Erste-Hilfe-Stationen überfüllt. Auch wenn die Zahlen wegen der unterschiedlichen Erhebungen schwer vergleichbar sind, ist doch der Trend klar: Die Zahl der Infizierten und damit Toten legt noch weiter zu. Das gilt auch für Staaten, wie Argentinien oder Peru, die bereits sehr früh mit harter Isolationspolitik reagiert haben. Es dürfte Länder wie Brasilien oder Mexiko noch heftiger treffen, deren Regierungen zögerlich reagierten und die Pandemie weiterhin herunterspielen.

Für die ganze Region gilt: Es zeigt sich, dass die Regierungen keine Pläne haben, wie sie mit der öffentlichen Gesundheitskrise und den wirtschaftlichen wie sozialen Folgen umgehen sollen. Die neu gewonnen Popularität, die einige Präsidenten zu Beginn der Krise aufbauen konnten – die könnte sich bald auflösen. So wie in Peru, wo die arbeitslosen Menschen trotz der strikten Isolationspolitik versuchen, aus den Städten zu fliehen, weil sie dort nicht mehr ihren Lebensunterhalt verdienen können.

In Brasilien agiert die Regierung chaotisch. Sie löst ständig neue politische Krisen aus, aber hat keinen nationalen Plan für den Notstand. Brasília hat die Krisenbewältigung weitgehend den Gouverneuren und Bürgermeistern überlassen. Auch in Mexiko hat die Regierung bisher keine Maßnahmen zur Linderung der Folgen für die Wirtschaft aufgelegt, dabei stürzt diese gerade heftig ab.

Angesichts der Hilfslosigkeit wenden die Regierungen die in Lateinamerika längst als überwunden geglaubten Rezepte an: Sie machen die Grenzen zu, stoppen jede regionale Zusammenarbeit. So ist Argentinien jetzt für weitere Integrationsverhandlungen aus dem Mercosur ausgetreten. Damit ist das Ende des Mercosur in der heutigen Form eingeleitet. Argentinien bewegt sich mit dem absehbaren Zahlungsstopp auf die Auslandsschulden damit wieder auf eine Isolation zu, wie bereits von 2002 bis 2015.

Unternehmen und Investoren sollten sich in Zukunft in Lateinamerika auf nationale, durch Zölle geschützte Märkte einstellen, mit der damit einhergehenden Bevorzugung und Subvention nationaler Unternehmen.

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Lateinamerika steht vor zwei entscheidenden Wochen

In Lateinamerika wird sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden, wie stark der Virus die Bevölkerung infizieren und wie hoch die Todesraten sein werden. Entscheidend ist, wie heftig die arme Bevölkerungsmehrheit betroffen sein wird. Die Anzeichen sind widersprüchlich. Die Finanzinvestoren haben ihre Entscheidungen bereits getroffen. Sie ziehen ihr Kapital ab.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Erst Anfang Mai wird in Lateinamerika mehr Klarheit darüber bestehen, wie stark die Bevölkerung vom Covid-19-Virus infiziert sein wird. Bisher finden die meisten Ansteckungen in den urbanen Zentren und vor allem in der Mittelschicht statt. Doch die Mittelschicht ist im Vergleich zu Europa klein und lebt in Lateinamerika stärker isoliert von der armen Bevölkerungsmehrheit. Deswegen bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie in den Armenvierteln des Kontinents auswirken wird. Einerseits gibt es lokale Krisenherde mit überlasteten Krankenhäusern und Bestattungsdiensten wie in Ecuadors Metropole Guayaquil oder der Amazonashauptstadt Manaus in Brasilien. Andererseits melden etwa die öffentlichen Gesundheitsdienste noch keine exponentielle Steigerung der Krankenfälle.

Das Problem ist in ganz Lateinamerika, dass die Regierungen ihre Öffnungspläne für die Wirtschaft kaum auf empirische Daten stützen können. Es gibt viel zu wenig Tests für repräsentative Erhebungen über die Krankenstände. Es ist illusorisch sie für die nächsten Wochen zu erwarten, wie einige Regierungen es immer wieder verkünden. Erst wenn die Kranken Kontakt mit den öffentlichen Gesundheitssystemen aufnehmen, dürften die Einschätzungen über die Auswirkungen der Corona-Krise realistischer ausfallen als bisher.

Die lokalen Investmentbanken beobachten sehr genau den Verlauf der Krise und veröffentlichen umfangreiche Analysen. Der Grund: Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist ein gewaltiger Risiko- und damit Kostenfaktor für ihre Kunden, die Investoren.

Die Mehrheit der Finanzinvestoren hat die Entscheidung aber bereits getroffen: Sie ziehen ihr Kapital aus lateinamerikanischen Bonds und Anleihen ab. Der Aktienindex der B3 in São Paulo, die Schlüsselbörse für die ganze Region – hat seit Jahresanfang in Dollar rund 50 Prozent verloren. Die Aussichten, dass diese Portfolio-Investoren bald wieder zurückkehren, sind gering. Der Tenor der Analysen der Investmentbanken: Es lohnt sich derzeit nicht für Investoren, das Lateinamerika-Risiko einzugehen. Dafür fallen die Erholungs- und Wachstumsaussichten für die Region mittelfristig zu schwach aus. Die wegen der Hilfsmaßnahmen und Steuerausfälle schnell steigenden Defizite und die Verschuldung der Staaten und Unternehmen werden die wirtschaftliche Erholung verzögern.

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Düstere Aussichten für das Wachstum in Lateinamerika

Lateinamerika wird durch die Corona-Krise wirtschaftlich schwer leiden. Das gilt jedoch nicht für alle Staaten: Die Andenstaaten sind besser gerüstet für die Erholung als etwa Mexiko und Brasilien. Dort drohen die Regierungen mit ihrer widersprüchlichen Politik die Krise noch zu verschärfen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Corona-Krise trifft in Lateinamerika auf einen wirtschaftlich bereits angeschlagenen Kontinent. Die neusten Prognosen etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank fallen entsprechend negativ aus: Lateinamerika insgesamt wird rund fünf Prozent an Wirtschaftskraft verlieren, also etwas stärker schrumpfen als die Weltwirtschaft insgesamt.

Die Krise wirkt sich unterschiedlich aus: Die drei größten Ökonomien Brasilien, Mexiko und Argentinien werden stärker von der Rezession betroffen sein und länger brauchen, um sie hinter sich zu lassen. Die Andenökonomien Chile, Peru und Kolumbien dagegen werden weniger hart unter den sinkenden Rohstoffpreisen, der Kapitalflucht sowie steigender Arbeitslosigkeit leiden. Ihr Wachstum wird sich 2021 vermutlich auch schneller wieder erholen als in den großen Volkswirtschaften. Wegen ihrer geringeren Haushaltsdefizite können die Andenländern stärker anti-zyklische Maßnahmen durchführen. Auch von der Erholung Chinas werden sie als Zulieferer nach Fernost bald profitieren können.

Die düsteren Prognosen der Institutionen aus Washington und der Investmentbanken für Brasilien, Mexiko und Argentinien liegt einerseits an deren bereits defizitären Haushalten und hohen Schuldenständen. Sie müssen sich noch stärker verschulden, um über Sozialhilfe die Not ihrer Bevölkerungen zu senken. Diese steigenden Schulden werden die zukünftigen Wachstumsaussichten belasten. Entsprechend verzögert fällt die Erholung für die drei Ökonomien aus. Sie werden im nächsten Jahr nur zwischen 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, so die Weltbank.

Negativ wirkt sich zudem aus, dass die Regierungen in Brasilien und Mexiko verlangsamt und widersprüchlich auf die Ausbreitung des Virus reagieren – gerade jetzt, wenn eine transparente und klare Politik gefragt ist, wie sie der IWF einfordert. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht das Risiko von politischen Fehlentscheidungen in den beiden größten Ökonomien als hoch an.

Das sind schlechte Aussichten für ganz Lateinamerika: Brasilien und Mexiko vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform – in die USA und weltweit.

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COVID-19 verwandelt die politische Landschaft Lateinamerikas

Politiker mit klaren Strategien gewinnen in der Corona-Krise an Popularität, Leugner verlieren an Rückhalt. Das größte Problem kommt aber noch: Der soziale Abstieg durch die wirtschaftliche Krise.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das Corona-Virus hat Lateinamerika vor einem Monat als eine der letzten Regionen weltweit erreicht – und es ist überraschend, wie schnell Präsidenten in kurzer Zeit ihre Popularität steigern können, wenn sie mit klaren Strategien gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen. Das zeigt sich in Peru, Chile und Argentinien.

In Peru etwa hat Präsident Martín Vizcarra direkt nach den ersten Infizierungen schon Mitte März das Land geschlossen und einen radikalen Lockdown verhängt. Vizcarras Popularität ist seitdem von 52 auf 87 Prozent gestiegen.

In Chile hat der unbeliebte konservative Präsident Sebastián Piñera eine schrittweise soziale Isolation eingeführt. Gleichzeitig hat er Hilfsmaßnahmen des Staates verordnet. Inzwischen konnte Piñera, der durch die Demonstrationen gegen seine Regierung und für eine neue Verfassung massiv geschwächt ist, seine Popularitätsrate fast verdoppeln auf 21 Prozent.

Auch in Argentinien schärft Alberto Fernández sein Profil als sozialer Macher mit einer klaren Quarantäne-Politik. Über 80 Prozent der Bevölkerung stehen hinter ihm. Seine Wahl gewann er vor fünf Monaten mit rund 50 Prozent der Stimmen.

Umgekehrt gilt: Wenn Präsidenten die Krise verleugnen, schönreden oder zögerlich reagieren – dann verlieren sie rasant an Rückhalt in der Bevölkerung. Das gilt unabhängig von der politischen Ausrichtung für die Populisten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko.

Der rechtspopulistische Bolsonaro hält die Brasilianer gegen den Rat seiner Minister und Experten weiterhin dazu an, zur Arbeit zu gehen. Der Virus sei nicht viel schlimmer als eine Grippe, behauptet er. Inzwischen haben fast alle Gouverneure das öffentliche Leben beschränkt. Jeden Abend kommt es zu lautstarkem Topfschlagen gegen den Präsidenten – auch in Wohngegenden, in denen die meisten für den ehemaligen Militär gestimmt haben. Die Popularität Bolsonaros steht mit 30 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt Anfang 2019.

Der linkspopulistische López Obrador hat bis vor wenigen Tagen die Mexikaner aufgefordert, in Restaurants zu gehen und sich möglichst viel zu umarmen. Doch inzwischen scheint er den Ernst der Lage erkannt zu haben. Am letzten Märztag hat er abrupt den nationalen Notstand ausgerufen. Seine Beliebtheit ist seit Anfang letzten Jahres von 78 auf jetzt 59 Prozent gesunken.

Dennoch können die Popularitätsraten sich schnell ändern. Denn die größte Herausforderung kommt jetzt erst auf die Regierungen zu. Die Krise erreicht einen wirtschaftlich angeschlagenen Kontinent. Die Präsidenten werden bald daran gemessen werden, wie sie mit den negativen sozialen Folgen umgehen werden. Sie müssen einen Weg finden, ihre neugewonnene Popularität auch dann zu halten, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zunehmen.

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