Die EU und Lateinamerika nehmen wieder Kontakt auf

Der jüngste Gipfel zwischen der EU und Lateinamerika endete mit wenigen konkreten Ergebnissen. Dennoch sollte man das Gipfeltreffen nicht unterschätzen: Es diente vor allem der Bestandsaufnahme und Aktualisierung der Beziehungen nach fast acht Jahren Sprachlosigkeit.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Außer Spesen nichts gewesen – könnte man angesichts des gigantischen Events denken, welches am 17. und 18. Juli in Brüssel stattfand. Es war das dritte Gipfeltreffen der Europäischen Union und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), das erste der EU-Mitgliedstaaten und der 33 CELAC-Staaten seit acht Jahren. Mehr als 50 Staatsoberhäupter trafen sich für zwei Tage – und herausgekommen ist konkret wenig.

Doch dafür hatten die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks zu wenig vorbereitet: Vor allem auf die Verkündigung des Abkommens zwischen dem südamerikanischen Mercosur und der EU hatten viele gehofft.

Anfangs hatte der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erklärt, dass der Vertrag zur Jahresmitte unterschriftsreif sein sollte. Doch nun ließ sich die brasilianische Regierung zwei Monate Zeit, um ein gemeinsames Verhandlungsangebot des Mercosur auf einige wichtige Änderungsvorschläge der EU auszuarbeiten. So lag auch in Brüssel kein Gebot auf dem Tisch, über das man hätte verhandeln können.

Positiv scheint jedoch, dass sowohl in der EU wie in Südamerika weiterhin Zuversicht herrscht, dass das Abkommen doch noch in diesem Jahr zustande kommt. „Ich habe selten so viel wirtschaftliches und politisches Interesse der EU an Lateinamerika gesehen“, sagte Präsident Lula.

Zwar sagte die EU 45 Mrd. Dollar an Investitionen für Lateinamerika in Infrastruktur zu. Die EU will damit in Lateinamerika ihre Global-Gateway-Strategie umsetzen – die europäischen Antwort auf die Seidenstraßen-Initiative Chinas. Auch die EU will ihren Partnern Kapital für Investitionen in Infrastruktur bieten, wie Peking das seit über einer Dekade weltweit im großen Stil macht. Doch bisher fehlten der EU die Vorzeigeprojekte – vor allem in Lateinamerika.

Einen Erfolg konnte in diesem Zusammenhang der chilenische Präsident Gabriel Boric verzeichnen: Das Andenland unterzeichnete mit der EU jetzt eine Absichtserklärung für eine künftige enge Partnerschaft bei nachhaltigen Rohstoff-Wertschöpfungsketten.

Für Europa ist das von großer Bedeutung: Chile ist weltweit führender Produzent der für die Energiewende wichtigen Rohstoffe Lithium und Kupfer – und könnte bald schon Lieferant für grünen Wasserstoff werden.

Aber auch Chile könnte von dem Abkommen profitieren: Die EU will nicht nur die nachhaltige Produktion der Rohstoffe unterstützten und sie von dort beziehen. Europäische Unternehmen werden im Andenland investieren, um dort den Wertschöpfungsanteil in der Verarbeitungskette in Südamerika zu erhöhen. Künftig könnte Chile damit nicht nur Lithium liefern, sondern womöglich auch Batterien für E-Autos herstellen.

Der Gipfel zeigte aber auch, wie schwer es ist, in den Regionen selbst einen Konsens herzustellen. So wollten sich die Staaten Lateinamerikas nach anfänglichem Zögern darauf einigen, Russland als Aggressor der Ukraine zu kritisieren. Doch vor allem Nicaragua – ein Verbündeter Russlands in Mittelamerika – sträubte sich dagegen, zum Ärger vieler Staatschefs.

Fazit: Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob die Kontaktaufnahme zwischen Europa und Lateinamerika in Brüssel zu einer intensiveren Zusammenarbeit führen wird. Die Verbindungen zwischen den Regionen sind jetzt einer Bestandsaufnahme unterzogen und aktualisiert worden. Viel mehr war nach acht Jahren Sprachlosigkeit kaum zu erwarten.

Chile Atacama Wüste
© Pixabay/Sebastian Basczyj

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