In Lateinamerika sitzen Falken an den Schalthebeln der Zentralbanken

Auch in Lateinamerika gehen die Inflationsraten durch die Decke. Doch anders als sonst weltweit, scheint hier der Peak erreicht. Das liegt vor allem an den schnellen Reaktionen der Zentralbanken schon im vergangenen Jahr. Die Geldhüter reagieren so schnell, weil Inflationsängste in Südamerika bis heute allgegenwärtig sind.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Auch in Lateinamerika sind wie hier die Inflationsraten in den letzten Monaten rasant gestiegen: Das gilt nicht nur für Argentinien, wo die Inflation am Jahresende deutlich über 70 Prozent betragen wird. Dort werden die Staatsausgaben zunehmend mit der Notenpresse finanziert.

Doch auch die stabileren Ökonomien – vor allem die der Andenländer – erleben rasante Teuerungsraten: In Peru, Chile und Kolumbien steigen die Preise für Lebensmittel und Energie wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch in Brasilien und Mexiko revidieren die Investmentbanken die Inflationsprognosen.

Dennoch ist es erstaunlich, dass die Inflationserwartungen für das Jahresende 2022 in fast allen Ländern – mit Ausnahme von Argentinien und Venezuela – im einstelligen Bereich liegen. Der Finanzdienstleister Oxford Economics schätzt, dass derzeit der Höhepunkt der Inflationsraten in Lateinamerika erreicht ist. Das wäre weit früher als etwa in Europa oder den USA.

Der Grund: Die Zentralbanken in Lateinamerika haben schon Mitte letzten Jahres mit den Zinserhöhungen begonnen, um die Inflationsraten zu bremsen.

Es scheint, als würde in Lateinamerika die immer noch präsente Erfahrung aus Inflation oder gar Hyperinflation in den vergangenen Jahrzehnten dafür sorgen, dass geldpolitische Falken an den Schalthebeln der Zentralbanken sitzen. Die Geldhüter in Lateinamerika treten schneller auf die Bremse als die in Europa oder den USA, wenn die Inflationsraten steigen.

Zum Vergleich: Die letzte Hochinflationsphase erlebten die USA vor mehr als 40 Jahren. In Lateinamerika dagegen ist die Inflation Alltag. Argentinien hat seit 2002 nur zwei Jahre mit einer Inflation unter 10 Prozent erlebt. In Buenos Aires zeigt sich, wie erfolglos Regierungen sind, denen es nicht gelingt, die Geldentwertung zu bremsen. Auch in Brasilien, Chile oder Peru sind Hochinflationsphasen und ihre negativen Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik immer noch tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert.

Doch die frühen und heftigen Gegenmaßnahmen der Geldhüter haben ihren Preis: Die hohen Zinsen bremsen das Wachstum. Zwar erwartet die Investmentbank JP Morgan kaum noch Leitzinserhöhungen in diesem Jahr. Doch bis 2023 werden die Zentralbanken den harten monetären Kurs halten müssen, fürchten deren Experten.

Die Folge: Das Wachstum wird in Lateinamerika auch nächstes Jahr schwächer ausfallen – und möglicherweise sogar um die Hälfte schrumpfen gegenüber 2022 (1,3 statt 2,1 Prozent), so JP Morgan. Große Ökonomien wie Brasilien (-0,2 Prozent) und Mexiko (1,5 Prozent) werden nächstes Jahr noch weniger wachsen als 2022. Aber auch die Ökonomien mit den höchsten Wachstumsraten wie Kolumbien und Peru werden nur 2,5 Prozent zulegen.

Brasilianische Real
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Lateinamerikas Ökonomien verlieren weiter an Wettbewerbsfähigkeit

Im neuesten IMD World Competitiveness Report schneiden die sieben größten Ökonomien der Region wie erwartet schlecht ab. Weil die dortigen Märkte jedoch deutlich größer sind als die der meisten Staaten weltweit, bleiben sie interessant für ausländische Investoren.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Seit 1989 publiziert das International Institute for Management Development (IMD) aus der Schweiz sein jährliches Ranking der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. Dazu befragt das IMD World Competitiveness Center Unternehmer, Investoren und Managerinnen in 63 Staaten weltweit nach zahlreichen Kriterien, mit denen die Wettbewerbsfähigkeit gemessen werden kann.

Lateinamerika schneidet dabei besonders schlecht ab. Bis auf Chile gehören die anderen sechs Staaten der Region zu den Schlusslichtern der untersuchten Ökonomien. Peru (54), Mexiko (55), Kolumbien (57), Brasilien (59), Argentinien (62) und Venezuela (63) schneiden schlechter ab als fast alle Standorte weltweit.

Aber auch das besser bewertete Chile ist mit Rang 45 nur im unteren Drittel des Rankings gelandet. Das Andenland ist in den letzten fünf Jahren sogar zehn Positionen im Ranking abgestiegen. Gefolgt von Argentinien und Kolumbien, die von sechs bzw. fünf Staaten überholt wurden. Insgesamt haben jedoch alle sieben größte Ökonomien Lateinamerikas in den letzten fünf Jahren Positionen verloren. Nur Venezuela ist bereits seit 2017 das Schlusslicht im IMD-Report.

Doch bei einzelnen Punkten stehen auch andere Staaten auf den Schlusspositionen im Ranking. So belegt Brasilien bei der Ausbildung seiner Arbeitskräfte den schlechtesten Platz unter 63 Staaten. Argentinien bildet das Schlusslicht bei der Unternehmerfreundlichkeit sowie der Behandlung von ausländischen Investoren.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Unternehmer sind in fast allen Staaten schlecht. Die geringe Rechtssicherheit wiederum ist der entscheidende Grund, warum Investoren ihr Kapital nicht in Infrastruktur investieren. Sie fürchten, dass sich die Gesetze plötzlich ändern könnten und sie ihre Investitionen abschreiben müssen, wie das in Argentinien und Venezuela geschehen ist.

Grundsätzlich sind die Investitionen nicht nur in die Infrastruktur unterdurchschnittlich im weltweiten Vergleich. Auch in Humankapital und Technologie fällt Lateinamerika weit zurück.

Auffallend ist jedoch, dass ausländische Unternehmen und Investoren weiterhin überdurchschnittlich in der Region investieren. Das gilt vor allem für Brasilien und Mexiko, die größten Ökonomien Lateinamerikas, die rund die Hälfte der Bevölkerung und Wirtschaftskraft vereinen.

Das könnte an der Bedeutung der Binnenmärkte liegen. Betrachtet man die Marktgrößen der sieben wichtigsten Ökonomien, dann liegen sie weiterhin deutlich über dem Mittelfeld der untersuchten Staaten weltweit.

Der Schluss drängt sich auf, dass Lateinamerika vor allem wegen seiner großen Binnenmärkte für ausländische Unternehmen attraktiv bleibt – trotz der strukturellen Mängel der Region.

Wettkampf
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Wird Lateinamerika vom Abzug der US-Unternehmen aus China profitieren?

Die Hoffnungen auf positive Effekte des Nearshoring in Lateinamerika sind groß: Die Interamerikanische Entwicklungsbank erwartet, dass die Region kurz- und mittelfristig davon profitieren wird. Doch dafür müssen die Regierungen die richtigen Voraussetzungen schaffen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die zunehmende Sorge um die Umwelt, die Pandemie, die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie der jüngste Einmarsch Russlands in der Ukraine haben die Wertschöpfungsketten weltweit durcheinandergewirbelt. Unternehmen in den Industrieländern überlegen, ihre Zulieferer näher bei sich anzusiedeln.

Nach Schätzungen der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) könnte Nearshoring in Lateinamerika und der Karibik kurz- und mittelfristig zu zusätzlichen Waren- und Dienstleistungsexporten in Höhe von jährlich 78 Mrd. Dollar führen. Das gilt vor allem für die Branchen Automobil, Textil, Pharma und für erneuerbare Energien.

Das wäre ein wichtiger Rückenwind für Lateinamerika: Denn die Integration in globale Wertschöpfungsketten erhöht die Produktivität der lokalen Ökonomie durch Technologie- und Wissenstransfer und schafft hochwertige Arbeitsplätze. Steigert ein Land seine weltweite Integration um 10 Prozent, dann erhöht sich das Pro-Kopf-BIP um 11 bis 14 Prozent schätzt die IDB.

Doch die Staaten müssen ihrerseits etwas dafür machen, um eine attraktive Alternative zu den Standorten in Fernost zu werden. Sie sollten in Verbesserungen des Geschäftsklimas und der Kapazitäten von Investitions- und Exportförderungsagenturen investieren. Die IDB schätzt, dass jeder Dollar, der in die Investitionsförderung investiert wird, fast 42 Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach sich zieht.

Die Verbesserung der Transport- und Logistikinfrastruktur ist kurzfristig entscheidend: Nach Schätzungen der IDB erhöht eine Senkung der internationalen Transportkosten um zehn Prozent den Wert der Exporte um mindestens 30 Prozent.

Zudem muss die Region muss ihre regionale Integration vertiefen: Allein die 33 existierenden bilateralen und -regionalen Handelsabkommen zwischen Nord- und Südamerika sollten harmonisiert werden. Schon dies würde zu einem Anstieg des intraregionalen Handels um fast 12 Prozent führen.

Betrachtet man das Potenzial, welches die IDB für die einzelnen Staaten Lateinamerikas errechnet hat, dann werden die größten Zuwächse im Verhältnis zur Größe der Ökonomien in Mexiko, Zentralamerika und der Karibik anfallen. Der Prozess lässt sich jetzt schon beobachten: Tatsächlich haben sich die US-Investitionen in Mexiko im Jahr 2021 verdreifacht gegenüber dem Vorjahr. Auch während der Pandemie sind die ausländischen Direktinvestitionen kaum zurückgegangen.

Doch ansonsten sieht die Realität der Auslandsinvestitionen bisher noch ganz anders aus. Nach den neuesten Erhebungen der Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD sind die ausländischen Direktinvestitionen im letzten Jahr in Lateinamerika um 56 Prozent gestiegen, in Südamerika jedoch deutlich mehr: um 74 Prozent. Damit haben sie den Rückgang von 45 Prozent im ersten Pandemiejahr 2020 wieder neutralisiert.

Der Grund: Die ausländischen Konzerne investieren vor allem in Rohstoffe, Energie und lokale Märkte. Vor allem Brasilien hat seine ausländischen Investitionen um 78 Prozent steigern können. Es steht damit auf Platz 6 der Liste der Staaten, in die ausländische Konzerne weltweit am meisten investiert haben. Mexiko rangiert weiterhin auf Platz 10, stagniert aber.

Port of Los Angeles
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Wahlprognosen werden schwierig in Lateinamerika

Das überraschende Ergebnis der ersten Wahlrunde in Kolumbien zeigt, wie instabil die politische Lage in Lateinamerika ist. Vor allem Außenseiter haben Chancen auf einen Wahlsieg. Doch sie haben keine politische Basis und können kaum etwas von dem umsetzen, was sie versprochen haben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Seit Jahresanfang schien es für die meisten Kolumbianer als wahrscheinlich, dass der Linke Gustavo Petro im ersten Durchgang bei den Wahlen Ende Mai gewinnen würde. Bei den Parlamentswahlen zuvor hatte seine Partei große Stimmenzuwächse erlebt. Petro wäre der erste Linke an der Spitze Kolumbiens.

Doch es kam anders: Zwar gewann Petro die erste Runde der Wahlen mit einer deutlichen Mehrheit von 40 Prozent der Stimmen. Dennoch ist es heute wenig wahrscheinlich, dass er der nächste Präsident Kolumbiens wird.

Denn der parteilose Unternehmer und Ex-Bürgermeister Rodolfo Hernández hat überraschend 28 Prozent der Stimmen gewonnen. Der drittplatzierte Kandidat aus dem konservativen Lager hat seine Wähler bereits aufgefordert, Hernández zu wählen. Damit hat der weitgehend unbekannte 77-jährige Populist Hernández rein rechnerisch 52 Prozent der Stimmen – und nun gute Chancen der nächste Präsident des Landes zu werden.

Das sind keine guten Nachrichten: Denn Hernández hat keinerlei politische Basis im Kongress und ein konfuses politisches Programm. Kolumbien ist ein Land voller komplizierter politischer, sozialer und wirtschaftlicher Probleme und bräuchte eigentlich jemand an der Spitze des Landes, der Allianzen schmieden kann zwischen den politischen Lagern.

Damit wiederholt sich in Kolumbien nur das, was in den Andenländern bereits bei den letzten Wahlen passiert ist: In Peru gewann der völlig unbekannte Dorfschullehrer Pedro Castillo vor einem Jahr knapp die Wahlen. Seitdem zeigt er sich dem Amt wenig gewachsen und hat schon mehrfach sein Kabinett gewechselt. Es ist unwahrscheinlich, dass er seine Amtszeit bis zu Ende regieren wird.

In Chile hat ebenfalls der Rechtsaußenpolitiker José Antonio Kast überraschend den ersten Wahlgang gewonnen und nur in den Stichwahlen gegen den ehemaligen Studentenführer Gabriel Boric verloren. Sowohl Boric wie Kast sind keine politischen Außenseiter. Sie gehören jedoch nicht den traditionellen Parteien Chiles an.

Vereinfachend lässt sich sagen, dass bei all diesen Wahlen diejenigen überraschend den größten Erfolg hatten, die am weitesten vom politischen Establishment entfernt standen. Das Problem für ihre Regierungen ist jedoch nun, dass sie alle eine schwache Basis in ihren Parlamenten haben und deswegen wenig umsetzen können von dem, was sie vorher versprochen haben. Darum haben Boric und Castillo rasant an Popularität verloren.

Für Lateinamerika bedeutet das: Die politische Lage wird unvorhersehbar und instabiler.

Lateinamerika sucht die Neutralität in der Geopolitik

Seit Beginn des Ukraine-Konflikts hält die Region zunehmend Abstand zu den weltweiten Machtblöcken. Den USA droht deshalb jetzt beim Amerikagipfel im Juni eine empfindliche Blamage. Für uns in Europa sollte das ein Warnzeichen sein.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Zwei Vize-Staatssekretäre aus dem US-Außenministerium besuchten gerade Brasilien – und gleich für mehrere Tage. Das Ziel ihrer diplomatischen Offensive: Sie wollen Präsident Bolsonaro dazu bewegen, am Summit der Amerikas im Juni in Los Angeles teilzunehmen. Der lässt aber offen, ob er nach Kalifornien anreisen wird.

Auch sonst laufen die Vorbereitungen für den neunten Summit of the Americas eher stockend. Washington will zum ersten Mal seit 1994 wieder einen Amerikagipfel bei sich veranstalten. Vom 6. bis 10. Juni sollen sich alle Staaten des Doppelkontinents in Los Angeles versammeln.

Doch da gehen die Kontroversen schon los: Die Regierung von Joe Biden wollte nur demokratische Staaten einladen. Die Regime in Nicaragua, Venezuela und Kuba sollten keine Einladungen bekommen. Inzwischen ist das nicht mehr sicher.

Denn Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador erklärte letzte Woche, dass er nur kommen werde, wenn alle Staaten der Hemisphäre eingeladen würden. Bolivien, Honduras und einige Karibik-Staaten zogen nach.

Für die USA droht nun eine empfindliche Schlappe: Wenn mit Brasilien und Mexiko und einigen anderen Staaten deutlich mehr als die Hälfte der 660 Millionen Lateinamerikaner nicht beim Gipfel vertreten sind, dann wäre der gescheitert, bevor er überhaupt begonnen hat.

Das ist eine Blamage. Die USA würden gerne zeigen, dass sie die dominierende Großmacht der Amerikas sind – auch südlich von Texas. Doch das sind sie immer weniger: Die lateinamerikanischen Staaten sind immer weniger bereit, sich den USA unterzuordnen oder von Washington irgendetwas diktieren zu lassen. Auch hat der Ukraine-Konflikt die Region als weltweiten Rohstoff- und Energielieferant aufgewertet. Die Staaten verhalten sich zunehmend neutral in den Auseinandersetzungen zwischen den globalen Machtblöcken.

Der entscheidende Grund jedoch ist: Die USA unter Biden bieten zu wenig. Zu den drängendsten Themen der Region – Migration, Handel und wachsende Armut – hat die Biden-Regierung keine Vorschläge, gemeinsame Projekte oder Lösungen für Lateinamerika im Köcher. Biden führt die Lateinamerika-Politik von Trump weiter fort – mit der Distanz zu den Diktatoren in Lateinamerika und einer restriktiven Migrationspolitik. Eigene Akzente hat Biden bisher nicht gesetzt.

Die Lateinamerikaner haben nicht vergessen, dass Trump beim letzten Gipfel in Peru 2018 gar nicht erschien und die USA in der Pandemie Lateinamerika kaum mit Vakzin-Lieferungen geholfen haben.

Für uns in Europa sind die Vorgänge in Washington ein Warnzeichen. Auch wir könnten bald eine wachsende Indifferenz aus Lateinamerika zu spüren bekommen. Denn auch Deutschland und die EU bieten Lateinamerika außenpolitisch und wirtschaftlich wenig Optionen an für eine neue, engere Partnerschaft. Wir haben die Länder in der Pandemie ähnlich vernachlässigt wie die USA. Und wir kritisieren gerne die Mängel in den Demokratien und Umweltstandards der Region – während uns das bei vielen Staaten, mit denen wir weltweit zusammenarbeiten, anscheinend wenig stört.

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Uruguay und Costa Rica weltweite Vorbilder als Demokratien

Die Demokratie in Lateinamerika steht unter Druck. Die Region ist dabei weiterhin der Kontinent außerhalb Westeuropas und Nordamerikas mit der höchsten Demokratiedichte weltweit. Uruguay und Costa Rica rangieren im Ranking sogar vor vielen europäischen Staaten oder den USA.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die schlechte Nachricht zuerst: Im jährlichen Demokratie-Index des Economist Intelligence Unit (EIU) ist die Qualität der Demokratien in Lateinamerika das sechste Jahr in Folge gefallen. „Dies war nicht nur der stärkste Rückgang, den der Index im Jahr 2021 weltweit verzeichnete“, so der EIU, „es war auch die größte Verschlechterung, die eine Region seit Einführung des Demokratie-Index zu verzeichnen hat.“

Die Coronavirus-Pandemie hat die Frustration über die Politik noch verstärkt. Die demokratischen Regierungen scheinen immer weniger in der Lage, auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme angemessen zu reagieren. Wie in den vergangenen Jahren kam es auch 2021 in ganz Lateinamerika zu großen Protesten.

Gleichzeitig ist die Toleranz gegenüber autoritären Regierungen gewachsen. Die Popularität von Regierungen, die offen gegen demokratische Institutionen opponieren, wie die von Jair Bolsonaro in Brasilien, Andrés Manuel López Obrador in Mexiko oder Nayib Bukele in El Salvador, zeigen das.

Insgesamt wurden 2021 fünf Länder Lateinamerikas im Index herabgestuft: Chile, 2019 noch eine „vollständige Demokratie“, wurde durch die Pandemie wieder zu einer „lückenhaften Demokratie“ („flawed democracy“). Ecuador, Mexiko und Paraguay stiegen ab auf den Status von „hybriden Regimen“ („hybrid regimes“). Haiti gesellte sich zur Gruppe der autoritären Regime Nicaragua, Venezuela und Kuba.

Die gute Nachricht ist, dass Lateinamerika – neben Westeuropa und Nordamerika – die Region mit dem höchsten durchschnittlichen Demokratie-Score bleibt. Etwa 80 Prozent der 664 Millionen Menschen dort leben in Demokratien.

Erstaunlich positiv ist die Spitzenstellung einiger Staaten in dem Index: So steht Uruguay auf Platz 13, zwei Plätze vor Deutschland. Uruguay ist einer der wenigen Staaten weltweit, der seit mehr als 15 Jahren seine Demokratie verbessert im Index. Costa Rica ist das zweite lateinamerikanische Land unter den 22 vollständigen Demokratien Lateinamerikas, auf der gleichen Stufe wie Österreich. Und auch Chile auf Platz 25 weltweit, rangiert bei der Qualität seiner Demokratie auf der gleichen Stufe wie etwa Spanien.

Zum Vergleich: Alle drei Staaten stehen auf dem Index des EIU deutlich vor den USA, Italien oder Belgien.

Nach den teilweise hoch polarisierten Wahlen 2021 in Ecuador, Chile, Peru und Honduras stehen dieses Jahr in Lateinamerika Entscheidungen in Kolumbien und Brasilien an. Diese werden hart umkämpft sein, mit Kandidaten, die rechts und links im politischen Spektrum stehen mit wenigen Gemeinsamkeiten.

Für die weitere Entwicklung der Demokratien in Lateinamerika werden der Verlauf, der Ausgang der Wahlen sowie die Regierungsbildungen in diesen beiden Ländern zu Schlüsselereignissen für die ganze Region.

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Warum Brasilien und Südamerika durch den Ukraine-Konflikt wichtiger für uns werden

Brasilien und das restliche Südamerika könnten vom Krieg in Europa profitieren. Die dortigen Ökonomien gewinnen durch die steigenden Energie- und Rohstoffpreise. Zudem erhöht sich durch die jetzigen geopolitischen Verschiebungen Südamerikas Gewicht in der Welt. Wir sollten bei diesen Veränderungen nicht passiv zuschauen und jetzt strategische Partnerschaften anbieten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Betrachtet man die ökonomischen Entwicklungen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, dann lässt sich überraschend feststellen: Wenig andere Länder weltweit haben seitdem einen positiven Schub wie Brasilien erlebt. Das gilt ähnlich auch für Chile, Peru, Kolumbien und sogar Argentinien. Ein Beleg dafür sind die Währung und Aktienmärkte in diesen Ländern, die sich seitdem kräftig aufgewertet haben.

Es gibt mehrere Gründe für diese unerwartete Entwicklung: So profitieren die Exportindustrien der Länder von den steigenden Preisen für Rohstoffe und Energie. Das gilt sowohl für Agrarrohstoffe wie Soja, Mais und Weizen, aber auch für Erze und Metalle. Zudem sind bis auf Chile die genannten Staaten in ihrer Energieproduktion weitgehend autark oder exportieren sogar Öl.

Zwar steigen auch in Südamerika die Preise für Energie und Lebensmittel. Mit den fehlenden Düngemitteln auf dem Weltmarkt wird das Preisniveau für Agrarprodukte weltweit sogar noch anziehen. Die Versorgung ist jedoch nicht existenziell bedroht, wie etwa im Falle eines russischen Gas-Lieferstopps für die europäische und vor allem deutsche Industrie. Auch ist keine Lebensmittelknappheit zu erwarten, wie möglicherweise bald in Ländern des Nahen Ostens, die von russischen und ukrainischen Getreidelieferungen abhängen. Auf den Inflationsdruck haben die südamerikanischen Zentralbanken zudem schneller mit Zinserhöhungen reagiert als die Europäische Zentralbank oder die Fed in den USA.

Speziell Brasilien profitiert derzeit davon, dass Fondsmanager weltweit gerade ihre Investitionen umschichten: Sie ziehen ihr Kapital ab von Unternehmen, Branchen oder Regionen, die vom Krieg negativ betroffen sein könnten oder weil sie die westlichen Sanktionen gegen russische Konzerne befolgen. Die Kapitalzuflüsse nach Brasilien sind in den ersten drei Monaten rekordmäßig gewachsen. Das gilt zum Teil auch für die Pazifikstaaten Südamerikas.

Brasilien ist zudem vor den Folgen der Ukraine-Krise in der Weltwirtschaft teilweise geschützt. Denn das Land ist eine der verschlossensten großen Volkswirtschaften. Entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum ist der lokale Konsum, nicht der Außenhandel.

Das geopolitische Gewicht Brasiliens, aber auch Südamerikas, könnte in einer zunehmend polarisierten Welt nun sogar wachsen: Jeder der Machtblöcke weltweit – USA, China, Russland, EU – wird versuchen, Brasilien und Südamerika als Partner für sich zu gewinnen.

Brasilien aber auch Argentinien haben es in ihrer Geschichte außenpolitisch meist geschickt verstanden, die verschiedenen Angebote für Partnerschaften in ihrem Interesse zu nutzen, ohne sich an eine der Mächte zu eng zu binden – oder sie vor den Kopf zu stoßen. Die diplomatisch tolpatschig agierenden Regierungen der Präsidenten Bolsonaro und Fernández sind eine Ausnahme.

Die Frage ist jedoch, ob wir in Deutschland und Europa dabei zusehen wollen, wie andere Mächte ihren Einfluss in Südamerika durchsetzen und erhöhen, oder ob wir aktiv werden und strategische Partnerschaften anbieten.

Denn es ist doch ganz einfach: Wir brauchen dringender denn je verlässliche Lieferanten für Rohstoffe, Lebensmittel und – grüne – Energien. Wir brauchen Märkte für unsere Produkte und den weltweiten Personalaustausch. Und nicht zuletzt brauchen wir demokratische Partner in der Welt. In Südamerika gibt es das alles.

Wir müssen uns nur in Gang setzen und dieses Potenzial nutzen, bevor es zu spät ist und andere das machen.

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Mexikos Zukunftsaussichten verdüstern sich, wirtschaftliche Rahmenbedingungen jedoch solide

Die Regierung in Mexiko macht Druck auf rechtsstaatliche Institutionen, fährt die nachhaltige Energiereform zurück und ignoriert die Wirtschaft. In Europa wird das kaum wahrgenommen. Trotzdem steht Mexiko bei seinen Finanzen insgesamt weiterhin erstaunlich solide da.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Nachrichten aus Mexiko sind derzeit durchwachsen. So verschlechtern sich die Aussichten für die Wirtschaft des Landes. Angesichts der hartnäckigen Inflation, die inzwischen mit 7,3 Prozent den höchsten Stand seit zwei Dekaden erreicht hat, wird die Zentralbank stärker die Zinsen anheben – und damit die Konjunktur bremsen. Zwar dürfte die Inflation bis Jahresende wieder sinken. Doch wegen der hohen Zinsen rechnen die Investmentbanken dieses Jahr mit einem Wachstum von 1,5 bis 2 Prozent. Damit wird Mexikos Wirtschaftsleistung noch länger unter dem Stand zu Beginn der Corona-Krise verbleiben.

Die Regierung hat seit 2020 kaum Maßnahmen eingeleitet, um die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu lindern. Die Armutsrate ist nun deutlich angestiegen auf über 44 Prozent der Bevölkerung.

Gleichzeitig greift die Regierung immer aktiver in die Wirtschaftspolitik ein – zum Misstrauen der Wirtschaft. So wird gerade die nachhaltige Energiereform Mexikos schrittweise wieder zurückgedreht. Zusätzlich bekommt die staatliche Ölindustrie des Landes wieder höchste Priorität bei der Abnahme von Strom zugesichert.

Mit einem Dekret, wonach staatliche Infrastrukturprojekte Priorität genießen und ohne die üblichen Regeln über Transparenz der öffentlichen Ausschreibungen verabschiedet werden, öffnet die Regierung zudem der in Mexiko endemischen Korruption Tür und Tor. Auch erhärten sich Gerüchte, dass enge Familienangehörige des Präsidenten in Korruptionsvorgänge verstrickt seien. Mexiko ist mit Rang 124 von 180 Staaten unter den korruptesten Staaten Lateinamerikas nach Transparency International.

Der Ölproduzent Mexiko profitiert wenig von den hohen Ölpreisen durch die Ukraine-Krise: Das Land importiert im Wert fast doppelt so viele Energieprodukte wie es Rohöl exportiert.

Zudem nehmen die Attacken des Präsidenten Andrés Manuel López Obrador auf den Rechtsstaat zu. So will er jetzt am 10. April in einem Volksentscheid über den möglichen Widerruf seines sechsjährigen Mandats abstimmen lassen. Der Präsident erwartet eine hohe Zustimmungsrate. Unter anderem hofft er darauf, dass seine Kandidaten bei den Gouverneurswahlen in sechs Bundesstaaten am 5. Juni dadurch Rückenwind bekommen. Doch erstmals sind die hohen Zustimmungsraten von López Obrador gesunken (auf immer noch hohe 54 von 60 Prozent zu Jahresbeginn).

Wie in manchen Staaten Lateinamerikas könnte also auch in Mexiko der staatliche Druck auf die Demokratie und Wirtschaft bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen 2024 noch deutlich zunehmen. Doch anders als ähnliche Tendenzen in Brasilien oder Argentinien, wird dies in Europa kaum wahrgenommen.

Andererseits steht Mexiko im regionalen Vergleich erstaunlich solide bei seinen Finanzen und Außenhandelskonten da. Die höheren Öleinnahmen stabilisieren den Haushalt. Mit einem Defizit von 3,5 Prozent zur Wirtschaftsleistung ist der Staat solide finanziert. Die Devisenreserven konnte die Zentralbank seit Beginn der Pandemie sogar noch um 12 Prozent steigern. Mit einer Verschuldung von rund 50 Prozent des BIPs droht in Mexiko keine Schuldenkrise.

Die ausländischen Investitionen bleiben ebenfalls stabil – wenn auch auf niedrigem Niveau. Vor allem die Automobilindustrie profitiert von der Erholung der Nachfrage. Tendenziell wird Mexiko zugutekommen, dass US-Konzerne ihre Zulieferer lieber vor der Haustür in Mexiko als in Fernost haben wollen.

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Lateinamerika stimmt überraschend geeint gegen Russland

Im Vorfeld der UN-Vollversammlung hatten einige Präsidenten damit gezögert, Russland zu verurteilen. Noch ist unklar, wie sich die Ukraine-Krise auf die Ökonomien in der Region auswirken wird.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Als bei der UN-Vollversammlung am 2. März 141 Staaten den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilten, waren dabei auch die überwältigende Mehrheit der Länder Lateinamerikas. Kein Staat sprach sich für Russland aus. Kuba, Bolivien, El Salvador und Nicaragua enthielten sich. Das zu Russland stehende Venezuela war ohne Stimmrecht, weil es seine Beiträge nicht bezahlt hatte.

Diese Einigkeit, mit der die Staaten Lateinamerikas den Abzug Russlands forderten, überraschte: Denn in den Tagen seit dem Angriff Russlands auf das Nachbarland, hatten wichtige Staatschefs der Region damit gezögert, die Invasion zu verurteilen.

Die linksnationalistischen und autoritären Regierungen Kubas, Nicaraguas und Venezuelas bezeichneten den Überfall auf die Ukraine zuvor als legitim. Das war zu erwarten. Russland ist ein wichtiger Waffenlieferant und Gläubiger für diese Länder.

Unerwartet war, dass El Salvador ausscherte und nicht die russische Aggression verurteilte. Es wird vermutet, dass der autoritäre Präsident sich mit Russland gut stellen will. Er könnte El Salvador mit seiner staatlichen Förderung von Kryptowährungen als einen Kanal anbieten, um die Sanktionen zu umgehen. Russland könnte etwa den Handel mit Rohstoffen und anderen Gütern via digitale Währungen unkontrolliert über das mittelamerikanische Land abwickeln – fürchten US-Behörden.

Mexiko und Brasilien bemühten sich vor der Abstimmung um einen Balance-Akt in der Krise. Der Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador erklärte, dass Mexiko sich mit allen Staaten weltweit gut stellen wolle und das Land deshalb nicht die Sanktionen gegen Russland unterstützen werde.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hatte noch kurz vor Beginn der russischen Offensive bei einem Besuch im Kreml seine „Solidarität mit Russland“ erklärt und öffentlich bekräftigt, sich nicht in den Konflikt einmischen zu wollen. Sein Land sei zudem durch umfangreiche Düngerimporte wirtschaftlich an Russland gebunden. Dennoch sorgten die Außenminister beider Länder mit ihren parallelen Statements, die deutlich härter gegen Russland ausfielen, schließlich bei der Abstimmung der UN dafür, dass beide Staaten doch offiziell Russlands Aggression verurteilten.

Überraschend war, dass sich die Staatschefs in Panama, Paraguay, Peru sowie Honduras nicht zu einer Verurteilung der russischen Invasion durchringen konnten.

Klare Kritik an Russland kam, wie erwartet von den konservativeren Regierungen in Kolumbien, Uruguay und Ecuador. Auch der diese Woche sein Amt antretende Linkspräsident Gabriel Boric in Chile verurteilte die Aggression klar.

Eine neue außenpolitische Entwicklung hat die Ukraine-Krise zwischen Venezuela und den USA ausgelöst. Die eigentlichen Erzfeinde haben begonnen, über Energie und politische Annäherung zu sprechen. Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt, produziert aber wegen des wirtschaftsfeindlichen Kurses seiner Regierung weit unter Potenzial. Die USA könnte einen Lieferanten ganz in der Nähe gut gebrauchen, die Regierung des Autokraten Nicolás Maduro erhofft sich gelockerte Sanktionen gegenüber seinem Land.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen auf Russland auf Lateinamerika sind schwer zu prognostizieren: Einerseits könnten Rohstoffexporteure wie Argentinien, Brasilien, Chile und Peru von den steigenden Preisen für Agrargüter wie Metalle profitieren. Auch Ölexporteure wie Ecuador und Kolumbien profitieren von den hohen Ölpreisen.

Schlecht sind die gestiegenen Energiepreise für alle Nettoimporteure von Öl und Gas – vor allem in der Karibik und Mittelamerika. Auch die nun stark reduzierten Düngemittelexporte aus Russland, der Ukraine und Weißrussland könnten mittelfristig zu Ernterückgängen bei den Agrarproduzenten in Südamerika führen.

Insgesamt werden die deutlich steigenden Inflationsraten auch in Lateinamerika zu einem Anstieg der Armut und verringertem Wachstum führen.

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Überraschend gute Aussichten für Lateinamerikas Wirtschaft

Die Corona-Infektionen haben in Lateinamerika seit Jahresbeginn ihr Allzeitrekordhoch erreicht – doch ohne die befürchteten dramatischen Folgen wie zuvor. Ausländische Investoren stecken so viel Kapital in Lateinamerikas Finanzmärkte wie schon lange nicht mehr.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Covid-Omikron-Welle hat auch in Lateinamerika ihren Zenit erreicht: Nach rekordhohen Neuinfektionen noch im Januar sinkt die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle. Ein Grund könnte sein, dass Lateinamerika heute der Kontinent mit der höchsten Impfquote weltweit ist. Der Abklang der Pandemie wirkt sich teilweise positiv auf die allgemeine wirtschaftliche Situation aus.

So konnten Kolumbien und Chile ihre Wachstumstrends von vor der Pandemie fortsetzen. Die Wirtschaften Mexikos, Brasiliens und auch Perus entwickeln sich jedoch weiterhin schwächer als noch vor zwei Jahren.

Argentinien ist weiterhin unter den großen sechs Ökonomien der Außenseiter mit einem erwarteten Wachstum von vier Prozent und einer Inflation von 56 Prozent am Ende dieses Jahres.

Neue Wolken tauchen auf am Horizont: Auch im restlichen Lateinamerika sorgen sich die Ökonomen wegen der Inflation. Doch anders als in Europa oder den USA steuern die Zentralbanken hier bereits klar gegen die Teuerung an. In Brasilien, Chile und Kolumbien haben die Zentralbanken die Zinsen bereits so deutlich erhöht, dass die Ökonomen ab Ende dieses Jahres sinkende Inflationsraten erwarten. Dennoch werden die steigenden Rohstoff- und Energiepreise weiteren Druck auf das allgemeine Preisniveau ausüben.

Neu ist jedoch: Die ausländischen Finanzinvestoren lassen sich im Moment nicht von den unsicheren Aussichten abschrecken – im Gegenteil: Seit Jahresanfang bewegt vor allem ausländisches Kapital die Aktienmärkte in der Region. Die Börsen in Brasilien, aber auch in Peru, Kolumbien und Chile haben seit Jahresbeginn deutlich gewonnen. Ganz im Gegensatz zu den führenden Handelsplätzen für Aktien in Europa, den USA oder Asien.

Die Risikokapitalinvestoren setzen weiterhin auf Lateinamerika. Letztes Jahr flossen etwa 15 Mrd. Dollar als Venture-Capital nach Lateinamerika. Das ist etwa dreimal so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2019. Zum Vergleich: In Asien (außer China) investierten die Risikokapital-Fonds letztes Jahr rund 25 Mrd. Dollar. Im Januar haben diese Investoren ihre Zuflüsse erneut erhöht.

Gleichzeitig erwarten viele Investoren, dass die Preise für Rohstoffe zulegen werden und setzen auf Bergbau- und Agrarunternehmen, die es in Lateinamerika zahlreich gibt.

Der Kapitalzufluss hat zu einer Stärkung der Kaufkraft der Region geführt: In Brasilien, aber auch in Peru, Mexiko und Chile haben die Währungen gegenüber dem Dollar kräftig zugelegt.

Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor bleiben die politischen Krisen und Spannungen in fast allen Ländern der Region. In Peru scheint es zunehmend unwahrscheinlich, dass die Regierung von Pedro Castillo die nächsten Monate überleben wird. In Chile tritt mit Gabriel Boric im März erstmals ein linker Präsident an, während gleichzeitig die Verfassung überarbeitet wird. In Argentinien ist die Regierung gespalten, ob sie ein Abkommen mit dem IWF unterzeichnen soll. Und in Brasilien wie Kolumbien wird in diesem Jahr gewählt, was die politischen Spannungen in diesen Ländern zusätzlich erhöht.

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