„Schlimm für die Welt – gut für Venezuela“
Zwei Monate nach der Entführung von Nicolás Maduro hoffen die Menschen in Venezuela, dass die USA unter Donald Trump das Land aus der ökonomischen und politischen Isolation führen werden. Für die deutsche Industrie bieten sich dadurch große Chancen.
von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ
Vor zwei Monaten entführten US-Militärs den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau aus Caracas. Seitdem ist in Venezuela nichts mehr wie zuvor.
Die meisten Menschen wirken erleichtert. Es ist, als sei ein Spuk vorbei. Fast jeder versichert einem: „Trumps gewaltsame Aktion war richtig“, ohne Wenn und Aber. Von dem in Lateinamerika sonst so weit verbreiteten Anti-Amerikanismus ist nichts zu spüren. „Trumps Aktion war schlimm für die Welt, aber gut für Venezuela“, sagt ein europäischer Diplomat.
Die Unterstützung der US-Aktion in Venezuela reicht quer durch alle sozialen Schichten: Studentenführer, Abgeordnete, Gewerkschafter und Unternehmer. Aber auch die Bewohner der Barrios, der Slums, sind froh, dass Maduro verhaftet wurde und die Repression und Bevormundung ein Ende haben.
Heute sind die Colectivos, die bewaffneten Motorradmilizen des Regimes, verschwunden. In den Tagen nach Maduros Entführung haben sie noch drohend die Straßen dominiert. Auch sonst ist die Hauptstadt so sicher wie seit vielen Jahren nicht mehr – sicherer als die meisten anderen Städte in Südamerika. Vor einigen Jahren war Caracas noch die Stadt mit der höchsten Gewaltrate Südamerikas.
Die USA machen klar, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Im Wochenrhythmus reisen hochrangige US-Vertreter ins Land – jedoch nicht als Besucher oder Staatsgäste. „Sie treten auf wie Gouverneure, die eine Provinz besuchen”, sagt der Diplomat.
Fast jeder in Venezuela sagt, das Land stehe unter US-Vormundschaft, doch das scheint niemanden zu stören. Im Gegenteil. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass das Regime die Menschen nicht mehr so drangsalieren wird wie bisher und das Land endlich aus der ökonomischen und politischen Isolation herausfindet, in der es sich seit über einem Jahrzehnt befindet.
Doch selbst wenn die USA den Öffnungsprozess leiten und US-Konzernen Vorrang einräumen, gibt es auch für die deutsche Industrie außergewöhnliche Chancen.
Aus verschiedenen Gründen:
Erstens sind deutsche Unternehmen sind traditionell stark in der Infrastruktur des Landes vertreten. Das gilt vor allem für die Bereiche Strom, Chemie und Wasserversorgung. In diesen Bereichen wurde jahrelang kaum investiert. Doch die ursprüngliche Hardware in Kraftwerken, Raffinerien und Pumpstationen stammt zum großen Teil noch von deutschen Konzernen.
Zweitens: Vor dem Antritt der Linkspräsidenten vor 26 Jahren war Venezuela einer der wichtigen Standorte der deutschen Industrie in Südamerika. Von dort aus deckten die Unternehmen auch schwierige Nachbarländer wie Kolumbien oder Länder in Mittelamerika und der Karibik ab. Viele dieser Unternehmen sind bis heute mit kleinen Repräsentanzen vor Ort. Diese könnten jedoch schnell wieder ausgebaut werden.
Drittens: Derzeit steht der Ölsektor im Zentrum des Interesses der Investoren. Dort hat Venezuela beträchtliche Vorkommen vorzuweisen. Die Regierung hat eine umfassende Privatisierung gesetzlich vorbereitet. Unternehmen können künftig Öl fördern und exportieren, ohne dass der Staat daran beteiligt sein muss.
Zwar sind deutsche Unternehmen nicht als Ölmultis vor Ort. Als Zulieferer der Ölindustrie gibt es jedoch beträchtliche Marktchancen für sie, denn der Stromsektor Venezuelas muss nun rasant modernisiert werden. Nur dann kann auch Öl gefördert werden oder die anderen Ressourcen des Landes (Erze) genutzt werden. Strom ist dringend nötig, um die verarbeitende Industrie – etwa die Lebensmittelverarbeitung, die Agrochemie und die Pharmaindustrie – wieder zum Laufen zu bringen.
Ein Vergleich zeigt, wie enorm der Unterschied zwischen Nachfrage und Angebot in der Stromversorgung ist: Venezuela produziert heute etwa 80 Terawattstunden im Jahr. Das ist etwa so viel wie Niedersachsen. Dabei hat Venezuela statt acht rund 30 Millionen Einwohner und ist fast so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen.
Größere Blackouts werden nur vermieden, weil die Industrie des Landes völlig am Boden liegt. Steigt also der Stromverbrauch rasch an, würde das Energiesystem kollabieren.
Viertens: Deutsche Konzerne haben zudem aus anderen Gründen einen privilegierten Zugang zu Venezuela: In einigen Bereichen sind es die US-Filialen deutscher Konzerne, die die Anlagen und Maschinen nach Venezuela liefern würden. Das wäre angesichts der US-Kontrolle über den wirtschaftlichen und politischen Öffnungsprozess von Vorteil.
Fünftens: In Venezuela genießen deutsche Marken und Know-how einen guten Ruf. Für eine Erholung der venezolanischen Wirtschaft sind zudem Facharbeiter und Experten dringend nötig. Viele Ingenieure und Technokraten im Staatsapparat haben in Deutschland studiert oder die deutsche Schule in Caracas besucht. Das könnte Türen öffnen. In Venezuela ist wieder zu hören, dass das duale System die Möglichkeit bietet, die nötigen Facharbeiter innerhalb des bestehenden Hochschulsystems auszubilden. Die Universitäten des Landes haben zwar unter der fehlenden Unterstützung durch das Regime gelitten. Dennoch verfügen sie weiterhin über eine solide akademische Basis.
Wo liegen die Risiken?
Der Öffnungsprozess Venezuelas unter der Kontrolle der USA ist noch nicht garantiert. Niemand weiß, wann Wahlen stattfinden werden oder ob es nicht zu autoritären Rückschlägen kommen wird. Das Regime ist immer noch an der Macht, auch wenn die US-Regierung derzeit das Sagen hat.
Bisher beobachten Vertreter vor Ort ein spezifisches Problem deutscher Unternehmen in Venezuela. Es gibt eine Over-Compliance. Die Unternehmen fürchten, dass sie durch mögliche wirtschaftliche Verbindungen mit Venezuela Probleme mit den Sanktionen der USA bekommen könnten. Die Sanktionen gelten weiterhin. Um jedes Risiko zu vermeiden, blenden die Unternehmen die Marktchancen in Venezuela jedoch komplett aus, anstatt sie überhaupt zu prüfen, kritisieren lokale Vertreter das Verhalten der Mutterhäuser.
Dennoch gilt weiterhin: Venezuela ist ein korruptes Land. Gerade hat Transparency International Venezuela als das drittkorrupteste Land der Welt eingestuft.
Kurz: Die deutsche Industrie findet in Venezuela gute Ausgangsbedingungen in einem nach wie vor komplizierten Umfeld vor. Es wird jedoch entscheidend sein, wer in den nächsten Monaten die aufgestaute Nachfrage decken wird. Wer zu spät kommt, könnte das Nachsehen haben.



