Die Region erlebt einen historischen Politikwechsel

Die neuen konservativ bis rechtspopulistischen Regierungen stehen ideologisch den USA näher als ihre linken Vorgänger. Gleichzeitig dürften sie kaum auf Europa als Akteur zwischen Washington und Peking verzichten wollen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Mit den Wahlen in Kolumbien und Peru hat sich ein politischer Trend bestätigt, der sich bereits seit mehreren Jahren abzeichnet. In Kolumbien gewann der konservative Strafverteidiger Abelardo de la Espriella die Stichwahl um das Präsidentenamt knapp gegen seinen linken Gegenkandidaten.

In Peru ist das Wahlergebnis zwar noch nicht offiziell bestätigt. Am Ausgang der Wahl bestehen jedoch kaum noch Zweifel. Nach aktuellem Stand dürfte Keiko Fujimori die Präsidentschaft übernehmen. Die Tochter des früheren Präsidenten Alberto Fujimori hat damit im vierten Anlauf den Sprung an die Spitze des politischen Systems geschafft.

Beide Kandidaten waren erfolgreich, weil sie im Wahlkampf einen harten Kurs gegen die organisierte Kriminalität ankündigten. Zugleich versprachen sie, den Staatseinfluss zurückzudrängen und private Investitionen zu fördern.

Damit ähneln Fujimori und de la Espriella programmatisch zahlreichen erfolgreichen Kandidaten der vergangenen Jahre. Von den letzten 15 Präsidentschaftswahlen in Lateinamerika wurden zwölf von Kandidaten gewonnen, die dem konservativen oder rechtsgerichteten politischen Lager zuzurechnen sind.

Nur in Brasilien und Mexiko – den beiden größten Volkswirtschaften der Region – befinden sich noch Regierungen an der Macht, die links der politischen Mitte stehen. Hinzu kommen Uruguay und Guatemala. Doch auch in Brasilien könnte bei den Wahlen in vier Monaten ein rechter Kandidat gewählt werden.

Lateinamerika erlebt damit erneut einen tiefgreifenden politischen Zykluswechsel. Nachdem seit Beginn der 2000er Jahre die sogenannte „rosa Welle“ linker und linksnationalistischer Regierungen die Region geprägt hatte, dominieren heute konservative und rechtspopulistische Kräfte die politische Landschaft.

Diese Entwicklung spiegelt auch gesellschaftliche Veränderungen wider. Umfragen zeigen seit Jahren eine zunehmende Verbreitung konservativer Wertvorstellungen in vielen Ländern der Region, vor allem auch unter jüngeren Wählern. Verstärkt wurde er durch den wachsenden politischen und gesellschaftlichen Einfluss evangelikaler Kirchen.

Das Spektrum der neuen Regierungen reicht dabei von wirtschaftsliberalen bis zu stark populistischen Projekten. Gemeinsam ist ihnen die Skepsis gegenüber einem ausufernden Staat sowie die Forderung nach mehr öffentlicher Sicherheit.

Der argentinische Präsident Javier Milei verfolgt dabei vor allem wirtschaftspolitische Ziele. Er will den Einfluss des Staates reduzieren, die öffentlichen Ausgaben senken und durch eine investorenfreundliche Politik Wachstum erzeugen.

Ganz anders gelagert ist der Schwerpunkt von Nayib Bukele in El Salvador. Seine Regierung konzentriert sich auf die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit. Für viele konservative Politiker der Region gilt Bukele inzwischen als Referenzmodell in der Kriminalitätsbekämpfung. Dem autokratisch regierenden Präsidenten gelang es, die Mordrate seines Landes innerhalb weniger Jahre drastisch zu senken. Heute ist er der populärste Staatschef Lateinamerikas.

Zwischen diesen beiden Polen – harter Sicherheitspolitik und wirtschaftlichem Liberalismus – bewegen sich die meisten der zuletzt gewählten Präsidenten. Es gibt vergleichsweise gemäßigte konservative Regierungen wie in Chile unter José Antonio Kast, in Paraguay unter Santiago Peña oder in Bolivien unter Rodrigo Paz. Daneben stehen stärker populistisch geprägte Führungsfiguren wie Milei in Argentinien, Bukele in El Salvador, die Bolsonaro-Familie in Brasilien oder de la Espriella in Kolumbien.

Trotz dieser Unterschiede markiert ihr Aufstieg eine gemeinsame politische Verschiebung: Die zentralen Themen der Region haben sich von Umverteilung und sozialer Inklusion hin zu Sicherheit, Ordnung und wirtschaftlicher Dynamik verlagert.

Diese politische Trendwende verändert auch die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa.

Einerseits werden die neuen Regierungen einen engen politischen Kontakt zu Washington suchen. Sie hoffen auf Investitionen, Finanzierungen und sicherheitspolitische Unterstützung bei der Bekämpfung organisierter Kriminalität.

Das Interesse ist durchaus gegenseitig. Donald Trumps neues Sicherheitskonzept für die westliche Hemisphäre setzt auf eine engere Zusammenarbeit mit den Staaten Lateinamerikas. Unter dem Dach des „Shield of the Americas“ entsteht eine sicherheits- und verteidigungspolitische Allianz, die den Einfluss der USA in der Region festigen soll. Gemeinsam wollen Washington und seine Partner gegen Drogenkartelle und organisierte Kriminalität vorgehen, Migrationsströme kontrollieren sowie den Einfluss Chinas und Russlands begrenzen.

Eine vorbehaltlose Anlehnung an die USA ist jedoch unwahrscheinlich. Trump hat mehrfach gezeigt, dass selbst enge Verbündete nicht vor Strafzöllen oder politischen Druckmitteln geschützt sind, wenn dies seinen innenpolitischen Interessen dient.

Genau hier eröffnet sich eine strategische Chance für Europa. Je stärker sich der geopolitische Wettbewerb zwischen den USA und China in Lateinamerika zuspitzt, desto attraktiver könnte ein dritter Partner werden, der weder hegemoniale Ansprüche erhebt noch die Region primär als sicherheitspolitisches Vorfeld betrachtet.

Als Investor und politisch berechenbarer Akteur könnte Europa seine Position in der Region trotz des politischen Trendwechsels sogar noch ausbauen.

Kolumbien
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Lateinamerika steht weiterhin wirtschaftlich überraschend stabil da

Die Geopolitik führt zu einer Aufwertung des Kontinents als Standort und Handelspartner. Durch die Handelsabkommen mit Mexiko und dem Mercosur hat die EU sich nun in Stellung gebracht.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Region zeigt sich zur Jahresmitte widerstandsfähiger, als es die politische und wirtschaftliche Unsicherheit in der Weltwirtschaft und Weltpolitik vermuten lässt. In keinem Land droht eine Rezession oder eine politische Krise.

Die Gründe für die Stabilität bei der Konjunktur sind jedoch von Land zu Land verschieden.

Brasilien und Kolumbien befinden sich im Wahlkampfmodus. Die Regierungen versuchen durch staatliche Ausgabenprogramme Stimmen zu gewinnen. Das hat kurzfristig das Wachstum erhöht. Die Sozialausgaben und Mindestlohnerhöhungen dürften aber mittelfristig nicht zu finanzieren sein, wodurch die Wachstumsprognosen für 2027 in beiden Ländern schwächer ausfallen.

In Argentinien und Peru dagegen wird die Konjunktur durch Exporte und Investitionen vor allem in Bergbau und Energie gestützt. Gemeinsam mit Chile werden die Volkswirtschaften nächstes Jahr mit Wachstumsraten von über drei Prozent in der Region am besten abschneiden.

Mexiko bleibt die Ausnahme: Dort verläuft die wirtschaftliche Entwicklung trotz gewisser Impulse aus dem Ausland weiterhin wechselhaft und deutlich unter dem Potenzial.

Aus mehreren Gründen fallen die Aussichten für die Region stabil aus.

So ist Lateinamerika ein strategischer Gewinner des globalen Umbruchs und der gegenwärtigen Konflikte. Als Lieferant kritischer Rohstoffe, Nahrungsmittel und Energie gewinnt die Region für Europa, die USA sowie China gleichermaßen an Bedeutung.

Lateinamerika verfügt über große Reserven an Kupfer, Lithium, Eisenerz, Silber, Bauxit und seltenen Mineralien, die für Energiewende, Digitalisierung und Rüstung benötigt werden. Chile und Peru liefern rund 40 Prozent des weltweiten Kupfers, Argentinien gehört zum Lithium-Dreieck.

Brasilien, Guyana, Argentinien verfügen über bedeutende Öl- und Gasvorkommen, deren Förderung zudem wächst. Das gilt auch für Venezuela, das seine Öl- und Gasproduktion erneut hochfährt. Gleichzeitig nutzt die Region einen der weltweit höchsten Anteile erneuerbarer Energien.

Brasilien und Argentinien gehören zu den wichtigsten Exporteuren von Soja, Mais, Zucker, Fleisch und anderen Agrarprodukten. Das Agrarpotenzial ist in ganz Südamerika hoch.

Im Vergleich zu Osteuropa, dem Nahen Osten oder Teilen Asiens gilt Südamerika trotz des wachsenden internen Sicherheitsproblems als konfliktarm. Das macht die Region für Investoren und Unternehmen attraktiv.

Die Region beginnt, von der Diversifizierung westlicher Lieferketten zu profitieren: Europa und die USA suchen Alternativen zu China und Russland. Gleichzeitig bauen aber auch China und andere asiatische Schwellenländer ihre Beziehungen zu den südamerikanischen Rohstoffexporteuren aus und investieren verstärkt in Infrastruktur.

Angezogen werden sie zudem von einem Markt mit rund 670 Millionen Menschen. Für europäische Unternehmen hat der Konkurrenzdruck in den großen Volkswirtschaften der Region deshalb deutlich zugenommen.

Mit den erneuerten Handelsabkommen mit Mexiko und dem Mercosur hat die EU nun ihre Verbindungen mit Lateinamerika gerade noch rechtzeitig gestärkt. Gerade für die Industrie verschaffen die Abkommen einen verbesserten Marktzugang und Standortbedingungen.

Während die USA unter Donald Trump weiter stärker auf Zölle und Protektionismus setzen und China seinen Einfluss in der Region ausbaut, haben europäische Unternehmen nun einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz in Lateinamerika. Gerade auch für kleine und mittlere Unternehmen in der Industrie ist das entscheidend.

Die Abkommen verschaffen der europäischen Industrie nicht nur einen besseren Marktzugang, sondern erleichtern auch den Zugang zu Rohstoffen und stabileren Lieferketten.

Politisch stehen in Südamerika wichtige politische Weichenstellungen bevor: In Peru, Kolumbien und Brasilien finden Präsidentschaftswahlen statt. Die drei Staaten vereinen rund die Hälfte der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft ganz Lateinamerikas. Noch ist offen, welche Kandidaten sich durchsetzen werden. In allen Staaten ist die Politik stark polarisiert. Dennoch haben die letzten Jahre gezeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung stärker abgekoppelt von der ideologischen Ausrichtung der Regierungen ist, als es im Wahlkampf erscheint.

Auch bei der wachsenden Einflussnahme der USA in Lateinamerika ist noch unklar, wie sie sich für die Zusammenarbeit mit Europa auswirken wird. Seit die US-Regierung Ende letzten Jahres ihre neue Sicherheitsstrategie für Lateinamerika verkündet hat, weitet Washington den Einfluss auf die Region spürbar aus. Die wachsenden Investitionen in Bergbau und kritische Mineralien belegen, dass Washington vorrangig den chinesischen Einfluss in Lateinamerika reduzieren will.

Wie das Beispiel Venezuela zeigt, zögert Washington nicht, auch militärisch vorzugehen, um seinen Einfluss durchzusetzen. Wie weit diese Strategie künftig auch europäische Unternehmen betreffen wird, bleibt offen.

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„Schlimm für die Welt – gut für Venezuela“

Zwei Monate nach der Entführung von Nicolás Maduro hoffen die Menschen in Venezuela, dass die USA unter Donald Trump das Land aus der ökonomischen und politischen Isolation führen werden. Für die deutsche Industrie bieten sich dadurch große Chancen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor zwei Monaten entführten US-Militärs den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau aus Caracas. Seitdem ist in Venezuela nichts mehr wie zuvor.

Die meisten Menschen wirken erleichtert. Es ist, als sei ein Spuk vorbei. Fast jeder versichert einem: „Trumps gewaltsame Aktion war richtig“, ohne Wenn und Aber. Von dem in Lateinamerika sonst so weit verbreiteten Anti-Amerikanismus ist nichts zu spüren. „Trumps Aktion war schlimm für die Welt, aber gut für Venezuela“, sagt ein europäischer Diplomat.

Die Unterstützung der US-Aktion in Venezuela reicht quer durch alle sozialen Schichten: Studentenführer, Abgeordnete, Gewerkschafter und Unternehmer. Aber auch die Bewohner der Barrios, der Slums, sind froh, dass Maduro verhaftet wurde und die Repression und Bevormundung ein Ende haben.

Heute sind die Colectivos, die bewaffneten Motorradmilizen des Regimes, verschwunden. In den Tagen nach Maduros Entführung haben sie noch drohend die Straßen dominiert. Auch sonst ist die Hauptstadt so sicher wie seit vielen Jahren nicht mehr – sicherer als die meisten anderen Städte in Südamerika. Vor einigen Jahren war Caracas noch die Stadt mit der höchsten Gewaltrate Südamerikas.

Die USA machen klar, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Im Wochenrhythmus reisen hochrangige US-Vertreter ins Land – jedoch nicht als Besucher oder Staatsgäste. „Sie treten auf wie Gouverneure, die eine Provinz besuchen”, sagt der Diplomat.

Fast jeder in Venezuela sagt, das Land stehe unter US-Vormundschaft, doch das scheint niemanden zu stören. Im Gegenteil. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass das Regime die Menschen nicht mehr so drangsalieren wird wie bisher und das Land endlich aus der ökonomischen und politischen Isolation herausfindet, in der es sich seit über einem Jahrzehnt befindet.

Doch selbst wenn die USA den Öffnungsprozess leiten und US-Konzernen Vorrang einräumen, gibt es auch für die deutsche Industrie außergewöhnliche Chancen.

Aus verschiedenen Gründen:

Erstens sind deutsche Unternehmen sind traditionell stark in der Infrastruktur des Landes vertreten. Das gilt vor allem für die Bereiche Strom, Chemie und Wasserversorgung. In diesen Bereichen wurde jahrelang kaum investiert. Doch die ursprüngliche Hardware in Kraftwerken, Raffinerien und Pumpstationen stammt zum großen Teil noch von deutschen Konzernen.

Zweitens: Vor dem Antritt der Linkspräsidenten vor 26 Jahren war Venezuela einer der wichtigen Standorte der deutschen Industrie in Südamerika. Von dort aus deckten die Unternehmen auch schwierige Nachbarländer wie Kolumbien oder Länder in Mittelamerika und der Karibik ab. Viele dieser Unternehmen sind bis heute mit kleinen Repräsentanzen vor Ort. Diese könnten jedoch schnell wieder ausgebaut werden.

Drittens: Derzeit steht der Ölsektor im Zentrum des Interesses der Investoren. Dort hat Venezuela beträchtliche Vorkommen vorzuweisen. Die Regierung hat eine umfassende Privatisierung gesetzlich vorbereitet. Unternehmen können künftig Öl fördern und exportieren, ohne dass der Staat daran beteiligt sein muss.

Zwar sind deutsche Unternehmen nicht als Ölmultis vor Ort. Als Zulieferer der Ölindustrie gibt es jedoch beträchtliche Marktchancen für sie, denn der Stromsektor Venezuelas muss nun rasant modernisiert werden. Nur dann kann auch Öl gefördert werden oder die anderen Ressourcen des Landes (Erze) genutzt werden. Strom ist dringend nötig, um die verarbeitende Industrie – etwa die Lebensmittelverarbeitung, die Agrochemie und die Pharmaindustrie – wieder zum Laufen zu bringen.

Ein Vergleich zeigt, wie enorm der Unterschied zwischen Nachfrage und Angebot in der Stromversorgung ist: Venezuela produziert heute etwa 80 Terawattstunden im Jahr. Das ist etwa so viel wie Niedersachsen. Dabei hat Venezuela statt acht rund 30 Millionen Einwohner und ist fast so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen.

Größere Blackouts werden nur vermieden, weil die Industrie des Landes völlig am Boden liegt. Steigt also der Stromverbrauch rasch an, würde das Energiesystem kollabieren.

Viertens: Deutsche Konzerne haben zudem aus anderen Gründen einen privilegierten Zugang zu Venezuela: In einigen Bereichen sind es die US-Filialen deutscher Konzerne, die die Anlagen und Maschinen nach Venezuela liefern würden. Das wäre angesichts der US-Kontrolle über den wirtschaftlichen und politischen Öffnungsprozess von Vorteil.

Fünftens: In Venezuela genießen deutsche Marken und Know-how einen guten Ruf. Für eine Erholung der venezolanischen Wirtschaft sind zudem Facharbeiter und Experten dringend nötig. Viele Ingenieure und Technokraten im Staatsapparat haben in Deutschland studiert oder die deutsche Schule in Caracas besucht. Das könnte Türen öffnen. In Venezuela ist wieder zu hören, dass das duale System die Möglichkeit bietet, die nötigen Facharbeiter innerhalb des bestehenden Hochschulsystems auszubilden. Die Universitäten des Landes haben zwar unter der fehlenden Unterstützung durch das Regime gelitten. Dennoch verfügen sie weiterhin über eine solide akademische Basis.

Wo liegen die Risiken?

Der Öffnungsprozess Venezuelas unter der Kontrolle der USA ist noch nicht garantiert. Niemand weiß, wann Wahlen stattfinden werden oder ob es nicht zu autoritären Rückschlägen kommen wird. Das Regime ist immer noch an der Macht, auch wenn die US-Regierung derzeit das Sagen hat.

Bisher beobachten Vertreter vor Ort ein spezifisches Problem deutscher Unternehmen in Venezuela. Es gibt eine Over-Compliance. Die Unternehmen fürchten, dass sie durch mögliche wirtschaftliche Verbindungen mit Venezuela Probleme mit den Sanktionen der USA bekommen könnten. Die Sanktionen gelten weiterhin. Um jedes Risiko zu vermeiden, blenden die Unternehmen die Marktchancen in Venezuela jedoch komplett aus, anstatt sie überhaupt zu prüfen, kritisieren lokale Vertreter das Verhalten der Mutterhäuser.

Dennoch gilt weiterhin: Venezuela ist ein korruptes Land. Gerade hat Transparency International Venezuela als das drittkorrupteste Land der Welt eingestuft.

Kurz: Die deutsche Industrie findet in Venezuela gute Ausgangsbedingungen in einem nach wie vor komplizierten Umfeld vor. Es wird jedoch entscheidend sein, wer in den nächsten Monaten die aufgestaute Nachfrage decken wird. Wer zu spät kommt, könnte das Nachsehen haben.

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Entwicklungen im Mercosur könnten das EU-Abkommen insgesamt infrage stellen

Gesetzesvorlagen für den Vertrag wurden in den Mercosur-Staaten in die Parlamente eingebracht. In Brasilien will der Agrarsektor Nachbesserungen und Argentinien hat zudem ein Handelsabkommen mit den USA beschlossen, das im Widerspruch zum Vertrag mit der EU steht.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die guten Nachrichten vorweg: Das argentinische Abgeordnetenhaus hat als erste Legislative im Mercosur das Abkommen mit großer Mehrheit angenommen. Über die Gesetzesvorlage muss nun auch im Senat abgestimmt werden. Damit ist der erste Schritt zur Ratifizierung des Abkommens zwischen der EU und der größten Wirtschaftsgemeinschaft Südamerikas, dem Mercosur, vollbracht.

Auch in den anderen Mercosur-Staaten Brasilien und Uruguay wurden entsprechende Gesetzesvorlagen in die Parlamente eingebracht. Paraguay will bald folgen. In Uruguay hoffen die Parlamentarier, die Vorlage bis Ende Februar zu genehmigen. Damit wäre ein wichtiger Schritt getan, um den Handelsteil des Abkommens in Kraft zu setzen.

Denn die EU könnte nämlich, das EU-Mercosur-Abkommen vorläufig anwenden, sobald der erste Mercosur-Staat das Ratifizierungsverfahren abgeschlossen hat. In Europa wurde das Abkommen, das am 17. Januar 2026 unterzeichnet wurde, nur vier Tage später erneut gestoppt. Am 21. Januar beschloss das Europäische Parlament, das Abkommen dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorzulegen, um prüfen zu lassen, ob es mit den EU-Verträgen und rechtlichen Standards vereinbar ist. Dieser Schritt verzögert die ausstehende abschließende parlamentarische Zustimmung um möglicherweise mindestens ein Jahr.

Dennoch stößt das Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur nun auch in Südamerika auf neuen Widerstand, der den Vertrag letztlich infrage stellen könnte.

So hat der brasilianische Kongress die von der Regierung geplante schnelle Ratifizierung abgelehnt. Eine Kommission aus Senat und Kongress will darüber entscheiden, ob für die Farmer im Mercosur ähnliche Schutzklauseln eingeführt werden sollen, wie sie die europäischen Farmer als Zusatzprotokoll in den Tagen vor der Unterzeichnung in das Abkommen einbringen konnten.

Dabei geht es unter anderem darum, dass die EU bei Exportmengen- oder Preisveränderungen von über fünf Prozent temporäre Schutzmaßnahmen aktiviert. Die südamerikanischen Farmer halten das bei den stark volatilen Agrargütern für unrealistisch und verlangen ebenfalls eine solche Schutzklausel.

Weitaus folgenschwerer für die Zukunft des EU-Mercosur-Vertrags könnte sich jedoch das gerade zwischen Argentinien und den USA abgeschlossene „Agreement on Reciprocal Trade and Investment (ARTI)“, also das Abkommen über gegenseitigen Handel und Investitionen, auswirken. Argentinien und die USA haben es am 5. Februar unterzeichnet. Es betrifft vor allem Zölle, Marktzugang, Regeln für Investitionen und regulatorische Vorschriften, die auch im EU-Mercosur-Abkommen eine wichtige Rolle spielen.

Geplant ist, dass Argentinien bereits ab März zahlreiche Produkte zollbefreit in die USA einführen darf, darunter auch sensible Agrarprodukte wie Rindfleisch. Die EU schützt diesen Zugang stark. Agrarimporte aus Südamerika sorgen im Vertrag mit der EU für massiven Widerstand bei den Bauern von Frankreich bis Polen.

Gleichzeitig dürfen US-Unternehmen zahlreiche industrielle Güter – darunter Pharma-, Fahrzeug- und Maschinenprodukte – zollbefreit nach Argentinien exportieren. Genau diese Märkte sind es, auf denen sich auch europäische Unternehmen durch das EU-Mercosur-Abkommen Handelsvorteile versprechen.

Auch US-Normen und -Standards sollen in Argentinien ohne weitere Prüfungen übernommen werden. Beim Zugang zu seltenen Erden und kritischen Mineralien erhalten nordamerikanische Unternehmen einen privilegierten Zugang in Argentinien. Auch hier hatte sich die EU mit dem Abkommen eine Bevorzugung erhofft.

Nun ist völlig unklar, ob ein bilaterales Abkommen zwischen Argentinien und den USA den Mercosur nicht sprengen könnte. Denn eigentlich muss die südamerikanische Wirtschaftsgemeinschaft nach ihren Statuten gemeinsam mit neuen Partnerländern verhandeln. Sie hat jedoch kürzlich die Zahl der möglichen Zollausnahmen für Argentinien ausgeweitet.

In Brasilien, das rund zwei Drittel der Wirtschaftskraft des Mercosur auf sich vereint, wird nun überlegt, wie Brasília auf den argentinischen Alleingang reagieren soll. Eine formale Kritik an Argentinien würde den libertären Präsidenten Javier Milei jedoch vermutlich kaum von seinem Öffnungskurs gegenüber den USA abbringen. Gleichzeitig gibt es in Brasilien auch Überlegungen, ob ein bilaterales Abkommen mit den USA nicht mehr Vorteile brächte als ein Abkommen im Mercosur.

Für den einflussreichen Ökonomen und ehemaligen Außenhandelssekretär Lucas Ferraz steht mit den jüngsten Entwicklungen die Existenz des Mercosur auf dem Spiel. Damit ist auch das Abkommen mit der EU plötzlich wieder unsicher.

Argentinien Schiff im Hafen
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2026: Ein Schlüsseljahr für Wirtschaft und Politik in Lateinamerika

Die wirtschaftlichen Prognosen für das kommende Jahr fallen stabil und leicht positiv aus. Auf politischer Ebene steht der Kontinent wegen mehrerer Wahlen vor einem Richtungswechsel. Zudem dürfte die Geopolitik einen noch stärkeren Einfluss ausüben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die wirtschaftlichen Aussichten für Lateinamerika sind stabil, wenn auch auf niedrigem Niveau. Nach einem schwachen zweiten Halbjahr 2025 sollte das Wachstum in der ersten Hälfte 2026 wieder anziehen, allerdings weiterhin unter dem Potenzial. Die gesamte Region dürfte im nächsten Jahr um 1,7 % wachsen (2025: 2,2 %). Aber kein Land wird in die Rezession rutschen, so die Erwartungen.

Ein positiver Ausreißer ist Argentinien. Die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas schneidet bei den Vorhersagen für 2026 am besten ab. Die Investmentbank JP Morgan rechnet mit 3,4 % Wachstum. Die Ökonomen begründen dies mit der erwarteten Erholung nach dem klaren Wahlsieg von Präsident Javier Mileis Partei bei den Zwischenwahlen.

Auch die Prognosen für Kolumbien (2,8 %), Chile (2,3 %) und Peru (3,1 %) sehen besser aus als der Durchschnitt. Kolumbiens Wirtschaft profitiert weiterhin vom politisch stimulierten Konsum. In dem Bergbauland Peru sorgen die hohen Preise für Erze und Rohstoffe für zusätzlichen Schub. Chile könnte 2026 von stabilen Investitionen unter einer wahrscheinlichen Mitte-Rechts-Regierung profitieren.

Für Brasilien und Mexiko, die in Lateinamerika die Plätze eins und zwei der größten Ökonomien belegen, fallen die erwarteten Wachstumszahlen schwächer aus. Brasilien wächst trotz expansiver Fiskalpolitik deutlich unter seinem Potenzial. Die mexikanische Wirtschaft stagniert dieses Jahr. Aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten über die USMCA-Freihandelszone wird das Wachstum vermutlich auch weiterhin begrenzt bleiben.

Politisch wird 2026 für die Region ein Schlüsseljahr

In fast allen großen Volkswirtschaften stehen Wahlen an. Ausnahmen sind Mexiko und Argentinien. Im März wird die neue Regierung in Chile antreten. In Peru wird im April und Mai gewählt, in Kolumbien gehen die Wähler Ende Juni zum ersten Mal an die Urnen, in Brasilien Anfang Oktober. Die Wahlergebnisse gelten als richtungsweisend für den wirtschaftspolitischen Kurs der Region.

Dabei ist nicht sicher, ob der zuletzt stattgefundene Rechts-Mitte-Trend anhalten wird, wie er in Argentinien, Ecuador und Bolivien zu beobachten war. In Brasilien und Kolumbien liegen derzeit linke Kandidaten vorn.

Grundsätzlich besteht die Tendenz, dass Amtsinhaber oder ihnen nahestehende Kandidaten abgewählt werden. Die Menschen sind unzufrieden mit den aktuell an der Macht befindlichen Politikern. Das prägt Wahlkämpfe durch stärkere Polarisierung. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit politischer Wechsel oder des Aufstiegs politischer Außenseiter.

Einen starken Einfluss hat die neue US-Strategie unter US-Präsident Donald Trump. In dessen zweiter Amtszeit verfolgen die USA einen deutlich aktiveren Kurs gegenüber Lateinamerika. Dabei ist schwer vorhersehbar, wie sich dieser Kurs mittelfristig auswirken wird. So wird etwa Argentiniens Präsident Milei vom Weißen Haus aktiv unterstützt. Zu Brasilien und Kolumbien haben sich unter Trump die Beziehungen hingegen zeitweise stark verschlechtert. Mit Venezuela steht Trump wortwörtlich auf Kriegsfuß.

Ebenfalls schwer einzuschätzen ist die Reaktion Chinas auf die nordamerikanische Offensive in Lateinamerika. Bisher hat sich China mit Kritik an Trumps Kurs in der Region öffentlich zurückgehalten. Inzwischen gewinnt Trump jedoch in mehreren lateinamerikanischen Ländern an Zustimmung – vor allem im wachsenden politischen Spektrum rechts der Mitte.

Die sechs wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas im Detail

Brasilien

In Brasilien dominieren die im Oktober 2026 stattfindenden allgemeinen Wahlen bereits den politischen Alltag. Sie erzeugen erhebliche politische und wirtschaftliche Unsicherheit, da völlig unklar ist, wer das Land ab Anfang 2027 regieren wird.

Die Regierung wird versuchen, ihre Ausgaben zu steigern, um den Wahlsieg des voraussichtlich erneut kandidierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu ermöglichen. Dieser fiskalische Impuls wird jedoch durch hohe Zinsen ausgebremst. Positiv ist, dass die Inflation weiter sinkt. Der Druck für strukturelle Reformen nimmt zu, doch das wird im Wahlkampf kein Thema sein.

Mexiko

Die Wirtschaft wird durch die bis Juli 2026 vorgesehene Revision des USMCA-Abkommens belastet. Die Regierung und die Notenbank verfolgen eine restriktive Finanz- und Geldpolitik. Dadurch wird verhindert, dass die Rating-Agenturen das Risiko des Landes erhöhen.

Positive Impulse kommen von der US-Nachfrage nach High-Tech-Gütern sowie von einem relativ robusten Konsum. Auch dieses Jahr fließen erneut ausländische Investitionen in rekordmäßiger Höhe nach Mexiko. Trotz der Unsicherheit, wie Trump gegenüber Mexiko verhandeln wird, bauen US-Unternehmen ihre Standorte im Land weiter aus.

Argentinien

Nach Mileis klarem Sieg bei den Zwischenwahlen sind wichtige Steuer- und Arbeitsmarktreformen politisch wahrscheinlicher geworden. Zumal die USA die Regierung auch weiterhin unterstützen wollen. Die Regierung kontrolliert weiterhin strikt die staatlichen Ausgaben. JP Morgan rechnet bis Ende nächsten Jahres mit einer Jahresinflation von 17 Prozent.

Für die Kontinuität des Kurses der Regierung wird entscheidend sein, ob die Kaufkraft der Bevölkerung über die Inflationsgewinne hinaus weiter zunimmt. Argentinien braucht dringend Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft, um die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Chile

Die Präsidentschaftswahl (José Antonio Kast versus Jeannette Jara) entscheidet über den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs des Landes in einem Umfeld von geringem Wachstum. Für 2026 wird ein Wachstum von 2,3 % erwartet, was für Chile viel zu wenig ist. Daneben dominiert das Thema der fehlenden Sicherheit die öffentliche Debatte. Die Wirtschaft rechnet unter der nächsten Regierung mit einem unternehmerfreundlichen Umfeld.

Kolumbien

Die Wahlen 2026 – der Kongress wird im März, die Präsidentschaft im Mai/Juni gewählt – finden in einem Klima von Unsicherheit, Gewalt und angespannten Beziehungen zu den USA statt. Die Regierung hat die Staatsausgaben kontinuierlich erhöht, sodass der kolumbianische Staat neben Brasilien nun das höchste Haushaltsdefizit in Lateinamerika hat. Private Investoren halten sich zurück. Die Sicherheitslage im Land hat sich verschlechtert.

Peru

Trotz der chronischen Regierungsinstabilität – sieben Präsidenten in acht Jahren – bleibt die Makroökonomie robust: Das Wachstum beträgt 3 %, die Inflation ist niedrig und die Preise für Kupfer, Gold und Silber sind hoch. Die Wahlen im Jahr 2026 bieten theoretisch eine Chance zur politischen Stabilisierung. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Das Parteiensystem bleibt zersplittert, ohne dass sich ein klarer Favorit abzeichnet.

Rio de Janeiro
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Trump bescherte Lateinamerika eine Kehrtwende in der Außenpolitik der USA

Die USA versuchen, ihren Einfluss in der Region wieder zu verstärken, um Chinas massives Engagement zurückzudrängen. Welche Auswirkungen das auf europäische Unternehmen haben wird, ist offen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor einem Jahr wurde Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt. Seitdem ist Lateinamerika nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder auf der politischen Agenda Washingtons. Trump agiert gegenüber Lateinamerika bisweilen unerwartet aggressiv, dann wieder unterstützend. So hat er etwa in wenigen Monaten mehrfach seine Haltung gegenüber einzelnen Regierungen, wie etwa Venezuela oder Brasilien, gewechselt.

Washingtons Aktionen fallen für jeden Staat Lateinamerikas anders aus. Für einige Regierungen, wie etwa die in Venezuela oder Kolumbien, ist der zunehmend feindliche US-Kurs existenziell bedrohlich. Andere Präsidenten wie Javier Milei in Argentinien unterstützt die US-Regierung dagegen massiv finanziell und politisch. Brasilien und Mexiko reagieren bisher geschickt auf Trumps Provokationen. Regierungen wie die in Ecuador versuchen jedoch auch, die Unterstützung der USA zu gewinnen und sie innenpolitisch zu nutzen.

Die US-Regierung betrachtet Lateinamerika aus der Perspektive der Monroe-Doktrin als Einflusssphäre der USA. Mit der Monroe-Doktrin erklärten die USA vor rund 200 Jahren, dass sie Lateinamerika kontrollieren würden und dort keine ausländischen Mächte duldeten. Mit dieser Doktrin rechtfertigten sie zuletzt im Kalten Krieg politische und militärische Eingriffe in die Staaten Lateinamerikas.

Ähnlich geht Trump jetzt wieder vor: Er lässt Marineeinheiten in der Karibik vor Venezuela kreuzen und vermeintliche Drogenboote abschießen. Er sorgt dafür, dass chinesische Anbieter ihre Positionen in Panamas Häfen aufgeben müssen. Über einen Sonderfonds des Finanzministeriums lässt er argentinische Peso aufkaufen, um den Wechselkurs zu stabilisieren.

Dies stellt einen abrupten Kurswechsel gegenüber der weitgehenden Vernachlässigung Lateinamerikas durch die US-Regierungen der letzten Jahrzehnte dar. Vor allem seit dem Scheitern der Verhandlungen zu einer Amerikanischen Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas – FTAA) im Jahr 2005 aufgrund des Widerstands der damals überwiegend links regierten Staaten Südamerikas hielten sich die USA vor allem politisch weitgehend aus der Region heraus.

China nutzte die Abwesenheit der USA, um in Lateinamerika Fuß zu fassen. Es ist inzwischen der wichtigste Handelspartner und Investor in der Region und hat einen wachsenden politischen Einfluss.

Trumps neuer Kurs gegenüber Lateinamerika lässt sich zu einem großen Teil mit dem Versuch erklären, Chinas Einfluss in der Region wieder einzudämmen. So forderte der US-Finanzminister Argentinien im Gegenzug für Stützungsmaßnahmen auf, die chinesische Kredithilfe zu kappen.

Dennoch hat Trumps Zollpolitik bisher keine größeren Auswirkungen auf das Wachstum in Lateinamerika: Die sechs wichtigsten Ökonomien der Region wachsen dieses Jahr und laut Prognosen für 2026 um 2 bis 3 Prozent.

Eine Ausnahme ist Mexiko, wo das Wachstum dieses Jahr auf 0,5 Prozent geschrumpft ist. Brasilien, das von den weltweit höchsten Zöllen der USA belegt wurde, konnte einen großen Teil seiner in die USA exportierten Produkte in andere Weltregionen umlenken. Das gilt vor allem für Kaffee und Rindfleisch.

Dennoch profitieren die beiden wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas von einem unerwarteten Investitionsschub ausländischer Unternehmen. Brasilien und Mexiko stehen auf der OECD-Liste der Staaten, die im ersten Halbjahr 2025 weltweit die meisten Auslandsinvestitionen erhalten haben, auf Platz 2 und 5 – vor China oder Indien.

Es sieht so aus, als ob Konzerne mit mehreren Standorten in Lateinamerika ihre Wertschöpfungsketten nun von Mexiko bis Brasilien neu gestalten wollen. Zudem hat der Handel zwischen Lateinamerika und Mexiko zugenommen.

Wie sich die neue US-Offensive in Lateinamerika auf die europäischen Interessen auswirken wird, ist jedoch völlig offen. Zwar scheinen die Aussichten für den Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens bis zum Jahresende gut zu sein. Doch unklar ist, wie stark die USA den Druck oder die Angebote an die südamerikanischen Mitgliedsstaaten erhöhen werden, um ein solches Freihandelsabkommen zu verhindern.

Das neue Interesse der USA bedeutet zudem eine veränderte Konkurrenzsituation: Bisher spüren europäische Unternehmen neben den US-Konzernen vor allem die chinesische Konkurrenz auf den lateinamerikanischen Märkten.

Wenn die US-amerikanischen Unternehmen jetzt mit Rückendeckung ihrer Regierung in Lateinamerika wieder verstärkt auftreten, werden sie automatisch auch zu stärkeren Konkurrenten. Wenn Washington strategisch Branchen unterstützt (Energie, Rohstoffe), dann wird es zu harten Auseinandersetzungen mit Chinas Unternehmen kommen. Europäische Konzerne werden dann von zwei Seiten unter Druck stehen.

Die US-Präsenz sollte man nicht unterschätzen. Die USA sind trotz ihrer zwei Jahrzehnte langen politischen Abwesenheit weiterhin ein bedeutender Investor und Handelspartner der Region. Beim Bestand ausländischer Direktinvestitionen liegen US-Konzerne mit europäischen Unternehmen in Lateinamerika etwa gleichauf.

Beim Handel ist das Volumen mit den USA jedoch deutlich größer, was vor allem am Austausch mit Mexiko liegt. Der Gesamthandel der USA mit Lateinamerika betrug im Jahr 2024 rund 365 Milliarden US-Dollar. Das Handelsvolumen zwischen Europa und Lateinamerika war mit rund 180 Milliarden Euro dagegen nur circa halb so groß.

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EU und Lateinamerika wollen dank Trump beim Freihandel Nägel mit Köpfen machen

Brüssel hat den Ratifizierungsprozess für die Handelsabkommen mit Mercosur und Mexiko eingeleitet. Die Chancen stehen gut, dies noch in diesem Jahr zu schaffen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Am 6. Dezember 2024 wurden die Verhandlungen über das Abkommen zwischen dem Mercosur und der EU abgeschlossen. Die EU-Kommission hat sich nun das ehrgeizige Ziel gesetzt, das Abkommen noch bis Ende des Jahres ratifizieren zu lassen.

Zu diesem Zweck leitete sie die Vertragstexte für die Vereinbarungen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay an die Regierungen der EU-Staaten und das Europäische Parlament weiter.

Um sicherzustellen, dass die nötige Stimmmehrheit zustande kommt, hat die Kommission den Handelsteil vom politischen Rahmen getrennt: Als reines Handelsabkommen kann es mit einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedstaaten beschlossen werden. Dazu ist die Zustimmung von mindestens 15 der 27 Mitgliedstaaten notwendig, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Das komplette Abkommen würde auch die Ratifizierung durch die Parlamente der Mitgliedstaaten benötigen, was jedoch kaum realistisch scheint.

Brüssel erhofft sich, nach einem Vierteljahrhundert Verhandlungen den endgültigen Abschluss des Abkommens zu ermöglichen, das den größten Freihandelsraum der Welt mit mehr als 715 Millionen Menschen schaffen könnte.

Die erratische Zollpolitik der Trump-Regierung hat den Einigungsprozess deutlich beschleunigt. Denn beide Regionen sind von den Zollerhöhungen der USA stark betroffen.

Zuletzt kam die EU auch den Gegnern und Kritikern des Abkommens deutlich entgegen. Zu den Gegnern zählen vor allem Frankreich und Polen, aber auch Italien, Österreich und die Niederlande haben immer wieder erklärt, dass sie gegen ein Abkommen mit dem Mercosur sind.

Vor allem die Bauern in diesen Staaten stemmen sich gegen ein Abkommen mit den Agrarexporteuren aus Südamerika, da sie um ihre geschützten Märkte fürchten. Die Industrie, Banken und Dienstleister in Europa hingegen sind in der ganzen EU weitgehend für das Abkommen.

Doch jetzt hat die EU noch einmal deutlich gemacht, dass sie auch künftig nur geringe Mengen lateinamerikanischer Agrargüterimporte zulassen wird. So dürfen beispielsweise jährlich nur 99.000 Tonnen Rindfleisch zu einem reduzierten Zollsatz von 7,5 Prozent in die EU importiert werden. Das entspricht 1,5 Prozent des europäischen Konsums. Bei Mengen, die darüber hinausgehen, wird weiterhin eine deutlich höhere Importabgabe fällig. Das Gleiche gilt für Geflügel.

Darüber hinaus hat die Kommission versprochen, halbjährlich zu analysieren, ob es bei Agrargütern infolge des Abkommens zu Marktverwerfungen kommt, etwa zu einem Preisrückgang oder einem Importanstieg von über zehn Prozent. Sollte es dazu kommen, gibt es einen Schutzmechanismus, der unter anderem die Wiedereinführung von Quoten vorsieht. Zudem will die EU einen Fonds in Höhe von 6,3 Mrd. Euro schaffen. Er soll Landwirte unterstützen, die infolge von Marktverzerrungen unter Druck geraten.

Ob diese Zugeständnisse ausreichen werden, um die Gegner zu überzeugen, ist noch nicht garantiert. Polen und Frankreich haben jedoch angedeutet, dass sie sich nicht mehr gegen den Vertrag stemmen würden. Italien und Österreich wollen noch prüfen.

Zeitgleich hat die EU auch das Ratifizierungsabkommen für das laufende Abkommen mit Mexiko vorgelegt. Für dieses wurde eine Vertiefung und Modernisierung ausgehandelt.

Die geostrategische Signalwirkung eines regelbasierten Abkommens für eine Freihandelszone zweier Wirtschaftsgemeinschaften ist groß: Brüssel will damit zeigen, dass es wieder in der Lage ist, Handelsabkommen abzuschließen. Mehr als sechs Jahre lang ist dies nicht gelungen.

Auch die Potenziale für den Handel und Investitionen in beiden Regionen sind beträchtlich: Die EU-Kommission schätzt, dass das Abkommen die jährlichen EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent (49 Milliarden Euro) steigern kann und somit mehr als 440.000 Arbeitsplätze in ganz Europa unterstützt. Besonders große Chancen werden für die Autoindustrie, den Maschinenbau, die Chemie- und die Pharmabranche gesehen.

Die lateinamerikanischen Partnerländer erhoffen sich vor allem Direktinvestitionen und Kredite aus Europa, um Teil der industriellen Wertschöpfungsketten zwischen Europa und Lateinamerika zu werden. Für den Standort Mercosur und Mexiko sprechen eine Vielzahl wichtiger Rohstoffe, nachhaltige und konventionelle Energiequellen sowie Humankapital.

Nun ist es wichtig, dass das Abkommen auch in den lateinamerikanischen Parlamenten angenommen wird. In der Region selbst sind die Reaktionen auf die Nachrichten aus Brüssel bisher verhalten ausgefallen.

Doch vor allem Brasilien, das den Mercosur dominiert, hat ein großes Interesse an einem Abschluss: Trump hat Brasilien gerade mit Rekordzöllen von 50 Prozent belegt. Die brasilianische Industrie und Landwirtschaft suchen dringend neue Auslandsmärkte.

European Union
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Lateinamerika ist besorgt über die politische Einflussnahme Trumps

Noch ist unklar, wohin die Zollpolitik der USA gegenüber der Region letztendlich führen wird. Auch die Zukunft der EU-Freihandelsabkommen mit Lateinamerika ist offen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Bis vor kurzem hofften viele Regierungen in Lateinamerika, dass sie weniger unter den US-Zollerhöhungen leiden würden als andere Regionen weltweit.

Einerseits verzeichnen die USA mit den fünf wichtigsten Ökonomien Südamerikas Handelsbilanzüberschüsse. Die Ausnahme ist Mexiko, mit dem die USA ein großes Defizit erwirtschaften. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region ist jedoch durch das Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada verbunden. Das USMCA – das ehemalige NAFTA-Abkommen – wurde in Trumps erster Regierungszeit neu ausgehandelt und 2018 verabschiedet.

Tatsächlich wurden die Zollerhöhungen für Exporte aus Lateinamerika in die USA weniger stark erhöht als befürchtet. So gilt für viele Länder weiterhin der seit dem 1. April gültige Einfuhrzoll von 10 Prozent.

Das betrifft etwa die meisten mittelamerikanischen Staaten, die stark von den USA abhängig sind. Aber auch Rohstoffexporteure wie Peru und Chile profitieren davon, dass Kupferexporte (Erz, Kathoden) in die USA zollbefreit bleiben, was erst nachträglich verkündet wurde.

Völlig offen ist hingegen die Lage in Brasilien und Mexiko. Das ist bedeutsam für den Doppelkontinent: Mexiko liegt mit seiner Wirtschaftskraft dieses Jahr erstmals vor Kanada und ist damit nach den USA und Brasilien die drittgrößte Volkswirtschaft der Amerikas.

Mexiko konnte den für den 1. August 2025 angekündigten Zollsatz von 30 Prozent vorläufig vermeiden. Die USA haben eine Frist bis Ende Oktober zugestanden, um über eine weiterreichende Vereinbarung zu verhandeln. Seit dem 4. März 2025 erhebt die US-Regierung 25 Prozent Zölle auf mexikanische Importe, die nicht unter das USMCA-Abkommen fallen. Das betrifft etwa die Hälfte der mexikanischen Exporte in die USA. Produkte, die den USMCA-Regeln entsprechen (etwa Pkw), sind bislang von den Zöllen ausgenommen.

Mexikos Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum ist es bisher gelungen, gegenüber Trump eine Deeskalationsstrategie zu verfolgen. So schickte sie 10.000 Soldaten zur Grenzüberwachung und verstärkte die Maßnahmen gegen den Fentanyl-Schmuggel an Mexikos Nordgrenze. Es bleibt jedoch weiterhin offen, wie Trump sich im Fall Mexikos entscheiden wird. Das Land ist eng mit den USA verbunden: 80 Prozent seiner Exporte gehen nach Norden. Viele US-Konzerne produzieren in Mexiko. Den Handelspartner Kanada, mit dem ebenfalls das USMCA-Abkommen besteht, bestrafte Trump beispielsweise mit einem Zoll von 35 Prozent – vor allem wegen der geplanten Anerkennung eines palästinensischen Staates.

Auch im Fall von Brasilien hat Trump seine Drohung mit Rekordzöllen an politische Forderungen geknüpft: Das Land soll das Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro wegen dessen möglicher Beteiligung an einem Staatsstreich sofort einstellen. Die brasilianische Regierung weigerte sich, dieser Forderung nachzukommen. Deshalb belegten die USA brasilianische Einfuhren mit dem Rekordsatz von 50 Prozent. Gleichzeitig nahm die Regierung jedoch knapp die Hälfte der brasilianischen Importwaren von der Erhöhung aus. Fast alle der wichtigsten Exportartikel aus Brasilien werden nun nur noch mit zehn Prozent besteuert, darunter Flugzeuge von Embraer, Öl, Orangensaft und Stahlprodukte. Für andere wichtige Exportprodukte wie Kaffee, Rindfleisch, Ethanol oder Zellulose gelten ab sofort 50 Prozent.

Der unmittelbare Schaden für die Region fällt den Prognosen zufolge geringer aus als erwartet. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) rechnet mit einem Wachstum der Ökonomien in der Region um 2,2 Prozent und damit mit einem etwas höheren Wert als noch im April prognostiziert. Der IWF senkte jedoch die Prognose für das Wachstum Lateinamerikas und der Karibik für dieses Jahr von 2,4 auf 2,0 Prozent. Der Fonds warnt vor „Abwärtsrisiken durch Handelsunsicherheit, Zölle, Volatilität in den Lieferketten und Rohstoffpreisen”. Laut Moody’s könnte bei einem drastischen Anstieg der US-Zölle (etwa auf 20 Prozent) eine Rezession in Lateinamerika drohen, von der sich die Region erst ab 2028 erholen würde. Eine Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen Washington und Brasilien, Mexiko oder Kolumbien aus politischen Gründen kann jeden Moment stattfinden.

Schwer einzuschätzen ist, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit lateinamerikanischer Exporte auf Drittmärkten durch die US-Zollpolitik verändern wird: So haben asiatische Staaten ihre Märkte für US-Produkte geöffnet. Ähnliches könnte bei Chinas Verhandlungen mit den USA geschehen. Lateinamerikanische Produkte könnten es dann auf diesen Märkten schwerer haben. Das Gleiche gilt für Investitionen, die jetzt unter Berücksichtigung der neuen Bedingungen in den USA dorthin umgeleitet werden – möglicherweise zu Lasten der Direktinvestitionen in Lateinamerika.

Unklar ist auch, wie sich die US-Zollpolitik auf die bilateralen Freihandelsabkommen der EU mit Lateinamerika auswirken wird. Dies betrifft sowohl die bestehenden als auch die neu verhandelten Verträge mit Chile oder Mexiko sowie das Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur, das noch dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Zwar dürfte das Interesse der Industrie in der EU und der Unternehmen in Lateinamerika zunehmen, den gegenseitigen Marktzugang zu erleichtern. Doch nun hat die EU gegenüber den USA Zusagen für Energieimporte und Investitionen gemacht, auf die ähnlich auch die lateinamerikanischen Staaten hoffen.

Zudem gilt in den Außenbeziehungen zwischen der EU und den mit ihr verbundenen Staaten in Lateinamerika weiterhin das Prinzip der Meistbegünstigungsklausel: Gewährt die EU den USA einseitig bessere Zollkonditionen (z. B. niedrigere Zölle auf Autos, Agrarprodukte, Maschinen) ohne ein Freihandelsabkommen, dann gilt grundsätzlich die WTO-Meistbegünstigungspflicht. In diesem Fall könnten auch Mercosur-Staaten oder andere Partnerländer in Lateinamerika dieselben Zollvergünstigungen verlangen.

Andererseits fürchten lateinamerikanische Industrie- und Konsumgüterunternehmen, dass weltweit agierende Konzerne versuchen könnten, ihre in die USA blockierten Exporte in andere Regionen umzuleiten – das wachsende Lateinamerika wäre ein interessanter Markt.

Containerskulptur Le Havre
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Energie vom Acker – Brasiliens Stärke in Zeiten schwankender Ölpreise

Fast ein Drittel seiner Energie produziert das Land in der Agrarwirtschaft. Das macht es zu einem attraktiven Standort für nachhaltige Wertschöpfung.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In den letzten Tagen wächst angesichts der Kriege im Nahen Osten auch in Lateinamerika die Sorge, dass der Ölpreis wieder historische Höhen erreichen könnte. Für die Weltkonjunktur wäre das schlecht, denn steigende Ölpreise würden die Inflation anheizen. Die Zentralbanken wären gezwungen, die Zinsen anzuheben. Die Folge wäre eine Stagnation der Weltwirtschaft bei hoher Inflation.

In Brasilien werden diese Szenarien weniger dramatisch gesehen als in Europa oder Asien, die von Ölimporten abhängig sind. Das liegt einerseits daran, dass Brasilien selbst ein großer Ölproduzent ist. Brasilien steht auf Platz 10 unter den weltweiten Ölexporteuren.

Andererseits deckt die eigene Landwirtschaft Brasiliens Energienachfrage. 30 Prozent der in Brasilien verbrauchten Energie in Form von Strom oder Treibstoff stammen von den Farmen. Das ist weltweit selten. Nur Thailand und die skandinavischen Staaten haben ähnlich hohe Anteile von Agrarenergie in ihren Energiesystemen. In Deutschland stammen lediglich rund acht Prozent der Energie aus Biogasanlagen. In Südamerika ist Uruguay ähnlich weit fortgeschritten.

Gerade ist eine entsprechende Untersuchung des Observatório de Bioeconomia der Fundação Getulio Vargas (FGV) in São Paulo erschienen. Dort werden Ethanol und Biodiesel aus Zuckerrohr, Mais und Soja als Treibstoffe beigemischt oder pur genutzt. In Brasilien wird ab August eine Beimischung von 20 Prozent Ethanol zu Benzin (E20) und von 15 Prozent Biodiesel zu Diesel (B15) landesweit vorgeschrieben sein.

Die Zuckerkonzerne verbrennen zudem Biomasse und speisen sie ins Stromnetz ein. Die Fabriken könnten heute so viel Strom erzeugen wie ganz Argentinien. In Biogasanlagen wiederum werden organische Abfälle zu Gas verarbeitet.

Der Anteil der Energie vom Acker wird noch zunehmen. Die zweite Generation der Ethanolproduktion steht jedoch erst am Anfang. Dabei werden Enzyme genutzt, um die Fasern des Zuckerrohrs zur Ethanolgewinnung zu verwenden. Auch die Ethanolproduktion aus Mais wächst rasant. Die ersten Pilotprojekte zur Produktion von SAF (Sustainable Aviation Fuel), also nachhaltig gewonnenem Treibstoff für Flugzeuge, sind angelaufen. Das wichtigste Ziel der Landwirtschaft wird es sein, den immer noch hohen Dieselverbrauch durch nachhaltig gewonnene Treibstoffe zu ersetzen.

Immer mehr Agrarbetriebe speisen ihren Strom direkt ins Netz ein oder werden mithilfe von Solarpaneelen energieautark. Dadurch werden sie auch bei der Entwicklung von grünem Wasserstoff eine Rolle spielen. Die Untersuchung der FGV zeigt, dass rund 60 Prozent der gesamten nachhaltig gewonnenen Energie in Brasilien aus der Landwirtschaft stammen.

Jedoch wird in Europa die nachhaltige Energieautonomie Brasiliens bisher kaum als Standortvorteil wahrgenommen. Das ist erstaunlich, denn angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen wird sie zu einem immer wichtigeren Standortfaktor.

Europa erlebt gerade erneut, wie abhängig es von ausländischer Energiezufuhr ist – sei es russisches Erdgas oder Öl aus dem Nahen Osten. Seit den „Ölkrisen“ vor einem halben Jahrhundert ist es Europa nicht gelungen, seine Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren.

Brasiliens Pionierrolle bei der Energiegewinnung bleibt in Europa weitgehend unbeachtet. Mit dem Argument des mangelnden Naturschutzes, etwa beim Amazonas-Regenwald, werden die Fortschritte Brasiliens bei der Energiegewinnung aus Agrarrohstoffen oftmals einseitig betrachtet – und das Potenzial übersehen. China etwa sieht das anders und ist sehr daran interessiert, Teile des brasilianischen Agrar-Energie-Systems für sich zu adaptieren.

sugarcane
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Wächst Südamerikas Infrastruktur jetzt endlich zusammen?

Der Hafen Chancay in Peru könnte Impulsgeber für die Entwicklung grenzüberschreitender Infrastruktur werden. Chinesische Investitionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Wenn sich Trucks von den Metropolen Brasiliens nach Westen zu den Pazifikstädten Perus oder Chiles auf den Weg machen, dann brauchen sie viel Zeit. Auf dem Landweg gibt es nur zwei oder drei Verbindungen über Fernstraßen, die jeweils etwa 3.500 Kilometer lang sind. Nach Süden geht es über Argentinien nach Mendoza und über die Anden zum chilenischen Hafen Valparaíso. Weiter nördlich führt eine Straßenverbindung durch Bolivien zu den peruanischen Häfen. Die reine Fahrtzeit beträgt im besten Fall 45 bis 50 Stunden.

Dabei müssen die Fahrzeuge Pässe von über 4.000 Metern Höhe überwinden oder durch Routen im Amazonasgebiet fahren, die mehrere Monate im Jahr in der Regenzeit nicht befahrbar sind. Wenn der Grenzübergang in den Anden kurz hinter Mendoza zugeschneit ist, müssen die 1.300 Lkw, die den Pass täglich überqueren, mitunter mehrere Tage warten, bis der Schnee geräumt ist. Auch auf der Route durch Bolivien können Unfälle die Fahrtdauer deutlich erhöhen. Die alternative, aber längere Route, die Brasilien und Peru direkt verbindet, wird kaum benutzt. Zudem sind die Grenzübergänge teilweise nachts geschlossen.

Noch immer teilen die Anden und die Amazonasregion den Kontinent in zwei Hälften und stellen kaum überwindbare Hindernisse dar. Doch das könnte sich nun erstmals ändern. Brasilien arbeitet derzeit intensiv an fünf „biozeanischen Korridoren“ zwischen den Staaten. Dabei handelt es sich um große Straßen-, Fluss- und Schienenprojekte in unterschiedlichen Phasen der Planung und Umsetzung.

Mit der Ende 2023 gestarteten Initiative „Rotas da Integração Sul-Americana” soll einerseits die Agrarregion Brasiliens im Westen des Landes an den Pazifik angeschlossen werden.

Am aussichtsreichsten sieht derzeit die „Amazonas-Route” aus. Dafür sollen die vorhandenen Flusswege nach Peru und Kolumbien genutzt werden. In den Ländern soll dann das Soja per LKW zu den Häfen am Pazifik transportiert werden. Zwei andere Routen sollen andererseits die Agrar- und Industrieregionen des brasilianischen Südens und Südostens an die Häfen Chiles und Perus binden.

Die Pläne dafür gibt es schon lange. Die unendlichen Hürden, die hohen Finanzierungskosten sowie die unterschiedlichen Regularien der beteiligten brasilianischen Bundesstaaten und Nationalstaaten haben die Umsetzung der ambitionierten Projekte bisher verhindert.

Neu sind jedoch die stark angestiegenen Handelsströme Südamerikas nach Fernost. Heute handelt Südamerika deutlich mehr mit Asien als mit Europa oder den USA. Chinesische Konzerne und südamerikanische Farmer würden deshalb gern den Transport von Agrargütern zwischen Südamerika und Asien beschleunigen und vereinfachen.

Derzeit benötigt ein Containerschiff vom brasilianischen Hafen Santos aus im besten Fall 35 Tage bis nach China. Die Route führt um das Kap der Guten Hoffnung an Afrika vorbei. Der Weg über den Panama-Kanal ist teurer.

Einen neuen Schub könnte nun der gerade eröffnete Hafen Chancay nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima auslösen. Die chinesischen Investoren und Betreiber des Hafens wollen ihn über die Anden und durch den Regenwald mit allen Staaten verbinden – per Schiene, Fluss und Straße.

Denn je mehr Waren der Kontrolleur Cosco durch den Hafen verschifft, desto schneller rechnet sich die Investition von 3,5 Milliarden Dollar. Die Konkurrenz schläft schließlich nicht. Auch die anderen Pazifikhäfen in Chile (San Antonio, Valparaíso), Kolumbien (Buenaventura), Peru (Callao) und Ecuador (Guayaquil) investieren derzeit, um die Nachfrage nach Asientransporten zu decken.

Doch hinter Chancay steht mit China ein finanzkräftiger Investor. Der Hafen und die anderen chinesischen Infrastrukturprojekte in den Pazifikländern werden von Peking aus über die Belt and Road Initiative (BRI) finanziert. Nun ist auch Kolumbien der Seidenstraßen-Initiative Chinas beigetreten. Unter den großen Staaten Lateinamerikas sind nur noch Brasilien und Mexiko nicht Teil der chinesischen Infrastruktur-Initiative.

Das hat den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva jedoch nicht davon abgehalten, vor wenigen Tagen in Peking die Finanzierung eines Schienenwegs durch den Amazonas zu den brasilianischen Agrargebieten zu diskutieren.

Für die Wirtschaft Südamerikas würde eine bessere Integration einen wichtigen Produktivitätsschub mit sich bringen. Der Grund: In Lateinamerika und der Karibik lag der Anteil des intraregionalen Handels im Jahr 2022 bei nur etwa 15 Prozent. Zum Vergleich: In Europa und Asien sind die intraregionalen Handelsanteile mit 69 bzw. 56 Prozent deutlich höher.

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