Onshoring funktioniert in Lateinamerika, aber nicht wie erwartet

Die Hoffnungen auf positive Effekte des Nearshorings in der Region waren groß, doch die Realität sieht bisher anders aus. Es siedeln sich kaum westliche Konzerne neu an dafür nutzt Chinas Industrie die Chance.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Vor zwei Jahren elektrisierte eine Prognose der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) die Regierungen und Investoren in Lateinamerika. Die Experten der IDB erwarteten, dass Lateinamerika mittelfristig zusätzliche Waren- und Dienstleistungen in Höhe von 78 Mrd. Dollar pro Jahr exportieren könnten, ein Plus von rund 6 Prozent.

Der Grund sei das Onshoring westlicher Konzerne in Lateinamerika. Unternehmen aus den Industrieländern würden versuchen, ihre Zulieferer näher bei sich anzusiedeln. Aus verschiedenen Gründen: Umweltbedenken, die Covid-Pandemie, die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie Russlands Krieg in der Ukraine würden diesen Trend beschleunigen – und zu einem Investitionsboom in Lateinamerika führen.

Bisher scheint vor allem Mexiko von dieser wachsenden Integration in die Wertschöpfungsketten zu profitieren. Die Nähe zu den USA, das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA, das milliardenschwere Subventionsprogramm der Regierung Biden (IRA) haben die Investitionen in Mexikos Industrie gesteigert. Erstmals im Jahr 2023 war Mexiko wieder der größte Exporteur in die USA – vor China.

Doch betrachtet man den Verlauf der ausländischen Direktinvestitionen in Mexiko im historischen Vergleich, dann fällt der Neuansiedlungs-Effekt enttäuschend aus: Mexiko hat seine ausländischen Investitionen auf das Niveau von vor der Pandemie stabilisiert – mehr nicht. Der Anteil der zweitgrößten Ökonomie Lateinamerikas an den weltweiten Direktinvestitionen liegt weiter unter 3 Prozent.

In Brasilien ist das Resultat noch schwächer: Dort sind die Auslandsinvestitionen vergangenes Jahr um 18 Prozent geschrumpft. In Chile, Kolumbien, Peru und Argentinien haben politische Unsicherheiten das Interesse der Investoren gebremst. Südamerika zieht weniger als 3 Prozent der weltweiten Direktinvestitionen an.

In Fernost dagegen sieht es ganz anders aus: Westliche Konzerne siedeln ihre neuen Unternehmen nicht mehr in China, sondern in den umliegenden Staaten wie Vietnam, Singapur und Indonesien an. Dort sind die Onshoring-Effekte deutlich spürbar. Auf Südostasien entfallen inzwischen mehr als 10 Prozent der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen.

Es gibt verschiedene Gründe für die geringe Anziehungskraft Lateinamerikas für Unternehmen aus Europa oder den USA: Das schwierige Business-Umfeld in der Region, die fehlende Qualifikation der Arbeitskräfte oder die schlechte Infrastruktur zählen dazu.

Doch am wichtigsten ist die geringe Integration Lateinamerikas. Die Märkte in Lateinamerika sind weiterhin kaum integriert. Nur 15 Prozent des Außenhandels wickeln die Staaten untereinander ab. In Fernost sind es fast zwei Drittel.

Unternehmen zögern, ihre Produktionsanlagen in Länder aufzubauen, die nicht in der Region integriert sind. Das gilt auch für große Märkte wie Brasilien oder Mexiko: Für High-Tech-Produzenten oder Hersteller von hochwertigen Konsumgütern sind auch diese zu klein, um hohe Investitionen zu rechtfertigen.

Konzerne aus den westlichen Industrieländern zögern also mit ihren Investitionen in Lateinamerika. Das liegt bei den europäischen Unternehmen auch an der Krise in ihren Heimatmärkten. Auch US-Konzerne konzentrieren sich lieber auf den boomenden Markt Nordamerikas.

Dafür nutzt Chinas Industrie strategisch das onshoring in Lateinamerika. In Brasilien wie in Mexiko investieren chinesische Unternehmen in grünen Wasserstoff, nachhaltige Stromgewinnung, E-Mobilität, Konsumunternehmen sowie gemeinsame Forschung und Entwicklung.

In Mexiko hat der Zustrom chinesischer Investoren bereits 2018 begonnen, als Ex-Präsident Donald Trump Importzölle auf chinesische Produkte erhöhte. Mexiko ist heute zum wichtigen Brückenkopf für die Exporte chinesischer Firmen in die USA geworden. In Brasilien wollen Chinas Unternehmen den lokalen Markt, aber mittelfristig auch Südamerika beliefern.

Es sieht so aus, als könnte Onshoring mittelfristig funktionieren in Lateinamerika – doch mit anderen Akteuren als erwartet.

Cancun
© Pixabay/Andrzej

Weitere News dieser Kategorie

Steht Bolivien vor einer Phase politischer Instabilität?
Mexiko vor ungewisser Zukunft mit Claudia Sheinbaum
Weiterhin gibt es viele Demokratien in Lateinamerika, deren Qualität nimmt jedoch ab