Stabile Wachstumsaussichten für Lateinamerika, aber auf niedrigem Niveau

In seinen neuesten Prognosen ist der Internationale Währungsfonds für die Ökonomien der Region verhalten optimistisch. Das Land mit dem höchsten Wachstum weltweit befindet sich hier.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Steady but slow“ – also: „Stetig, aber langsam“ hat der Internationale Währungsfonds seinem neuesten „World Economic Outlook“ übertitelt.

Das beschreibt auch die Lage in Lateinamerika: Zwei Prozent wird Lateinamerika dieses Jahr wachsen. Das ist weniger als 2023 (2,3 Prozent). Nächstes Jahr dagegen wird die Konjunktur in der Region auf 2,5 Prozent zulegen, erwarten die Ökonomen aus Washington.

Damit wächst Lateinamerika langsamer als die Weltwirtschaft insgesamt in diesem Jahr (3,2 Prozent) und deutlich weniger als die Emerging-Markets insgesamt (4,2 Prozent). Dennoch ist die Prognose positiv für Lateinamerika. Denn bis auf Argentinien wachsen alle Staaten der Region gleichmäßig.

Besser als noch vor kurzem erwartet gibt der IWF die diesjährigen Prognose für Brasilien an, das statt 1,7 Prozent 2024 voraussichtlich 2,2 zulegen wird. Ebenfalls verbessert haben sich die Prognosen für Peru (2,5 Prozent), Kolumbien (1,1 Prozent) und Uruguay (3,7 Prozent). Auch Chile wird mit zwei Prozent deutlich mehr wachsen als vergangenes Jahr (0,2 Prozent).

Venezuela könnte das Wachstum in Lateinamerika dieses Jahr mit vier Prozent anführen. Es folgen Paraguay (3,8 Prozent), Brasilien, Chile, Bolivien (1,6 Prozent) und Ecuador (1 Prozent).

Für Zentralamerika erwartet der IWF ein Plus von 3,9 Prozent (2023: 4,2 Prozent). Die Konjunktur in der Karibik wird auf 9,7 Prozent anziehen in diesem Jahr. Das liegt vor allem an Guyana, welches mit einem Plus von 34 Prozent gegenüber 2023 das Land mit der höchsten Wachstumsrate der Welt sein dürfte. Dort hat die Ölproduktion zu einem rasanten Wachstum geführt.

Eingetrübt haben sich die Aussichten in Mexiko: 2,4 Prozent wird die zweitgrößte Ökonomie Lateinamerikas wachsen – statt 2023 noch 3,2 Prozent. Für nächstes Jahr hat der Fonds die Aussichten für Mexiko sogar auf nur 1,4 Prozent gesenkt – trotz der stabilen Wachstumsprognosen für die USA, dem wichtigsten Handelspartner Mexikos. Doch seit Jahresanfang sinkt der Konsum in Mexiko, die Investitionen stagnieren und auch die Exporte schrumpfen.

Argentinien hat gerade unter Präsident Javier Milei einen schmerzhaften Reformprozess begonnen. Eine Rezession von 2,8 Prozent erwarten die Fond-Ökonomen für dieses Jahr. Am Jahresende könnte die Inflation auf 150 Prozent sinken – was aber immer noch extrem hoch ist.

Das schwache Abschneiden Argentiniens, die drittgrößte Ökonomie Lateinamerikas, belastet die Konjunkturaussichten für die gesamte Region. So sind die Exporte von Brasiliens Industrie nach Argentinien in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um fast 30 Prozent eingebrochen (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum).

Entscheidend für Lateinamerikas Ökonomie in den nächsten Monaten sind die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA und China, den größten Wirtschaftspartnern der Region. Denn die EU-Zone wird mit einem schwachen Wachstum von 0,8 Prozent kaum Einfluss auf die Konjunktur in Lateinamerika nehmen.

Die hohe Inflation und damit langsamer sinkenden Zinsen der Fed haben bereits jetzt zu einer Stärkung des Dollars geführt. In Lateinamerika quotieren die lokalen Währungen seit einigen Tagen deutlich schwächer gegenüber der US-Währung. Das wird die Inflation und die ausländische Verschuldung in der Region erhöhen.

Für Südamerika ist als Rohstoff- und Energieexporteur vor allem die Entwicklung in China entscheidend. Von dort sind die Signale widersprüchlich. Mit einem Wachstum von fünf Prozent rechnet der IWF, das jedoch nächstes Jahr auf 4,6 Prozent zurückgehen könnte.

Wachstum
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