Lateinamerika steht weiterhin wirtschaftlich überraschend stabil da

Die Geopolitik führt zu einer Aufwertung des Kontinents als Standort und Handelspartner. Durch die Handelsabkommen mit Mexiko und dem Mercosur hat die EU sich nun in Stellung gebracht.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Region zeigt sich zur Jahresmitte widerstandsfähiger, als es die politische und wirtschaftliche Unsicherheit in der Weltwirtschaft und Weltpolitik vermuten lässt. In keinem Land droht eine Rezession oder eine politische Krise.

Die Gründe für die Stabilität bei der Konjunktur sind jedoch von Land zu Land verschieden.

Brasilien und Kolumbien befinden sich im Wahlkampfmodus. Die Regierungen versuchen durch staatliche Ausgabenprogramme Stimmen zu gewinnen. Das hat kurzfristig das Wachstum erhöht. Die Sozialausgaben und Mindestlohnerhöhungen dürften aber mittelfristig nicht zu finanzieren sein, wodurch die Wachstumsprognosen für 2027 in beiden Ländern schwächer ausfallen.

In Argentinien und Peru dagegen wird die Konjunktur durch Exporte und Investitionen vor allem in Bergbau und Energie gestützt. Gemeinsam mit Chile werden die Volkswirtschaften nächstes Jahr mit Wachstumsraten von über drei Prozent in der Region am besten abschneiden.

Mexiko bleibt die Ausnahme: Dort verläuft die wirtschaftliche Entwicklung trotz gewisser Impulse aus dem Ausland weiterhin wechselhaft und deutlich unter dem Potenzial.

Aus mehreren Gründen fallen die Aussichten für die Region stabil aus.

So ist Lateinamerika ein strategischer Gewinner des globalen Umbruchs und der gegenwärtigen Konflikte. Als Lieferant kritischer Rohstoffe, Nahrungsmittel und Energie gewinnt die Region für Europa, die USA sowie China gleichermaßen an Bedeutung.

Lateinamerika verfügt über große Reserven an Kupfer, Lithium, Eisenerz, Silber, Bauxit und seltenen Mineralien, die für Energiewende, Digitalisierung und Rüstung benötigt werden. Chile und Peru liefern rund 40 Prozent des weltweiten Kupfers, Argentinien gehört zum Lithium-Dreieck.

Brasilien, Guyana, Argentinien verfügen über bedeutende Öl- und Gasvorkommen, deren Förderung zudem wächst. Das gilt auch für Venezuela, das seine Öl- und Gasproduktion erneut hochfährt. Gleichzeitig nutzt die Region einen der weltweit höchsten Anteile erneuerbarer Energien.

Brasilien und Argentinien gehören zu den wichtigsten Exporteuren von Soja, Mais, Zucker, Fleisch und anderen Agrarprodukten. Das Agrarpotenzial ist in ganz Südamerika hoch.

Im Vergleich zu Osteuropa, dem Nahen Osten oder Teilen Asiens gilt Südamerika trotz des wachsenden internen Sicherheitsproblems als konfliktarm. Das macht die Region für Investoren und Unternehmen attraktiv.

Die Region beginnt, von der Diversifizierung westlicher Lieferketten zu profitieren: Europa und die USA suchen Alternativen zu China und Russland. Gleichzeitig bauen aber auch China und andere asiatische Schwellenländer ihre Beziehungen zu den südamerikanischen Rohstoffexporteuren aus und investieren verstärkt in Infrastruktur.

Angezogen werden sie zudem von einem Markt mit rund 670 Millionen Menschen. Für europäische Unternehmen hat der Konkurrenzdruck in den großen Volkswirtschaften der Region deshalb deutlich zugenommen.

Mit den erneuerten Handelsabkommen mit Mexiko und dem Mercosur hat die EU nun ihre Verbindungen mit Lateinamerika gerade noch rechtzeitig gestärkt. Gerade für die Industrie verschaffen die Abkommen einen verbesserten Marktzugang und Standortbedingungen.

Während die USA unter Donald Trump weiter stärker auf Zölle und Protektionismus setzen und China seinen Einfluss in der Region ausbaut, haben europäische Unternehmen nun einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz in Lateinamerika. Gerade auch für kleine und mittlere Unternehmen in der Industrie ist das entscheidend.

Die Abkommen verschaffen der europäischen Industrie nicht nur einen besseren Marktzugang, sondern erleichtern auch den Zugang zu Rohstoffen und stabileren Lieferketten.

Politisch stehen in Südamerika wichtige politische Weichenstellungen bevor: In Peru, Kolumbien und Brasilien finden Präsidentschaftswahlen statt. Die drei Staaten vereinen rund die Hälfte der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft ganz Lateinamerikas. Noch ist offen, welche Kandidaten sich durchsetzen werden. In allen Staaten ist die Politik stark polarisiert. Dennoch haben die letzten Jahre gezeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung stärker abgekoppelt von der ideologischen Ausrichtung der Regierungen ist, als es im Wahlkampf erscheint.

Auch bei der wachsenden Einflussnahme der USA in Lateinamerika ist noch unklar, wie sie sich für die Zusammenarbeit mit Europa auswirken wird. Seit die US-Regierung Ende letzten Jahres ihre neue Sicherheitsstrategie für Lateinamerika verkündet hat, weitet Washington den Einfluss auf die Region spürbar aus. Die wachsenden Investitionen in Bergbau und kritische Mineralien belegen, dass Washington vorrangig den chinesischen Einfluss in Lateinamerika reduzieren will.

Wie das Beispiel Venezuela zeigt, zögert Washington nicht, auch militärisch vorzugehen, um seinen Einfluss durchzusetzen. Wie weit diese Strategie künftig auch europäische Unternehmen betreffen wird, bleibt offen.

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