Brasiliens Wirtschaft steht überraschend positiv da

Seit Monaten dominieren die allgemeinen Wahlen im Oktober die Schlagzeilen zu Brasilien. Dabei wird übersehen, wie gut es der Wirtschaft des Landes derzeit geht.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Brasilien erlebt das Finale eines angespannten Wahlkampfes, der am 2. Oktober mit dem ersten Wahldurchgang zu Ende sein könnte, wenn ein Kandidat für das Präsidentenamt die Mehrheit der gültigen Stimmen gewinnt. Wahrscheinlich kommt es jedoch zu Stichwahlen am 30. Oktober.

Da neben dem Präsidenten gleichzeitig Gouverneure, Abgeordnete und ein Teil der Senatoren gewählt werden, dominiert die Politik in Brasilien seit Monaten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Dabei wird die überraschende wirtschaftliche Erholung Brasiliens oftmals übersehen. Denn statt zu stagnieren, wie viele Ökonomen noch vor Kurzem prognostizierten, wird Brasilien dieses Jahr 2,6 Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit ist unter zehn Prozent gesunken. Das ist die niedrigste Rate seit 2015. Heute sind so viele Menschen in Lohn und Brot wie zuletzt 2012 – als Brasilien noch ein Wachstumspol in der Weltwirtschaft war.

Die Inflation sinkt bereits wieder, weil die Zentralbank früh mit Zinserhöhungen reagierte. Am Jahresende könnte die Geldentwertung bei sechs Prozent stehen. Das ist wenig für ein Land mit einer Inflationsvergangenheit wie Brasilien.

Gleichzeitig strömt so viele Auslandskapital nach Brasilien wie schon lange nicht mehr. Brasilien war bereits 2021 die Nummer 5 weltweit unter den Standorten, die am meisten ausländische Direktinvestitionen empfingen – nur in den USA, China und Hongkong sowie Kanada investierten ausländische Konzerne mehr. Die Investmentbank JP Morgan schätzt, dass 2022 rund 56 Milliarden Dollar an Direktinvestitionen nach Brasilien kommen werden, also noch mal ein Zuwachs von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Grund: Nicht nur die Energiewende und der Bedarf an grüner Energie und Rohstoffen machen Brasilien attraktiv als Investitionsstandort. Brasilien ist auch ein Profiteur des Ukraine-Konflikts. Einerseits verfügt das Land neben grüner und konventioneller Energie (Öl und Ethanol) auch über Agrarprodukte und industrielle Rohstoffe, deren Preise durch die Ukraine-Krise stark gestiegen sind.

Jetzt kommen zudem wieder Finanzinvestoren nach Brasilien. Sie suchen nach Investitionsmöglichkeiten in einem großen Markt, der möglichst weit weg ist vom Konflikt in Europa und dessen Unternehmen ebenfalls nicht davon betroffen sind.

Zusammen mit dem hohen Überschuss in der Handelsbilanz kann Brasilien als einer der wenigen Emerging-Markets weltweit derzeit problemlos sein Leistungsbilanzdefizit kompensieren.

Das alles wertet den Real auf. Der ist in diesem Jahr einer der härtesten Währungen weltweit. Er hat seit Jahresbeginn trotz der Dollarstärke rund zehn Prozent gegenüber der US-Währung zugelegt. Davon wiederum profitieren brasilianische Aktien und Bonds. Der Bovespa-Index zählt dieses Jahr zu den Aktienindizes, die weltweit am besten abschneiden.

Zwar lässt sich ein Teil des höheren Wachstums mit den Konjunkturspritzen durch die Regierung des Präsidenten Jair Bolsonaro erklären. Doch diese Wahlkampfhilfe mit Sozial- und Konjunkturprogrammen haben in Brasilien Tradition.

Entscheidend ist jetzt, dass die nächste Regierung ab Jahresanfang 2023 das politische Kapital nutzt, um für einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung zu sorgen.

Rio de Janeiro
© Pixabay/David Mark

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