Europas Industrie braucht dringend eine Strategie für Lateinamerika

Die Region orientiert sich immer mehr nach Fernost – nicht nur China wird immer wichtiger, auch die anderen asiatischen Wachstumsländer gewinnen rasant an Gewicht im Handel und bei den Investitionen. Europa verliert an Bedeutung.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

70 Kilometer nördlich von Lima beginnt der chinesische Hafenbetreiber Cosco Shipping Ports gerade mit dem Neubau eines Hafens. Investitionsvolumen: 3 Milliarden Dollar. Ab 2023 soll der Betrieb in Chancay starten. Mit seiner Kapazität dürfte er dann in Zukunft den Hafen von San Antonio in Chile einholen, zur Zeit der wichtigste Pazifikhafen Südamerikas.

Chancay soll eine Schlüsselrolle bei Südamerikas „natürlicher Erweiterung“ von Chinas „Belt and Road Initiative“ spielen. Erst 2017 hat China Lateinamerika als strategischen Partner der Initiative eingestuft. Inzwischen haben 19 Länder ein Abkommen mit Peking unterzeichnet.

In Europa wird leicht übersehen, dass nicht nur der Handel zwischen China und Südamerika wachsen wird. Die Infrastruktur der neuen Seidenstraße wird auch den Austausch Südamerikas mit ganz Asien beschleunigen.

Marcos Troyjo, der brasilianische Präsident der Neuen Entwicklungsbank (NDB), die 2015 von den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) mit Sitz in Shanghai gegründet wurde, hat gerade in der brasilianischen Zeitung Estado de São Paulo darauf hingewiesen, dass Asien derzeit Europa abhängt im Außenhandel mit Südamerika. Danach habe allein Brasilien in den letzten 12 Monaten mehr nach Asien exportiert (selbst wenn man China und Japan nicht berücksichtige) als in die Europäische Union. Troyjo vergleicht die Volumen eindrücklich: Danach exportiere Brasilien heute mehr nach Singapur als nach Deutschland. Mehr nach Südkorea als nach Spanien. Mehr nach Malaysia als nach Italien, mehr nach Indien als nach Großbritannien. Mehr nach Thailand als nach Frankreich. Mehr nach Bangladesch als nach Australien, Dänemark, Finnland, Österreich und Israel zusammen.

Im Jahr 2001 tauschten Brasilien und China Waren im Wert von einer Milliarde Dollar pro Jahr. Heute seien es alle 60 Stunden eine Milliarde Dollar, sagt Troyjo. Es ist abzusehen, dass die schnell wachsenden asiatischen Emerging-Markets einen ähnlichen Exportboom in Südamerika auslösen, wie das China vor 20 Jahren getan hat. Denn Südamerikas Bergbau- und Agrokonzerne liefern die industriellen Rohstoffe für den Ausbau der Infrastruktur, der Ballungsräume und Industrie in Fernost. Sie bieten aber auch die commodities für die Ernährung der aufsteigenden Mittelschichten in diesen Ländern.

Mit den Exporten werden auch die asiatischen Investitionen in die Infrastruktur Südamerikas massiv steigen. Rohstoffe haben nur einen Wert, wenn sie transportiert werden können. Der Chancay-Hafen in Peru ist das neueste Beispiel dafür.

Die Kredite und Finanzierungen für die Investitionen werden ebenfalls zunehmend aus Fernost kommen. So hat die Neue Entwicklungsbank gerade mit der Erweiterung ihrer Mitgliedschaft begonnen. Seit dieser Woche sind die Vereinigten Arabischen Emirate, Uruguay und Bangladesch neue Mitgliedsländer in der NDB.

Europas Industrie muss dringend eine Strategie entwickeln, wie sie auf die gewaltige Verschiebung der globalen Wirtschaftsachsen in Südamerika reagieren soll.

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Warum Klimawandel die Industrialisierung anschieben könnte

Mit der sauberen Energiematrix und seinen Rohstoffen werden die lateinamerikanischen Ökonomien besonders von der grünen Wende in der Weltwirtschaft profitieren. Doch dafür müssten die Regierungen mitziehen. Das gilt vor allem für Mexiko und Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Länder und Unternehmen auf der ganzen Welt reagieren verstärkt auf den Klimawandel. Emissionsneutrale Ökonomien sind das Ziel. Die Maßnahmen gegen den Klimawandel werden zu einem zentralen Thema im globalen Konkurrenzkampf. Für Lateinamerika bietet das eine einmalige Chance.

Denn die Region hat in vielen Ländern nachhaltigere Energieproduktionen als der Durchschnitt der Industriestaaten. Das liegt einerseits an der traditionell dominierenden Wasserkraft zur Stromerzeugung im Zentrum Südamerikas. Auch die Biotreibstoffe werden vor allem in Brasilien schon seit vielen Jahren produziert und eingesetzt. Deren Bedeutung wird in den nächsten Jahren in allen Agrarregionen Lateinamerikas noch zunehmen. Das liegt an den neuen Technologien, mit der zunehmend Biomasse, aber auch städtische Abfälle in Treibstoffe und Strom verwandelt werden.

Zudem sorgen die schnell wachsenden Investitionen in Wind- und Solarparks für eine nachhaltigere Energieproduktion in Lateinamerika. Die Region hat neben der hohen Sonnenstrahlung auch die windstärksten Gebiete weltweit – und das Potenzial von off-shore-Windparks ist noch nicht einmal angezapft. Auch die industrielle Nutzung von der reichlich vorhandenen Erdwärmeenergie steht erst am Anfang.

Chile macht gerade vor, wie die Sonnenenergie in „grünen“ Wasserstoff umgewandelt werden kann, der also nicht aus konventionellen Energien gewonnen wird, sondern aus Solar- und Windenergie. Die anderen Staaten werden folgen. Denn mit den sinkenden Preisen für die nachhaltige Energie-Infrastruktur zur Herstellung von Wasserstoff, dürfte Lateinamerika in den nächsten zehn Jahren zu einem wichtigen Produzenten werden.

Für Lateinamerika wird der grüne Wandel hohe Investitionen mit sich bringen und Arbeitsplätze schaffen. Sogar der dringend notwendige Produktivitäts- und Industrialisierungsschub könnten die Änderungen in der Weltwirtschaft auslösen.

Denn der grüne Wasserstoff kann in die Wertschöpfungsketten der lokalen Industrien eingebaut werden und nicht nur als Treibstoff oder Energieträger exportiert werden. Schon jetzt fragen die Unternehmen in Europa, den USA und China „grünen“ Stahl und Kupfer nach. Außerdem könnten die Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette und Logistik von der Erzmine im Amazonas oder den Anden bis zu den Häfen in Europa oder China nachhaltig mit Biotreibstoffen oder Wasserstoff, also CO2-neutral aufbauen.

Es gibt aber ein Problem. Während sich der ökologische Wandel weltweit beschleunigt, haben die Regierungen der beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas gerade den umgekehrten Weg eingeschlagen. In Brasilien und Mexiko nehmen die Präsidenten das Thema nicht ernst: Mexiko hat die Regierung nachhaltige Energien von der Prioritätenliste verbannt. Sie setzt auf die traditionelle Ölindustrie und Raffinerien. Auch in Brasilien ignoriert die Regierung die Chancen, welche sich aus der Umstellung in der Weltwirtschaft ergeben.

Doch Regierungen wechseln. Auch bei Sonnen- und Windenergie sind viele Staaten Lateinamerikas erst spät auf den Zug aufgesprungen. Heute zählen sie zu den wichtigen Investitionsstandorten der Branchen weltweit.

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Trotz der schnellen Erholung bleiben die Investoren nervös in Südamerika

Warum sind der Peso, Real und Sol so schwach, obwohl gleichzeitig viele Staaten Südamerikas die Pandemie-Rezession schneller hinter sich lassen, als vor kurzem noch erwartet? Die Investoren fürchten, dass steigende US-Zinsen die Belebung stoppen könnten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Fast alle Ökonomien in Südamerika erholen sich schneller als erwartet von der Pandemie-Rezession. Nach Brasilien und Mexiko haben die Investmentbanken gerade die Wachstumsprognosen für Chile in diesem Jahr auf überraschend hohe 9,5% angehoben. Schon im Juni hat die chilenische Wirtschaft das Vor-Pandemie-Niveau erreicht.

Wie Chile profitieren fast alle südamerikanischen Staaten vom Rohstoffboom. Auch die Importe legen deutlich zu – was ein Anzeichen dafür ist, dass die Unternehmen wieder investieren. Tatsächlich sind die Einfuhren an Maschinen und Ausrüstungen ebenfalls stark gewachsen, wie etwa in Brasilien. Die Leistungsbilanzdefizite in der Region sind nach den eineinhalb Pandemiejahren geschrumpft. Damit sinkt die Gefahr von Zahlungsausfällen.

Trotzdem zählen der chilenische Peso, der peruanische Sol und der kolumbianische Peso zu den Währungen, die in den letzten Monaten stark an Wert verloren haben. Auch der Real hat seit Beginn der Pandemie gegen den Dollar rund 20% nachgegeben. Die täglichen Schwankungen der Wechselkurse haben enorm zugenommen.

Das passt nicht zusammen: Die Erholung einerseits und die die hohe Volatilität der Wechselkurse und die anhaltende Schwäche der Währungen andererseits.

Sie sind ein klares Indiz dafür, dass die Investoren der Erholung nicht trauen. Der Grund sind einerseits die schwachen öffentlichen Finanzen in der Region, andererseits das angespannte politische Szenario. Auch die Aussichten einer möglichen Zinserhöhung in den USA erhöht die Nervosität in Südamerika.

Sollte es zu einer Erhöhung der weltweiten Zinsen kommen – so fürchten die Experten des Institute of International Finance (IIF) in Washington – könnte das Vertrauen der Anleger schnell schwinden, so dass ein Szenario mit anhaltender Wachstumsschwäche in Lateinamerika schwer zu vermeiden wäre.

Denn die gestiegenen Haushaltsdefizite müssen finanziert werden. Die sind in der Pandemie gewachsen, weil die Regierungen soziale Ausgleichszahlungen leisteten, um die Ärmsten in ihren Ländern zu unterstützen. Doch die politischen Unruhen und sozialen Spannungen in Kolumbien, Chile, Brasilien und Peru führen dazu, dass die Regierungen auch in diesem Jahr die Budgetvorgaben überschreiten. Kommt es dann zu einer Zinserhöhung in den USA, dann müssen auch die Zentralbanken in Südamerika die Leitzinsen hochsetzen und gleichzeitig verteuern sich die Kreditkosten für die Unternehmen und Staaten der Region.

Das würde wiederum das Wachstum ausbremsen. Schon jetzt nimmt der Druck auf die Geldbehörden zu, nach einem strikteren monetären Kurs: Die Inflationsraten steigen stärker als erwartet.

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Ist die schnelle Erholung der Wirtschaft Lateinamerikas nachhaltig?

Die wirtschaftlichen Aktivitäten in einigen wichtigen Märkten Lateinamerika legen in einem Tempo zu, das vor Kurzem nicht möglich schien. Doch Prognosen bleiben schwierig: Die Bevölkerung ist mit zwei Ausnahmen noch wenig geimpft, neue Virus-Varianten können sich schnell ausbreiten. Auch die politischen Spannungen halten an.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Kein swoosh, sondern ein V“ erwartet die Investmentbank JP Morgan für die Erholung Lateinamerikas in diesem Jahr: Nach -6,6 % (2020) rechnen deren Ökonomen jetzt mit +6,4 % (2021) Zuwachs. Das erstaunt: Denn weiterhin ist Lateinamerika weltweit die Region, die am stärksten von der Pandemie betroffen ist. Zwar sinken die Infizierungen und Todesfälle in allen Ländern, doch das Niveau bleibt im weltweiten Vergleich hoch.

Bei den Impfungen sind die Staaten zuletzt gut weitergekommen. Sie liegen jedoch im internationalen Vergleich deutlich zurück. Kein Land hat mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung zweimal geimpft – mit der Ausnahme von Uruguay und Chile. Dort sind rund 60 % der Menschen vollständig immunisiert. Die Delta-Virus-Variante beginnt sich erst jetzt in Lateinamerika auszubreiten.

Die Wachstumsprognosen fallen insgesamt positiv, aber unterschiedlich aus. Am positivsten überraschen die erneut aufgebesserten Vorhersagen in den zwei größten Volkswirtschaften der Region: In Mexiko (+6,8 %) und Brasilien (+5,5 %) dürften die Konjunktur so stark anziehen, dass die Wirtschaftskraft in den nächsten Monaten bereits das Vor-Pandemie-Niveau erreichen könnte.

Auch in den Andenländern ist die Erholung im Gange, aber der weitere Verlauf ist ungewiss: Vor allem die politischen Unruhen in Kolumbien (erwartetes Wachstum für dieses Jahr: +7,5 %) haben dort im Mai für eine Unterbrechung der Verarbeitungsketten gesorgt. In Peru verunsichert die Wahl des Linkspräsidenten Pedro Castillo die Unternehmen. Dort wird trotz der hohen Prognose von +10,8 % in diesem Jahr eine Erholung der Aktivitäten auf den Stand vor der Pandemie erst Anfang nächsten Jahres erwartet.

Auch in Chile sorgen die unklaren Aussichten in der Politik (Wahlen im November und Verfassungsgebende Versammlung) für eine erwartetes Wachstum von nur +8 %. Argentinien wird sich auch mit einer prognostizierten Erholung von +6,3 % in absehbarer Zeit nicht von seiner Wirtschaftskrise erholen, welche die Pandemie noch verstärkt hat. Das argentinische BIP ist vergangenes Jahr um fast -10 % geschrumpft, nach bereits mehreren Rezessionsjahren.

Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist die in den meisten Ökonomien zunehmende Inflation. Wird sie – wie einige Ökonomen erwarten – gegen Jahresende bereits wieder schwächer werden, also temporär bleiben? Oder werden die hohen Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise anhalten, deren Preissteigerungseffekte durch die schwachen Wechselkurse in Lateinamerika noch verstärkt werden?

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Chinas politischer Einfluss in Brasilien wächst

In Europa wird Brasilien vor allem wegen der Umwelt- und Amazonaspolitik der Regierung Bolsonaro kritisiert. Ein Dialog findet kaum mehr statt. China nutzt die Lücke und bekommt über die Nachhaltigkeitsagenda immer mehr Einfluss in Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

In Brasilien häufen sich in den letzten Monaten die offiziellen Seminare zum Thema Nachhaltigkeit. Teilnehmer sind Vertreter von Staat, Regierung, Privatunternehmen und Verbände. Es geht um Nachhaltigkeit in den Handelsbeziehungen, zertifizierte Handelsketten bei Agro und Lebensmitteln, Dekarbonisierung der Wirtschaft, organische Lebensmittel und sogar über Reduzierung der Brandrodungen in Amazonas wird debattiert.

Das ist überraschend in einem Land wie Brasilien, wo gerade die Umwelt- und Regenwaldpolitik der Regierung im Zentrum der Kritik stehen. Ebenso überraschend ist, dass unter den ausländischen Teilnehmern bei diesen Debatten erstmals massiv China auftritt: Mit hochrangigen Ministern, Bankern und Vertretern der Akademie. Europäer sind – bis auf die Privatwirtschaft – kaum noch vertreten. Dabei gehört Nachhaltigkeit zu den Kernthemen der bilateralen Agenda zwischen Europa und Brasilien. Doch das ist Vergangenheit.

Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der Brasilien in Europa nicht an den Pranger gestellt wird. Dabei geht es vor allem um die Umwelt- und Amazonaspolitik Bolsonaros. Die Kritik trifft durchaus zu. Doch stellt sich die Frage, ob Europa überhaupt noch einen Dialog mit Brasilien will. Vielmehr scheint es, dass Europa gegenüber Brasilien die Türen zugeschlagen hat.

Diese Lücke nutzt Peking jetzt geschickt. Chinas Diplomaten haben eine Dialog-Offensive zum Thema Umwelt und Nachhaltigkeit gestartet.

Das ist strategisch klug. Denn die Großmacht aus Asien ist neben der USA und Europa der wichtigste Handelspartner Brasiliens und zunehmend einflussreich als Investor. Doch auch zwischen China und Brasilien knirscht es in den Beziehungen. Präsident Bolsonaro und einige seiner Vertrauten kritisieren China regelmäßig.

Doch davon unbeeindruckt arbeiten Chinas Diplomaten gemeinsam mit Vertretern der Regierung und Wirtschaft Brasiliens an einer neuen Nachhaltigkeits-Agenda. Dafür bietet China Finanzierungen an und will einen permanenten institutionalisierten Informationsaustausch zwischen den Staaten einrichten. Der soll auf allen Ebenen stattfinden, zwischen Regierungen, Unternehmern, Agro und Konsumenten. Wie zu erwarten, werden Themen wie Indigenenschutz oder Menschenrechte dabei nicht diskutiert. Aus Brasilien sind zahlreiche hochrangige Vertreter aus Unternehmen, Ministerien und Forschungsinstituten beteiligt. Das sind die Ansprechpartner, die sich jede EU-Delegation in Brasilien als Dialogpartner wünschen würde.

Doch ab jetzt redet China in Brasilien bei den Themen Umwelt, Konsumentenschutz und Nachhaltigkeit mit und bestimmt mit über die künftigen Normen und Regeln im dekarbonisierten Warenaustausch.

Über die Nachhaltigkeitsthemen bringt China geschickt seine politisch-technologische Agenda in die bilaterale Diskussion ein. Stichwort: Huaweis Beteiligung am 5G Netz. Denn wer kann gegen schnellere Handynetze sein, wenn diese Smart-Farming ermöglichen oder beim Aufbau zertifizierter, nachhaltiger Lieferketten helfen?

Europa sollte aufpassen, dass es wegen der fehlenden Dialogbereitschaft nicht vollends den Einfluss in Brasilien verliert.

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Steigende Lebensmittelpreise erhöhen in Südamerika das Protestrisiko

Die Region ist einer der wichtigsten Lieferanten des Weltmarktes für Agrarprodukte – und dennoch erlebt die Bevölkerung dort die höchsten Lebensmittelpreissteigerungen weltweit. Der Grund: Die Farmer exportieren ihre Produkte, deren Preise sind in Dollar quotiert. Die Preise in Real und Peso für Lebensmittel erhöht das zusätzlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die südamerikanischen Farmer haben in den letzten Monaten eine Rekordernte eingefahren und konnten entsprechend mehr nach China exportieren, dem wichtigsten Abnehmer für Soja, Hühnerfleisch und Mais aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay.

Für die Konsumenten in diesen Ländern ist das jedoch kein Trost: Denn die Preise für Bohnen, Reis, Zucker und Pflanzenöle, aber eben auch für Fleisch von Rind, Geflügel und Schwein sind im Mai so stark gestiegen, wie seit zehn Jahren nicht mehr. In Argentinien hat die Regierung deswegen die Rindfleischexporte verboten, um die Unterversorgungen und Preisanstiege zu bremsen. Genutzt hat es wenig.

Der Grund für die hohen Preise sind einerseits auf der Angebotsseite die schwere Trockenheit in Brasilien, welche die Produktion verringern wird. Zudem lassen die hohen Ölpreise auch wieder Biodiesel und Ethanol attraktiv werden. Die Farmer verkaufen ihren Mais oder Soja an Energiekonzerne, welche die Saaten in Biodiesel umwandeln. Zuckerkonzerne produzieren Ethanol statt Zucker. Das Dilemma „Tank oder Teller“ bekommt eine neue Aktualität.

So besteht in Südamerika ein Paradox: Der Kontinent ist der wichtigste Lebensmittellieferant für den Weltmarkt – doch seine eigene Bevölkerung kann sich diese immer weniger leisten. Die Tendenz ist, dass die Preissteigerungen erst noch richtig zunehmen werden – nämlich dann, wenn die Produzenten ihre Preiserhöhungen für Treibstoffe und Agrarprodukte an die Konsumenten weitergeben werden. 2020 konnten die Farmer noch bei fast gleichen Kosten wie zum Vorjahr produzieren. Doch nun sind die Preise für Pflanzenschutzmittel, Dünger und Diesel kräftig gestiegen.

Bereits jetzt bezahlen die Südamerikaner noch mehr für Lebensmittel als andere Bevölkerungen: Ihre Währungen sind schwach gegenüber dem Dollar. Aber Agrarrohstoffe werden, wie auch Energie und Industrierohstoffe, in Dollar gehandelt. Auf die gestiegenen Preise bezahlen die Konsumenten in São Paulo und Buenos Aires noch einen Wechselkursaufschlag.

Für die Regierungen in Südamerika ist das ein explosives Gemisch: Preiserhöhungen wie für Mais in Mexiko oder in den Andenländern haben bereits 2007 und 2010 zu Revolten geführt. Schon jetzt demonstrieren die Menschen in Ecuador, Kolumbien, aber vor kurzem auch Peru, Bolivien und Chile für bessere Leistungen vom Staat und mehr soziale Gerechtigkeit. Durch die Pandemie sind viele Südamerikaner aus der Mittelschicht abgestiegen in die Armut. Selbst im reichen Brasilien grassiert wieder der Hunger – der eigentlich schon längst besiegt schien.

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Mexikos und Brasiliens Präsidenten und ihr Verhältnis zur Wirtschaft

Seit zweieinhalb Jahren sind in Brasilien und Mexiko Populisten am Ruder. In Brasilien regiert der rechte Ex-Militär Jair Bolsonaro. In Mexiko ist es der linke Berufspolitiker Andrés Manuel López Obrador. Anlass für ein Zwischenfazit.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Mexiko und Brasilien sind die zwei wichtigsten Standorte der deutschen Industrie in Lateinamerika. Dort leben etwa 340 Millionen Menschen, also etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Sie produzieren rund knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes der Region. Während deutsche Unternehmen in Brasilien vor allem den großen lokalen Markt beliefern, nutzen sie Mexiko vor allem als Exportplattform in die USA, aber auch weltweit.

Seit rund 30 Monaten sind in beiden Ländern populistische Präsidenten an der Macht. Obwohl sie ideologisch an den zwei Extremen des politischen Spektrums angesiedelt sind, regieren sie inhaltlich doch ziemlich ähnlich. Sowohl der linke López Obrador wie der rechte Bolsonaro haben wenig Respekt vor Gewaltenteilung, demokratischen Institutionen oder den Medien. Sie haben ihre Gesellschaften weiter gespalten. Wer nicht bedingungslos für sie ist, der ist ein Feind und wird diffamiert. Sie regieren beide am liebsten mit den Militärs. Obrador lässt sie in Mexiko Eisenbahnlinien bauen, Häfen verwalten und gegen die Drogenmafias kämpfen. Bolsonaro hat 6000 Militärs in Staatsämter und -unternehmen geholt. In seinem Kabinett sind sie in der Mehrheit. Umwelt- oder Klimafragen empfinden beide Politiker als lästig.

Doch sie pflegen einen anderen Stil: Während Bolsonaro gesellschaftspolitisch teilweise klar reaktionär und antidemokratisch auftritt – und damit ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, auch im Ausland – ist auch der Linke Andrés Obrador überraschend konservativ. Doch das hängt er – wie auch seine autokratischen Vorlieben – nicht an die große Glocke, wie das Bolsonaro über die sozialen Medien ständig macht.

In der Pandemie haben beide ähnlich versagt, wenn auch mit unterschiedlichen Strategien: Beide leugnen die Pandemie, kümmerten sich lange nicht um Impfmittel und rieten der Bevölkerung, sich nicht zu isolieren. In Brasilien zahlte die Regierung im ersten Pandemiejahr noch großzügige Sozialhilfen und konnte die Rezession mildern. In Mexiko hielt der Linke die Kassen zu und Mexikos Wirtschaft stürzte ab.

Dennoch unterscheiden sie sich deutlich in ihrem Umgang mit der Wirtschaft. Verkürzt lässt sich sagen: Während Bolsonaro tendenziell eher marktwirtschaftlich auftritt, greift AMLO voll in die Mottenkiste der linken Wirtschaftspolitiken des letzten Jahrhunderts.

Staatskonzerne wie Pemex erleben ein unerwartetes Comeback. López Obrador hat die mühsam durchgeboxte Energiereform wieder zurückgedreht. Ausländische Konzerne, die in nachhaltige Energien investiert haben, erwischt er damit auf dem falschen Fuß. Der Privatwirtschaft steht er gleichgültig bis feindselig gegenüber, der Staat greift wieder überall ein.

Zwar ist auch Bolsonaro beileibe nicht der liberale Reformer, als den er sich im Wahlkampf darstellte, und von seinem Privatisierungsprogramm hat er kaum etwas realisiert. Doch mit etwas Glück könnten die hohen Rohstoffpreise und eine zunehmende Durchimpfung der Bevölkerung Brasiliens Wirtschaft bis zum Jahresende wieder in den Normalmodus bringen. In Mexiko dürften die Investoren vorsichtig bleiben wegen des widrigen Kurses der Regierung, trotz des Nachfragebooms in den USA, von dem die Industrie Mexikos traditionell als Zulieferer profitiert.

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Steht Südamerika vor einem Linksrutsch in der Politik?

Die politischen Ereignisse, Umfragen und Abstimmungen der letzten Wochen lassen diesen Schluss zu: Mittelfristig ist ein Linkstrend in Südamerikas Politik wahrscheinlich. Doch anders als ihre Vorgänger in den 2000er Jahren, wird die neue Generation der Linken weniger Ressourcen zur Verfügung haben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Derzeit sieht es danach aus, als werde Ecuadors neuer Präsident Guillermo Lasso politisch bald ziemlich einsam sein in Südamerika. Der Banker und wirtschaftsliberale Konservative könnte schon bald bei regionalen Gipfeln mit Kommunisten, Marxisten und ehemaligen Guerilleros als Staatschefs zusammentreffen.

So ist in Peru der Marxist Pedro Castillo der Favorit in den Umfragen für die Stichwahlen am 6. Juni. In Chile ist Daniel Jadue von der Kommunistischen Partei derzeit der aussichtsreichste Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im November. In Kolumbien schließlich führt der ehemalige Bürgermeister und Guerillero Gustavo Petro die Polls für die Wahlen in einem Jahr. Und auch in Brasilien hat derzeit der Ex-Präsident und Arbeiterführer Luiz Inácio Lula da Silva die besten Aussichten, den Amtsinhaber Jair Bolsonaro in eineinhalb Jahren zu schlagen.

Noch ist jedoch völlig offen, wie sich dieser politische Wandel auf die Wirtschaft in der Region auswirken wird. Als die Linke in Südamerika das letzte Mal flächendeckend an die Macht kam, profitierte sie vom Rohstoffboom, der über eine Dekade anhielt und von Öl bis Soja, von Kupfer bis Rindfleisch die ganze Palette an Agro- wie Industrierohstoffen umfasste. Der Exportboom sorgte für volle Devisenkassen und hohe Steuereinnahmen. Das erklärt, warum sich Politiker wie Chávez in Venezuela oder die Kirchners in Argentinien trotz ihrer schwachen Politik so lange erfolgreich an der Macht halten konnten.

Diesmal ist die Ausgangslage anders: Zwar gibt es auch jetzt einen Rohstoffboom. Doch es sieht nicht danach aus, dass der sich zu einem Superzyklus entwickeln wird. Den letzten langen Zyklus für Rohstoffe hatte China ausgelöst mit seiner rasanten Urbanisierung und den Aufstieg seiner Bevölkerung in die Mittelschicht.

Heute dagegen sind die öffentlichen Haushalte schwer im Defizit nach nun eineinhalb Jahren sozialer Ausgleichleistungen und ausgefallener Einnahmen während der Pandemie. Die Wachstumsprognosen fallen durchmischt aus, weil die Corona-Krise noch länger nicht beendet sein wird. Die Impfkampagnen verlaufen nur langsam.

In der Folge schwächeln die Währungen in ganz Südamerika. Zudem sinkt die Bereitschaft der ausländischen Investoren, Kredit zu geben. Die Herabstufung von Kolumbiens Anleihen auf Junk-Niveau letzte Woche sind ein Vorbote dafür, dass mit größerem politischen Risiko auch Südamerikas Kreditwürdigkeit weiter sinken wird.

Die möglicherweise bald an die Macht kommenden linken Regierungen in Südamerika werden also kaum die Verteilungspolitik ihrer Vorgänger in den 2000er Jahren fortsetzen können. Sie müssen mit weniger Ressourcen die sozialen Bedürfnisse einer ärmeren Bevölkerung befriedigen. Nur wenn ihnen das gelingt, werden sie sich an der Macht halten können.

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Chiles Experiment könnte Vorbild für ganz Lateinamerika werden

Es ist zu erwarten, dass die Proteste in Lateinamerika wieder zunehmen. Chile versucht, jetzt mit einer Verfassungsversammlung als Ventil für den aufgeladenen Volkszorn Druck abzubauen. Ob es gelingt, ist offen. Im Andenland beginnt am Wochenende ein spannendes Experiment in Sachen Demokratie.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Chile wählt jetzt eine verfassungsgebende Versammlung. 155 Mitglieder, je zur Hälfte Frauen und Männer, werden dann bis maximal ein Jahr über die neue Verfassung Chiles verhandeln. Dann wird Mitte nächsten Jahres über die revidierte Version per Volksentscheid abgestimmt.

Die Mehrheit der Chilenen hat nach den schweren Protesten 2019 diese Verfassungsänderung gefordert. Viele von ihnen sind enttäuscht: Denn trotz des hohen Wachstums, der verbesserten Sozialindikatoren und der konsolidierten Demokratie seit nun 30 Jahren stört sich die Mehrheit der Chilenen an den fehlenden Aufstiegschancen und der schlechten Grundversorgung durch den Staat. Bei Bildung, Gesundheit und vor allem im Pensionssystem versagt der Staat gegenüber denen, die sich keine private Versorgung leisten können. Es ist abzusehen, dass die neue Verfassung mehr Staat und weniger Marktwirtschaft enthalten wird. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht ein sozialdemokratisches System.

Es geht ihr aber auch um die Modernisierung der Gesellschaft. Chile hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert, was man an den breit diskutierten Themen Scheidung, Abtreibung und Homo-Ehe sieht. Das Vertrauen in Politik, Parteien und Unternehmerschaft, aber auch in Polizei und katholische Kirche hat einen Tiefpunkt erreicht. Dazu beigetragen haben zahlreiche Skandale, die auch das Selbstverständnis einer konservativen, redlichen Elite schwer erschüttert haben.

Verkürzt lässt sich sagen: Während die chilenische Gesellschaft in den letzten zehn Jahren immer liberaler wurde, blieb die Elite verschlossen und konservativ.

Die neue Verfassung ist nun der Versuch, wieder das Vertrauen in die Institutionen und die Demokratie aufzubauen – nicht zuletzt, um das erfolgreiche Wirtschaftsmodell langfristig zu retten. Denn wirtschaftlich spielt Chile in Lateinamerika schon länger in einer höheren Liga.

Wenn es nun gelingt, das Land auch gesellschaftlich per Verfassung zu modernisieren, dann könnte Chile auch politisch ein Vorbild für Lateinamerikas gespaltene Gesellschaften werden.

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Schließt sich das Kreditfenster für Lateinamerika?

Es gibt weiterhin erfolgreiche Börsengänge in Lateinamerika. Konzerne aus der Region bekommen meist problemlos Kredit im Ausland. Das gilt auch für die meisten Staaten. Dennoch sieht es so aus, als würden die Finanzierungen für Lateinamerika schwieriger werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die gute Nachricht zuerst: 20 Unternehmen haben dieses Jahr bereits erfolgreich Ihre Aktien an der Börse in São Paulo lanciert. Das ist mehr als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. In 2020 öffneten an der B3 rekordmäßig 27 Unternehmen ihr Kapital als Aktien bei Initial public offerings (IPO). Bis vor kurzem sah alles danach aus, als würde es dieses Jahr einen neuen Emissions-Rekord geben. Immerhin haben sich jetzt rund 40 weitere Unternehmen angemeldet, die an der Börse Kapital aufnehmen wollen.

Doch – und das ist die schlechte Nachricht – das scheint zunehmend unwahrscheinlich. Rund 30 IPO oder Zweitemissionen wurden dieses Jahr bereits gecancelt. Nur jede fünfter Börsengang hat den Investoren bisher Gewinne gebracht.

Auch sonst sieht es in Lateinamerika derzeit so aus, als könnte sich das Kreditfenster verkleinern. Professionelle Investoren werden zögerlicher, ihr Kapital in Lateinamerika anzulegen. Das ist ein Trend, der schon letztes Jahr begann, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gerade feststellte: Danach war Lateinamerika im vergangenen Jahr bereits die einzige Emerging-Market-Region, in welche die Banken das Anleihevolumen reduziert haben. 39 Milliarden Dollar verlor die Region letztes Jahr, Brasilien verzeichnet davon allein ein Minus von 22 Milliarden Dollar.

Die Investmentbank JP Morgan erwartet, dass die Finanzierungen für Lateinamerika dieses Jahr knapper werden. Lateinamerika-Bonds verzeichnen die stärksten Rendite-Verluste weltweit. In Brasilien, Kolumbien und Peru fallen die Verluste sogar zweitstellig aus seit Jahresbeginn.

Daran wird sich so schnell nicht ändern, so JP Morgan. Die anhaltenden hohen COVID-Infizierungen und langsamen Impfkampagnen werden das Wachstum in Lateinamerika weiter verzögern. Es ist weiterhin möglich, dass eine dritte Welle an Corona-Mutanten in der Region für neue Rückschläge sorgen wird. Zudem steigt die Inflation, wegen hoher Lebensmittel- und Energiepreise. Die Zentralbanken erhöhen die Zinsen und bremsen damit die Konjunktur aus. Die wenigsten Regierungen haben noch finanzielle Spielräume im Haushalt, um die sozialen Folgen der Pandemie abzumildern – und wenn, dann nur auf Kosten weiterer Zinserhöhungen oder steigender Verschuldung.

Auch die zunehmenden politischen Spannungen in fast allen Ländern lassen Lateinamerika-Bonds unattraktiv werden für institutionelle Investoren, so JP Morgan.

Die gute Nachricht für die Region kam gestern aus Washington: Die US-Zentralbank wird nicht so schnell die Zinsen erhöhen. Für Lateinamerika bedeutet das eine Atempause.

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