Brasilien und Mexiko haben das gleiche Problem: Sie wachsen zu wenig

Die beiden größten Ökonomien Lateinamerikas entwickeln sich derzeit erstaunlich ähnlich – obwohl sie völlig unterschiedliche Strukturen haben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In Brasilien und Mexiko, den beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas, haben die Zentralbanken schon lange vor FED und der ECB die Zinsen erhöht, um die Inflation zu bremsen. Nach den Prognosen der Investmentbanken wie JP Morgan wird die Teuerung in beiden Ländern dieses Jahr auf etwa 5,5 Prozent sinken.

Doch die Erfolge an der Inflationsfront sind teuer erkauft: Die hohen Zinsen in Brasilien sind einer der Gründe, warum die Wirtschaft Ende letzten Jahres in die Rezession rutschte. Dieses Jahr wird Brasilien nur 0,5 Prozent wachsen (2022: 2,9 Prozent). In Mexiko dagegen haben sich trotz der hohen Zinsen die Wachstumsprognosen für dieses Jahr zuletzt verbessert. Aber auch nur 1,7 Prozent wird die Nummer 2 unter den Ökonomien Lateinamerikas dieses Jahr zulegen. 2022 waren es noch 3,1 Prozent.

Mexiko profitiert dabei vor allem von der Nähe zu den USA und dem privilegierten Zugang zum größten Binnenmarkt weltweit. Die USA, Mexiko und Kanada sind in der USMCA-Freihandelszone miteinander integriert. Jetzt haben in kurzem Abstand BMW und danach Tesla angekündigt, dass sie in Mexiko die Produktion von Elektroautos starten werden. Bereits im vergangenen Jahr investierten ausländische Konzerne mit 35 Mrd. Dollar so viel wie zuletzt 2015 in Mexiko. Die Überweisungen von Mexikanern aus den USA machen zusätzlich vier Prozent des BIP aus.

Aber auch Brasilien konnte letztes Jahr seine Auslandsinvestitionen auf 91 Mrd. Dollar steigern. Damit steht das Land auf Platz 4 weltweit nach den ausländischen Direktinvestitionen. Zuletzt waren es vor elf Jahren so viel, als Brasilien noch zweistellig wuchs.

Auch sonst gleichen sich die beiden größten Ökonomien in vielen Makrodaten, trotz der unterschiedlichen Struktur ihrer Wirtschaften: Denn während Brasilien vor allem Rohstoffe, Lebensmittel und Energie exportiert, dominieren in Mexiko die industriellen Produkte in der Exportpalette. Entscheidend in beiden Ökonomien ist der Konsum auf dem Binnenmarkt für das Wachstum. So konzentrierte Brasilien mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1.919 Mrd. Dollar 38 Prozent des Lateinamerika-BIP auf sich. Mexiko folgte mit 1.421 Milliarden Dollar und 23 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung.

Bei Inflation, den Leistungsbilanzdefiziten und den Dollarschulden stehen beide Volkswirtschaften ziemlich ähnlich da. Die wichtigsten Unterschiede zeigen sich in ihren Staatshaushalt: Während Brasilien ein staatliches Defizit von über acht Prozent des BIP produziert, also weit mehr ausgibt, als es einnimmt, beträgt das Minus in Mexikos Staatshaushalt nur vier Prozent.

Bei einem entscheidenden Punkt schneiden jedoch beide Ökonomien ähnlich schlecht ab: Sie wachsen beide deutlich zu wenig im Vergleich zum Durchschnitt der Emerging-Markets weltweit. Mexiko hat knapp wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht. Nächstes Jahr werden beide Volkswirtschaften nur ein Prozent wachsen – so JP Morgan. Das ist viel zu wenig angesichts der Armutsprobleme dieser Länder.

Mexiko
© Fotolia/Daniel Hohlfeld

Weitere News dieser Kategorie

China startet eine neue Investitionsoffensive in Südamerika
Wie die Wahlen in El Salvador die Politik in Lateinamerika beeinflussen könnten
Ausblick 2024: Kann Lateinamerika seine lange Stagnation hinter sich lassen?