China startet eine neue Investitionsoffensive in Südamerika

Brasilien wird zur Blaupause für die Expansion, bei der sich Chinas Unternehmen zunehmend in die Wertschöpfungsketten der Industrie sowie in Forschung und Entwicklung in der Region einkaufen. Damit machen sie vor allem westlichen Konzernen Konkurrenz.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Aus der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole Salvador im Nordosten Brasiliens haben sich in den letzten Jahren mehrere ausländische Unternehmen zurückgezogen: Ford schloss dort vor drei Jahren seine größte Fabrik in Südamerika. Auch Siemens Energy und General Electric stoppten letztes Jahr ihre Fertigungen von Windturbinen.

Dagegen starten Konzerne aus China dort gerade durch: BYD, der weltweit führende Fabrikant von Elektrofahrzeugen, hat die ehemalige Fabrik von Ford übernommen. Dort wird der Konzern noch in diesem Jahr E-Autos und Lastkraftwagen bauen. Eine Lithium-Verarbeitung und Batterie-Produktion sind ebenfalls geplant. BYD hat zudem Forschungskooperationen an mehreren technischen Universitäten Brasiliens gestartet.

Gleichzeitig will der chinesische Turbinenbauer Goldwind im ehemaligen Werk von GE Windkraftanlagen bauen. Für künftige Aufträge ist gesorgt: CGN Brazil Energy, ebenfalls aus China, will in einem 14 Gigawatt-Windpark im Landesinneren grünen Wasserstoff herstellen.

Ein Konsortium aus drei chinesischen Baukonzernen hat die Ausschreibung für eine 12 Kilometer lange Brücke über die Bucht vor Salvador gewonnen. Derzeit finden Testbohrungen statt. Bis Jahresende soll der Bau beginnen. Die Finanzierungen kommen unter anderen von der CAF („Andenbank“), einer der wichtigen westlichen Förderbanken in Lateinamerika.

„China spricht offiziell von einer „neuen“ Infrastrukturpolitik für Lateinamerika“, beobachtet Margaret Myers, Leiterin des Asien- und Lateinamerika-Programms des Inter-American Dialogue, einem einflussreichen Think-Tank aus Washington. Brasilien wirkt dabei wie eine Blaupause, die künftig für ganz Südamerika gelten soll.

Nicht mehr die Energie- und Rohstoffsicherung Chinas stehe dabei im Zentrum der Investitionen in Lateinamerika, wie in den letzten 20 Jahren. „Der Schwerpunkt liegt auf innovationsbezogenen Sektoren“, sagt Myers. Doch damit bekommen die westlichen Unternehmen in Lateinamerika Konkurrenz: „Chinas Investitionen in Lateinamerika und der Karibik nehmen in Sektoren zu, denen viele G7-Staaten selbst Priorität eingeräumt haben“, so Myers.

So wie Deutschland: Seit einem Jahr haben die deutsche Regierung und Wirtschaft in Südamerika eine Offensive gestartet, um den Zugang zu Märkten und wichtigen Rohstoffen zu sichern. Bisher lockten deutsche Regierungs- wie Wirtschaftsvertreter immer mit dem Pfand der gemeinsamen Forschung und Entwicklung sowie dem Technologie-Transfer. Damit unterscheiden sie sich – zumindest in der Eigenwahrnehmung – von anderen Interessenten in Lateinamerika.

Doch nun investieren auch Chinas Konzerne in grünen Wasserstoff, nachhaltige Stromgewinnung, E-Mobilität, gemeinsame Forschung und Entwicklung.

Wie schnell China traditionell starke Positionen der deutschen Industrie in Brasilien besetzt, das zeigt sich in der Fahrzeugbranche: Nicht nur BYD, auch GWM bauen Fabriken in Brasilien. „Great Wall Motors“ hat die erst 2016 von Mercedes im Inland von São Paulo eingeweihte und kurz danach wieder geschlossene Fabrik übernommen. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen ist in Brasilien explodiert. Im ganzen Land öffnen Showrooms für chinesische E-Fahrzeuge.

Die chinesische Expansion in die industriellen Wertschöpfungsketten in Südamerika dürfte anhalten. Für Marcos Caramuru, Brasiliens Ex-Botschafter in Peking, würden sich Chinas Unternehmen angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen den Zugang zu großen Konsummärkten wie Brasilien sichern wollen. Denn es sei abzusehen, dass die Märkte der USA und Europas sich weiter verschließen.

Drache
© Fotolia/Jürgen Effner

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