Lateinamerika im Umbruch: Dranbleiben ist die beste Option

Wirtschaftliche und politische Kehrtwenden erregen temporeich und fast simultan zwischen Nord und Süd die über 650 Millionen lateinamerikanischen Gemüter. Seit knapp einem Jahr versuchen die neuen Regierungen in den beiden größten Volkswirtschaften der Region ihre Wahlversprechen umzusetzen. Und das in entgegengesetzter Richtung: In Mexiko mit einer linksgerichteten, in Brasilien mit einer rechtsorientierten, aber wirtschaftsliberalen Agenda. Auch in Argentinien sorgte vor Kurzem die Präsidentschaftswahl mit dem Sieg des linken Oppositionskandidaten Alberto Fernández für einen bedeutenden Politikwechsel und damit den Abschied vom wirtschaftsliberalen Kurs Mauricio Macris.

Demonstrationen und Proteste in verschiedenen Ländern zeigen den Unmut von Teilen der Bevölkerung über die aktuelle Regierungspolitik, wie etwa in Ecuador oder aktuell in Chile, dem einstigen Musterkind für Stabilität in der Region. Kurz nach zweifelhaften Wahlen muss jetzt Bolivien mitten in einer politischen Krise einen neuen Präsidenten wählen. Im Gegensatz zu Venezuela, das immer noch unter einem andauernden Ausnahmezustand leidet.

Gerade in einer solchen Lage ist aber eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den dortigen Ländern das Gebot der Stunde, damit die langfristigen Perspektiven nicht im derzeit herrschenden Nebel übersehen werden. Denn die momentanen Umstände definieren den Markt nicht allein, die Eigenschaften tun dies vielmehr. Ein gemeinsamer Nenner ist beispielsweise in fast allen aktuellen politischen Spannungen in Lateinamerika zu erkennen: Eine wachsamere Gesellschaft, die mehr als je zuvor an Politik interessiert ist. Dies fordert die etablierten Systeme heraus – egal in welchem Land oder  welche Partei. Und gerade diese aufmerksame und anspruchsvolle Gesellschaft ist in den noch relativ jungen Demokratien Lateinamerikas eine wichtige Errungenschaft für mehr Rechtstaatlichkeit und bessere Rahmenbedingungen in der Zukunft.

Für 2020 bleibt es spannend. Die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China hinterlassen auch in der Region ihre Spuren. Die Unternehmen in Lateinamerika werden sich zunächst auf wirtschaftspolitische Ungewissheiten, eine insgesamt abkühlende Konjunktur und eine angespannte Lage einstellen müssen. Jedoch nicht auf Dauer. Auf Umbrüche folgt in Lateinamerika oft der Aufbruch. Und dabei wird die Rolle Brasiliens als Stabilitätsanker umso wichtiger: Schafft es das Land seinen ambitionierten Plan für Strukturreformen, Staatsmodernisierung und Infrastrukturausbau umzusetzen, so werden die Märkte der Region sehr davon profitieren. Ganz zu schweigen von der Marktöffnung Brasiliens, die nun auch Freihandelsabkommen mit den USA, China und anderen Nationen auf die Tagesordnung setzt. Ein Grund mehr für uns in Europa, die Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der EU mit dem Mercosur zügig anzugehen, solange wir noch im Rennen sind. Dranbleiben ist weiterhin die beste Option!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°11

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Die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst, die erstmalig auf der Lateinamerika-Karibik-Konferenz 2019 von Bundesaußenminister Maas vorgestellt wurde.

Publikation „CEO agenda for Germany’s economic cooperation with Latin America and the Caribbean“

Preview der CEO Agenda
Preview der CEO Agenda beim LADW Dinner mit den AußenministerInnen aus Lateinamerika und der Karibik © Christian Kruppa

Sunday Brief N°11

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Südamerika erlebt unruhige Zeiten

Der Kontinent ist in Aufruhr. Daran wird sich so bald nichts ändern. Wenn Brasilien oder die Weltwirtschaft sich schneller erholen als erwartet, könnte das die Region stabilisieren.

Die politischen Wechsel in Südamerika finden derzeit so rasant statt, dass man kaum mitkommt. Die überraschenden Wendungen auf dem Kontinent leiteten die Argentinier im August ein. Sie machten klar, dass sie den regierenden wirtschaftsliberalen Präsidenten Mauricio Macri abwählen würden – was sie im Oktober tatsächlich taten. Nun kommt in der zweitgrößten Ökonomie Südamerikas – neben Kolumbien – mit Alberto Fernández wieder ein Peronist an die Macht. Zusammen mit Ex-Präsidentin Cristina Kirchner als Vize ist er angetreten. Für Unternehmer und Investoren ist das kein gutes Omen. Sie haben mit der Linkspopulistin schlechte Erfahrungen gemacht.

Auch in Ecuador und Bolivien ist es zu Aufständen gekommen. In Bolivien musste Präsident Evo Morales das Land verlassen, weil auch Militärs und Polizei ihn nach den Wahlfälschungen nicht mehr unterstützen wollten. Die größte Überraschung stellt jedoch Chile dar: Ausgerechnet im erfolgreichsten und stabilsten Land der Region ist es zu gewalttägigen Massenprotesten gekommen. Inzwischen wollen die Chilenen über eine neue Verfassung verhandeln. Doch die Proteste gehen weiter.

Es sieht derzeit nicht danach aus, als würden die Unruhen in Südamerika so bald aufhören – sie könnten zudem auch auf andere Länder übergreifen. In Peru etwa ist die Lage unsicher, im Januar soll es Neuwahlen geben. Doch die wenigsten Peruaner trauen ihren Politikern noch. In Kolumbien nehmen die Spannungen zu wegen der Flüchtlinge aus Venezuela und der wieder aktiven Guerilla. Auch in Argentinien könnte es in wenigen Monaten zu Protesten kommen, wenn die Wähler merken, dass die neue Regierung kaum Handlungsspielraum hat und vor allem sparen muss.

Die Auslöser für die Spannungen in den Ländern sind unterschiedlich, aber die Gründe für die Unzufriedenheit und Wut sind von Panama bis Patagonien ziemlich ähnlich. Es ist das schwache Wachstum seit fast einer Dekade, welches die Hoffnungen der Armen auf den Aufstieg zunichte gemacht hat. Auch die traditionellen Mittelschichten haben Angst vor dem Abstieg. Sie müssen die schwachen staatlichen Dienstleistungen zunehmend privat bezahlen. Die großen Arm-Reich-Gegensätze und Einkommensunterschiede empören viele. Ebenso, dass die Kampagnen gegen die Korruption zunehmend ausgebremst werden, obwohl sie in einigen Ländern noch nicht mal richtig begonnen haben. Das Risiko wächst, dass einerseits politischen Außenseiter den Frust der Menschen nutzen und mit Hilfe der sozialen Medien am politischen Establishment vorbei aufsteigen werden. Andererseits könnten die Regierungen auch autoritär, also mit Hilfe der Militärs, versuchen, wieder die Ordnung herzustellen. Beides würde die Spannungen noch zusätzlich anheizen.

Dennoch sollte man die Entwicklungen nicht verallgemeinern. In Chile existiert die politische Basis für eine Einigung: Es gibt auf beiden Seiten des politischen Spektrums den Willen, einen Kompromiss zu finden. Es ist schwer vorstellbar, dass die große Mehrheit der Chilenen alles auf Spiel setzen will, was sie in den letzten drei Dekaden aufgebaut hat. Auch stehen die wichtigen Pazifikstaaten wirtschaftlich solide da: Die Inflation ist in Chile, Peru und Kolumbien niedrig, die Haushaltsbilanzen sind ausgeglichen. Die Staaten haben also Spielraum, um Sozialausgaben oder Verteilungsmaßnahmen einzuleiten. Die Ökonomien könnten sich schnell wieder erholen, wenn die Proteste abklingen.

Auch Brasilien könnte mit einer wirtschaftlichen Erholung große Teile Südamerikas stabilisieren. Die Mercosur-Staaten Argentinien, Uruguay, Paraguay, aber auch Bolivien und selbst Chile würden von einem starkem Brasilien Wachstumsimpulse bekommen. Brasilien bewegt sich unter der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro auf einem liberalen Reformkurs, etwa bei der Umsetzung der Rentenreform. Weitere Reformpakete mit strengen Ausgabenregeln für die öffentlichen Haushalte will die Regierung jetzt aufgleisen. Ob sie die umsetzen kann, ist offen. Die Konjunktur beginnt sich zu erholen. Ob das ausreicht, um bald schon als Lokomotive ganz Südamerika mitzuziehen, ist derzeit unwahrscheinlich. Dennoch vereinen sich derzeit auf Brasilien mit seinen Reformen die größten Wachstumshoffnungen in einer Region, die überraschend volatil geworden ist.

Stabilisierend könnte auch eine wieder wachsende Nachfrage in der Weltwirtschaft nach Rohstoffen wirken – sowohl agrarische als auch industrielle. Südamerikas Ökonomien und die Staatshaushalte sind überproportional abhängig von Exporten von Primärgütern. Wachsende Steuereinnahmen könnten direkt zum Abbau von sozialen Spannungen eingesetzt werden.

Angesichts des Aufruhrs jetzt sollte man nicht vergessen: Ruhe und Stabilität waren langfristig gesehen in Südamerika eher die Ausnahme, abrupte Wechsel in der Politik und der Konjunktur dagegen meist die Regel. Daran sind die meisten Unternehmen gewohnt, die schon länger in Südamerika tätig sind. Auch in den Boomjahren war der Geschäftsalltag in Südamerika keineswegs einfach.

Planet Erde Lateinamerika
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Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°11

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Worauf es jetzt in Lateinamerika für uns ankommt

Die neuen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko wagen einen großangelegten Neuanfang. Der Eine ist politisch rechts, der Andere links orientiert. Beide möchten mit der Beseitigung von Problemen wie Kriminalität, Korruption und Bürokratie punkten. Und es soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Ohne das Ausland wird dies nicht gelingen. Für beide Länder scheint das klar zu sein – grenzwertigen Äußerungen und scharfen Sprüchen der Präsidenten zum Trotz. Wie genau die Rhetorik der neuen Staatsoberhäupter Realität wird, werden wir 2019 sehen.

Sicher ist: Diese Neustarts werden die gesamte Region umkrempeln. Denn Brasilien und Mexiko stehen nicht nur für etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas, sie wirken zudem als Stabilitätsanker des Kontinents. Selbst kleinste Kursänderungen gehen nicht spurlos an den Nachbarländern vorüber. Zwar sind die deutschen Unternehmen in Lateinamerika gut vertreten und vernetzt, das Potenzial ist aber längst nicht ausgeschöpft. Es geht also weniger darum, „ob“ man sich in Lateinamerika engagiert, sondern eher um das „wie“.

Es mehren sich bereits Anzeichen wachsender Zuversicht. Ein Vertrauensvorschuss wird von Investoren aus aller Welt gewährt, speziell für Brasilien. Tatsächlich steht das Land wirtschaftlich solide da. Der Finanzmarkt jubelt wie nie zuvor. Nicht umsonst – gerade so ein politischer und wirtschaftlicher Umschwung bietet Chancen, die rechtzeitig ergriffen werden müssen. Auch von uns deutschen Unternehmen. Tun wir das nicht, laufen wir Gefahr, dort den Anschluss zu verpassen. Der Preis dafür wäre hoch, da die Region ein wichtiger Markt ist und bleibt!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°10

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„Brasilien und Mexiko – zwei Richtungen, ein Auftrag: Reform“

Die eindeutigen Wahlsiege von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Jair Bolsonaro in Brasilien zeigen, welch große Hoffnungen die Menschen in beiden Ländern in den Wechsel setzen. So unterschiedlich die politischen Richtungen auch sein mögen: Die Bürger beider Länder wollen eine kluge Wirtschaftspolitik, die Wohlstand schafft und sozialen Ausgleich stärkt, sowie ein entschlossenes Vorgehen gegen Korruption und eine Verbesserung der Sicherheitslage bringt. Das sind Themen, die für die deutsche Wirtschaft ganz zentral sind.

Beide Präsidenten stehen am Beginn ihrer Amtszeiten. Und beide haben sich für ihre Arbeit vor allem einen Begriff auf die Fahnen geschrieben: Reform. Der Gestaltungsbedarf ist enorm. Wir als Unternehmen blicken deshalb offen, konstruktiv und optimistisch auf das Kommende. Brasilien und Mexiko sind für deutsche Firmen wichtige Partnerländer, in denen noch viel Potenzial schlummert, das durch eine kluge und wirtschaftsfreundliche Politik gehoben werden kann. Beide Präsidenten haben ein klares Mandat. Nun sind sie gefordert, dieses zum Wohl ihrer Länder zu nutzen.

Stellvertretender LADW-Vorsitzender Guido Kerkhoff - thyssenkrupp
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Guido Kerkhoff

Vorsitzender des Vorstands der thyssenkrupp AG, Stellv. LADW-Vorsitzender und Ko-Sprecher LADW-Arbeitskreis „Brasilien“

Sunday Brief N°10

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Regierungswechsel für Lateinamerikas wichtigste Märkte

In Mexiko und Brasilien sind neue Präsidenten angetreten. Wie sie regieren werden, ist noch völlig offen. Sicher ist: Sie werden das politische und wirtschaftliche Klima in Lateinamerika verändern.

Das Jahr 2019 fängt in Lateinamerikas zwei größten Staaten spannend an. In Mexiko und Brasilien sind Präsidenten angetreten, bei denen schwer einzuschätzen ist, wie sie die nächsten Jahre regieren werden. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird erheblichen Einfluss auf die Region haben: Beide Staaten vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform in die USA und weltweit.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Staatsoberhäupter beträchtlich: Andrés Manuel López Obrador in Mexiko tritt Unternehmern kritisch gegenüber und will vor allem mit Umverteilung die Armut im Land beseitigen. Die mexikanischen Unternehmer fürchten, dass er die Uhr zurückdrehen wird zu einer Politik der geschlossenen Grenzen, staatlichem Dirigismus und Sozialpolitik im Einklang mit den Gewerkschaften. Jair Bolsonaro in Brasilien ist ein rechter Politiker, ein ehemaliger Hauptmann, der neoliberale Reformen durchführen will. In Brasilien hofft die Wirtschaft, dass Bolsonaro dem Land endlich den dringend nötigen Reformschub verpasst, Staatskonzerne privatisiert und die Wirtschaft öffnet.

Doch trotz der ideologischen Unterschiede gleichen sich die beiden Amtsinhaber. Nicht nur, dass sie beide mit Mitte 60 ähnlich alt sind. Beide konnten sich gegenüber den Wählern erfolgreich als Vertreter des Anti-Establishments darstellen. Sie versprechen einen Bruch mit der herkömmlichen Politik und wollen hart gegen Korruption und Kriminalität vorgehen. Dabei haben die Regierungen vor ihnen versagt. Brasilien und Mexiko sind beides Staaten mit extrem hoher Kriminalität und Korruption. Wichtig für ihren Sieg war zudem, dass sie in den größten katholischen Ländern der Welt die Stimmen der stark gewachsenen Evangelikalengruppen sichern konnten.

Beide Kandidaten sind jedoch keine politischen Outsider: Obrador wie Bolsonaro sind seit Jahrzehnten Berufspolitiker. Der mexikanische Präsident begann seine Politkarriere in der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die 70 Jahre das Land regierte. Er war Bürgermeister der Hauptstadt Mexiko und dreimal Präsidentschaftskandidat. Der Brasilianer Bolsonaro ist seit fast 30 Jahren Abgeordneter. Beide Politiker waren immer Einzelgänger in der Politik.

Von ihren Anhängern werden die neuen Präsidenten wie Erretter gefeiert, welche anders als die geringgeschätzte Politikerkaste nationalistisch „fürs Volk“ regieren werden. Dabei gleichen sie mit dem Personenkult, der um sie gemacht wird, den traditionellen Caudillos Südamerikas. Beides sind es Politiker, die kaum die Welt außerhalb ihrer nationalen Grenzen kennen, noch sich dafür zu interessieren scheinen.

Dennoch gibt es für Unternehmen und Investoren Unterschiede in beiden Ländern: So tritt López Obrador in Mexiko mit großer Machtfülle an. Seine Partei hat die Mehrheit im Kongress, seine Regierung kontrolliert das Budget. Er hat mit dem Baustopp des neuen Flughafens in Mexiko-Stadt gezeigt, dass er gegenüber der Wirtschaft nicht den pragmatischen Kurs einschlagen wird, den die Unternehmer von ihm erhofften. Zudem sind die Justiz, Medien und Opposition in Mexiko zu schwach, um den Präsidenten zu größerer Kompromissbereitschaft bringen zu können. Auch geht es Mexikos Wirtschaft gut. López Obrador steht nicht unter Druck, in Kürze Reformen für die Wirtschaft liefern zu müssen.

In Brasilien ist das anders: Bolsonaro muss schnell die schwierige Rentenreform in Gang bringen. Nur dann kann das Haushaltsdefizit absehbar sinken und die brasilianische Wirtschaft wieder wachsen, wenn die Investoren ihre Projekte umsetzen und Unternehmen Arbeitsplätze schaffen. Misslingt der Start, dann dürfte Bolsonaro bald politisch geschwächt sein, weil die Wirtschaft erneut stagnieren wird – nach drei Jahren Rezession. Zudem steht er einem starken Kongress gegenüber, mit nur einer Minderheit der Abgeordneten auf seiner Seite. Die Medien, die Justiz und auch die Zivilgesellschaft werden den Präsidenten kontrollieren. Er hat die Wirtschaftskompetenz zudem abgegeben: Sein Superminister für Wirtschaft hat alle relevanten Positionen mit fähigen Ökonomen, Bankern und Technokraten besetzt.

Fazit: Auf den ersten Blick erscheinen die Chancen für einen wirtschaftlichen Reformkurs in Brasilien größer als in Mexiko. Dennoch sind beide Präsidenten Populisten. Entsprechend schwer ist vorherzusehen, wie sie auf Widerstand gegen ihre Politik und Krisen reagieren werden. Beide Staatsoberhäupter könnten versuchen, die Exekutive zu stärken. Damit würde nun auch in Lateinamerikas größten Staaten die gleiche Trendwende beginnen, welche die Türkei, Ungarn und nicht zuletzt die USA seit einiger Zeit erleben.

Regierungswechsel in Brasilien und Mexiko
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Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°10

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Keine Experimente in Brasilien!

Kurz nach der Stimmenauszählung äußert sich der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG, zu der sehr polarisierenden Wahl in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Renschler fordert schnelles Handeln von der neugewählten Regierung um Jair Bolsonaro.

„Sie muss die gespaltene Gesellschaft wieder einen und stabile politische Rahmenbedingungen schaffen. Und sie sollte berücksichtigen, dass es für Experimente und Worthülsen keinen Spielraum mehr gibt, sondern solide politische Arbeit vonnöten ist. Denn das Land braucht Wachstum“, schreibt er.

Brasilien hat sich mit diesen Wahlen für einen politischen Neuanfang entschieden. Dabei entstehen nicht nur Risiken, ganz im Gegenteil: „Wir sollten die sich bietenden Chancen des anstehenden Neustarts nutzen“, erklärte er. Das Land sei die größte Wirtschaft Lateinamerikas und stehe für etwa ein Drittel des BIP und der Bevölkerung der Region.

„Möglichkeiten, die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft bei der Weiterentwicklung Brasiliens zu nutzen, gibt es mehr als genug. Industrie 4.0 oder neue Logistik- und Mobilitätskonzepte sind nur einige Felder, auf denen die deutsche Wirtschaft weltweit führend ist“, so der LADW-Vorsitzende.

Den kompletten Gastbeitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 253 vom 31. Oktober 2018 auf Seite 17 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

National Museum Brasilien
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Ein „Weiter so“ tut es in Brasilien nicht – ein Grund für Zuversicht!

Eine Generalwahl ist für Brasilien immer eine Herkulesaufgabe: Die Wahlpflicht schickt knapp 70 Prozent der 210 Millionen Brasilianer zu den Urnen. Im Oktober werden Staatsoberhaupt und Regierungschef, 513 Bundesabgeordnete, zwei Drittel des Bundessenats sowie Landesregierungen und Parlamente aller 27 Bundesstaaten gewählt. Aber diesmal erschwert die aktuelle politische Gemengelage die Wahl zusätzlich. Die Volksparteien wurden durch die großangelegte Korruptionsaufarbeitung der letzten Jahre zutiefst erschüttert. Renommierte Politiker saßen oder sitzen in Haft. Das fünftgrößte Land der Erde ist zerrissen, denn das „Altbekannte“ soll keine Option mehr sein, aber ein wirkliches Novum ist nicht jedermanns Sache. Da ist es nicht überraschend, dass die bevorstehenden Wahlen Meinungen und Menschen im Lande Tag für Tag polarisieren.

Diese außergewöhnliche Konstellation stellt Brasilien auf eine harte Bewährungsprobe: Die Politik muss einen Neustart wagen. Die Wirtschaft wird sich eine Zeit lang in ungewissem Fahrwasser behaupten müssen. Und vor allem muss die Gesellschaft Brasiliens wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Der Ausgang von Wahlen ist immer ungewiss, aber eines steht jetzt schon fest: Ganz gleich, wer die Wahl gewinnt, ein einfaches „Weiter so“ kann es nicht geben. Eine immer offenere Gesellschaft, eine wachsame Öffentlichkeit und eine Wirtschaft, die nach Wachstum strebt, erhöhen den Druck auf das politische Handeln. Das gibt uns Anlass zur Zuversicht. Wir werden auch als deutsche Unternehmen weiterhin einen langen Atem brauchen, aber Brasilien hat gute Voraussetzungen, sein Potenzial in stabiles Wachstum umzumünzen und sich auch international wieder nach vorn zu bringen.

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG

Sunday Brief N°9

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Herr Sennes, muss man sich vor den Wahlen in Brasilien fürchten?

Die diesjährigen Wahlen sind von größter Bedeutung. Das Land befindet sich in einer Krise aufgrund von Spannungen, die durch den raschen sozioökonomischen und institutionellen Fortschritt der letzten Jahre entstanden sind. Aber dieser Fortschritt wurde weder von einer Erneuerung der politischen Elite noch von einer wettbewerbsorientierten Agenda begleitet. Die Wirtschaftskrise 2015/16 wie auch die Korruptionsskandale zerstörten das politische Feld von Mitte und bis Mitte-rechts und machten für einen populistischen rechtsextremen Kandidaten Platz: Jair Bolsonaro.

Er vereint Züge von Chavez aus Venezuela und Duterte von den Philippinen. Als Hauptmann a.D. trat er vor 28 Jahren in die Politik ein und ist nun in der 7. Amtsperiode Bundesabgeordneter. Als Verteidiger der Militärdiktatur ist er für seine Aussagen für Folter, gegen Menschenrechte, Homosexuelle und Schwarze bekannt. Sein Profil im Kongress zeigt ihn überwiegend als Gegner von Privatisierungen, Haushaltsanpassung und wirtschaftlicher Öffnung. Sein wirtschaftlicher Berater ist jedoch ultraliberal mit einem PhD der Universität Chicago und Erfahrungen von der Pinochet-Regierung in Chile. Daher bleibt offen, auf welche Grundlage Bolsonaro sich wirklich stützt, falls er gewählt wird.

Lula und die PT wirken nicht mehr als Bindeglied der Kräfte von Mitte und Mitte-links, bleiben aber weiterhin die vorherrschende Kraft in diesem Lager. Fernando Haddad ist klug und hat eine langfristige Vision, hat aber noch nicht die Fähigkeit bewiesen, komplexe Projekte zu leiten. Seine Leistung als Bildungsminister war positiv, aber als Bürgermeister von São Paulo nicht so sehr. Bolsonaro und Haddad sollten in die zweite Runde kommen und Haddad sollte gewinnen.

Ricardo Sennes
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Ricardo Sennes

Brasilianischer Ökonom, Managing Partner Prospectiva und Senior Fellow Atlantic Council

Sunday Brief N°9

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China baut seine Präsenz in Brasilien strategisch aus – und folgt dabei einem detaillierten Plan

Vereinfacht lässt sich sagen: Vor der Jahrtausendwende existierte China in Südamerika kaum als Handelspartner, Investor oder politischer Akteur. Das hat sich rasant geändert. Und trifft besonders auf Brasilien zu. Rund 55 Prozent aller Direktinvestitionen aus China nach Südamerika sind in den letzten eineinhalb Dekaden nach Brasilien geflossen. 54 Milliarden Dollar waren das. Brasilien ist weltweit die Nummer 3 als Empfänger chinesischer Investitionen. Zudem ist China heute der größte Exportmarkt für Brasilien. Von dort kommen auch die meisten Importprodukte. Das alles ist kein Zufall, sondern langfristig geplant. China geht in Südamerika genau so vor, wie es die Regierung in ihren Papieren zu Lateinamerika und der Karibik von 2008 und 2016 formuliert hat. Die Annäherung fand in drei Phasen statt. 

Von 2005 bis 2013 ging es China vor allem darum, Rohstoff- und Energiequellen zu sichern. In diese Phase fielen die Großkredite an Petrobras gegen künftige Öllieferungen, die Investitionen von chinesischen Agrar-Tradern oder auch die wachsenden Beteiligungen in den Häfen. In São Paulo ließen sich die ersten der inzwischen fünf chinesischen Banken nieder, die am Anfang vor allem den Handel mit China finanzierten, inzwischen aber auch die Investitionen begleiten.

Phase 2 steht unter dem chinesischen Sprichwort: „Wenn du reich werden willst, dann baue eine Straße“. Seit drei Jahren investieren chinesische Staatskonzerne in die brasilianische Infrastruktur. Allein 2017 kauften sich chinesische Konzerne für rund zehn Milliarden Dollar in die brasilianische Strombranche ein. State Grid ist nun der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens, China Three Gorges der führende private Stromproduzent im Land. China zeigt dabei gutes Timing: Seine Konzerne begannen mit ihren Investitionen in Brasilien, als dort der Staat und die privaten Unternehmer durch die Rezession und den Korruptionsskandal „Lava-Jato“ außer Gefecht gesetzt waren. Bei den Investitionen denkt China strategisch in die Zukunft: Die Digitalisierung und Vernetzung der Investitionen ist nur eine Frage der Zeit. Denn wer Stromnetze, Straßen, Schienenwege, Häfen und bald Telekommunikationsnetze kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung als Investor, wenn es um die Digitalisierung und Datenkommunikation Brasiliens geht.

Phase 3 der Investitionsstrategie läuft jetzt gerade an. Drei Beispiele: Das Online-Kaufhaus Alibaba will die Lizenz des brasilianischen Frachtflughafens Viracopos kaufen. Dort will das Unternehmen sein Logistikzentrum für Brasilien aufbauen, um den Markt der 210 Millionen Konsumenten zu bedienen. Der chinesische Batteriehersteller und Autokonzern BYD (“Build your dreams“) liefert gerade die ersten 20 von 200 Elektronik-Trucks an eine städtische Müllentsorgung. In Brasilien produziert das Unternehmen zudem E-Busse und Solarpanels. Der chinesische Uber-Konkurrent Didi Chuxing hat Anfang dieses Jahres den brasilianischen 99app aufgekauft für 300 Millionen Dollar und damit das brasilianische Unternehmen zum ersten Startup-Unternehmen gemacht mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar. China will Brasilien enger in die Wertschöpfungsketten seiner Industrie einbauen.

Im Konzeptpapier von 2016 steht auch, wie es weitergehen soll: In der großen Politik durch den Abschluss von Handelsabkommen. Durch verstärkte institutionalisierte Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene in Brasília wie auch in den Bundesstaaten. Durch öffentlich-private Investitionsprojekte. Durch intensive Kontaktpflege mit künftigen politischen Führern. Durch den Aufbau von akademischen Think-Tanks. Für jeden dieser Punkte lassen sich heute schon Belege finden.

China hat in wenigen Jahren an seinen Universitäten viel Wissen über Brasilien angesammelt und in der Politik Netzwerke aufgebaut. Nach nur einer Dekade treten chinesische Korrespondenten, Diplomaten, Akademiker, Unternehmer und Banker diskret, aber überaus sattelfest in Brasilien auf. Sie sind bestens vernetzt, sprechen perfekt Portugiesisch, kennen sich in Details über die brasilianischen Politik und Bürokratie aus. Diplomaten in Brasília berichten, dass ihre chinesischen Kollegen in einigen wichtigen Ministerien ein- und ausgehen würden, als seien sie zu Hause. Im Planungsministerium etwa existiert eine chinesisch-brasilianische technische Arbeitsgruppe, die jetzt bei ihrem dritten Treffen über Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar entscheiden will.

China füllt also in Brasilien zunehmend das Vakuum aus, welches die USA dort hinterlassen. Genauso wie die EU: So wird Ende Oktober in Montevideo ein hochrangiger ökonomischer Mercosur-China-Dialog stattfinden – während die Chancen auf ein baldiges Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur gerade wieder gesunken sind.

Wir Europäer sollten angesichts der Offensive aus Fernost überlegen, ob unser Lateinamerika-Konzept nicht aktualisiert werden müsste. Das gilt besonders für uns Deutsche, die wir mit Brasilien als strategischem Partnerland regelmäßige Konsultationen abhalten wollen. Bisher fanden die nur 2015 einmal statt. Seitdem hat sich in Brasilien viel getan.

Papierlaterne
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alexander busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°9

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