Warum Brasilien und Südamerika durch den Ukraine-Konflikt wichtiger für uns werden

Brasilien und das restliche Südamerika könnten vom Krieg in Europa profitieren. Die dortigen Ökonomien gewinnen durch die steigenden Energie- und Rohstoffpreise. Zudem erhöht sich durch die jetzigen geopolitischen Verschiebungen Südamerikas Gewicht in der Welt. Wir sollten bei diesen Veränderungen nicht passiv zuschauen und jetzt strategische Partnerschaften anbieten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Betrachtet man die ökonomischen Entwicklungen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, dann lässt sich überraschend feststellen: Wenig andere Länder weltweit haben seitdem einen positiven Schub wie Brasilien erlebt. Das gilt ähnlich auch für Chile, Peru, Kolumbien und sogar Argentinien. Ein Beleg dafür sind die Währung und Aktienmärkte in diesen Ländern, die sich seitdem kräftig aufgewertet haben.

Es gibt mehrere Gründe für diese unerwartete Entwicklung: So profitieren die Exportindustrien der Länder von den steigenden Preisen für Rohstoffe und Energie. Das gilt sowohl für Agrarrohstoffe wie Soja, Mais und Weizen, aber auch für Erze und Metalle. Zudem sind bis auf Chile die genannten Staaten in ihrer Energieproduktion weitgehend autark oder exportieren sogar Öl.

Zwar steigen auch in Südamerika die Preise für Energie und Lebensmittel. Mit den fehlenden Düngemitteln auf dem Weltmarkt wird das Preisniveau für Agrarprodukte weltweit sogar noch anziehen. Die Versorgung ist jedoch nicht existenziell bedroht, wie etwa im Falle eines russischen Gas-Lieferstopps für die europäische und vor allem deutsche Industrie. Auch ist keine Lebensmittelknappheit zu erwarten, wie möglicherweise bald in Ländern des Nahen Ostens, die von russischen und ukrainischen Getreidelieferungen abhängen. Auf den Inflationsdruck haben die südamerikanischen Zentralbanken zudem schneller mit Zinserhöhungen reagiert als die Europäische Zentralbank oder die Fed in den USA.

Speziell Brasilien profitiert derzeit davon, dass Fondsmanager weltweit gerade ihre Investitionen umschichten: Sie ziehen ihr Kapital ab von Unternehmen, Branchen oder Regionen, die vom Krieg negativ betroffen sein könnten oder weil sie die westlichen Sanktionen gegen russische Konzerne befolgen. Die Kapitalzuflüsse nach Brasilien sind in den ersten drei Monaten rekordmäßig gewachsen. Das gilt zum Teil auch für die Pazifikstaaten Südamerikas.

Brasilien ist zudem vor den Folgen der Ukraine-Krise in der Weltwirtschaft teilweise geschützt. Denn das Land ist eine der verschlossensten großen Volkswirtschaften. Entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum ist der lokale Konsum, nicht der Außenhandel.

Das geopolitische Gewicht Brasiliens, aber auch Südamerikas, könnte in einer zunehmend polarisierten Welt nun sogar wachsen: Jeder der Machtblöcke weltweit – USA, China, Russland, EU – wird versuchen, Brasilien und Südamerika als Partner für sich zu gewinnen.

Brasilien aber auch Argentinien haben es in ihrer Geschichte außenpolitisch meist geschickt verstanden, die verschiedenen Angebote für Partnerschaften in ihrem Interesse zu nutzen, ohne sich an eine der Mächte zu eng zu binden – oder sie vor den Kopf zu stoßen. Die diplomatisch tolpatschig agierenden Regierungen der Präsidenten Bolsonaro und Fernández sind eine Ausnahme.

Die Frage ist jedoch, ob wir in Deutschland und Europa dabei zusehen wollen, wie andere Mächte ihren Einfluss in Südamerika durchsetzen und erhöhen, oder ob wir aktiv werden und strategische Partnerschaften anbieten.

Denn es ist doch ganz einfach: Wir brauchen dringender denn je verlässliche Lieferanten für Rohstoffe, Lebensmittel und – grüne – Energien. Wir brauchen Märkte für unsere Produkte und den weltweiten Personalaustausch. Und nicht zuletzt brauchen wir demokratische Partner in der Welt. In Südamerika gibt es das alles.

Wir müssen uns nur in Gang setzen und dieses Potenzial nutzen, bevor es zu spät ist und andere das machen.

COVID-19 in Latin America

Development of case numbers in the region


Currently reported cases in the countries


COVID-19 vaccine doses administered


Share of people vaccinated by country

Weitere News dieser Kategorie

Ausländische Konzerne vorsichtig mit Investitionen in Lateinamerika
Die Weichen für die Zukunft der Demokratien in Südamerika werden gerade gestellt
Der Mercosur orientiert sich nach Asien