Die Aussichten für Argentiniens Wirtschaft sind so gut wie seit langem nicht mehr

Das Land könnte wie kaum ein anderes weltweit von der veränderten Geopolitik und Energiewende profitieren. Aber dafür braucht es einen klaren Reformkurs.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Der Ausgang der Wahl in Argentinien ist völlig offen: Wenn Sergio Massa, der amtierende Wirtschaftsminister der linksperonistischen Regierung und der rechts-libertäre Kandidat Javier Milei am 19. November bei den Stichwahlen antreten, ist heute kaum abzuschätzen, wer das Land die nächsten vier Jahre regieren wird.

Für das Wirtschaftsmagazin Economist sind die Kandidaten, die sich beim ersten Wahlgang qualifiziert haben, die schlechtesten Alternativen für Argentinien, the worst of all possible outcomes. Denn – so der Economist – keiner der beiden Kandidaten scheint geeignet, die Probleme Argentiniens lösen zu können.

Angesichts des berechtigten Pessimismus wird leicht übersehen, dass die Aussichten für Argentiniens Wirtschaft selten so gut waren wie derzeit: Die Veränderungen in der Geopolitik, die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten sowie Metallen für die Energiewende, steigende Preise für Öl und Gas, über die Argentinien in großen Mengen verfügt – alles das sind Gründe, warum sich die Aussichten für Argentiniens Wirtschaft derzeit aufhellen könnten.

Im Einzelnen:

Gerade konnte das erste über 500 km lange Teilstück der Gaspipeline aus dem Öl- und Schiefergasreservoir Vaca Muerta eingeweiht werden. Argentinien ist damit auf dem Weg, ein Selbstversorger an fossilen Energien zu werden. Bei den hohen Preisen für Flüssiggas ist das wichtig für die Handelsbilanz.

Die Farmer stehen vor einer guten Ernte bei Soja, Mais und Weizen – nach der katastrophalen Dürre dieses Jahres. Für Soja erwartet die Getreidebörse von Buenos Aires ein Plus von 138 Prozent der Ernte. Bei Mais könnte es noch 62 Prozent mehr sein. Auch diese Normalisierung der Agrarexporte wird wichtig für den Dollarzufluss nach Argentinien sein.

Die Investitionen in den Bergbau halten weiter an. Vor allem Lithium und Kupferkonzessionen sind begehrt bei ausländischen Unternehmen. Konzerne aus China, Australien, Kanada und Südkorea sind die Vorreiter.

Die ausländischen Direktinvestitionen in Argentinien haben sich von 4,7 Mrd. (2020) auf 15,1 Mrd. Dollar verdreifacht – trotz der schweren Krise des Landes. Ein Fünftel der Investitionen stammt von Bergbau- und Ölkonzernen.

Zudem zählen Argentiniens Startups zu den erfolgreichsten in Lateinamerika: Online-Handelsplattformen wie MercadoLibre oder OLX sind schon länger bekannt. In Buenos Aires gibt es ein kreatives Umfeld für digitale Unternehmen. Die Gründer sind gezwungen, über den nationalen Markt hinaus zu denken.

Fazit: Die nächste Regierung bekommt aus der Wirtschaft etwas Rückenwind. Hoffentlich nutzt sie die Gelegenheit, um die notwendigen Staatsreformen umzusetzen.

Caminito, Buenos Aires, Argentinien
© Pixabay/Brigitte Werner

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