2026: Ein Schlüsseljahr für Wirtschaft und Politik in Lateinamerika

Die wirtschaftlichen Prognosen für das kommende Jahr fallen stabil und leicht positiv aus. Auf politischer Ebene steht der Kontinent wegen mehrerer Wahlen vor einem Richtungswechsel. Zudem dürfte die Geopolitik einen noch stärkeren Einfluss ausüben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die wirtschaftlichen Aussichten für Lateinamerika sind stabil, wenn auch auf niedrigem Niveau. Nach einem schwachen zweiten Halbjahr 2025 sollte das Wachstum in der ersten Hälfte 2026 wieder anziehen, allerdings weiterhin unter dem Potenzial. Die gesamte Region dürfte im nächsten Jahr um 1,7 % wachsen (2025: 2,2 %). Aber kein Land wird in die Rezession rutschen, so die Erwartungen.

Ein positiver Ausreißer ist Argentinien. Die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas schneidet bei den Vorhersagen für 2026 am besten ab. Die Investmentbank JP Morgan rechnet mit 3,4 % Wachstum. Die Ökonomen begründen dies mit der erwarteten Erholung nach dem klaren Wahlsieg von Präsident Javier Mileis Partei bei den Zwischenwahlen.

Auch die Prognosen für Kolumbien (2,8 %), Chile (2,3 %) und Peru (3,1 %) sehen besser aus als der Durchschnitt. Kolumbiens Wirtschaft profitiert weiterhin vom politisch stimulierten Konsum. In dem Bergbauland Peru sorgen die hohen Preise für Erze und Rohstoffe für zusätzlichen Schub. Chile könnte 2026 von stabilen Investitionen unter einer wahrscheinlichen Mitte-Rechts-Regierung profitieren.

Für Brasilien und Mexiko, die in Lateinamerika die Plätze eins und zwei der größten Ökonomien belegen, fallen die erwarteten Wachstumszahlen schwächer aus. Brasilien wächst trotz expansiver Fiskalpolitik deutlich unter seinem Potenzial. Die mexikanische Wirtschaft stagniert dieses Jahr. Aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten über die USMCA-Freihandelszone wird das Wachstum vermutlich auch weiterhin begrenzt bleiben.

Politisch wird 2026 für die Region ein Schlüsseljahr

In fast allen großen Volkswirtschaften stehen Wahlen an. Ausnahmen sind Mexiko und Argentinien. Im März wird die neue Regierung in Chile antreten. In Peru wird im April und Mai gewählt, in Kolumbien gehen die Wähler Ende Juni zum ersten Mal an die Urnen, in Brasilien Anfang Oktober. Die Wahlergebnisse gelten als richtungsweisend für den wirtschaftspolitischen Kurs der Region.

Dabei ist nicht sicher, ob der zuletzt stattgefundene Rechts-Mitte-Trend anhalten wird, wie er in Argentinien, Ecuador und Bolivien zu beobachten war. In Brasilien und Kolumbien liegen derzeit linke Kandidaten vorn.

Grundsätzlich besteht die Tendenz, dass Amtsinhaber oder ihnen nahestehende Kandidaten abgewählt werden. Die Menschen sind unzufrieden mit den aktuell an der Macht befindlichen Politikern. Das prägt Wahlkämpfe durch stärkere Polarisierung. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit politischer Wechsel oder des Aufstiegs politischer Außenseiter.

Einen starken Einfluss hat die neue US-Strategie unter US-Präsident Donald Trump. In dessen zweiter Amtszeit verfolgen die USA einen deutlich aktiveren Kurs gegenüber Lateinamerika. Dabei ist schwer vorhersehbar, wie sich dieser Kurs mittelfristig auswirken wird. So wird etwa Argentiniens Präsident Milei vom Weißen Haus aktiv unterstützt. Zu Brasilien und Kolumbien haben sich unter Trump die Beziehungen hingegen zeitweise stark verschlechtert. Mit Venezuela steht Trump wortwörtlich auf Kriegsfuß.

Ebenfalls schwer einzuschätzen ist die Reaktion Chinas auf die nordamerikanische Offensive in Lateinamerika. Bisher hat sich China mit Kritik an Trumps Kurs in der Region öffentlich zurückgehalten. Inzwischen gewinnt Trump jedoch in mehreren lateinamerikanischen Ländern an Zustimmung – vor allem im wachsenden politischen Spektrum rechts der Mitte.

Die sechs wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas im Detail

Brasilien

In Brasilien dominieren die im Oktober 2026 stattfindenden allgemeinen Wahlen bereits den politischen Alltag. Sie erzeugen erhebliche politische und wirtschaftliche Unsicherheit, da völlig unklar ist, wer das Land ab Anfang 2027 regieren wird.

Die Regierung wird versuchen, ihre Ausgaben zu steigern, um den Wahlsieg des voraussichtlich erneut kandidierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu ermöglichen. Dieser fiskalische Impuls wird jedoch durch hohe Zinsen ausgebremst. Positiv ist, dass die Inflation weiter sinkt. Der Druck für strukturelle Reformen nimmt zu, doch das wird im Wahlkampf kein Thema sein.

Mexiko

Die Wirtschaft wird durch die bis Juli 2026 vorgesehene Revision des USMCA-Abkommens belastet. Die Regierung und die Notenbank verfolgen eine restriktive Finanz- und Geldpolitik. Dadurch wird verhindert, dass die Rating-Agenturen das Risiko des Landes erhöhen.

Positive Impulse kommen von der US-Nachfrage nach High-Tech-Gütern sowie von einem relativ robusten Konsum. Auch dieses Jahr fließen erneut ausländische Investitionen in rekordmäßiger Höhe nach Mexiko. Trotz der Unsicherheit, wie Trump gegenüber Mexiko verhandeln wird, bauen US-Unternehmen ihre Standorte im Land weiter aus.

Argentinien

Nach Mileis klarem Sieg bei den Zwischenwahlen sind wichtige Steuer- und Arbeitsmarktreformen politisch wahrscheinlicher geworden. Zumal die USA die Regierung auch weiterhin unterstützen wollen. Die Regierung kontrolliert weiterhin strikt die staatlichen Ausgaben. JP Morgan rechnet bis Ende nächsten Jahres mit einer Jahresinflation von 17 Prozent.

Für die Kontinuität des Kurses der Regierung wird entscheidend sein, ob die Kaufkraft der Bevölkerung über die Inflationsgewinne hinaus weiter zunimmt. Argentinien braucht dringend Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft, um die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Chile

Die Präsidentschaftswahl (José Antonio Kast versus Jeannette Jara) entscheidet über den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs des Landes in einem Umfeld von geringem Wachstum. Für 2026 wird ein Wachstum von 2,3 % erwartet, was für Chile viel zu wenig ist. Daneben dominiert das Thema der fehlenden Sicherheit die öffentliche Debatte. Die Wirtschaft rechnet unter der nächsten Regierung mit einem unternehmerfreundlichen Umfeld.

Kolumbien

Die Wahlen 2026 – der Kongress wird im März, die Präsidentschaft im Mai/Juni gewählt – finden in einem Klima von Unsicherheit, Gewalt und angespannten Beziehungen zu den USA statt. Die Regierung hat die Staatsausgaben kontinuierlich erhöht, sodass der kolumbianische Staat neben Brasilien nun das höchste Haushaltsdefizit in Lateinamerika hat. Private Investoren halten sich zurück. Die Sicherheitslage im Land hat sich verschlechtert.

Peru

Trotz der chronischen Regierungsinstabilität – sieben Präsidenten in acht Jahren – bleibt die Makroökonomie robust: Das Wachstum beträgt 3 %, die Inflation ist niedrig und die Preise für Kupfer, Gold und Silber sind hoch. Die Wahlen im Jahr 2026 bieten theoretisch eine Chance zur politischen Stabilisierung. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Das Parteiensystem bleibt zersplittert, ohne dass sich ein klarer Favorit abzeichnet.

Rio de Janeiro
© Unsplash/Agustin Diaz Gargiulo

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