„Das BIP Lateinamerikas ist zweimal so groß wie das von Indien…

…jedoch mit nur einem Drittel der Bevölkerung“. Der Megainvestor Marcelo Claure glaubt, dass Lateinamerika die besten Jahre seit Langem vor sich haben könnte. Vor allem die größten Ökonomien werden die Region mit sich ziehen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Der 52-jährige Marcelo Claure aus Bolivien besitzt in Lateinamerika einen legendären Ruf als Investor. Er hat zu Beginn seiner Karriere gebrauchte Handys aus den USA in seine Heimat verkauft. Später leitete er den legendären Startup-Investmentfond Softbank: An der Seite von dessen Gründer Masayoshi Son war er jahrelang einer der mächtigsten Startup-Investoren der Welt.

Nach der Trennung letztes Jahr hat er sich wieder auf Lateinamerika konzentriert. In Harry Stebbings Podcast erklärte er kürzlich, warum er die Zukunft des Kontinents für so positiv hält. Es sind erhellende Einsichten.

Claure ist der Meinung, dass Lateinamerika gerade unterschätzt werde. „Das BIP Lateinamerikas ist zweimal so groß wie das von Indien – jedoch mit einem Drittel der Bevölkerung.“

Für ihn ist Lateinamerika als Investitionsstandort so interessant, weil dort mehr Chancen als Kapital vorhanden seien. „Überall sonst ist es umgekehrt: Es gibt mehr Kapital als Investitionsmöglichkeiten – was die Bewertungen in die Höhe treibt.“

So befänden sich ein Viertel der weltweiten Fintechs in Lateinamerika. Insbesondere Brasilien verfüge über einen hochentwickelten Finanzmarkt, der in der Lage ist, komplexe Finanzgeschäfte abzuwickeln. Der Erfolg der Online-Bank Nubank zeigt das.

Claure ist zuversichtlich für die Zukunft der beiden wichtigsten Märkte in Lateinamerika – Mexiko und Brasilien.

Dafür gibt es zwei Gründe: „Nearshoring, also die Diversifizierung der Lieferketten, und die reichen Rohstoffvorkommen der Region bilden die Basis für Lateinamerikas künftige wirtschaftliche Stabilität und Dynamik.“

Dabei profitiere Brasilien – wie auch Argentinien, Chile, Peru – von der Energiewende weltweit. Die Region ist der wichtigste Exporteur der Erze und Metalle, die man bei der E-Mobilität benötigt.

Mexiko und Mittelamerika wiederum würden vor allem vom Nearshoring profitieren und dort einen langanhaltenden Wachstumsschub auslösen. Immer mehr Konzerne verlagern ihre Produktion nach Mexiko. Damit haben sie Zugang zur großen nordamerikanischen Freihandelszone USMCA.

Was in Brasilien und Mexiko geschieht, entscheidet über das wirtschaftliche Abschneiden der gesamten Region: Zusammen vereinen die beiden Ökonomien rund zwei Drittel der Wirtschaftskraft Lateinamerikas und mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Verkürzt lässt sich sagen: Wenn diese Ökonomien wachsen, dann ziehen die beiden alle Staaten in der gesamten Region mit. Umgekehrt gilt das nicht.

Aber auch in chronischen Krisenstaaten wie Argentinien sieht Claure positive Anzeichen, wie die dortigen qualifizierten Arbeitskräfte und das Potenzial des Landes im Technologiesektor. Einige der erfolgreichsten ehemaligen Startups sind inzwischen Weltkonzerne, wie der Online-Händler Mercado Libre oder der Software-Entwickler Globant.

Für den Bolivianer steht Lateinamerika deswegen vor der besten Dekade seit langer Zeit. Es lässt sich hoffen, dass sein bisher bewiesener Instinkt für Investitionen auch diesmal zutrifft.

São Paulo
© Pixabay/Lteixeira

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