Geopolitisches Tauwetter mit den USA macht Venezuela wieder interessant

Vier Jahre war Venezuela international ein Paria. Das ändert sich gerade. Mittelfristig könnte Venezuela auch für deutsche Unternehmen interessant werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Letzte Woche verkündeten die USA eine Sondergenehmigung für nationale Unternehmen, die in Venezuela tätig werden wollen: Ab sofort dürfen der US-Ölkonzern Chevron und auch die nordamerikanischen Service-Unternehmen der Ölindustrie (Halliburton, Schlumberger, Baker Hughes und Weatherford) in Venezuela wieder Ölanlagen restaurieren und Öl fördern. Chevron muss das produzierte Öl in die USA exportieren. Damit sollen die aufgelaufenen Schulden Venezuelas gegenüber dem kalifornischen Unternehmen getilgt werden. Der venezolanische Staat darf keine Steuern oder Royalties auf die Produktion erheben.

Das ist eine Kehrtwende der US-Politik gegenüber Venezuela. 2018 hatte US-Präsident Donald Trump nach gefälschten Wahlen das reichste Ölland des Westens mit harten Sanktionen belegt. Jeglicher Handel mit Venezuela in Dollar ist bis heute verboten.

Doch jetzt sucht der Westen neue Ölquellen nach dem Ausfall des russischen Öls auf dem Weltmarkt. Und Maduro steht das Wasser bis zum Hals. Lange Zeit konnte er die Sanktionen mit Hilfe russischer Banken umgehen. Doch dieser Kanal ist seit Beginn des Russlandkrieges in der Ukraine verschlossen.

So ist es seit Kriegsbeginn in der Ukraine kontinuierlich zu einer Annäherung zwischen den USA und Venezuela gekommen: Im Prinzip geht es Washington darum, von Maduro Zusagen für demokratische Wahlen zu erhalten. Im Gegenzug dafür bieten die USA eine schrittweise Auflösung der Sanktionen an.

Noch ist völlig offen, ob es zu einer Renaissance Venezuelas als großer Ölproduzent des Westens kommen wird. Entscheidend ist, ob Maduro bereit ist, faire und saubere Wahlen abzuhalten. In acht Jahren wurde in fünf Verhandlungsgruppen versucht, eine Einigung zu erzielen. Maduro war jedoch nie bereit zu Zugeständnissen.

Das Tauwetter in den Beziehungen zu den USA könnte auch für andere Unternehmen wieder Chancen in Venezuela eröffnen – auch deutsche. Denn Venezuela erlebt dieses Jahr erstmals wieder ein Wachstum nach der schweren jahrzehntelangen Rezession, welche die Wirtschaft um 80 Prozent schrumpfen ließ. Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik rechnet dieses Jahr mit einem Wachstum von 12 Prozent (2023: 5 Prozent). Mit der Zulassung des Dollars als Zweitwährung hat Maduro seit 2019 die Inflation eindämmen können. Auch der lokale Konsummarkt ist seitdem wieder erwacht. Vor allem aus den USA gelangen Konsumartikel ins Land, seitdem die Regierung die Importzölle aufgehoben hat.

Zwar dürfen ausländische Unternehmen nur Produkte im Bereich Pharma und Nahrungsmittel nach Venezuela liefern – alle anderen Importe sind wegen der US-Sanktionen verboten. Doch wer im Land produziert, ist von den Sanktionen nicht betroffen. Als aussichtsreich gelten Investitionen in den Sektoren Energie, Telekommunikation, Agroindustrie und Tourismus.

Es scheint, als sollte die deutsche Wirtschaft Venezuela wieder in den Blick nehmen.

Öltanker
© Pixabay/David Mark

Weitere News dieser Kategorie

EU-Mercosur-Abkommen: Ist 2023 die letzte Chance?
Die Interamerikanische Entwicklungsbank steht vor dem Führungswechsel
Aus Brasilien kommen positive Signale für die Demokratien weltweit