Trump bescherte Lateinamerika eine Kehrtwende in der Außenpolitik der USA

Die USA versuchen, ihren Einfluss in der Region wieder zu verstärken, um Chinas massives Engagement zurückzudrängen. Welche Auswirkungen das auf europäische Unternehmen haben wird, ist offen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor einem Jahr wurde Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt. Seitdem ist Lateinamerika nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder auf der politischen Agenda Washingtons. Trump agiert gegenüber Lateinamerika bisweilen unerwartet aggressiv, dann wieder unterstützend. So hat er etwa in wenigen Monaten mehrfach seine Haltung gegenüber einzelnen Regierungen, wie etwa Venezuela oder Brasilien, gewechselt.

Washingtons Aktionen fallen für jeden Staat Lateinamerikas anders aus. Für einige Regierungen, wie etwa die in Venezuela oder Kolumbien, ist der zunehmend feindliche US-Kurs existenziell bedrohlich. Andere Präsidenten wie Javier Milei in Argentinien unterstützt die US-Regierung dagegen massiv finanziell und politisch. Brasilien und Mexiko reagieren bisher geschickt auf Trumps Provokationen. Regierungen wie die in Ecuador versuchen jedoch auch, die Unterstützung der USA zu gewinnen und sie innenpolitisch zu nutzen.

Die US-Regierung betrachtet Lateinamerika aus der Perspektive der Monroe-Doktrin als Einflusssphäre der USA. Mit der Monroe-Doktrin erklärten die USA vor rund 200 Jahren, dass sie Lateinamerika kontrollieren würden und dort keine ausländischen Mächte duldeten. Mit dieser Doktrin rechtfertigten sie zuletzt im Kalten Krieg politische und militärische Eingriffe in die Staaten Lateinamerikas.

Ähnlich geht Trump jetzt wieder vor: Er lässt Marineeinheiten in der Karibik vor Venezuela kreuzen und vermeintliche Drogenboote abschießen. Er sorgt dafür, dass chinesische Anbieter ihre Positionen in Panamas Häfen aufgeben müssen. Über einen Sonderfonds des Finanzministeriums lässt er argentinische Peso aufkaufen, um den Wechselkurs zu stabilisieren.

Dies stellt einen abrupten Kurswechsel gegenüber der weitgehenden Vernachlässigung Lateinamerikas durch die US-Regierungen der letzten Jahrzehnte dar. Vor allem seit dem Scheitern der Verhandlungen zu einer Amerikanischen Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas – FTAA) im Jahr 2005 aufgrund des Widerstands der damals überwiegend links regierten Staaten Südamerikas hielten sich die USA vor allem politisch weitgehend aus der Region heraus.

China nutzte die Abwesenheit der USA, um in Lateinamerika Fuß zu fassen. Es ist inzwischen der wichtigste Handelspartner und Investor in der Region und hat einen wachsenden politischen Einfluss.

Trumps neuer Kurs gegenüber Lateinamerika lässt sich zu einem großen Teil mit dem Versuch erklären, Chinas Einfluss in der Region wieder einzudämmen. So forderte der US-Finanzminister Argentinien im Gegenzug für Stützungsmaßnahmen auf, die chinesische Kredithilfe zu kappen.

Dennoch hat Trumps Zollpolitik bisher keine größeren Auswirkungen auf das Wachstum in Lateinamerika: Die sechs wichtigsten Ökonomien der Region wachsen dieses Jahr und laut Prognosen für 2026 um 2 bis 3 Prozent.

Eine Ausnahme ist Mexiko, wo das Wachstum dieses Jahr auf 0,5 Prozent geschrumpft ist. Brasilien, das von den weltweit höchsten Zöllen der USA belegt wurde, konnte einen großen Teil seiner in die USA exportierten Produkte in andere Weltregionen umlenken. Das gilt vor allem für Kaffee und Rindfleisch.

Dennoch profitieren die beiden wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas von einem unerwarteten Investitionsschub ausländischer Unternehmen. Brasilien und Mexiko stehen auf der OECD-Liste der Staaten, die im ersten Halbjahr 2025 weltweit die meisten Auslandsinvestitionen erhalten haben, auf Platz 2 und 5 – vor China oder Indien.

Es sieht so aus, als ob Konzerne mit mehreren Standorten in Lateinamerika ihre Wertschöpfungsketten nun von Mexiko bis Brasilien neu gestalten wollen. Zudem hat der Handel zwischen Lateinamerika und Mexiko zugenommen.

Wie sich die neue US-Offensive in Lateinamerika auf die europäischen Interessen auswirken wird, ist jedoch völlig offen. Zwar scheinen die Aussichten für den Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens bis zum Jahresende gut zu sein. Doch unklar ist, wie stark die USA den Druck oder die Angebote an die südamerikanischen Mitgliedsstaaten erhöhen werden, um ein solches Freihandelsabkommen zu verhindern.

Das neue Interesse der USA bedeutet zudem eine veränderte Konkurrenzsituation: Bisher spüren europäische Unternehmen neben den US-Konzernen vor allem die chinesische Konkurrenz auf den lateinamerikanischen Märkten.

Wenn die US-amerikanischen Unternehmen jetzt mit Rückendeckung ihrer Regierung in Lateinamerika wieder verstärkt auftreten, werden sie automatisch auch zu stärkeren Konkurrenten. Wenn Washington strategisch Branchen unterstützt (Energie, Rohstoffe), dann wird es zu harten Auseinandersetzungen mit Chinas Unternehmen kommen. Europäische Konzerne werden dann von zwei Seiten unter Druck stehen.

Die US-Präsenz sollte man nicht unterschätzen. Die USA sind trotz ihrer zwei Jahrzehnte langen politischen Abwesenheit weiterhin ein bedeutender Investor und Handelspartner der Region. Beim Bestand ausländischer Direktinvestitionen liegen US-Konzerne mit europäischen Unternehmen in Lateinamerika etwa gleichauf.

Beim Handel ist das Volumen mit den USA jedoch deutlich größer, was vor allem am Austausch mit Mexiko liegt. Der Gesamthandel der USA mit Lateinamerika betrug im Jahr 2024 rund 365 Milliarden US-Dollar. Das Handelsvolumen zwischen Europa und Lateinamerika war mit rund 180 Milliarden Euro dagegen nur circa halb so groß.

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© Pixabay/bryanhanson1956

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