FAQ zum Freihandelsabkommen zwischen EU und Mercosur

Das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und den Staaten des Mercosur – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – beinhaltet Bestimmungen zu politischem Dialog, Kooperation und Handel. Am Rande des G20-Gipfeltreffens am 28. Juni 2019 wurde nach fast 20-jähriger Verhandlungsdauer eine Einigung über den Handelsteil erzielt. Durch das Abkommen entsteht die größte Freihandelszone der Welt mit knapp 800 Millionen Einwohnern. Es ist ein Meilenstein für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Vor allem innovative kleine und mittlere Unternehmen werden durch das Abkommen eine höhere Rechtssicherheit für ihre unternehmerischen Aktivitäten erlangen. Bevor es in Kraft treten kann, muss es noch durch das europäische sowie die nationalen Parlamente ratifiziert werden.

Europa darf aber die große Chance nicht verpassen, eines der ersten Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Wirtschaftsraum abzuschließen. Damit werden viele neue Geschäftsmöglichkeiten sowie Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz eröffnet. Gerade in einer weltwirtschaftlichen Krise würde dies wertvolle Impulse für Wirtschaft und Arbeitsplätze in den Unterzeichnerstaaten bedeuten. Mindestens genauso wichtig wäre es aber in Zeiten, in denen multilaterale Handelsregeln häufig missachtet und von einigen Staaten Protektionismus und nationale Interessen über die internationale Kooperation gesetzt werden, geopolitisch bedeutsame Partnerschaften zu festigen. Mit dem Freihandelsabkommen kann die EU die Globalisierung aktiv nach eigenen Vorstellungen mitgestalten. Das Abkommen prägt dauerhaft die Regeln für gute Handelsbeziehungen, fördert die multilateralen Prinzipien der Transparenz, Gleichbehandlung und Nicht-Diskriminierung und stärkt internationale Vereinbarungen zur Förderung von Sozial- und Umweltstandards. Zudem schafft das Freihandelsabkommen die Grundlage für einen intensiven politischen und gesellschaftlichen Dialog zur Umsetzung der Vereinbarungen. Gelingt es nicht, auf vertraglicher Basis enger zusammen zu arbeiten, verpassen wir eine gute Gelegenheit, Werte und Standards in den Mercosur-Staaten an das hohe Niveau der EU anzugleichen.

1) Warum strebt die EU überhaupt ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten an?

Europa und die Weltwirtschaft insgesamt profitieren enorm vom internationalen Handel und grenzüberschreitenden Investitionen, einschließlich der dahinterstehenden Arbeitsteilung. Die EU-Handelspolitik ist darauf ausgerichtet, durch Verträge mit Gruppen von Staaten, beispielsweise in der Welthandelsorganisation (WTO), und einzelnen Staaten die Voraussetzungen für einen reibungslosen und regelbasierten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Investitionen zu schaffen. Bilaterale Handelsverträge der EU ergänzen den allgemeinen multilateralen Rahmen der Welthandelsorganisation. Bei den bilateralen Verträgen geht es zum einen um eine wechselseitige Marktöffnung, aber auch immer darum, hohe EU-Standards und grundlegende Werte international zu verbreiten, beispielweise Offenheit, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz. Obwohl die Europäische Union schon lange substanzielle Wirtschaftsbeziehungen zu den Mercosur-Staaten unterhält, besteht noch kein umfassendes bilaterales Handelsabkommen. Vielmehr sind noch weite Teile des lateinamerikanischen Marktes durch hohe Zoll- und andere Schranken gekennzeichnet. Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen würde den Handel mit den südamerikanischen Staaten deutlich erleichtern.

2) Wofür braucht die deutsche Wirtschaft ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur?

Ohne offene Märkte im Ausland kann die deutsche Wirtschaft nicht bestehen. Wie in kaum einem anderen Land ist der Wohlstand in Deutschland vom regelbasierten Handel abhängig. Die enge Einbindung in die Weltwirtschaft ist an der Beschäftigung ablesbar: Knapp 30 Prozent der deutschen Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Export ab, im Verarbeitenden Gewerbe sind es sogar 56 Prozent. Bereits heute gehen rund 240.000 Arbeitsplätze in Deutschland auf Exporte in den Mercosur zurück. Nur 2,4 Prozent der deutschen Exporte gehen heute in die Mercosur-Länder. Durch den freien Handel mit dem Mercosur könnte Deutschland seine Exporte in die Region deutlich erhöhen und zugleich seine Risiko-Anfälligkeit beim Export in andere Märkte verringern.

3) Welche Vorteile bietet das EU-Mercosur-Abkommen für deutschen Unternehmen?

Durch das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur bekommen deutsche Unternehmen einen freien, regelbasierten Zugang zu einem Markt mit rund 265 Millionen Konsumenten. Die derzeit noch durch hohe Zölle abgeschotteten Mercosur-Länder haben großen Modernisierungsbedarf. Hohe Importkosten können da sehr hinderlich sein – der durchschnittlich angewendete Zollsatz für Industriegütereinfuhren liegt in Argentinien und Brasilien mehr als dreimal so hoch wie in der EU (2018 laut WTO: 14,2 / 13,9 / 4,2 Prozent). Die Südamerikaner sind zudem jung, aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien und europaaffin. Durch all das bestehen große Absatzchancen für deutsche Produkte und Lösungen. Auch von dem Einsparpotenzial durch die Abschaffung von Zöllen und anderen Handelshemmnissen werden Unternehmen und Verbraucher profitieren. Dabei geht es um mehrere Milliarden Euro jährlich.

4) Ist das Assoziierungsabkommen auch für den industriellen Mittelstand attraktiv?

Auf jeden Fall! Handelshemmnisse belasten kleine Unternehmen deutlich mehr als Großunternehmen, da sie oftmals weder die Zeit noch die Ressourcen haben, diese Hürden zu bewältigen. Die erhöhte Transparenz, die das Abkommen schaffen würde, sowie die Vereinfachung der Zollverfahren sind vor allem für kleine Unternehmen auf beiden Seiten hilfreich. Um die besonderen Herausforderungen der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im internationalen Handel und bei Investitionen anzugehen, enthält das EU-Handelsabkommen mit den Mercosur-Ländern ein spezielles Kapitel zu deren Förderung. Davon können die KMU profitieren, denen erst unter den verbesserten Bedingungen interessante Geschäftsmöglichkeiten geboten werden, aber auch die knapp 10.000 KMU in Deutschland, die bereits heute in den Mercosur exportieren.

5) Birgt das Abkommen Risiken für die deutsche Wirtschaft?

Das Abkommen ist gerade dafür da, Risiken im Handelsgeschäft mit dem Mercosur zu minimieren, in dem es den Austausch von Waren und Dienstleistungen klar regelt. Große Risiken würden eher dadurch entstehen, wenn das Abkommen nicht in Kraft tritt. Der Mercosur verhandelt gerade zahlreiche Freihandelsabkommen mit anderen Ländern und Regionen. Europäische Produkte und Dienstleistungen würden im Vergleich zu Waren aus diesen Ländern auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein, wenn sie Einfuhrzöllen und Handelshemmnissen in den Mercosur-Ländern unterliegen, die Angebote der Wettbewerber aber nicht.

6) Welche Chancen bietet das Abkommen für die Länder des Mercosur?

Mit dem Abkommen besteht für die Mercosur-Länder die große Chance, ihre gesamte Produktionskette – in Landwirtschaft, Industrie, Handel, Transport und Dienstleistungen – nachhaltig zu modernisieren. Die EU ist einer der größten und attraktivsten Absatzmärkte weltweit, der durch das Abkommen einfacher zu erschließen ist. Damit könnten große Gewinne für die dortige Wirtschaft erzielt werden, die mit mehr Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätzen, sozialer Sicherheit und besseren Produkten für den Endverbraucher einhergehen.

7) Schwächt das Abkommen die europäische Landwirtschaft?

Die Interessen der europäischen Landwirtschaft sind im Abkommen angemessen berücksichtigt. Der Absatz von vor Ort beliebten europäischen Erzeugnissen wie Weinen, Spirituosen und Käsesorten wird künftig nicht mehr durch übermäßig komplizierte Verfahren und Zöllen von 20 bis 35 Prozent belastet. Zudem könnte die EU als erster Handelspartner ein Abkommen mit den Staaten des Mercosur abschließen. Dies würde der EU und Deutschland in den nächsten Jahren einen privilegierten Marktzugang ermöglichen. Auch wenn Anpassungsprozesse auf europäische Seite zu erwarten sind, kommt das Abkommen insgesamt auch der deutschen Agrar- und Lebensmittelbranche zugute. Das partnerschaftliche Abkommen bietet eine gute Grundlage für einen fairen Wettbewerb.

8) Bleiben die hohen Verbraucherschutzstandards in der Europäischen Union bestehen?

Ja, die hohen EU-Verbraucherschutzstandards sind nicht verhandelbar. Wie bei allen Freihandelsabkommen müssen auch die aus dem Mercosur eingeführten Agar- und Lebensmittelerzeugnisse den strengen EU-Sicherheitsstandards entsprechen. Diese gelten für alle in der EU verkauften und verbrauchten Produkte, unabhängig davon, ob sie im Inland erzeugt oder importiert werden. Hieran wird sich mit dem Abkommen nichts ändern.

9) Was bedeutet das Abkommen für die Umwelt und den Amazonas-Regenwald?

Das Freihandelsabkommen bietet eine einmalige Möglichkeit für die EU, positiven Einfluss auf die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards im Mercosur-Raum zu nehmen. In einem eigenen Nachhaltigkeitskapitels werden die Länder verpflichtet, Regelungen zu Biodiversität, nachhaltiger Waldwirtschaft und zur Bekämpfung des illegalen Holzeinschlags einzuhalten. Die Europäische Kommission setzt hierfür auf einen dialogorientierten Durchsetzungsmechanismus: Eine Zusammenarbeit in bilateralen, regionalen und internationalen Foren soll sicherstellen, dass die Vereinbarungen des Nachhaltigkeitskapitels umgesetzt werden. Dieses Verfahren bietet auch den Organisationen der Zivilgesellschaft eine aktive Rolle, die Umsetzung des Abkommens zu überwachen, insbesondere alle Umweltbelange.

10) Hat das Abkommen Auswirkungen auf den Klimaschutz?

Das EU-Abkommen mit den Mercosur-Staaten bietet konkrete Mechanismen, die eine positive Auswirkung auf den Klimaschutz erwarten lassen, obwohl ein Anstieg des Handels zu mehr Transporten und gegebenenfalls Emissionen führen kann. Die vereinbarten Verpflichtungen sorgen unter anderem für größere Effizienz bei Handel und Produktion, eine schnellere Verbreitung von Umwelttechnik, eine bessere Einhaltung internationaler Standards und mit steigendem Wohlstand tendenziell mehr Investitionen in den Umweltschutz und umweltfreundlichere Produkte. Darüber hinaus erhöht das Abkommen das Engagement der Beteiligten für den Klimaschutz. So haben sich zum Beispiel die EU und der Mercosur im Freihandelsabkommen auch zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzübereinkommens verpflichtet. Damit besteht ein zusätzlicher Hebel, die Partnerländer daran zu binden. Für Brasilien beinhaltet dies auch eine Verpflichtung zur Bekämpfung der Entwaldung. Zudem sollen über die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung, zu deren Zielen sich die Mercosur-Staaten verpflichtet haben, Mechanismen erarbeitet werden, die dem Klimawandel entgegenwirken.

11) Sind die Arbeitnehmerrechte durch das Abkommen geschützt?

Im Kapitel zur nachhaltigen Entwicklung wird auch die Achtung der Arbeitnehmerrechte geschützt. Die Parteien haben vereinbart, dass das EU-Mercosur-Abkommen bestehende Rechte fördern muss und diese nicht verwässern darf. Dabei beziehen sie sich auf die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) definierten grundlegenden Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, wie zum Beispiel Nichtdiskriminierung am Arbeitsplatz, Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit, Koalitionsfreiheit und das Recht auf Tarifverhandlungen. Durch eine zügige Inkraftsetzung des Abkommens könnte Rückschritten bei Arbeitnehmerrechten früher entgegengewirkt werden, von denen jüngst Gewerkschaften in einzelnen Mercosur-Staaten berichteten.

12) Wird das Abkommen Regelungen zum Investitionsschutz beinhalten?

Investitionsschutz war nicht Bestandteil der Verhandlungen zwischen der EU und Mercosur-Staaten. Deutschland hat bilaterale Investitionsförderungs- und Schutzverträge (IFV) mit Argentinien, Paraguay und Uruguay. Ein IFV mit Brasilien ist unterzeichnet, aber noch nicht in Kraft.

Weiterführende Informationen

Antworten der Europäischen Kommission auf weitere wichtige Fragen finden Sie hier.

COVID-19 und die Lage in Lateinamerika

Die COVID-19-Pandemie hat auch Lateinamerika und seine Märkte mit voller Wucht erreicht. Der klassische LADW Sunday Brief wird vorübergehend an diese sehr volatile Situation angepasst: Von nun an werden Sie hier alle zwei Wochen mit Trends und Analysen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Region informiert.

Verfasst werden die Nachrichten von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ, und immer donnerstags veröffentlicht.

© CDC
© CDC

Argentinien sucht in Europa nach Verbündeten

Der erst seit Dezember 2019 amtierende Staatspräsident Argentiniens Alberto Fernández besuchte heute im Rahmen einer Europareise auch Berlin für ein Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel.

In einem vom LADW organisierten Wirtschaftsgespräch mit dem Präsidenten und seiner Delegation zeigte sich Fernández gegenüber dem Engagement deutscher Unternehmen in Argentinien sehr aufgeschlossen. Argentinien brauche die deutsche Wirtschaft und sehe diese als Partner für ein Comeback des Landes.

Die Wiederbelebung Argentiniens hat für den Präsident höchste Priorität, der erste Schritt bleibt aber eine zu verhandelnde, langfristige Strategie zur Umschuldung, insbesondere mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Regierung ist bemüht, das Vertrauen in das Land wiederherzustellen und Rahmenbedingen für Investitionen zu verbessern. So soll beispielsweise ein neues Gesetz die Investitionssicherheit im Land stärken. Aktuelle Abschottungsmaßnahmen seien bittere, aber vorübergehende Heilmittel. Fernández hat sich auch für Multilateralismus und internationale Organisationen ausgesprochen.

Während seiner Reise traf Fernández auch den Papst, den italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte, den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Gesucht wird die Unterstützung der EU-Länder für die beabsichtigte Neuverhandlung der Rückzahlung des IWF-Kredits.

Präsident Fernández und der stellv. LADW-Vorsitzende Kerkhoff
Präsident Fernández und der stellv. LADW-Vorsitzende Kerkhoff © Christian Kruppa
Außenminister Solá, Präsident Fernández und Botschafter Villagra Delgado
Außenminister Solá, Präsident Fernández und Botschafter Villagra Delgado (v. l. n. r.) © Christian Kruppa
Präsident Fernández im Gespräch mit der deutschen Wirtschaft
Präsident Fernández im Gespräch mit der deutschen Wirtschaft © Christian Kruppa

Zusammenarbeit mit Lateinamerika stärken

Die deutsche Wirtschaft drängt darauf, ihr Engagement in Lateinamerika auszubauen. Dafür braucht es neue Akzente in der Lateinamerika-Politik. Der Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) stellen deshalb ein gemeinsames Positionspapier für eine stärkere Kooperation mit der Region vor.

Anlässlich der Veröffentlichung des Positionspapiers betont der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler: „Für deutsche Unternehmen sind Freihandelsabkommen in der Zusammenarbeit mit Lateinamerika dringend notwendig, damit wir auch in Zukunft dort eine strategische Rolle spielen. Eine baldige Ratifizierung des EU-Mercosur-Abkommens ist unverzichtbar.“

Das Papier basiert auf den Erkenntnissen der CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey & Company und enthält Handlungsempfehlungen an die Politik.

Bundesaußenminister Maas auf der Lateinmerika-Karibik-Konferenz
© Christian Kruppa

Die strategische Partnerschaft mit Brasilien modernisieren

„Die seit 2008 bestehende strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien muss modernisiert und um Themen rund um Digitalisierung und Nachhaltigkeit erweitert werden. Zudem müssen die bilateralen Regierungskonsultationen wieder in regelmäßigem Rhythmus stattfinden. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?“, forderte der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Mitglied des Konzernvorstands Volkswagen AG und CEO TRATON SE, im Wirtschafts- und handelspolitischen Panel der diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage. Das waren deutliche Töne vor der Kulisse der wunderschönen Atlantikstrände Natals, wo die von BDI und CNI organisierte Konferenz vom 15. bis 17. September 2019 stattfand.

Als einer der Eröffnungsredner der Veranstaltung betonte der brasilianische Vizepräsident General Hamilton Mourão, der zu der Zeit auch amtierender Präsident war, die Entschlossenheit der Regierung, das Vertrauen in das Land und seine Institutionen wiederherzustellen – unter anderem durch Strukturreformen, Bekämpfung der Kriminalität, Modernisierung des Staates und Handelsliberalisierung. Dies wurde von den mehr als 1.200 Gästen aus Wirtschaft und Politik mit großem Interesse aufgenommen.

BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf stellte in seiner Rede die Bedeutung von regelbasiertem Handel heraus: „Das Freihandelsabkommen der EU mit dem Mercosur ist ein wichtiges Signal in Zeiten rückwärtsgewandter Abschottung. Und es wird sich auch positiv auf die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards im Mercosur-Raum auswirken.“

Die Gemischte Wirtschaftskommission tagte im Rahmen der Konferenz unter dem deutschen Ko-Vorsitz von Andreas Renschler und dem Parlamentarischen Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß. Beide Seiten haben sich sehr zufrieden über die in den Gesprächen erreichten Fortschritte geäußert – so zum Beispiel bei einem neuen Doppelbesteuerungsabkommen und anderen Erleichterungen für deutsche Unternehmen in Brasilien. Im Mittelpunkt des Treffens stand auch der Ausbau der Zusammenarbeit in den Bereichen Infrastruktur und Digitalisierung.

Die nächsten Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage werden vom 26. bis zum 28. August 2020 in München stattfinden.

DBWT 2019 Andreas Renschler
© FIERN
BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf
© FIERN
Wirtschaftstage in Natal Brasilien
© FIERN
Eröffnung Deutsch-Brasilianische Wirtschaftstage 2019
© FIERN

LADW und BDI im Gespräch mit brasilianischem Vizepräsidenten

Im Kontext der 37. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage vom 15. bis 17. September 2019 in Natal trafen sich BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf und der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler mit dem brasilianischen Vizepräsidenten General Hamilton Mourão, der an der Veranstaltung als amtierender Präsident des Landes teilnahm.

Der Vizepräsident versicherte der deutschen Industrie, dass Brasilien seiner Wachstumsagenda mit ehrgeizigen Wirtschaftsreformen, wie der bereits laufenden Rentenreform oder der in Vorbereitung befindlichen Steuerreform, und der Marktöffnung durch Freihandelsabkommen, wie beispielsweise mit der EU, verpflichtet bliebe. Darüber hinaus war auch das Engagement Brasiliens für den Schutz des Amazonasgebiets Gegenstand des Treffens.

Renschler bekräftigte das Interesse deutscher Unternehmen an bilateraler Zusammenarbeit und stellte General Mourão die vor Kurzem lancierte CEO Agenda vor.

Treffen mit Vizepräsident Mourao
© Vice-Presidência da República

São Paulo wirbt für deutsche Investitionen

Kurz nach seiner Rückkehr von einer China-Reise besuchte João Doria, Gouverneur von São Paulo, Deutschland. Im Fokus beider Reisen standen Gespräche mit der Wirtschaft. Beim Mittagessen mit dem Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) am 30. August 2019 im BDI sicherte Doria den deutschen Unternehmen zu, dass seine Administration den Standort São Paulo attraktiver und wirtschaftsfreundlicher gestalten wird, etwa durch Entbürokratisierung und Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur. Als ehemaliger Unternehmer wisse Doria genau, dass funktionierende Rahmenbedingungen das A und O für Investitionen seien.

Der Bundesstaat São Paulo allein erwirtschaftet ein Drittel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts. Dazu tragen auch in hohem Maße die vielen deutschen Unternehmen bei, die dort konzentriert sind. Auch in den wirtschaftlich schwierigen letzten Jahren haben sie kontinuierlich investiert und ihr Engagement ausgebaut. Die Stadt São Paulo selbst ist einer der größten deutschen Industriestandorte der Welt.

Gouverneur Doria und Delegation
© Christian Kruppa
LADW-Vorsitzender und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Mair und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Kamieth, Hr. Renschler und Hr. Dietz
© Christian Kruppa

Deutschland unter den Schlusslichtern bei Handel und Investitionen in Lateinamerika: LADW plädiert für Kursänderung

LADW-Vorsitzender Andreas Renschler: „Sollten uns deutlich stärker engagieren und miteinander statt übereinander reden“

Studie „CEO Agenda“ für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey vorgestellt

Renschler als Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wiedergewählt

 

„Wenn die deutschen Unternehmen in Lateinamerika nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen sie sich deutlich stärker engagieren“, mahnte Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (LADW), anlässlich der Lateinamerika-Karibik-Konferenz des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort stellten am Dienstag der LADW und McKinsey & Company die Studie „CEO Agenda“ für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika vor.

Die Erhebung kommt zu dem Schluss, dass Deutschland – früher einer der größten Investoren in Lateinamerika – mittlerweile im OECD-Vergleich eines der Schlusslichter ist. Renschler, seit 2015 Vorsitzender des LADW, wurde auf der Mitgliederversammlung bis 2021 wiedergewählt. Er ist Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und CEO von TRATON SE.

Laut „CEO Agenda“ entfallen weniger als drei Prozent der weltweiten deutschen Investitionen auf Lateinamerika – und liegen damit fast drei Viertel unter dem OECD-Durchschnitt. „Mit Blick auf die weltweit wachsenden protektionistischen Handelspraktiken ist schwer nachvollziehbar, dass die Exportnation Deutschland Lateinamerika als Wirtschaftspartner so wenig Beachtung schenkt“, sagte Renschler. Im Gegensatz dazu hätten chinesische und US-amerikanische Unternehmen die Bedeutung erkannt. China und die USA verfolgten eine konsequente Expansionspolitik in der Region: Während die deutschen Exporte in die Region in den vergangenen zehn Jahren im jährlichen Durchschnitt nur um knapp drei Prozent auf 38 Milliarden US-Dollar stiegen, kletterten im selben Zeitraum die US-amerikanischen um fast fünf Prozent auf 392 Milliarden US-Dollar und die chinesischen Exporte um knapp zehn Prozent auf 130 Milliarden US-Dollar.

Die „CEO Agenda“ empfiehlt angesichts dieser Entwicklung dringend einen Kurswechsel zu intensiverer wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Große Potenziale biete die Produktivität. Der Beitrag der Produktivitätssteigerung zum Wirtschaftswachstums seit 2017 beträgt in der Region nur 22 Prozent – was ein Viertel des Beitrags in Asien entspricht und im weltweiten Vergleich zu der geringsten Werten gehört.

„Lateinamerika will und muss produktiver werden. Deutsche Unternehmen können auf diesem Feld einen entscheidenden Beitrag leisten“, sagte Renschler. Durch den demografischen Wandel und die Abnahme der erwerbstätigen Bevölkerung droht Lateinamerika bis 2030 ein Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums um 40 Prozent. Dies könne durch mehr Produktivität aufgefangen werden.

„Nach unserer Analyse gilt dies vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Landwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Transport, Bergbau, Öl und Gas sowie Energie“, erklärt Cornelius Baur, Managing Partner Deutschland von McKinsey & Company.

Für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika muss sich aber auch die Politik engagieren, dies- und jenseits des Atlantiks. „Wir brauchen eine gemeinsam mit der Bundesregierung abgestimmte Langfriststrategie, klare und faire Wettbewerbsbedingungen, ein verbessertes Bildungssystem in der Region sowie eine gezielte Förderung von Pilotprojekten, etwa im Bereich Digitalisierung, Mobilität oder Internet of Things“, plädierte Renschler.

Der LADW pflegt seit 2015 den Austausch mit Politik und Wirtschaft in Deutschland und Lateinamerika, initiiert und gestaltet bilaterale Kooperationsansätze, um Veränderungen anzustoßen und Zukunft mitzugestalten.

Renschler unterstrich: „Es ist wichtig, kontinuierlich den Dialog mit gewählten Institutionen zu führen. Wer etwas verändern will, sollte miteinander anstatt übereinander reden.“

Über die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst.

Übergabe der CEO Agenda
Übergabe der CEO Agenda durch LADW-Vorsitzenden Andreas Renschler und McKinsey CEO Dr. Cornelius Baur an Bundesaußenminister Heiko Maas | © Christian Kruppa

Impressionen: Minister aus Lateinamerika und der Karibik zu Gast beim LADW

Ministers Dialogue with German Industry
Ministers' Dialogue with German Industry
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Palasissaal Hotel Adlon
Palasissaal Hotel Adlon
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores (Mitte)
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley (rechts)
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla

© Christian Kruppa

Gäste des LADW waren die Außenministerinnen und Außenminister aus Lateinamerika, die für die Lateinamerika-Karibik-Konferenz von Bundesaußenminister Heiko Maas am 28. und 29. Mai 2019 nach Berlin angereist sind, sowie die Botschafter der Region in Berlin und ausgewählte Vertreter der deutschen Politik. Während eines Abendessens im Hotel Adlon wurde in einer Preview die von McKinsey für den LADW erarbeitete „CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika“ vorgestellt und bot den Einstieg für eine intensive Diskussion.

Zeitenwandel in Lateinamerika – warum es sich lohnt, genauer hinzusehen

von Andreas Renschler, Vorsitzender des LADW, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE.

 

Der Wandel in Lateinamerika läuft auf Hochtouren. Angefangen mit den neuen Präsidenten in den beiden größten Volkswirtschaften der Region: Der linke Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und der rechte Jair Bolsonaro in Brasilien sind gerade dabei, das Establishment in ihren Ländern mit Hochdruck umzukrempeln und damit das politische und wirtschaftliche Klima Lateinamerikas zu verändern. Beide Staatsoberhäupter versprechen trotz der politischen Unterschiede das Gleiche: Mehr Wohlstand und nachhaltiges Wachstum. Davon könnten zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Lateinamerikas profitieren, für die Brasilien und Mexiko zusammengenommen stehen. Dass die Chancen für den Erfolg nicht gerade klein sind, zeigt das steigende Vertrauen von Investoren aus aller Welt. Es bleibt noch abzuwarten, welchen Weg beide Regierungen einschlagen werden, um ihre Versprechen zu halten. Sicher wird 2019 ein entscheidendes Jahr.

Weiter südlich auf dem Kontinent stehen ebenfalls richtungsweisende Präsidentschaftswahlen an: Die Argentinier müssen im Oktober dieses Jahres dem Neoliberalismus von Präsident Mauricio Macri eine Zu- oder Absage erteilen – möglicherweise auch verbunden mit Polarisierung wie zuletzt in Brasilien. Und im Norden Südamerikas tickt eine Zeitbombe: Venezuelas politische Krise muss ein friedliches Ende finden.

Gerade in solchen Momenten stellt sich wieder die Frage: Positioniert sich Deutschland in Lateinamerika bereits ausreichend? Sollten Deutschland und Europa vielleicht strategischer mit der Heimat von 650 Millionen überwiegend jungen Menschen umgehen? Noch ist Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Karten in Lateinamerika werden derzeit neu gemischt und die Haltung der ausländischen Partner auf den Prüfstand gestellt. Einerseits muss Mexiko in den Beziehungen zu den USA immer noch wie auf Eiern gehen, andererseits spricht man in Brasilien über eine noch nie da gewesene Allianz mit den USA, die Präsident Bolsonaro bei dem Besuch seines Amtskollegen Trump Anfang März knüpfte. Und China arbeitet weiterhin daran, seine Position in Lateinamerika zu stärken – langfristig und ohne Improvisation, denn Peking hat eine klare Strategie, was dort in den nächsten fünfzig Jahren erreicht werden soll.

Währenddessen muss sich die EU konsolidieren. Die Herausforderung Brexit muss gemeistert werden. Noch wichtiger ist, dass die EU ihr wirtschaftliches Gewicht besser in politisches Gewicht ummünzt. Wir sind der größte Wirtschaftsraum der Erde und haben ein berechtigtes Interesse daran, gegenüber den sich immer mehr polarisierenden Wirtschaftsmächten USA und China unsere Eigenständigkeit zu wahren. Wir sollten das Potenzial nutzen, das in der engeren Allianz zwischen der EU und den lateinamerikanischen Volkswirtschaften liegt. Bei den Vereinten Nationen machen die Staaten Lateinamerikas und der Karibik zusammen mit Europa ein Drittel der Gesamtstimmen aus. Die Jahrhunderte alte, kulturelle Verbindung beider Regionen sorgt für das nötige Vertrauen. Es lohnt sich, diese Region wieder neu als engen Partner und Verbündeten zu gewinnen.

Lateinamerika
© Pixabay, Gerd Altmann