Argentinien und Brasilien nähern sich Russland und China an

Derzeit findet eine geopolitische Verschiebung in den Beziehungen zwischen Südamerika und dem Rest der Welt statt. Argentinien und Brasilien nutzen die Chancen, die sich mit der zunehmenden Konfrontation zwischen China, Russland und dem Westen ergeben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

So war der argentinische Präsident Alberto Fernández die letzten Tage erst in China und Russland auf Staatsvisite unterwegs. In China schloss er ein Investitionsabkommen im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) ab. 23 Mrd. Dollar will China die nächsten Jahre in die Infrastruktur des Pampalandes investieren, darunter auch in das vierte Atomkraftwerk Argentiniens.

Damit ist Argentinien das Land Nummer 20, welches sich in Lateinamerika eng mit China verbindet. Unter den großen Staaten sind dann nur noch Mexiko, Brasilien und Kolumbien nicht über ein BRI-Abkommen an China gekoppelt.

In Russland erklärte Fernández, dass Argentinien die Dominanz der USA und des Internationalen Währungsfonds stören würde. Zudem pries er sein Land als Brückenkopf an für russische Investitionen in Südamerika.

Das war ein diplomatischer Faux-Pas: Denn Argentinien hat vor wenigen Tagen ein für die Regierung wie Wirtschaft des südamerikanischen Landes überaus vorteilhaftes Abkommen mit dem Fonds abgeschlossen. Das geschah mit dem ausdrücklichen Segen der USA, aber auch der EU, die beim Fonds in Washington das Sagen haben.

Auch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will nächste Woche Russlands Präsident Wladimir Putin besuchen. Derzeit sind keine konkreten Abkommen vorgesehen. Es scheint, dass die beiden Staatschefs ihr Treffen vor allem als willkommene Gelegenheit nutzen wollen, um zu zeigen, dass sie in der Welt nicht isoliert sind.

Betrachtet man die Diplomatie der beiden südamerikanischen Staatschefs, dann lässt die sich durchaus strategisch rechtfertigen: Beide Staaten wollen unabhängig sein, mit allen reden, Handel treiben und Investitionen anziehen.

Zudem haben sie in der Corona-Krise gerade mitbekommen, dass China und Russland mit ihren Vakzin-Lieferungen wie Coronavac und Sputnik V die ersten Impfungen in Südamerika überhaupt erst möglich gemacht haben. Aus Europa und den USA kam lange Zeit keine Unterstützung in der Pandemie durch Impfstoffe.

Es sieht also alles danach aus, als würden Brasilien und Argentinien sich derzeit nicht nur von den USA, sondern auch von Europa entfernen. Beide Staaten sind die wichtigsten südamerikanischen Ökonomien. Sie dominieren zudem den Mercosur, mit dem die EU ein Freihandelsabkommen beschlossen hat. Das Abkommen könnte allein mit dem Beitritt Argentiniens zum BRI – wie auch dem Uruguays zuvor – infrage gestellt werden.

Das sind keine guten Nachrichten für das europäisch-südamerikanische Verhältnis.

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Ein Angebot der OECD an Südamerika

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt Argentinien, Brasilien und Peru eine Mitgliedschaft in Aussicht. Für die Staaten ist das eine seltene Chance, ihre notwendigen Reformen in Gang zu setzen. Es locken Investitionen und Produktionsgewinne.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das sind gute Nachrichten für Südamerika: Die OECD hat die Anträge von Argentinien, Brasilien und Peru akzeptiert und diese Staaten eingeladen, die Verhandlungen über eine Aufnahme in die internationale Organisation aufzunehmen.

Das kam überraschend. Bisher hatten sich vor allem die USA dagegen gesträubt, den Aufnahmeprozess zu beschleunigen – während Europa eher für eine schnellere Ausweitung des Clubs der wohlhabenderen 38 Mitgliedstaaten weltweit war.

Zusammen mit den drei südamerikanischen Staaten sind auch Einladungen an die Regierungschefs von Bulgarien, Kroatien und Rumänien gegangen. In Lateinamerika sind bisher Mexiko (seit 1994), Chile (2010), Kolumbien (2020) und Costa Rica (2021) Mitglieder. Durchschnittlich benötigen die Staaten und die OECD zwischen drei und vier Jahre, um die Verhandlungen abzuschließen. Die Verhandlungen für die Aufnahme Kolumbiens dauerten jedoch zuletzt fast sieben Jahre.

In Südamerika rechnet sich vor allem Brasilien gute Chancen aus, schon unter der nächsten Regierung bis zum Jahr 2026 in den Club der OECD aufgenommen zu werden. Seit 2017 arbeitet Brasilien bereits daran, seine Gesetze schrittweise den Auflagen der OECD anzupassen. Rund 40 Prozent aller Regeln seien bereits konform.

Argentinien hat sich unter dem liberalen Präsidenten Mauricio Macri für eine OECD-Aufnahme stark gemacht. Ob seine Nachfolger in den nächsten Jahren noch daran interessiert sind, wird sich zeigen müssen. Das gleiche gilt für Peru.

Schwierigkeiten haben die südamerikanischen Staaten vor allem bei den Steuersystemen und der Gleichbehandlung von ausländischen Investoren und Kapital. Zudem sind die Ökonomien von Argentinien und Brasilien stark verschlossen gegenüber Importen. Argentinien hat derzeit außerdem ein Wechselkursregime. Auch Brasilien besteuert Kapitalzuflüsse aus dem Ausland unterschiedlich. Das alles ist nach den Regeln des Pariser Clubs nicht erlaubt.

Für die Staaten ist die mögliche OECD-Mitgliedschaft vor allem eine Chance, die immer wieder aufgeschobenen Reformen in Finanzbereich und Wirtschaft, aber auch bei der Korruptionsbekämpfung oder im Umweltschutz anzugehen. Eine Aufnahme in die OECD, die für Marktwirtschaft und Demokratie steht, ist wie ein Gütesiegel für den Standort und bedeutet mittelfristig einen deutlichen Produktionsgewinn für die Wirtschaft.

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COVID-19 ist zurück – auch in Lateinamerika

Die Prognosen über die Auswirkungen der schnellen Verbreitung der Infizierungen fallen schwer, wie überall auf der Welt. Es ist gut möglich, dass die hohe Inflation dieses Jahr die Ökonomien in der Region stärker belasten könnte als der Virus.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Wie bisher im Verlauf der Pandemie, erreicht auch die neue Infektionswelle Lateinamerika mit rund zwei Monaten Verspätung. Aber nun mit voller Wucht: Zum Jahreswechsel noch schätzte die Investmentbank Goldman Sachs die Zahl der Infizierungen in der Gesamtregion auf 100.000 Fälle. Doch allein in Argentinien, das derzeit der Vorreiter an Infektionen mit der Omikron-Variante zu sein scheint, gibt es derzeit täglich über 135.000 Erkrankungen. In Brasilien sind es rund 100.000 Fälle – obwohl die Zahl der Tests verschwindend gering ist und die Statistiken kaum zuverlässig sind, seitdem Hacker die Rechner der staatlichen Gesundheitsbehörde lahmgelegt haben.

Die explodierenden Infizierungen führen zu höheren Auslastungen der Krankenstationen. Die Behörden in den Ländern setzen darauf, dass der Anstieg ähnlich heftig aber weniger langwierig und tödlich verlaufen wird. So wie in Großbritannien oder Südafrika. Im derzeitigen Sommer in Südamerika und nach zwei Jahren Pandemie zögern die Regierungen, neue Lockdown-Maßnahmen zu verhängen.

Dennoch fallen die Prognosen über die Auswirkungen der Omikron-Welle schwer: Goldman Sachs etwa rechnet damit, dass die Neuinfizierungen die Ökonomien in der nächsten Zeit belasten werden, da wieder freiwillige und obligatorische Lockdown-Maßnahmen für Dienstleistungen und Mobilität eingeführt werden dürften. „Das geringe Risiko von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen sowie die sinkende Bereitschaft der politischen Entscheidungsträger strenge Maßnahmen durchzusetzen sowie weitere Fortschritte bei der Impfung dürften die Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit jedoch begrenzen.“

Für Oxford Economics bleibt Lateinamerika die weltweit am meisten gefährdete Region – obwohl in vielen Ländern weitaus mehr Menschen geimpft sind als etwa in Europa: Mindestens eine Impfung erhalten haben die Menschen in Chile (90 %), Argentinien (85 %), Uruguay und Ecuador (jeweils 80 %) und Brasilien (78 %). Dennoch ist die Bevölkerung wegen der schwachen Gesundheitsinfrastruktur bedroht. Rekordzahlen an Infizierungen führen auch zu schweren Krankheitsverläufen. Das macht sich jetzt vor allen in den abgelegenen Regionen in Südamerika bemerkbar, wo bisher noch gar nicht geimpft wurde.

Dennoch machen einzelne Ökonomen in der hohen Inflation eine größere Bedrohung für das Wachstum in Lateinamerika aus als durch die neue Welle an Covid-Infizierungen. So sind die Inflationsraten in Brasilien (10 %) und in Mexiko (7,4 %) auf dem höchsten Stand seit zwanzig Jahren. Die Preiserhöhungen für Lebensmittel und Energie sind die entscheidenden Gründe.

Die Zentralbanken werden die Zinsen weit überdurchschnittlich erhöhen müssen, um die weitere Geldentwertung zu stoppen. Und trotzdem wird unsicher sein, ob die monetären Maßnahmen schnell greifen werden. Denn die Inflation in diesen Ländern wird zunehmend importiert.

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Ein Investitionsboom in Startups verändert Lateinamerikas Wirtschaft

Das brasilianische Startup Nubank ist diese Woche an die Börse gegangen und jetzt die wertvollste Bank Lateinamerikas. Die Finanzindustrie in der Region erlebt die stärkste Umwälzung ihrer Geschichte. Doch auch in anderen Branchen geschieht gerade das gleiche. Lateinamerikas Ökonomie gewinnt an Produktivität.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die brasilianische Nubank hat vor acht Jahren mit kostenlosen Kreditkarten begonnen und schreibt bis heute nur Verluste. Dennoch ist sie seit dieser Woche mehr wert als die brasilianische Privatbank Itaú-Unibanco, die bislang das führende Institut nach Marktkapitalisierung in der Region war.

Mit dem Börsengang spielt Nubank zudem den Vorreiter einer ganzen Branche an der Wallstreet: Der erfolgreiche IPO von Nubank gilt nun als Referenz für andere globale Neobanken wie Chime aus Kalifornien oder Revolut aus Großbritannien, die ebenfalls ihr Kapital eröffnen wollen.

Doch Nubank ist nicht allein: Es gibt in Lateinamerika inzwischen etwa zwei Dutzend Fintechs, die den etablierten Banken Konkurrenz machen. Stone, PagSeguro oder XP aus dem brasilianischen Finanzsektor haben ebenfalls in New York ihre Aktien notiert.

Dieser Verdrängungsprozess findet auch in anderen Branchen statt: Quinto Andar oder Loft wirbeln den brasilianischen Immobiliensektor durcheinander. Rappi aus Kolumbien oder ifood haben die Essens-Branche völlig verändert. Loggi rollt den Logistiksektor auf. Ualá aus Argentinien ist als Fintech erfolgreich und geht jetzt nach Mexiko. Satellogic aus Uruguay ist das erste Unicorn unter den AgTechs – also ein Startup, das nach den ersten Finanzierungsrunden über eine Milliarde Dollar wert ist.

Der Wert der Fintechs wie anderen Startups in der Region wird sowohl von dem allgemeinen Hype um Neobanken weltweit getrieben als auch dem Interesse der Venture-Capital-Investoren an High Tech-Unternehmen in Lateinamerika: Allein zwischen Januar und November dieses Jahres flossen 14 Milliarden Dollar Kapital in diese Unternehmen. Das ist dreimal mehr als im bisherigen Rekordjahr 2020. Die Zahl der Unicorns in Lateinamerika verdoppelt sich seit 2018 jedes Jahr. Heute gelten 26 Startups als Unicorns.

Das japanische Investmentkonglomerat Softbank hat gerade seinen Lateinamerika-Fond aufgestockt auf nun insgesamt acht Milliarden Dollar. An 48 Startups ist Softbank in Lateinamerika beteiligt, 15 davon sind Unicorns.

Inzwischen stecken auch traditionelle Investoren ihr Geld in brasilianische Fintechs: Bei Nubank stieg Mitte des Jahres der US-Investor Berkshire Hathaway um Warren Buffet ein. Bei C6 in Brasilien etwa übernahm JP Morgan 40 Prozent des Kapitals.

Für Lateinamerika sind das gute Nachrichten: Wenn die Regierungen seit Jahren kaum noch Reformen hinbekommen, dann dürften die größten Produktivitätssteigerungen derzeit aus der digitalen Umwandlung kommen.

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Steuert die Region erneut auf eine Dekade schwachen Wachstums zu?

Die Prognosen der Investmentbanken für Lateinamerikas im nächsten Jahr fallen durchmischt aus. Morgan Stanley (MS) rechnet mit einem unterdurchschnittlichen Wachstum für die Region im nächsten Jahr. Die Regierungen müssen entscheiden, wie sie wachsende soziale Forderungen finanzieren: Das geht über Steuererhöhungen oder wachsende Haushaltsdefizite. Beides hemmt Investitionen und lässt die Produktivität sinken. Gegen die wachsende Inflation müssen die Zentralbanken zudem die Zinsen erhöhen. Das bremst das Wachstum. Die Geldentwertung dürfte ab 2023 wieder im Griff sein, reduziert aber bis dahin die Massenkaufkraft.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Dieses Szenario gilt besonders für Brasilien: Hohe Inflation, wachsende Haushaltsdefizite und ein hoher Leitzins sorgen für ein Wachstum von mageren 0,5 % im nächsten Jahr, in dem zudem Präsidentschaftswahlen anstehen, welche für politische Spannungen sorgen werden. Erst ab 2023 wird Brasilien wieder auf den Wachstumstrend (von 1,8 % jährlich) einschwenken.

Mexiko wird von der Erholung der Konsumnachfrage sowie der globalen Lieferketten profitieren. MS rechnet mit 3,2 % Wachstum im nächsten Jahr.

Argentinien: Wird die Regierung in den zwei verbleibenden Jahren noch Reformen in Angriff nehmen und sich mit dem IWF auf eine Umschuldung einigen? Die Chancen stehen nicht gut. Wachstumsprognose: 1 %.

Kolumbien wird von den höheren Ölpreisen und der zunehmenden Beschäftigung profitieren und das Wachstum in der Region mit 3,9 % anführen. Ende Mai finden Präsidentschaftswahlen statt. Deren Ausgang ist völlig offen.

Chile erlebt heftige politischen Zeiten mit Wahlen und parallel tagenden Verfassungsversammlung. Nach einer Überhitzung der Wirtschaft infolge der Stimulierung der Verbraucher (Pensionsfondsabzüge) wird die Wirtschaft im nächsten Jahr wegen der straffen Geldpolitik nur noch um 2,4 % wachsen (nach 11,8 % in diesem Jahr).

Auch in Peru wird nach dem kräftigen Aufschwung in diesem Jahr (10,6 %) das Wachstum 2022 schwächer ausfallen (3,2 %).

In beiden Andenstaaten könnte die erwartete weltweite Konjunkturabschwächung zu niedrigeren Kupferpreisen führen und auch die politische Unsicherheit für einen Rückgang der Investitionen sorgen.

Fazit: Da kaum zu erwarten ist, dass sich die politischen Forderungen nach mehr staatlichen Sozialleistungen als vorübergehend erweisen, hält es MS für wahrscheinlich, dass Lateinamerika erneut vor einem Jahrzehnt mit unterdurchschnittlichem Wachstum stehen könnte.

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Isoliertes Lateinamerika?

In den letzten Tagen haben Lateinamerikas wichtigste Regierungschefs demonstriert, wie wenig Interesse sie an globalen Themen oder am Austausch mit der Welt haben. Die Folge: Die Unternehmen reagieren auf die politische Isolation mit Eigeninitiative.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die letzten zehn Tage fanden der G20-Gipfel in Rom und danach der Umweltgipfel COP26 in Glasgow statt. Es waren die ersten Spitzentreffen dieser Art nach fast zwei Jahren Pandemie – also eine einmalige Gelegenheit für jeden Staatschef, um sich zu vernetzen, für Verständnis zu werben, zu erklären, Positionen zu beziehen.

Doch was machen die drei wichtigsten Staatsoberhäupter aus Lateinamerika?

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador reiste erst gar nicht an.

Der argentinische Regierungschef Alberto Fernández machte sich mit einer 100-köpfigen Delegation auf nach Europa. Doch statt sich in Umweltfragen als der visionäre Staatsmann aus Lateinamerika zu profilieren, versuchte Fernández jeden Regierungschef davon zu überzeugen, dass Argentiniens Verschuldungsprobleme ungerecht seien und dass das Land eine Sonderbehandlung durch den Internationalen Währungsfonds verdiene. Umwelt und Klimawandel interessierten Fernández nur, wenn sich damit Schulden abbauen ließen.

Der Brasilianer Jair Bolsonaro war zwar in Rom, hielt sich aber von den offiziellen Ereignissen weitgehend fern. Ihn interessierte der Gipfel nicht. Aber auch die anderen Regierungschefs wollten offensichtlich nicht mit ihm gesehen werden. Nach Glasgow flog Bolsonaro erst gar nicht.

Es ist klar, dass Außenpolitik immer auch Innenpolitik ist, also mit Blick auf die Wähler stattfindet. Doch wenn Lateinamerikas wichtigste Staatschefs demonstrieren, dass ihnen die weltweiten Agenda ziemlich gleichgültig ist, und nicht einmal versuchen, sich als ernstzunehmende Staaten dazustellen, dann schaden sie mit dieser Isolation ihren Ländern.

Die Wirtschaft reagiert auf die zunehmende nationalistische Introvertiertheit ihrer Regierungen mit Eigeninitiative: In- wie ausländische Unternehmen in Lateinamerika beginnen sich selbst um ausländische Märkte zu kümmern und Strategien über die Landesgrenzen hinaus zu entwickeln. Das liegt am schwachen Wachstum in der Region, aber auch, weil viele Geschäftsmodelle gerade im digitalen Bereich nur ab einer gewissen Größe funktionieren. Beispiele finden sich in allen Branchen.

Zudem orientieren Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten an ESG-Kriterien, um nachhaltig in Sachen Umwelt, Soziales und der Unternehmensführung vorzugehen – auch wenn die nationalen Regulierer diese Kriterien im Moment nicht einfordern. Dieser Prozess hat in den letzten zwölf Monaten in allen Staaten Lateinamerikas an Intensität gewonnen.

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Großes Investoreninteresse an Infrastrukturprojekten in Brasilien

In Brasilien werden bis zum Jahresende bedeutende Auktionen von Infrastrukturprojekten stattfinden. Das Interesse der Investoren ist groß.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Ab heute finden bis zum Jahresende in Brasilien schon länger vorbereitete Auktionen von Lizenzen in der Infrastruktur statt, die zu den umfangreichsten der letzten Jahre gehören werden. Überraschend groß scheint das Interesse – sowohl von in- als auch ausländischen Investoren.

So werden die Fernstraßen zwischen Rio und São Paulo, zwischen Minas Gerais und Espírito Santos sowie in Paraná angeboten. Bei diesen Konzessionen verpflichten sich die Unternehmen zu Investitionen in Höhe von rund 10 Mrd. €. Neben den führenden lokalen Konzessionären Ecorodovias und CCR wollen sich erstmals auch wieder ausländische Konzerne und Investoren aus Spanien und Australien an der Auktion beteiligen.

Insgesamt neun Hafenterminals werden zudem bis zum Jahresende unter den Hammer kommen. Im Hafen von Santos werden drei Terminals ausgeschrieben: Zwei für Treibstoffe, eines für Container. Auch dabei dürfte der Wettbewerb zwischen asiatischen und europäischen Hafenbetreibern groß sein. Die restlichen Lizenzen verteilen sich auf Häfen in ganz Brasilien.

Für die Auktion der 5G Mobilfunklizenzen, haben überraschenderweise 15 Unternehmen ihre Gebote abgegeben, teilweise allein, zum Teil vereint in Konsortien. Die Telekom-Aufsichtsbehörde Anatel hat weit weniger Interesse erwartet. Bei der Auktion, die am 4. November beginnen wird, verpflichten sich die Unternehmen zu Gesamtinvestitionen von rund 8 Mrd. €.

Unklar ist, ob die Lizenzen der Binnenflughäfen von São Paulo (Congonhas) und Rio de Janeiro (Santos Dumont) noch unter der jetzigen Regierung zur Ausschreibung kommen werden. Auch bei den Zugstrecken ist noch nicht abzusehen, ob das neue Genehmigungsverfahren für Betreiber noch umgesetzt werden kann. Danach können private Anbieter Anträge einreichen für Bahnstrecken, die sie danach unlimitiert betreiben können. Es liegen Anträge von Firmen im Rahmen des neuen Eisenbahnkonzepts („Pró-Trilhas“) in Höhe von 13 Mrd. € vor.

Seit 2019 wurden insgesamt 74 Lizenzen an Private vergeben, die in den nächsten Jahren 11 Mrd. € in die Projekte investieren. Insgesamt wurden 34 Flughäfen, 29 Hafenpachtverträge und 99 weitere Genehmigungen für Terminals zur privaten Nutzung, sechs Eisenbahnen (Konzessionen, Erneuerungen und Querinvestitionen) und fünf Autobahnen an private Investoren übergeben.

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Schnellere Post-Pandemie-Erholung der Region

Der Internationale Währungsfonds hat überraschend stark die Wachstumsprognosen für Lateinamerika in diesem Jahr angehoben. Brasilien und Mexiko jedoch enttäuschen. Ab 2022 fällt das Wachstum in der ganzen Region wieder etwas zurück.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wachstumsaussichten haben sich für Lateinamerika deutlich verbessert – prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem neuesten World Economic Outlook. Dabei hat der Fonds die Prognosen für Lateinamerika im Vergleich zum April am stärksten weltweit angehoben. Mit 6,3 % Wachstum in diesem Jahr wird Lateinamerika etwa so schnell wie der Durchschnitt der Emerging-Markets weltweit zulegen. Der Grund sind vor allem die hohen Rohstoffpreise und die inzwischen schon recht fortgeschrittenen Impfkampagnen in den Ländern. In Brasilien, wo die Bundesregierung lange Zeit die Impfkampagne verzögerte, sind inzwischen mehr Menschen mindestens einmal gegen Corona geimpft als in Deutschland.

Chile (11 %), Peru (10 %), Kolumbien (7,6 %) und Argentinien (7,5 %) werden dieses Jahr die Erholung unter den größeren Ökonomien in der Region anführen. Enttäuschend fallen jedoch die Prognosen für Brasilien aus: Dieses Jahr wächst die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas noch 5,2 %, für 2022 rechnet der IWF nur noch mit einem Plus von mageren 1,5 %. Auch Mexikos Ökonomie wird dieses Jahr mit 6,2 % und 4 % 2022 unterdurchschnittlich zulegen.

Insgesamt trüben sich die Aussichten für ganz Lateinamerika für das kommende Jahr ein: Mit 3 % für ganz Lateinamerika bildet die Region das Schlusslicht unter den Weltregionen auf der Skala der Wachstumsprognosen. Kolumbien (3,8 %), Peru (4,6 %) und Mexiko (4 %) werden – so die Prognosen des IWF – überdurchschnittlich wachsen.

Die größten Risiken, welche der IWF für das Wachstum in den nächsten Jahren sieht, gelten besonders in Lateinamerika: Das ist einerseits das Risiko neuer Corona-Variationen, welche neue Lockdowns notwendig machen könnten. Die Lücken zwischen Angebot und Nachfrage bei vielen Gütern und Dienstleistern – von Lebensmitteln über Gas bis zu Lkw-Fahrern und Halbleitern – könnte ebenfalls zu Wachstumseinbußen führen. Die wachsende Inflation – die in Lateinamerika mit 9,3 % in diesem Jahr deutlich über dem Durchschnitt der Emerging-Markets (5,5 %) liegt, belastet die Konjunktur. Und nicht zuletzt können sich soziale Spannungen und Wahlen (in Argentinien, Chile, Kolumbien, Brasilien in den nächsten zwölf Monaten) bremsend auf die Volkswirtschaften auswirken.

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Kommt Bewegung in die Integration Lateinamerikas?

Mexiko will einen neuen Integrationsversuch in Lateinamerika anführen. Das ist eine gute Idee, denn alle anderen Integrationsprojekte in der Region stehen still. Es sieht jedoch nicht danach aus, als könnte die Wirtschaft von der Initiative profitieren.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das waren überraschende Neuigkeiten, beim Treffen der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) vor zwei Wochen: Der mexikanische Gastgeber Präsident Andrés Manuel López Obrador erklärte, dass sein Land den Integrationsprozess in Lateinamerika neu antreiben wolle. Die EU sei das Vorbild. Das waren die ersten öffentlich verkündeten multilateralen Integrationsabsichten in Lateinamerika seit langer Zeit.

Es scheint, dass Mexiko damit das Vakuum besetzen will, dass Brasilien in der Region hinterlässt. Seit knapp einer Dekade konzentriert sich Brasilien verstärkt auf sich selbst und hat die Kooperation innerhalb Lateinamerikas auf ein Minimum beschränkt.

Mexikos Regierung ist in den letzten Wochen bereits als Unterstützer des Verhandlungsprozesses zwischen der venezolanischen Opposition und dem Regime außenpolitisch aktiv geworden.

Dennoch sind die Aussichten für einen neuen Integrationsschub für die Wirtschaft gering: Die CELAC ist zerstritten. Die vor zehn Jahren gegründete, aber kaum aktive Gemeinschaft versteht sich als politische Alternative zur Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), bei der auch Kanada und die USA Mitglied sind, aber nicht Kuba.

So wirkt die CELAC vor allem als Plattform der eher linken Regierungen, die sich zudem scheuen, auf die Demokratiedefizite in Venezuela, Nicaragua oder Kuba hinzuweisen. So waren beim Mexiko-Treffen auch nicht die Präsidenten von Chile, Kolumbien und Argentinien vertreten. Brasilien hat unter Präsident Bolsonaro bereits Anfang 2020 die CELAC verlassen. Bis auf Mexiko sind die wirtschaftlich wichtigsten Staaten der Region dort also nicht aktiv.

Doch auch alle anderen Integrationsbemühungen in Lateinamerika sind derzeit eingeschlafen Die Integrationsprojekte des Mercosur mit der EU, EFTA, Kanada und Singapur bewegen sich nicht. Auch innerhalb der südamerikanischen Gemeinschaft herrscht Unfrieden. Uruguay will mit China eigene Verhandlungen für einen Abkommen beginnen. Die Pazifik-Allianz, die von Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko gegründet wurde, weitet sich zwar ständig mit neuen Mitgliedern aus. Doch Synergien zwischen den Ländern der Gemeinschaft entstehen kaum.

Trotzdem könnte Mexikos Versuch, die politische Integration zu beleben, durchaus erfolgreich sein: Dafür müssten bei den nächsten Wahlen in Kolumbien, Chile und Brasilien Links-Mitte Kandidaten gewinnen, was gut möglich sein könnte. Dennoch ist unwahrscheinlich, dass ein flächendeckender Linksrutsch in Lateinamerika die wirtschaftliche Integration beschleunigen wird.

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Trockenheit belastet die Post-Pandemie-Erholung in Lateinamerika

Die immer häufigeren und intensiveren Trockenperioden wirken sich zunehmend negativ auf die Wirtschaft aus. Betroffen sind Landwirtschaft, Bergbau, Energie und Transport.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im Zentrum Südamerikas setzen sich die ausbleibenden Niederschläge in einer fatalen Kettenreaktion auf die Ökonomien fort. Die Dürre im südlichen Amazonasgebiet und in der Pantanal-Region ist die schlimmste der letzten 50 Jahre. Die jedes Jahr geringeren Regenfälle im Zentrum Brasiliens belasten aber nicht nur die Farmer in Mato Grosso. Weil der Paraná-Fluss so wenig Wasser wie seit langem nicht mehr führt, sind die Staudämme im Südosten des Landes leergelaufen. Wenn es in den nächsten Wochen nicht zu regnen beginnt, dann könnten zum Jahresende Stromrationierungen notwendig sein – wie zuletzt vor 20 Jahren. Das Amazonasland leidet unter der stärksten Dürrephase seit fast einem Jahrhundert.

Auch in Argentinien und Paraguay belasten fehlende Niederschläge die Landwirtschaft. Erst 2018 litten die Farmer in der Pampa unter der schwersten Trockenheit seit 50 Jahren. Doch jetzt fallen die Flüsse immer mehr als Transportwege aus. Argentinien exportiert 80 % seines Getreides von den Binnenhäfen um Rosário zum Atlantik. In Paraguay sind es 95 % aller Ausfuhren. Die Schiffe können jedoch derzeit immer weniger laden, die Farmer müssen auf Lkw ausweichen, welche die Ernte zu den Häfen am Atlantik bringen. Die Folgen sind steigende Lebensmittelpreise.

Auch in den Anden nimmt die Trockenheit zu: Dort hat es ebenfalls seit Jahren zu wenig geregnet, sodass die Obstanbauregionen im argentinischen Mendoza und im chilenischen Valparaíso dieses Jahr kräftige Einbußen erleben werden. In Chile wurde in vier von 16 Regionen der Wassernotstand ausgerufen. Die Städte und Farmer werden immer abhängiger vom Gletscherwasser. Doch auch die Eisfelder schrumpfen.

In Mexiko erleben 70 % des Landes eine Dürre, 25 % des Landes sind sogar von extremer Trockenheit betroffen. Auch hier sind es zuerst die Farmer im Norden und Westen, die Ernteausfälle beklagen. Das Land muss zunehmend Mais importieren.

Nach einer Untersuchung der Weltbank könnten Chiles und Argentiniens Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr allein wegen der Trockenheit um jeweils rund einen Prozentpunkt sinken. Für Brasilien haben Investmentbanken die Wachstumsprognosen für 2022 gerade auf unter ein Prozent gesenkt – die Dürre ist aber nur ein Grund für die wirtschaftliche Stagnation. Sollte tatsächlich eine Energiekrise mit Stromrationierungen dazu kommen – was bisher nicht sicher ist – dann könnte Brasiliens Bruttoinlandsprodukt (BIP) im nächsten Jahr sogar schrumpfen.

Erstaunlich ist deshalb, dass der Klimawandel und seine Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft bisher eher Randthemen auf der politischen Agenda Lateinamerikas sind. Das dürfte sich jedoch schnell ändern.

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