Worauf es jetzt in Lateinamerika für uns ankommt

Die neuen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko wagen einen großangelegten Neuanfang. Der Eine ist politisch rechts, der Andere links orientiert. Beide möchten mit der Beseitigung von Problemen wie Kriminalität, Korruption und Bürokratie punkten. Und es soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Ohne das Ausland wird dies nicht gelingen. Für beide Länder scheint das klar zu sein – grenzwertigen Äußerungen und scharfen Sprüchen der Präsidenten zum Trotz. Wie genau die Rhetorik der neuen Staatsoberhäupter Realität wird, werden wir 2019 sehen.

Sicher ist: Diese Neustarts werden die gesamte Region umkrempeln. Denn Brasilien und Mexiko stehen nicht nur für etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas, sie wirken zudem als Stabilitätsanker des Kontinents. Selbst kleinste Kursänderungen gehen nicht spurlos an den Nachbarländern vorüber. Zwar sind die deutschen Unternehmen in Lateinamerika gut vertreten und vernetzt, das Potenzial ist aber längst nicht ausgeschöpft. Es geht also weniger darum, „ob“ man sich in Lateinamerika engagiert, sondern eher um das „wie“.

Es mehren sich bereits Anzeichen wachsender Zuversicht. Ein Vertrauensvorschuss wird von Investoren aus aller Welt gewährt, speziell für Brasilien. Tatsächlich steht das Land wirtschaftlich solide da. Der Finanzmarkt jubelt wie nie zuvor. Nicht umsonst – gerade so ein politischer und wirtschaftlicher Umschwung bietet Chancen, die rechtzeitig ergriffen werden müssen. Auch von uns deutschen Unternehmen. Tun wir das nicht, laufen wir Gefahr, dort den Anschluss zu verpassen. Der Preis dafür wäre hoch, da die Region ein wichtiger Markt ist und bleibt!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°10

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„Brasilien und Mexiko – zwei Richtungen, ein Auftrag: Reform“

Die eindeutigen Wahlsiege von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Jair Bolsonaro in Brasilien zeigen, welch große Hoffnungen die Menschen in beiden Ländern in den Wechsel setzen. So unterschiedlich die politischen Richtungen auch sein mögen: Die Bürger beider Länder wollen eine kluge Wirtschaftspolitik, die Wohlstand schafft und sozialen Ausgleich stärkt, sowie ein entschlossenes Vorgehen gegen Korruption und eine Verbesserung der Sicherheitslage bringt. Das sind Themen, die für die deutsche Wirtschaft ganz zentral sind.

Beide Präsidenten stehen am Beginn ihrer Amtszeiten. Und beide haben sich für ihre Arbeit vor allem einen Begriff auf die Fahnen geschrieben: Reform. Der Gestaltungsbedarf ist enorm. Wir als Unternehmen blicken deshalb offen, konstruktiv und optimistisch auf das Kommende. Brasilien und Mexiko sind für deutsche Firmen wichtige Partnerländer, in denen noch viel Potenzial schlummert, das durch eine kluge und wirtschaftsfreundliche Politik gehoben werden kann. Beide Präsidenten haben ein klares Mandat. Nun sind sie gefordert, dieses zum Wohl ihrer Länder zu nutzen.

Stellvertretender LADW-Vorsitzender Guido Kerkhoff - thyssenkrupp
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Guido Kerkhoff

Vorsitzender des Vorstands der thyssenkrupp AG, Stellv. LADW-Vorsitzender und Ko-Sprecher LADW-Arbeitskreis „Brasilien“

Sunday Brief N°10

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Regierungswechsel für Lateinamerikas wichtigste Märkte

In Mexiko und Brasilien sind neue Präsidenten angetreten. Wie sie regieren werden, ist noch völlig offen. Sicher ist: Sie werden das politische und wirtschaftliche Klima in Lateinamerika verändern.

Das Jahr 2019 fängt in Lateinamerikas zwei größten Staaten spannend an. In Mexiko und Brasilien sind Präsidenten angetreten, bei denen schwer einzuschätzen ist, wie sie die nächsten Jahre regieren werden. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird erheblichen Einfluss auf die Region haben: Beide Staaten vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform in die USA und weltweit.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Staatsoberhäupter beträchtlich: Andrés Manuel López Obrador in Mexiko tritt Unternehmern kritisch gegenüber und will vor allem mit Umverteilung die Armut im Land beseitigen. Die mexikanischen Unternehmer fürchten, dass er die Uhr zurückdrehen wird zu einer Politik der geschlossenen Grenzen, staatlichem Dirigismus und Sozialpolitik im Einklang mit den Gewerkschaften. Jair Bolsonaro in Brasilien ist ein rechter Politiker, ein ehemaliger Hauptmann, der neoliberale Reformen durchführen will. In Brasilien hofft die Wirtschaft, dass Bolsonaro dem Land endlich den dringend nötigen Reformschub verpasst, Staatskonzerne privatisiert und die Wirtschaft öffnet.

Doch trotz der ideologischen Unterschiede gleichen sich die beiden Amtsinhaber. Nicht nur, dass sie beide mit Mitte 60 ähnlich alt sind. Beide konnten sich gegenüber den Wählern erfolgreich als Vertreter des Anti-Establishments darstellen. Sie versprechen einen Bruch mit der herkömmlichen Politik und wollen hart gegen Korruption und Kriminalität vorgehen. Dabei haben die Regierungen vor ihnen versagt. Brasilien und Mexiko sind beides Staaten mit extrem hoher Kriminalität und Korruption. Wichtig für ihren Sieg war zudem, dass sie in den größten katholischen Ländern der Welt die Stimmen der stark gewachsenen Evangelikalengruppen sichern konnten.

Beide Kandidaten sind jedoch keine politischen Outsider: Obrador wie Bolsonaro sind seit Jahrzehnten Berufspolitiker. Der mexikanische Präsident begann seine Politkarriere in der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die 70 Jahre das Land regierte. Er war Bürgermeister der Hauptstadt Mexiko und dreimal Präsidentschaftskandidat. Der Brasilianer Bolsonaro ist seit fast 30 Jahren Abgeordneter. Beide Politiker waren immer Einzelgänger in der Politik.

Von ihren Anhängern werden die neuen Präsidenten wie Erretter gefeiert, welche anders als die geringgeschätzte Politikerkaste nationalistisch „fürs Volk“ regieren werden. Dabei gleichen sie mit dem Personenkult, der um sie gemacht wird, den traditionellen Caudillos Südamerikas. Beides sind es Politiker, die kaum die Welt außerhalb ihrer nationalen Grenzen kennen, noch sich dafür zu interessieren scheinen.

Dennoch gibt es für Unternehmen und Investoren Unterschiede in beiden Ländern: So tritt López Obrador in Mexiko mit großer Machtfülle an. Seine Partei hat die Mehrheit im Kongress, seine Regierung kontrolliert das Budget. Er hat mit dem Baustopp des neuen Flughafens in Mexiko-Stadt gezeigt, dass er gegenüber der Wirtschaft nicht den pragmatischen Kurs einschlagen wird, den die Unternehmer von ihm erhofften. Zudem sind die Justiz, Medien und Opposition in Mexiko zu schwach, um den Präsidenten zu größerer Kompromissbereitschaft bringen zu können. Auch geht es Mexikos Wirtschaft gut. López Obrador steht nicht unter Druck, in Kürze Reformen für die Wirtschaft liefern zu müssen.

In Brasilien ist das anders: Bolsonaro muss schnell die schwierige Rentenreform in Gang bringen. Nur dann kann das Haushaltsdefizit absehbar sinken und die brasilianische Wirtschaft wieder wachsen, wenn die Investoren ihre Projekte umsetzen und Unternehmen Arbeitsplätze schaffen. Misslingt der Start, dann dürfte Bolsonaro bald politisch geschwächt sein, weil die Wirtschaft erneut stagnieren wird – nach drei Jahren Rezession. Zudem steht er einem starken Kongress gegenüber, mit nur einer Minderheit der Abgeordneten auf seiner Seite. Die Medien, die Justiz und auch die Zivilgesellschaft werden den Präsidenten kontrollieren. Er hat die Wirtschaftskompetenz zudem abgegeben: Sein Superminister für Wirtschaft hat alle relevanten Positionen mit fähigen Ökonomen, Bankern und Technokraten besetzt.

Fazit: Auf den ersten Blick erscheinen die Chancen für einen wirtschaftlichen Reformkurs in Brasilien größer als in Mexiko. Dennoch sind beide Präsidenten Populisten. Entsprechend schwer ist vorherzusehen, wie sie auf Widerstand gegen ihre Politik und Krisen reagieren werden. Beide Staatsoberhäupter könnten versuchen, die Exekutive zu stärken. Damit würde nun auch in Lateinamerikas größten Staaten die gleiche Trendwende beginnen, welche die Türkei, Ungarn und nicht zuletzt die USA seit einiger Zeit erleben.

Regierungswechsel in Brasilien und Mexiko
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Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°10

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Keine Experimente in Brasilien!

Kurz nach der Stimmenauszählung äußert sich der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG, zu der sehr polarisierenden Wahl in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Renschler fordert schnelles Handeln von der neugewählten Regierung um Jair Bolsonaro.

„Sie muss die gespaltene Gesellschaft wieder einen und stabile politische Rahmenbedingungen schaffen. Und sie sollte berücksichtigen, dass es für Experimente und Worthülsen keinen Spielraum mehr gibt, sondern solide politische Arbeit vonnöten ist. Denn das Land braucht Wachstum“, schreibt er.

Brasilien hat sich mit diesen Wahlen für einen politischen Neuanfang entschieden. Dabei entstehen nicht nur Risiken, ganz im Gegenteil: „Wir sollten die sich bietenden Chancen des anstehenden Neustarts nutzen“, erklärte er. Das Land sei die größte Wirtschaft Lateinamerikas und stehe für etwa ein Drittel des BIP und der Bevölkerung der Region.

„Möglichkeiten, die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft bei der Weiterentwicklung Brasiliens zu nutzen, gibt es mehr als genug. Industrie 4.0 oder neue Logistik- und Mobilitätskonzepte sind nur einige Felder, auf denen die deutsche Wirtschaft weltweit führend ist“, so der LADW-Vorsitzende.

Den kompletten Gastbeitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 253 vom 31. Oktober 2018 auf Seite 17 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

National Museum Brasilien
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Ein „Weiter so“ tut es in Brasilien nicht – ein Grund für Zuversicht!

Eine Generalwahl ist für Brasilien immer eine Herkulesaufgabe: Die Wahlpflicht schickt knapp 70 Prozent der 210 Millionen Brasilianer zu den Urnen. Im Oktober werden Staatsoberhaupt und Regierungschef, 513 Bundesabgeordnete, zwei Drittel des Bundessenats sowie Landesregierungen und Parlamente aller 27 Bundesstaaten gewählt. Aber diesmal erschwert die aktuelle politische Gemengelage die Wahl zusätzlich. Die Volksparteien wurden durch die großangelegte Korruptionsaufarbeitung der letzten Jahre zutiefst erschüttert. Renommierte Politiker saßen oder sitzen in Haft. Das fünftgrößte Land der Erde ist zerrissen, denn das „Altbekannte“ soll keine Option mehr sein, aber ein wirkliches Novum ist nicht jedermanns Sache. Da ist es nicht überraschend, dass die bevorstehenden Wahlen Meinungen und Menschen im Lande Tag für Tag polarisieren.

Diese außergewöhnliche Konstellation stellt Brasilien auf eine harte Bewährungsprobe: Die Politik muss einen Neustart wagen. Die Wirtschaft wird sich eine Zeit lang in ungewissem Fahrwasser behaupten müssen. Und vor allem muss die Gesellschaft Brasiliens wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Der Ausgang von Wahlen ist immer ungewiss, aber eines steht jetzt schon fest: Ganz gleich, wer die Wahl gewinnt, ein einfaches „Weiter so“ kann es nicht geben. Eine immer offenere Gesellschaft, eine wachsame Öffentlichkeit und eine Wirtschaft, die nach Wachstum strebt, erhöhen den Druck auf das politische Handeln. Das gibt uns Anlass zur Zuversicht. Wir werden auch als deutsche Unternehmen weiterhin einen langen Atem brauchen, aber Brasilien hat gute Voraussetzungen, sein Potenzial in stabiles Wachstum umzumünzen und sich auch international wieder nach vorn zu bringen.

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG

Sunday Brief N°9

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Herr Sennes, muss man sich vor den Wahlen in Brasilien fürchten?

Die diesjährigen Wahlen sind von größter Bedeutung. Das Land befindet sich in einer Krise aufgrund von Spannungen, die durch den raschen sozioökonomischen und institutionellen Fortschritt der letzten Jahre entstanden sind. Aber dieser Fortschritt wurde weder von einer Erneuerung der politischen Elite noch von einer wettbewerbsorientierten Agenda begleitet. Die Wirtschaftskrise 2015/16 wie auch die Korruptionsskandale zerstörten das politische Feld von Mitte und bis Mitte-rechts und machten für einen populistischen rechtsextremen Kandidaten Platz: Jair Bolsonaro.

Er vereint Züge von Chavez aus Venezuela und Duterte von den Philippinen. Als Hauptmann a.D. trat er vor 28 Jahren in die Politik ein und ist nun in der 7. Amtsperiode Bundesabgeordneter. Als Verteidiger der Militärdiktatur ist er für seine Aussagen für Folter, gegen Menschenrechte, Homosexuelle und Schwarze bekannt. Sein Profil im Kongress zeigt ihn überwiegend als Gegner von Privatisierungen, Haushaltsanpassung und wirtschaftlicher Öffnung. Sein wirtschaftlicher Berater ist jedoch ultraliberal mit einem PhD der Universität Chicago und Erfahrungen von der Pinochet-Regierung in Chile. Daher bleibt offen, auf welche Grundlage Bolsonaro sich wirklich stützt, falls er gewählt wird.

Lula und die PT wirken nicht mehr als Bindeglied der Kräfte von Mitte und Mitte-links, bleiben aber weiterhin die vorherrschende Kraft in diesem Lager. Fernando Haddad ist klug und hat eine langfristige Vision, hat aber noch nicht die Fähigkeit bewiesen, komplexe Projekte zu leiten. Seine Leistung als Bildungsminister war positiv, aber als Bürgermeister von São Paulo nicht so sehr. Bolsonaro und Haddad sollten in die zweite Runde kommen und Haddad sollte gewinnen.

Ricardo Sennes
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Ricardo Sennes

Brasilianischer Ökonom, Managing Partner Prospectiva und Senior Fellow Atlantic Council

Sunday Brief N°9

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China baut seine Präsenz in Brasilien strategisch aus – und folgt dabei einem detaillierten Plan

Vereinfacht lässt sich sagen: Vor der Jahrtausendwende existierte China in Südamerika kaum als Handelspartner, Investor oder politischer Akteur. Das hat sich rasant geändert. Und trifft besonders auf Brasilien zu. Rund 55 Prozent aller Direktinvestitionen aus China nach Südamerika sind in den letzten eineinhalb Dekaden nach Brasilien geflossen. 54 Milliarden Dollar waren das. Brasilien ist weltweit die Nummer 3 als Empfänger chinesischer Investitionen. Zudem ist China heute der größte Exportmarkt für Brasilien. Von dort kommen auch die meisten Importprodukte. Das alles ist kein Zufall, sondern langfristig geplant. China geht in Südamerika genau so vor, wie es die Regierung in ihren Papieren zu Lateinamerika und der Karibik von 2008 und 2016 formuliert hat. Die Annäherung fand in drei Phasen statt. 

Von 2005 bis 2013 ging es China vor allem darum, Rohstoff- und Energiequellen zu sichern. In diese Phase fielen die Großkredite an Petrobras gegen künftige Öllieferungen, die Investitionen von chinesischen Agrar-Tradern oder auch die wachsenden Beteiligungen in den Häfen. In São Paulo ließen sich die ersten der inzwischen fünf chinesischen Banken nieder, die am Anfang vor allem den Handel mit China finanzierten, inzwischen aber auch die Investitionen begleiten.

Phase 2 steht unter dem chinesischen Sprichwort: „Wenn du reich werden willst, dann baue eine Straße“. Seit drei Jahren investieren chinesische Staatskonzerne in die brasilianische Infrastruktur. Allein 2017 kauften sich chinesische Konzerne für rund zehn Milliarden Dollar in die brasilianische Strombranche ein. State Grid ist nun der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens, China Three Gorges der führende private Stromproduzent im Land. China zeigt dabei gutes Timing: Seine Konzerne begannen mit ihren Investitionen in Brasilien, als dort der Staat und die privaten Unternehmer durch die Rezession und den Korruptionsskandal „Lava-Jato“ außer Gefecht gesetzt waren. Bei den Investitionen denkt China strategisch in die Zukunft: Die Digitalisierung und Vernetzung der Investitionen ist nur eine Frage der Zeit. Denn wer Stromnetze, Straßen, Schienenwege, Häfen und bald Telekommunikationsnetze kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung als Investor, wenn es um die Digitalisierung und Datenkommunikation Brasiliens geht.

Phase 3 der Investitionsstrategie läuft jetzt gerade an. Drei Beispiele: Das Online-Kaufhaus Alibaba will die Lizenz des brasilianischen Frachtflughafens Viracopos kaufen. Dort will das Unternehmen sein Logistikzentrum für Brasilien aufbauen, um den Markt der 210 Millionen Konsumenten zu bedienen. Der chinesische Batteriehersteller und Autokonzern BYD (“Build your dreams“) liefert gerade die ersten 20 von 200 Elektronik-Trucks an eine städtische Müllentsorgung. In Brasilien produziert das Unternehmen zudem E-Busse und Solarpanels. Der chinesische Uber-Konkurrent Didi Chuxing hat Anfang dieses Jahres den brasilianischen 99app aufgekauft für 300 Millionen Dollar und damit das brasilianische Unternehmen zum ersten Startup-Unternehmen gemacht mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar. China will Brasilien enger in die Wertschöpfungsketten seiner Industrie einbauen.

Im Konzeptpapier von 2016 steht auch, wie es weitergehen soll: In der großen Politik durch den Abschluss von Handelsabkommen. Durch verstärkte institutionalisierte Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene in Brasília wie auch in den Bundesstaaten. Durch öffentlich-private Investitionsprojekte. Durch intensive Kontaktpflege mit künftigen politischen Führern. Durch den Aufbau von akademischen Think-Tanks. Für jeden dieser Punkte lassen sich heute schon Belege finden.

China hat in wenigen Jahren an seinen Universitäten viel Wissen über Brasilien angesammelt und in der Politik Netzwerke aufgebaut. Nach nur einer Dekade treten chinesische Korrespondenten, Diplomaten, Akademiker, Unternehmer und Banker diskret, aber überaus sattelfest in Brasilien auf. Sie sind bestens vernetzt, sprechen perfekt Portugiesisch, kennen sich in Details über die brasilianischen Politik und Bürokratie aus. Diplomaten in Brasília berichten, dass ihre chinesischen Kollegen in einigen wichtigen Ministerien ein- und ausgehen würden, als seien sie zu Hause. Im Planungsministerium etwa existiert eine chinesisch-brasilianische technische Arbeitsgruppe, die jetzt bei ihrem dritten Treffen über Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar entscheiden will.

China füllt also in Brasilien zunehmend das Vakuum aus, welches die USA dort hinterlassen. Genauso wie die EU: So wird Ende Oktober in Montevideo ein hochrangiger ökonomischer Mercosur-China-Dialog stattfinden – während die Chancen auf ein baldiges Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur gerade wieder gesunken sind.

Wir Europäer sollten angesichts der Offensive aus Fernost überlegen, ob unser Lateinamerika-Konzept nicht aktualisiert werden müsste. Das gilt besonders für uns Deutsche, die wir mit Brasilien als strategischem Partnerland regelmäßige Konsultationen abhalten wollen. Bisher fanden die nur 2015 einmal statt. Seitdem hat sich in Brasilien viel getan.

Papierlaterne
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alexander busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°9

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Lateinamerika wichtiger Bündnispartner für Freihandel!

Die neue Bundesregierung hat sich gerade etabliert, während in Lateinamerika richtungsweisende Wahlen noch bevorstehen. In der deutschen Wirtschaft schauen wir gespannt auf die größten Volkswirtschaften: Brasilien und Mexiko. Ihre neuen Staatsoberhäupter werden beide Länder auf einem beschleunigten Wachstumskurs halten müssen. In diesen unruhigen Zeiten ist das keine leichte Aufgabe. Für uns ist klar: Die Länder Lateinamerikas sind für uns wichtigere Bündnispartner denn je.

Lateinamerika hat sich international bei entscheidenden Anliegen als zentraler Partner Deutschlands erwiesen – allen heimischen Turbulenzen zum Trotz. Globale Gestaltungsaufgaben, wie Klimaschutz oder Energiepolitik, könnten gemeinsam offensiver angegangen werden. Deutschland sollte diese Möglichkeit für einen Schulterschluss nutzen. Weil sich auch andere Player – besonders aus Asien – angesichts der Infragestellung von Globalisierung und freiem Handel neue Allianzen suchen müssen, wächst die geopolitische Bedeutung Lateinamerikas immer mehr. Das Festhalten an der Trans Pacific Partnership (TPP), trotz Austritts der USA, mit dem kürzlich unterzeichneten Nachfolgeabkommen CPTPP, ist nur ein Indiz dafür. Aus Lateinamerika beteiligen sich Chile, Peru und Mexiko.

Politik und Wirtschaft in Deutschland sind daher gut beraten, den in den letzten Jahren aufgebauten intensiven Dialog mit den lateinamerikanischen Partnern fortzusetzen und die Chancen dieser Märkte zu nutzen. Das gegenseitige Verständnis füreinander und die Gemeinsamkeiten in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundwerten machen Lateinamerika zu einem wichtigen Verbündeten. Und den können wir in diesen Zeiten gut gebrauchen!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender und Mitglied des Konzernvorstands der Volkswagen AG

Sunday Brief N°8

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Herr Dietz, wie kann der IT-Mittelstand in Lateinamerika punkten?

Die digitale Transformation treibt im Moment nahezu alle Branchen auf der Welt um. Blockchain, Cloud, Internet of Things und künstliche Intelligenz – Technologien, die nicht nur Türen zu neuen Geschäftsfeldern öffnen, sondern auch enorme Chancen mit Blick auf Produktivitätssteigerungen sowie Prozessverbesserungen bieten. Großes Potential liegt hier vor allem im Industriebereich: Bis 2022 werden die weltweiten Umsätze mit Industrie-4.0-Lösungen laut MarketsandMarkets pro Jahr im Durchschnitt um ganze 15 Prozent wachsen. IT-Unternehmen in Deutschland haben das längst erkannt und bereits erste Projekte erfolgreich umgesetzt. Das ist die ideale Ausgangsbasis, um mit den gewonnenen Erfahrungen auch Unternehmen in Lateinamerika zu unterstützen. Diese sind bisweilen auf die Branchen- und Technologiekompetenz aus Nationen mit einem starken, verarbeitenden Gewerbe angewiesen. Die Herausforderung für deutsche IT-Unternehmen wiederum ist es, global zu denken und den Schritt über den Ozean zu wagen. Andernfalls überlassen wir jedoch vielversprechende Geschäftsopportunitäten anderen Ländern – wie den USA. Lassen Sie uns also den Vorsprung und das Gütesiegel „made in Germany“ auch in Lateinamerika nutzen!

LADW Vice Chairman Ulrich Dietz - GFT

Ulrich dietz

Vorsitzender des Verwaltungsrats der GFT Technologies SE und stellvertretender LADW-Vorsitzender

Sunday Brief N°8

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Politisch fallen Prognosen für Lateinamerika derzeit schwer. Welche Themen sind derzeit wichtig für die Wirtschaft?

Lateinamerika stehen wichtige Wahlen bevor: Im Mai wird in Kolumbien ein neuer Präsident gewählt, im Juli in Mexiko und im Oktober in Brasilien. Derzeit ist schwer abzusehen, wer an die Macht kommen wird. Das erhöht die Unsicherheit in der Region. In diesen drei Ländern leben rund 60 Prozent der Lateinamerikaner. Dort entstehen mehr als zwei Drittel der Wirtschaftsleistung des Kontinents.

Dennoch lassen sich Themen erkennen, welche die nächste Zeit Wirtschaft und Investoren in Lateinamerika bewegen werden.

Stabiler wirtschaftlicher Rahmen

Alle wichtigen Ökonomien auf dem Kontinent werden dieses und nächstes Jahr wachsen, wenn auch – mit nur etwa drei Prozent – geringer als die Weltwirtschaft insgesamt. Landwirtschaft, Bergbau und Konsum sind die Wachstumstreiber. Industrie und die Investitionen ziehen verzögert an. Inflation, Leistungsbilanzen, Devisenreserven sind weitgehend im grünen Bereich. Lediglich in Brasilien und Argentinien belasten die hohen Haushaltsdefizite. Kurzfristig haben die Regierungen trotz begrenzter staatlicher Mittel zwei Möglichkeiten, neue Wachstumsimpulse auszulösen: Einerseits durch verstärkte Integration untereinander und andererseits durch Investitionen in die Infrastruktur.

Mehr Druck zur Integration

Lateinamerika ist trotz zahlreicher Versuche die letzten 50 Jahre wenig untereinander integriert. Nur 17 Prozent des Handels finden in der Region statt. Deswegen haben die Staaten schlechte Karten bei Verhandlungen mit anderen Ländern oder Regionen über eine Integration. Brasilien wirkte in der Region lange wie ein Bremsklotz der Kooperation. Das beginnt sich vorsichtig zu ändern: Die Verhandlungen zwischen der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur und der EU, Kanada und der Pazifik-Allianz Lateinamerikas kommen voran. Doch die Skepsis, ob Lateinamerika zusammenfinden wird, ist vor allem in Mexiko groß. Brasilien hat sich in der Vergangenheit nicht an beschlossene Regeln gehalten. Neue Impulse könnte die Integration in Lateinamerika durch die Abschottungspolitik der USA bekommen.

Infrastruktur als Wachstumstreiber

Ein Grund für die schwache Integration ist die Infrastruktur zwischen Atlantik und Pazifik. Es fehlt an Straßen, Stromverbindungen, Häfen und Kommunikationsnetzen. Mit Investitionen in die Infrastruktur können die Regierungen kurzfristig die Konjunktur beleben. Die Finanzierung sei nicht das Problem, sagt Joe Kaeser, CEO von Siemens, gerade beim World Economic Forum on Latin America in São Paulo. Kapital für Investitionen sei weltweit vorhanden. Die fehlende Planung sei ein Hindernis für Investitionen. Angesichts leerer Kassen sind die Regierungen auf die Zusammenarbeit mit privaten Investoren als Alternative angewiesen, um schnell Jobs und Investitionen schaffen.

Chinas wachsender Einfluss

Wenn Lateinamerika nicht selbst seine Infrastruktur verbessert, dann wird China als Investor die Initiative übernehmen, wie es bereits jetzt überall geschieht. China habe einen klaren Plan, eine hohe Risikobereitschaft, kenne sich bestens aus in Emerging-Markets und verfüge fast unbegrenzt über Kapital, sagt Georgina Baker, Vize-Präsidentin der International Finance Corporation der Weltbank.

Anhaltender Zufluss an ausländischem Kapital

Die Zuflüsse ausländischen Kapitals sind auch während der Rezession und politischen Krisen seit 2013 stabil geblieben. Das gilt sowohl für die Staaten der Pazifikallianz (Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko), aber vor allem auch für Brasilien. Der Grund sei die Makro-Stabilität, sagt Cândido Bracher, CEO der Itaú Unibanco. Brasiliens Institutionen seien ineffizient, aber sie funktionierten. In keinem anderen BRIC-Land sei das Vertrauen der ausländischen Investoren in die Eigentumsrechte so groß wie in Brasilien. Das könne sich jedoch schnell ändern, wenn Investoren den Eindruck bekämen, Brasilien sei nicht mehr in der Lage, seine Probleme zu lösen.

Fehlende Führung

Mit den großen Korruptionsskandalen ist die Politikverdrossenheit gewachsen. Wenn es den Regierungen nicht gelingt, ihre Bevölkerung zu integrieren, dann werde es „brennende statt selbstfahrende Autos geben“, warnt Kaeser. Es fehlt derzeit eine Politikerriege, die den Kontinent einigen und ein gemeinsames Ziel vorgeben kann. Den etablierten Politikern fehlten Visionen, kritisiert Ngaire Woods von der Oxforder Blavatnik School of Government. Es reiche nicht, den Wählern Budgetkürzungen und Rentenreformen als Wahlprogramm anzubieten. Deswegen haben Außenseiter Chancen, an die Macht zu kommen.

Wachsender Reformkonsens

Damit das Wachstum nicht zyklisch bleibt, müssen die Regierungen umfangreiche Mikroreformen einleiten. Das gilt bis auf wenige Ausnahmen wie Chile für alle Staaten, die bei der Wettbewerbsfähigkeit Jahr für Jahr weiter zurückbleiben. Positiv ist, dass der Reformkonsens wächst: Erstmals kommt der in den letzten zehn Jahren gewachsene Protektionismus unter Druck. Wie staatliche Mittel effizienter eingesetzt werden können, wird breit diskutiert. Unternehmer betrachten den Export erstmals wieder als überlebensnotwendig. Die schwächeren Währungen helfen ihnen bei der Marktöffnung im Ausland.

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Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°8

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