Steht Bolivien vor einer Phase politischer Instabilität?

Das Land verfügt über die größten Lithiumreserven der Welt. Doch westliche Unternehmen kommen bislang nicht zum Zug. Konzerne aus China und Russland sind weiter. Nun könnte Bolivien Teil der BRICS werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Bolivien galt lange als das Land der chronischen Militärputsche. Seit 1950 war das Militär an 23 Staatsstreichen beteiligt. Doch seit fast zwanzig Jahren hatten sich die Streitkräfte des Andenlandes weitgehend aus der Politik zurückgezogen. Mit dem mutmaßlichen Putschversuch letzte Woche haben sie sich als politischer Akteur zurückgemeldet.

Grund dafür ist das politische Vakuum, das seit rund zwei Jahren in Bolivien herrscht. Präsident Luis Arce und der mehrfache Ex-Präsident Evo Morales liefern sich einen erbitterten Machtkampf. Beide sind langjährige Weggefährten: Arce war von 2006 bis 2019 Wirtschafts- und Finanzminister unter Präsident Morales.

Nun wollen beide bei den Wahlen im August nächsten Jahres erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Für Morales wäre es das dritte Mal, was ihm die Verfassung verbietet. Bereits als Präsident hatte er die gesetzlichen Beschränkungen für eine Wiederwahl mehrfach zu seinen Gunsten ändern lassen und so 13 Jahre regieren können.

Doch 2019 scheiterte Morales mit dem Versuch, sich wiederwählen zu lassen. Es hieß, die Wahlen seien manipuliert worden. Die Bevölkerung protestierte. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen. Das Militär forderte Morales auf, das Land zu verlassen. Morales floh ins Exil. Morales und seine Partei Movimento al Socialismo (MAS) betrachten die damalige Amtsenthebung als Putsch.

Nach der Wahl seines Nachfolgers Arce kehrte Morales jedoch nach Bolivien zurück und kündigte an, 2025 erneut zu kandidieren. Präsident Acre wiederum argumentiert, nur er könne als legitimer Kandidat antreten.

Seitdem schadet der Streit der einstigen Weggefährten Bolivien zunehmend – politisch wie wirtschaftlich.

Morales gelingt es, mit seiner starken Basis in der MAS die Regierung im Kongress zu blockieren. So kann Präsident Arce keine Kreditverträge mit Entwicklungsbanken unterzeichnen und vom Kongress ratifizieren lassen. Dem Land gehen die Dollars aus. Einst wichtige Devisenbringer und Steuerquellen wie die Erdgasindustrie produzieren immer weniger. Seit Jahren wird immer weniger in die Förderung investiert.

Russland und China wollen von der instabilen Lage profitieren. Konzerne aus beiden Ländern haben im vergangenen Jahr Konzessionsverträge mit dem staatlichen bolivianischen Lithiumkonzern vereinbart. Rund 1,5 Mrd. Dollar wollen die Unternehmen in Bolivien investieren.

Für Russland ist die Investition strategisch wichtig: Es wäre für Moskau die einzige potenzielle Bezugsquelle für Lithium weltweit. China hingegen hat bereits in zahlreiche südamerikanische Lagerstätten und die Lithiumproduktion in Argentinien, Chile und Brasilien investiert.

China und Russland wollen Bolivien nun auch politisch stärker an sich binden: Beide Staaten werden sich dafür einsetzen, dass Bolivien neues Mitglied der BRICS in Südamerika wird, also des von China dominierten Staatenbundes des „Globalen Südens“, hieß es. Bolivien ist bereits Teil der chinesischen Belt-and-Road-Initiative.

Argentinien unter Präsident Milei hat die angebotene BRICS-Mitgliedschaft abgelehnt. Bolivien wäre der Ersatzkandidat. Es zeichnet sich ab, dass China und Russland die politische Krise in Bolivien nutzen werden, um ihre Präsenz dort auszubauen.

In Lateinamerika gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie gewählte Präsidenten schnell aus dem Schatten ihrer politisch gleichgesinnten Vorgänger traten und deren Politik ganz anders fortsetzten als erwartet.

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Mexiko vor ungewisser Zukunft mit Claudia Sheinbaum

Die künftige Präsidentin Mexikos mit ihrer Partei wird mehr Macht haben als die meisten Präsidenten vor ihr. Auf diese Machtfülle reagieren die Finanzmärkte nervös. Deutsche Firmen setzen weiter auf das Land.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wahlen in Mexiko waren das mit Abstand wichtigste politische Ereignis in Lateinamerika in diesem Jahr – das gilt auch für die deutsche Wirtschaft. Zum einen geht es um die nach Brasilien größte Volkswirtschaft der Region, mit der der Handel – anders als mit den meisten Staaten Lateinamerikas – jährlich stark wächst.

Zum anderen ist Mexiko in den letzten Jahren für deutsche Unternehmen zu einem immer wichtigeren Standort in Lateinamerika geworden. Der Grund: Durch die Einbindung in das Freihandelsabkommen USMCA mit den USA und Kanada haben Unternehmen von Mexiko aus Zugang zum größten Binnenmarkt der Welt. Der Außenhandel zwischen Mexiko und den USA ist mit über 800 Mrd. US-Dollar der größte der Welt. Mexiko hat China als wichtigsten Lieferanten für den US-Markt überholt.

Nach Umfragen der Deutsch-Mexikanischen Außenhandelskammer beurteilen mehr als die Hälfte der Mitgliedsunternehmen ihre wirtschaftliche Lage als gut. Drei Viertel wollen ihre Investitionen in den nächsten zwölf Monaten erhöhen oder auf gleichem Niveau halten.

Umso entscheidender ist es, wie sich Mexiko in den kommenden sechs Jahren unter Sheinbaum entwickeln wird. Doch Prognosen sind schwierig.

Zum einen ist die Physikerin Sheinbaum bisher kaum mit eigenen Ideen in Erscheinung getreten. Immer wieder betont sie, die Politik ihres Vorgängers und politischen Ziehvaters Andrés Manuel López Obrador (AMLO) fortsetzen zu wollen. Dies hat zum einen wahltaktische Gründe: Der amtierende Präsident Amlo ist auch wenige Monate vor dem Ende seiner Regierungszeit enorm erfolgreich. Mehr als die Hälfte der mexikanischen Wählerschaft steht hinter dem Linkspopulisten.

Das erklärt auch, warum sich seine linksnationalistische „Nationale Erneuerungsbewegung“ (Morena) sowohl mit ihrer Kandidatin Sheinbaum durchsetzen als auch bei den parallel stattfindenden Parlamentswahlen einen überwältigenden Sieg erringen konnte.

Zusammen mit ihren Bündnispartnern verfügt die Partei künftig über Zweidrittelmehrheiten im Kongress, die es der Regierungspartei erlauben, Verfassungsänderungen praktisch im Alleingang und ohne Konsens mit anderen politischen Kräften vorzunehmen. Dazu kontrolliert Morena künftig 24 der 31 Bundesstaaten. Eine solche Machtkonzentration hatte über viele Jahrzehnte nur die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI). Es scheint, als würde Morena das Erbe der PRI antreten.

Denn mit dem Wahlergebnis hat Sheinbaum nun freie Hand zu regieren. Die Frage ist, ob sie dem Kurs ihres Vorgängers López Obrador folgen wird.

Denn der hat sich in seinen sechs Jahren an der Macht als Linkspopulist erwiesen, der sich wenig um demokratische Kontrollen und die Justiz schert, solange er davon überzeugt ist, dass seine Politik dem Volk (und seiner Popularität) nützt. Bislang konnten Justiz, Kongress und Medien ihn in seinem Streben nach exekutiver Machtkonzentration immer wieder bremsen. Doch damit ist es nun vorbei.

So versuchte Amlo, zahlreiche unabhängige Institutionen zu entmachten. Er strebte eine Justizreform an, die ein Plebiszit über die Besetzung der obersten Richter vorsah. Er versuchte, den Einfluss des Wahlgerichts einzuschränken. Sheinbaum und die Morena-Partei hätten nun freie Bahn, diese Reformen umzusetzen.

Entsprechend negativ reagierten die Finanzmärkte auf den Wahlausgang: Der Dollar legte gegenüber dem Peso zeitweise um 7 Prozent zu. Die Börse brach ein, erholte sich aber wieder. Das Länderrisiko Mexikos, gemessen an den Zinsaufschlägen, die Anleiheinvestoren verlangen, ist deutlich gestiegen.

Investoren befürchten, dass die Morena-Partei die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft ausweiten und das Haushaltsdefizit durch eine ungebremste staatliche Ausgabenpolitik erhöhen könnte. Schon Lopez Obrador wollte die Wirtschaft zunehmend staatlich lenken: Mit staatlichen Milliardenprojekten in der Infrastruktur und im Energiesektor setzte er durch, dass private Investoren das Nachsehen hatten. Das Militär ist unter ihm zu einem wichtigen Akteur in der Wirtschaft geworden.

Europäische Investoren stört zudem, dass López Obrador die zuvor mühsam ausgehandelte Wende hin zu einer emissionsfreien Stromerzeugung komplett rückgängig gemacht hat. Amlo setzte in seiner Energiepolitik vor allem auf Kohle und Öl.

Das ist auch einer der Gründe, warum das bereits abgeschlossene Abkommen zwischen der EU und Mexiko in Europa nicht ratifiziert wird. Von Sheinbaum erhoffen sich vor allem ausländische Unternehmen eine Revision der wenig klimafreundlichen Wirtschafts- und Standortpolitik Amlos. Sheinbaum hat als Wissenschaftlerin in Mexiko und den USA zur Klimapolitik geforscht. Sie gilt als renommierte Umweltexpertin.

Mit Sheinbaum könnte Mexiko auch wieder eine größere Rolle in der Welt spielen. Amlo hatte sich außer für die Beziehungen zu den USA nicht für Außenpolitik interessiert. Während seiner Amtszeit trat Mexiko in internationalen Gremien kaum in Erscheinung, obwohl Mexikos wirtschaftliches und politisches Gewicht in der Welt zugenommen hat. Mit 130 Millionen Einwohnern ist Mexiko heute die 14. größte Volkswirtschaft der Welt, noch vor Spanien.

Die entscheidende Auseinandersetzung im Außenhandel und als Standort dürfte Mexiko mit den USA bevorstehen: Dort stören sich Verbände und Regierung daran, dass vor allem chinesische Konzerne versuchen, die zunehmende Abschottungspolitik der USA gegenüber Peking durch ihre Produktion in Mexiko zu umgehen. In zwei Jahren soll das USMCA-Abkommen einer gemeinsamen Überprüfung unterzogen werden. Auch europäische Unternehmen werden das Ergebnis der Neuverhandlungen genau beobachten.

In ihrer ersten Rede als gewählte Präsidentin setzte Sheinbaum deutliche wirtschaftliche Akzente. Sie verteidigte die Autonomie der Zentralbank und die Haushaltsdisziplin. Sie wolle Investitionen in erneuerbare Energien fördern. All dies wäre eine Abkehr von der Politik Amlos.

In Lateinamerika gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie gewählte Präsidenten schnell aus dem Schatten ihrer politisch gleichgesinnten Vorgänger traten und deren Politik ganz anders fortsetzten als erwartet.

Mexiko Stadt
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Weiterhin gibt es viele Demokratien in Lateinamerika, deren Qualität nimmt jedoch ab

Nach Europa und Nordamerika bleibt Lateinamerika die Region mit der höchsten Demokratiedichte weltweit. Doch vor allem die fehlende Sicherheit führt dazu, dass autoritäre Regierungen toleriert werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Seit acht Jahren verlieren die Demokratien in Lateinamerika stetig weiter an Qualität. Letztes Jahr stieg die Region weltweit am stärksten ab unter den Kontinenten auf dem Demokratie-Index der Economist Intelligence Unit (EIU). In zwei Drittel der 24 vom Institut erfassten Staaten nahmen die Defizite der Demokratie zu.

Trotzdem bleibt Lateinamerika nach Nordamerika und Europa die Nummer 3 unter den Kontinenten mit der höchsten Zahl an Demokratien. Diesen Widerspruch erklären die Experten damit, dass Lateinamerika und die Karibik im weltweiten Vergleich gute Wahlverfahren, eine hohe politische Partizipation und die meisten bürgerliche Freiheiten haben – jedoch die schlechteste Bewertung für die politische Kultur und die Funktionalität der Regierungen.

Die größten Rückschritte erlebten mittelamerikanische Staaten El Salvador, Guatemala, Nicaragua und Haiti. Heute leben neun Prozent der 240 Millionen Menschen in der Region in Diktaturen. Zu Kuba, Venezuela, Nicaragua zählen die Experten vom EIU auch den Karibikstaat Haiti. Nicaragua und Venezuela rangieren heute auf dem Demokratie-Niveau von Russland.

Nur rund ein Prozent der Menschen in Lateinamerika leben in entwickelten Demokratien. Das sind die Bürger in Costa Rica und Uruguay. Das lange Zeit ebenfalls vom EIU als vollständige Demokratie gewertete Chile ist zu einer „lückenhaften Demokratie“ („flawed democracy“) abgestiegen. EIU macht dafür vor allem den wachsenden Einfluss von nicht gewählten Experten im demokratischen Prozess verantwortlich.

Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Bürgerinnen und Bürger Lateinamerikas leben in mangelhaften Demokratien. Darunter sind die bevölkerungsreichen Staaten wie Brasilien, Argentinien und Kolumbien. Mexiko stuft das EIU als eine „hybride Demokratie“ ein, wo die Demokratie auch autoritäre Elemente enthält.

Nur in drei Staaten haben demokratische Elemente zugenommen – wenn auch auf niedrigem Niveau: In Paraguay, der Dominikanischen Republik und Venezuela verbesserten sich die Kennzahlen.

Uruguay ist erneut der Spitzenreiter in der Region und steht im weltweiten Index auf Platz 14, also etwa dem gleichen Niveau wie Australien oder Japan. Costa Rica (17) rangiert vor Österreich und deutlich vor Spanien oder Frankreich.

Als die größte Bedrohung der Demokratien in Lateinamerika sieht der EIU die wachsenden Sicherheitsprobleme in der Region. Die Bevölkerungen in den Staaten tolerieren zunehmend autoritäre Regierungen, die auf die fehlende Sicherheit mit dem Abbau von Grundrechten reagieren. Beispiel dafür ist El Salvadors Präsident Nayib Bukele, der dabei ist, sein Land in eine Diktatur zu verwandeln – und von rund 80 Prozent der Bevölkerung dabei unterstützt wird. In Ecuador ist Präsident Daniel Noboa dabei, den gleichen Weg zu gehen.

Dieser Trend könnte sich in Lateinamerika verstärken, fürchtet EIU: Drei der zehn gefährlichsten Staaten weltweit befinden sich in der Region. Das sind Mexiko, Brasilien und Kolumbien. Sechs von zehn Staaten, in denen die Bevölkerung die fehlende Sicherheit als größtes Problem einschätzt, sind in Lateinamerika.

Ein Vorteil in Lateinamerika ist, dass es keine Kriege zwischen den Staaten gibt. „Bisher“ schreibt EIU und verweist auf die angedrohte Besetzung großer Teile Guyanas durch Venezuela.

Problematisch ist, dass die Wahlkämpfe zunehmend gewalttätiger werden, wie zuletzt in Ecuador und derzeit Mexiko.

Uruguay
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Stabile Wachstumsaussichten für Lateinamerika, aber auf niedrigem Niveau

In seinen neuesten Prognosen ist der Internationale Währungsfonds für die Ökonomien der Region verhalten optimistisch. Das Land mit dem höchsten Wachstum weltweit befindet sich hier.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Steady but slow“ – also: „Stetig, aber langsam“ hat der Internationale Währungsfonds seinem neuesten „World Economic Outlook“ übertitelt.

Das beschreibt auch die Lage in Lateinamerika: Zwei Prozent wird Lateinamerika dieses Jahr wachsen. Das ist weniger als 2023 (2,3 Prozent). Nächstes Jahr dagegen wird die Konjunktur in der Region auf 2,5 Prozent zulegen, erwarten die Ökonomen aus Washington.

Damit wächst Lateinamerika langsamer als die Weltwirtschaft insgesamt in diesem Jahr (3,2 Prozent) und deutlich weniger als die Emerging-Markets insgesamt (4,2 Prozent). Dennoch ist die Prognose positiv für Lateinamerika. Denn bis auf Argentinien wachsen alle Staaten der Region gleichmäßig.

Besser als noch vor kurzem erwartet gibt der IWF die diesjährigen Prognose für Brasilien an, das statt 1,7 Prozent 2024 voraussichtlich 2,2 zulegen wird. Ebenfalls verbessert haben sich die Prognosen für Peru (2,5 Prozent), Kolumbien (1,1 Prozent) und Uruguay (3,7 Prozent). Auch Chile wird mit zwei Prozent deutlich mehr wachsen als vergangenes Jahr (0,2 Prozent).

Venezuela könnte das Wachstum in Lateinamerika dieses Jahr mit vier Prozent anführen. Es folgen Paraguay (3,8 Prozent), Brasilien, Chile, Bolivien (1,6 Prozent) und Ecuador (1 Prozent).

Für Zentralamerika erwartet der IWF ein Plus von 3,9 Prozent (2023: 4,2 Prozent). Die Konjunktur in der Karibik wird auf 9,7 Prozent anziehen in diesem Jahr. Das liegt vor allem an Guyana, welches mit einem Plus von 34 Prozent gegenüber 2023 das Land mit der höchsten Wachstumsrate der Welt sein dürfte. Dort hat die Ölproduktion zu einem rasanten Wachstum geführt.

Eingetrübt haben sich die Aussichten in Mexiko: 2,4 Prozent wird die zweitgrößte Ökonomie Lateinamerikas wachsen – statt 2023 noch 3,2 Prozent. Für nächstes Jahr hat der Fonds die Aussichten für Mexiko sogar auf nur 1,4 Prozent gesenkt – trotz der stabilen Wachstumsprognosen für die USA, dem wichtigsten Handelspartner Mexikos. Doch seit Jahresanfang sinkt der Konsum in Mexiko, die Investitionen stagnieren und auch die Exporte schrumpfen.

Argentinien hat gerade unter Präsident Javier Milei einen schmerzhaften Reformprozess begonnen. Eine Rezession von 2,8 Prozent erwarten die Fond-Ökonomen für dieses Jahr. Am Jahresende könnte die Inflation auf 150 Prozent sinken – was aber immer noch extrem hoch ist.

Das schwache Abschneiden Argentiniens, die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas, belastet die Konjunkturaussichten für die gesamte Region. So sind die Exporte von Brasiliens Industrie nach Argentinien in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um fast 30 Prozent eingebrochen (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum).

Entscheidend für Lateinamerikas Ökonomie in den nächsten Monaten sind die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA und China, den größten Wirtschaftspartnern der Region. Denn die EU-Zone wird mit einem schwachen Wachstum von 0,8 Prozent kaum Einfluss auf die Konjunktur in Lateinamerika nehmen.

Die hohe Inflation und damit langsamer sinkenden Zinsen der Fed haben bereits jetzt zu einer Stärkung des Dollars geführt. In Lateinamerika quotieren die lokalen Währungen seit einigen Tagen deutlich schwächer gegenüber der US-Währung. Das wird die Inflation und die ausländische Verschuldung in der Region erhöhen.

Für Südamerika ist als Rohstoff- und Energieexporteur vor allem die Entwicklung in China entscheidend. Von dort sind die Signale widersprüchlich. Mit einem Wachstum von fünf Prozent rechnet der IWF, das jedoch nächstes Jahr auf 4,6 Prozent zurückgehen könnte.

Wachstum
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Onshoring funktioniert in Lateinamerika, aber nicht wie erwartet

Die Hoffnungen auf positive Effekte des Nearshorings in der Region waren groß, doch die Realität sieht bisher anders aus. Es siedeln sich kaum westliche Konzerne neu an dafür nutzt Chinas Industrie die Chance.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor zwei Jahren elektrisierte eine Prognose der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) die Regierungen und Investoren in Lateinamerika. Die Experten der IDB erwarteten, dass Lateinamerika mittelfristig zusätzliche Waren- und Dienstleistungen in Höhe von 78 Mrd. Dollar pro Jahr exportieren könnten, ein Plus von rund 6 Prozent.

Der Grund sei das Onshoring westlicher Konzerne in Lateinamerika. Unternehmen aus den Industrieländern würden versuchen, ihre Zulieferer näher bei sich anzusiedeln. Aus verschiedenen Gründen: Umweltbedenken, die Covid-Pandemie, die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie Russlands Krieg in der Ukraine würden diesen Trend beschleunigen – und zu einem Investitionsboom in Lateinamerika führen.

Bisher scheint vor allem Mexiko von dieser wachsenden Integration in die Wertschöpfungsketten zu profitieren. Die Nähe zu den USA, das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA, das milliardenschwere Subventionsprogramm der Regierung Biden (IRA) haben die Investitionen in Mexikos Industrie gesteigert. Erstmals im Jahr 2023 war Mexiko wieder der größte Exporteur in die USA – vor China.

Doch betrachtet man den Verlauf der ausländischen Direktinvestitionen in Mexiko im historischen Vergleich, dann fällt der Neuansiedlungs-Effekt enttäuschend aus: Mexiko hat seine ausländischen Investitionen auf das Niveau von vor der Pandemie stabilisiert – mehr nicht. Der Anteil der zweitgrößten Ökonomie Lateinamerikas an den weltweiten Direktinvestitionen liegt weiter unter 3 Prozent.

In Brasilien ist das Resultat noch schwächer: Dort sind die Auslandsinvestitionen vergangenes Jahr um 18 Prozent geschrumpft. In Chile, Kolumbien, Peru und Argentinien haben politische Unsicherheiten das Interesse der Investoren gebremst. Südamerika zieht weniger als 3 Prozent der weltweiten Direktinvestitionen an.

In Fernost dagegen sieht es ganz anders aus: Westliche Konzerne siedeln ihre neuen Unternehmen nicht mehr in China, sondern in den umliegenden Staaten wie Vietnam, Singapur und Indonesien an. Dort sind die Onshoring-Effekte deutlich spürbar. Auf Südostasien entfallen inzwischen mehr als 10 Prozent der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen.

Es gibt verschiedene Gründe für die geringe Anziehungskraft Lateinamerikas für Unternehmen aus Europa oder den USA: Das schwierige Business-Umfeld in der Region, die fehlende Qualifikation der Arbeitskräfte oder die schlechte Infrastruktur zählen dazu.

Doch am wichtigsten ist die geringe Integration Lateinamerikas. Die Märkte in Lateinamerika sind weiterhin kaum integriert. Nur 15 Prozent des Außenhandels wickeln die Staaten untereinander ab. In Fernost sind es fast zwei Drittel.

Unternehmen zögern, ihre Produktionsanlagen in Länder aufzubauen, die nicht in der Region integriert sind. Das gilt auch für große Märkte wie Brasilien oder Mexiko: Für High-Tech-Produzenten oder Hersteller von hochwertigen Konsumgütern sind auch diese zu klein, um hohe Investitionen zu rechtfertigen.

Konzerne aus den westlichen Industrieländern zögern also mit ihren Investitionen in Lateinamerika. Das liegt bei den europäischen Unternehmen auch an der Krise in ihren Heimatmärkten. Auch US-Konzerne konzentrieren sich lieber auf den boomenden Markt Nordamerikas.

Dafür nutzt Chinas Industrie strategisch das onshoring in Lateinamerika. In Brasilien wie in Mexiko investieren chinesische Unternehmen in grünen Wasserstoff, nachhaltige Stromgewinnung, E-Mobilität, Konsumunternehmen sowie gemeinsame Forschung und Entwicklung.

In Mexiko hat der Zustrom chinesischer Investoren bereits 2018 begonnen, als Ex-Präsident Donald Trump Importzölle auf chinesische Produkte erhöhte. Mexiko ist heute zum wichtigen Brückenkopf für die Exporte chinesischer Firmen in die USA geworden. In Brasilien wollen Chinas Unternehmen den lokalen Markt, aber mittelfristig auch Südamerika beliefern.

Es sieht so aus, als könnte Onshoring mittelfristig funktionieren in Lateinamerika – doch mit anderen Akteuren als erwartet.

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Wird Milei die großen Erwartungen erfüllen?

Viele Menschen in Argentinien wünschen sich, dass das Reformprogramm des Präsidenten Erfolg hat. Auch für die deutsche Wirtschaft und Politik ist er zum neuen Hoffnungsträger geworden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im Moment geben sich in Buenos Aires deutsche Delegationen die Klinke in die Hand: Allein letzte Woche kamen zwei Ausschüsse des Bundestages, Vertreter des Wirtschaftsministeriums sowie der Bundesbank nach Argentinien. Weitere Besuchergruppen sollen folgen.

Das Interesse der deutschen Politik und Wirtschaft an Argentinien ist neu. Zwar ist Argentinien ein traditionell wichtiges Partnerland Deutschlands in Lateinamerika. Dennoch stand es wegen seiner wirtschaftlichen und politischen Dauerkrise lange nicht mehr im Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit.

Das ändert sich gerade. Das liegt vor allem an Javier Milei, der das Land als Präsident seit rund drei Monaten regiert. Der politische Quereinsteiger Milei hat durch seinen rasanten Aufstieg vom überraschend gewählten Abgeordneten vor drei Jahren bis zum Wahlsieg im November letzten Jahres einen Kulturwandel in der Politik und Gesellschaft Argentiniens ausgelöst.

Das liegt an seinem radikalen Reformprogramm, das er genauso durchführt, wie im Wahlkampf angekündigt. Damit will er das chronische Haushaltsdefizit reduzieren und verhindern, dass der Staat sich weiter mit der Notenpresse finanziert. Argentinien soll endlich ein Land mit einer stabilen Währung werden.

Trotz der radikalen Einsparungen und den damit verbundenen sozialen Zumutungen setzt die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin ihre Hoffnungen in den 53-jährigen Ökonomen. Das ist erstaunlich, denn die Armut hat stark zugenommen. Staatliche Leistungen – für Schulen, Energie, Transport – und Subventionen hat die Regierung gestrichen oder passt sie nicht mehr der Inflation an. Das bedeutet, dass die Menschen über immer weniger Kaufkraft verfügen.

Gleichzeitig fährt Milei weiterhin einen Konfrontationskurs gegen die etablierte Politik, die „Kaste“, wie er sie nennt. Die sei verantwortlich für Argentiniens hundertjährigen Abstieg. Diese Kritik macht ihn weiterhin populär unter seinen Anhängern.

Doch es erschwert den politischen Konsens, den auch die Regierung irgendwann braucht, um ein nachhaltiges Reformpaket auf die Beine zu stellen. Denn derzeit werden die Kosten der Anpassung vor allem den Armen, Rentnern und allen Beziehern staatlicher Leistungen aufgebürdet.

Die Regierung versucht nun, mit den Gouverneuren einen Konsens zu finden, und will so auch im Kongress einem Kompromiss näherkommen. Doch mit seinen ständigen Provokationen gegenüber den Politikern droht Milei den Bogen zu überspannen. Auch in der Bevölkerung sinkt das Verständnis für seine aggressiven Tiraden, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt.

Seine Strategie ist riskant: Die Regierung hofft, dass die Inflation weiter sinkt. Dann könnten in der zweiten Jahreshälfte auch die derzeitige Rezession von einem ersten Wachstum abgelöst werden.

Eine Umfrage des Industrieverbandes Union Industrial Argentina vom Februar zeigt den Stimmungsumschwung im Vergleich zum Vorjahr: Damals sahen die Unternehmer die Zukunft für die Wirtschaft tiefschwarz. Jetzt haben sich die Aussichten für die Hälfte der Mitglieder deutlich aufgehellt.

Doch entscheidend wird sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin davon überzeugt ist, dass Milei auf dem richtigen Kurs ist – nur dann hat der Präsident eine Chance, seinen radikalen Reformkurs weiter fortzusetzen.

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China startet eine neue Investitionsoffensive in Südamerika

Brasilien wird zur Blaupause für die Expansion, bei der sich Chinas Unternehmen zunehmend in die Wertschöpfungsketten der Industrie sowie in Forschung und Entwicklung in der Region einkaufen. Damit machen sie vor allem westlichen Konzernen Konkurrenz.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Aus der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole Salvador im Nordosten Brasiliens haben sich in den letzten Jahren mehrere ausländische Unternehmen zurückgezogen: Ford schloss dort vor drei Jahren seine größte Fabrik in Südamerika. Auch Siemens Energy und General Electric stoppten letztes Jahr ihre Fertigungen von Windturbinen.

Dagegen starten Konzerne aus China dort gerade durch: BYD, der weltweit führende Fabrikant von Elektrofahrzeugen, hat die ehemalige Fabrik von Ford übernommen. Dort wird der Konzern noch in diesem Jahr E-Autos und Lastkraftwagen bauen. Eine Lithium-Verarbeitung und Batterie-Produktion sind ebenfalls geplant. BYD hat zudem Forschungskooperationen an mehreren technischen Universitäten Brasiliens gestartet.

Gleichzeitig will der chinesische Turbinenbauer Goldwind im ehemaligen Werk von GE Windkraftanlagen bauen. Für künftige Aufträge ist gesorgt: CGN Brazil Energy, ebenfalls aus China, will in einem 14 Gigawatt-Windpark im Landesinneren grünen Wasserstoff herstellen.

Ein Konsortium aus drei chinesischen Baukonzernen hat die Ausschreibung für eine 12 Kilometer lange Brücke über die Bucht vor Salvador gewonnen. Derzeit finden Testbohrungen statt. Bis Jahresende soll der Bau beginnen. Die Finanzierungen kommen unter anderen von der CAF („Andenbank“), einer der wichtigen westlichen Förderbanken in Lateinamerika.

„China spricht offiziell von einer „neuen“ Infrastrukturpolitik für Lateinamerika“, beobachtet Margaret Myers, Leiterin des Asien- und Lateinamerika-Programms des Inter-American Dialogue, einem einflussreichen Think-Tank aus Washington. Brasilien wirkt dabei wie eine Blaupause, die künftig für ganz Südamerika gelten soll.

Nicht mehr die Energie- und Rohstoffsicherung Chinas stehe dabei im Zentrum der Investitionen in Lateinamerika, wie in den letzten 20 Jahren. „Der Schwerpunkt liegt auf innovationsbezogenen Sektoren“, sagt Myers. Doch damit bekommen die westlichen Unternehmen in Lateinamerika Konkurrenz: „Chinas Investitionen in Lateinamerika und der Karibik nehmen in Sektoren zu, denen viele G7-Staaten selbst Priorität eingeräumt haben“, so Myers.

So wie Deutschland: Seit einem Jahr haben die deutsche Regierung und Wirtschaft in Südamerika eine Offensive gestartet, um den Zugang zu Märkten und wichtigen Rohstoffen zu sichern. Bisher lockten deutsche Regierungs- wie Wirtschaftsvertreter immer mit dem Pfand der gemeinsamen Forschung und Entwicklung sowie dem Technologie-Transfer. Damit unterscheiden sie sich – zumindest in der Eigenwahrnehmung – von anderen Interessenten in Lateinamerika.

Doch nun investieren auch Chinas Konzerne in grünen Wasserstoff, nachhaltige Stromgewinnung, E-Mobilität, gemeinsame Forschung und Entwicklung.

Wie schnell China traditionell starke Positionen der deutschen Industrie in Brasilien besetzt, das zeigt sich in der Fahrzeugbranche: Nicht nur BYD, auch GWM bauen Fabriken in Brasilien. „Great Wall Motors“ hat die erst 2016 von Mercedes im Inland von São Paulo eingeweihte und kurz danach wieder geschlossene Fabrik übernommen. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen ist in Brasilien explodiert. Im ganzen Land öffnen Showrooms für chinesische E-Fahrzeuge.

Die chinesische Expansion in die industriellen Wertschöpfungsketten in Südamerika dürfte anhalten. Für Marcos Caramuru, Brasiliens Ex-Botschafter in Peking, würden sich Chinas Unternehmen angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen den Zugang zu großen Konsummärkten wie Brasilien sichern wollen. Denn es sei abzusehen, dass die Märkte der USA und Europas sich weiter verschließen.

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Wie die Wahlen in El Salvador die Politik in Lateinamerika beeinflussen könnten

Nayib Bukele wurde als Präsident El Salvadors mit einem Rekordergebnis wiedergewählt. Seine Politik der harten Hand gegen die Kriminalität und den Rechtsstaat dürfte in der Region Nachahmer finden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Bei den Wahlen in El Salvador konnte der Amtsinhaber Nayib Bukele – wie erwartet – einen klaren Erdrutschsieg erzielen: Im Kongress werden seiner Partei „Neue Ideen“ 58 der 60 Sitze gehören. Über 80 Prozent der Wähler dürften für ihn gestimmt haben.

Das offizielle Ergebnis steht noch aus. Das hinderte Bukele, den nach eigener Aussage „coolsten Diktator de Welt“ nicht, schon seinen Sieg zu feiern.

Mit einer Popularitätsrate zwischen 80 und 90 Prozent ist der 42-jährige Bukele der mit Abstand populärste Präsident Lateinamerikas. Davon können fast alle Amtsinhaber in der Region nur träumen. Umso wahrscheinlicher ist, dass Bukeles politische Strategie in Lateinamerika Nachahmer finden wird.

Denn Bukele konnte mit seiner ultra-repressiven Politik gegen die Kriminalität in nur zwei Jahren das einst gefährlichste Land zum sichersten in der Region machen.

Bukele ließ fast 100.000 mutmaßliche Gangmitgliedern verhaften. El Salvador ist mit rund 1.100 Inhaftierten pro 100.000 Einwohner inzwischen das Land mit den weltweit meisten Inhaftierten. Rund sieben Prozent aller 14- bis 29-jährigen Männer sitzen in Haft – die meisten ohne Urteil. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und westliche Regierungen protestieren gegen die staatliche Willkür.

Doch die Bevölkerung unterstützt seine Politik – auch Menschen, deren Familienmitglieder von der staatlichen Willkür betroffen sind. Die Flüchtlingsströme aus El Salvador in die USA haben abgenommen.

Das könnte Bukeles Politik zur Blaupause für andere Regierungen in Lateinamerika machen: Denn in allen Staaten leidet die Bevölkerung unter Gewalt und der zunehmenden öffentlichen Unsicherheit.

Im Moment scheint, der gerade angetretene Präsident Daniel Noboa in Ecuador die Repressionspolitik Bukele gegen die organisierte Kriminalität und die explodierende Gewalt anwenden zu wollen. Auch der argentinische Präsident Javier Milei in Argentinien hat einen harten Kurs gegen die Kriminalität versprochen.

Sicherlich werden bei den kommenden Wahlen in Lateinamerika Kandidaten mit solchen „Mano-duro“-Programmen zu einer Alternative für die Wähler werden. Die Regierungen in fast allen Ländern reagieren hilflos und ohne Plan auf die wachsende Kriminalität.

Die Folge: Die Politik in Lateinamerika dürfte autoritärer werden. Denn Bukele hat den Rechtsstaat weitgehend ausgehebelt, seit er die Judikative mit Gefolgsleuten besetzt hat. Die Wahlrichter erhoben keinen Einspruch gegen seine von der Verfassung nicht vorgesehene Wiederwahl. Die Legislative hat er erst eingeschüchtert und mit den Wahlen ist El Salvador jetzt zu einem Einparteiensystem geworden. Bukele kann nun ganz legal schalten und walten, wie er will.

Die Erfahrungen in Lateinamerika zeigen, dass eine durch die Gewaltenteilung unbeschränkte Exekutive fast immer zu autoritären Regimen führt. Venezuela und Nicaragua sind dafür die augenfälligsten Beispiele.

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Ausblick 2024: Kann Lateinamerika seine lange Stagnation hinter sich lassen?

Die Chancen dafür stehen gut und die Aussichten sind positiv, denn das weltweite Interesse an Lateinamerika nimmt zu. Die Region profitiert davon, stabil zu sein in einer Welt zunehmender Krisen. Gleichzeitig wächst ihre Bedeutung als Lieferant für Energie, Lebensmittel und Rohstoffe. Politische Risiken bleiben jedoch.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wachstumsaussichten für Lateinamerika bleiben stabil. Fast alle Ökonomien werden dieses Jahr wachsen, wenn auch auf niedrigem Niveau. In Chile, Peru und Uruguay wird die Konjunktur im Vergleich zum Vorjahr anziehen, so die Prognose der Investmentbank JP Morgan. In Brasilien, Ecuador und Mexiko wird das Wachstumstempo gegenüber 2023 abnehmen.

Dennoch sind solche Prognosen zurzeit mit Vorsicht zu genießen: Denn die Vorhersagen für Lateinamerika liegen weit auseinander. So rechnet das Institute für International Finance in diesem Jahr mit einem Wachstum von 2,6 Prozent für Lateinamerika. Oxford Economics erwartet, dass die sechs größten Ökonomien in Lateinamerika nur 0,7 Prozent zulegen werden.

Im vergangenen Jahr hatten die meisten Investmentbanken zum Beispiel das Wachstum für Brasilien deutlich niedriger eingeschätzt, als es sich tatsächlich entwickelte: Statt zu stagnieren, wuchs das Land um drei Prozent.

Lateinamerika erlebt eine Charmeoffensive aus Europa

Positiv für Lateinamerikas Konjunktur ist, dass die Inflation in fast allen Staaten zurückgeht – bis auf die notorischen Ausnahmen Argentinien und Venezuela. Damit werden die Zinsen in den meisten Ländern sinken und die Investitionen tendenziell steigen.

Einen strukturellen Wachstumsschub für Lateinamerika könnte mittelfristig das steigende Interesse an der Region bewirken.

Im vergangenen Jahr bemühte sich Europa intensiv um Lateinamerika. Ständig waren europäische Staatsoberhäupter und Delegationen zu Besuch. Erstmals nach acht Jahren fand wieder ein EU-Lateinamerika-Gipfel statt, genauso wie Deutsch-Brasilianische Regierungskonsultationen vor wenigen Wochen. Mit Chile unterzeichnete die EU ein modernisiertes Abkommen, mit Mexiko steht die Unterzeichnung kurz bevor. Schon lange nicht mehr engagierten sich die Regierungen in Europa so deutlich, um das Abkommen mit dem Mercosur abzuschließen – bisher ohne Ergebnis.

Europa reagiert damit auf die gewachsene strategische Bedeutung Lateinamerikas – jedoch später als China und die USA, die schon lange ihre Beziehungen zu der Region intensivieren. Auch die wohlhabenden Nahoststaaten werden gerade zu wichtigen Investoren und Handelspartnern Lateinamerikas. Genauso wollen Indien und andere asiatische Staaten ihre Beziehungen ausbauen.

Lateinamerika ist so groß wie USA und China zusammen mit nur einem Drittel der Menschen

Ein Grund für das gestiegene Interesse ist, dass Lateinamerika nicht nur große Mengen an Agrarprodukten, Energie und Metallen produziert, sondern davon Überschüsse erwirtschaftet, weil es selbst wenig verbraucht. Zum Vergleich: Lateinamerika hat eine Fläche etwa so groß wie China und die USA zusammen. Doch lebt dort mit 650 Millionen Menschen nur rund ein Drittel der Bevölkerung der beiden Großmächte.

Lateinamerika wird seine Vorrangstellung auf einzelnen Rohstoff- und Energiemärkten weltweit noch ausbauen: Schon jetzt hat es bei einzelnen Produkten eine führende Position. Fast die Hälfte der globalen Lithiumreserven befinden sich in Südamerika. Neben Chile und Argentinien bauen auch Brasilien, Mexiko und Ecuador die Produktion aus. Peru und Chile bedienen 40 Prozent der weltweiten Kupfernachfrage.

15 Prozent der weltweiten Öl- und Gasreserven liegen auf dem Kontinent. Brasilien und Guyana sowie möglicherweise schon bald Argentinien steigern ihre Exporte massiv.

Lateinamerikas Farmer liefern knapp die Hälfte der auf dem Weltmarkt gehandelten Agrarprodukte für die Lebensmittelproduktion. Die Bedeutung der Landwirtschaft der Region für die Sicherung der Ernährung weltweit wird weiter zunehmen.

Neben decoupling und reshoring könnte die Region von powershoring profitieren

Doch es gibt auch einen anderen, neuen Grund für die gewachsene Attraktivität Lateinamerikas: Die Region profitiert davon, stabil dazustehen in einer instabilen, kriselnden Welt. Zwar drohen auch in Lateinamerika neue Spannungen zwischen einzelnen Staaten. Doch die Region hat seit 100 Jahren keinen Krieg mehr erlebt. Zudem ist sie weit entfernt von den derzeitigen und potenziellen Konfliktherden in Europa, Nah- und Fernost.

Das macht Lateinamerika attraktiver für Unternehmen, die ihre Fertigungsketten in sicherere Regionen verlegen wollen. Die Stichworte sind decoupling und reshoring. Mexiko und Zentralamerika profitieren bereits jetzt von diesem Trend. US-Konzerne investieren nicht mehr in China, sondern errichten ihre neuen Fabriken näher an ihren Heimatmärkten.

Der Trend zur Verlagerung der Werke nach Lateinamerika durch weltweite Konzerne steht erst am Anfang. Er dürfte noch zunehmen. Das liegt auch an der nachhaltigen Energiematrix des Kontinents: Nirgendwo sonst auf der Welt werden im Durchschnitt 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen – und die Nachhaltigkeit nimmt weiter zu. Der Strom in Staaten wie Uruguay, Paraguay oder Costa Rica wird fast ausschließlich nachhaltig gewonnen. Für Industrieunternehmen, die ihre Emissionsbilanz verbessern wollen, ist das zusätzlich attraktiv für eine Standortentscheidung. Das Stichwort hier lautet powershoring. Zumal Lateinamerika auch die Voraussetzungen hat, bei der Produktion von grünem Wasserstoff weltweit an der Spitze mitzuspielen.

Die Regierungen müssen die Chance nutzen

Die Financial Times beschrieb die historische Gelegenheit für den Kontinent gerade so: Lateinamerika hat seine beste Chance seit einer Generation. Die einzigartigen Vorteile der Region bieten eine außergewöhnliche Möglichkeit, wenn es den Regierungen gelingt, sie zu nutzen.

Aktuell sind die größten Risiken in Lateinamerika: China, die überforderte Politik und die organisierte Kriminalität.

So ist China wichtigster Absatzmarkt für Lateinamerikas Exporteure geworden und in vielen Staaten der größte Investor. Die Wachstumsflaute in Fernost schlägt sich noch nicht in den Handelsbilanzen der Staaten nieder. Es könnten jedoch Ausfälle drohen. Ebenso bleibt abzuwarten, wie Chinas Investitionen sich weiterentwickeln. Sollte es zu einem Konflikt Pekings mit Taiwan kommen, dann könnten die lateinamerikanischen Unternehmen Probleme bekommen, ihre Produkte nach Fernost zu verkaufen.

Zwar haben sich die Demokratien in der Region beim letzten Wahlzyklus als widerstandsfähig gezeigt. Doch den gewählten Regierungen fällt es schwer, ihre Programme und damit den Wählerauftrag umzusetzen: Soziale Proteste sowie gespaltene und damit gelähmte Parlamente behindern die Exekutiven in Chile, Peru, Kolumbien – und möglicherweise bald in weiteren südamerikanischen Ländern wie Argentinien.

Dieses Jahr stehen in den großen Ökonomien des Doppelkontinents nur Wahlen in Mexiko im Juni an. Dort hoffen die Unternehmen, dass die Nachfolgerin des Präsidenten Andres Manuel Lopez Obrador, eine investorenfreundlichere Politik umsetzen wird. Denn die Aussichten für Mexiko sind aus unternehmerischer Sicht gut.

Die autoritären Regime in Venezuela, Kuba und Nicaragua schneiden bei der Krisenbewältigung schlechter ab: Lateinamerika erlebt vor allem aus diesen Ländern eine historische Emigration.

Zusätzlich belastend ist die organisierte Kriminalität. Drogenbanden fordern zunehmend die Staaten heraus. Es wird schwerer, deren Macht einzudämmen. Die Kosten für die Gesellschaften steigen mit der wachsenden Unsicherheit. Obwohl nur rund acht Prozent der Weltbevölkerung in Lateinamerika leben, finden dort ein Drittel der Morde weltweit statt.

Die Experten von Latam Investor fassen die Vorteile Lateinamerikas kurz und bündig so zusammen: Lateinamerika sei friedlicher als Osteuropa, weniger korrupt als Afrika und demokratischer als Asien.

Papagei
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2023 – das Jahr, in dem die Geopolitik nach Südamerika kam

Die Region wird zunehmend in die Auseinandersetzungen der Weltmächte hineingezogen und lokale Konflikte drohen, geopolitisch aufgeladen zu werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Noch Anfang dieses Jahres dominierte in der südamerikanischen Politik die Auffassung, dass die großen geopolitischen Auseinandersetzungen hier wenig Einfluss hätten. Ukraine-Russland, China-USA – das alles fand so weit entfernt statt, dass diese Konflikte in der Region kaum Auswirkungen haben könnten. Im Gegenteil: Man hegte die leise Hoffnung, dass Südamerika Krisengewinnler sein könnte.

Die Welt brauchte plötzlich mehr Rohstoffe und Energie von dort. Das galt für Lebensmittel und Öl genauso wie für Erze wie Lithium oder Kupfer. Südamerika schien die Region zu sein, die für Ausfälle und Veränderungen auf dem Weltmarkt einspringen konnte: Für die bedrohten Ernten in der Ukraine, das mit Sanktionen belegte russische Öl sowie bei den für die Energiewende benötigten Technologien, die Rohstoffe brauchten.

Mehr noch: In Südamerika hoffte man sogar, dass die Ökonomien der Länder durch neue Investitionen ausländischer Konzerne profitieren könnten. Stichwort: Friend- oder Nearshoring. Damit ist gemeint, dass Multis weltweit ihre Fabriken aus China abziehen und in andere Regionen verlegen könnten.

Doch es kam anders: Von Nearshoring ist in Südamerika noch nichts zu spüren – in Mexiko oder Mittelamerika mag das anders sein. Aber hier halten sich die Multis mit Investitionen sogar eher zurück.

Tatsächlich profitiert hat die Region zeitweise von den steigenden Preisen für Agrarprodukte, Energie und industrielle Rohstoffe, doch der Effekt ist inzwischen verpufft.

Als falsch dagegen erwies sich die Vorstellung, dass die weltweiten Spannungen nur gefiltert in Südamerika ankommen würden.

Ein Beispiel dafür, war der Amtsantritt des Präsidenten Javier Milei in Buenos Aires. Dort kam es zu einer ungewöhnlichen Szene: Plötzlich standen sich der ungarische Präsident Victor Orbán und Wolodymyr Selensky aus der Ukraine gegenüber und führten einen intensiven Disput. Mit Argentinien oder Südamerika hatte der wenig zu tun.

Außerdem schwelen Konflikte in der eigenen Nachbarschaft, so wie jetzt zwischen Venezuela und Guyana. Diese regionalen Auseinandersetzungen drohen, geopolitisch aufgeladen zu werden.

Denn in der Karibik stehen die USA auf Seiten Guyanas und Russland unterstützt Venezuela. Putin hat das Karibikland militärisch hochgerüstet. Auch China zieht im Hintergrund seine Fäden, weil es mit beiden Staaten politisch wie wirtschaftlich eng verbunden ist. Der venezolanische Machthaber Maduro scheint Putins Vorgehen gegenüber der Ukraine als Blaupause genommen zu haben.

Nun schauen alle auf Brasilien als Regionalmacht: Kann Präsident Luiz Inácio Lula da Silva den Konflikt vor seiner Haustür lösen? Brasilien steht vor dem größten außenpolitischen Problem seit Jahren. Präsident Lula sagt zu Recht: „Was wir wirklich nicht in unserer Region brauchen können, ist ein Krieg.“

Tatsächlich ist es seit langem ein Standortvorteil Südamerikas, dass es kaum regionale Konflikte gibt. Zwar ist die öffentliche Sicherheit wegen der hohen Kriminalität gering, aber Kriege zwischen Nationen gab es schon lange nicht mehr, wenn man von den kurzen Auseinandersetzungen zwischen Peru und Ecuador vor knapp 30 Jahren absieht.

Das ändert sich gerade: Es scheint, als sei die Geopolitik plötzlich nach Südamerika gekommen. Die Region wird zunehmend in die Auseinandersetzungen der großen Mächte hineingezogen und ist in der Weltpolitik nicht mehr wie bisher der ferne Kontinent.

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