Ausblick 2024: Kann Lateinamerika seine lange Stagnation hinter sich lassen?

Die Chancen dafür stehen gut und die Aussichten sind positiv, denn das weltweite Interesse an Lateinamerika nimmt zu. Die Region profitiert davon, stabil zu sein in einer Welt zunehmender Krisen. Gleichzeitig wächst ihre Bedeutung als Lieferant für Energie, Lebensmittel und Rohstoffe. Politische Risiken bleiben jedoch.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wachstumsaussichten für Lateinamerika bleiben stabil. Fast alle Ökonomien werden dieses Jahr wachsen, wenn auch auf niedrigem Niveau. In Chile, Peru und Uruguay wird die Konjunktur im Vergleich zum Vorjahr anziehen, so die Prognose der Investmentbank JP Morgan. In Brasilien, Ecuador und Mexiko wird das Wachstumstempo gegenüber 2023 abnehmen.

Dennoch sind solche Prognosen zurzeit mit Vorsicht zu genießen: Denn die Vorhersagen für Lateinamerika liegen weit auseinander. So rechnet das Institute für International Finance in diesem Jahr mit einem Wachstum von 2,6 Prozent für Lateinamerika. Oxford Economics erwartet, dass die sechs größten Ökonomien in Lateinamerika nur 0,7 Prozent zulegen werden.

Im vergangenen Jahr hatten die meisten Investmentbanken zum Beispiel das Wachstum für Brasilien deutlich niedriger eingeschätzt, als es sich tatsächlich entwickelte: Statt zu stagnieren, wuchs das Land um drei Prozent.

Lateinamerika erlebt eine Charmeoffensive aus Europa

Positiv für Lateinamerikas Konjunktur ist, dass die Inflation in fast allen Staaten zurückgeht – bis auf die notorischen Ausnahmen Argentinien und Venezuela. Damit werden die Zinsen in den meisten Ländern sinken und die Investitionen tendenziell steigen.

Einen strukturellen Wachstumsschub für Lateinamerika könnte mittelfristig das steigende Interesse an der Region bewirken.

Im vergangenen Jahr bemühte sich Europa intensiv um Lateinamerika. Ständig waren europäische Staatsoberhäupter und Delegationen zu Besuch. Erstmals nach acht Jahren fand wieder ein EU-Lateinamerika-Gipfel statt, genauso wie Deutsch-Brasilianische Regierungskonsultationen vor wenigen Wochen. Mit Chile unterzeichnete die EU ein modernisiertes Abkommen, mit Mexiko steht die Unterzeichnung kurz bevor. Schon lange nicht mehr engagierten sich die Regierungen in Europa so deutlich, um das Abkommen mit dem Mercosur abzuschließen – bisher ohne Ergebnis.

Europa reagiert damit auf die gewachsene strategische Bedeutung Lateinamerikas – jedoch später als China und die USA, die schon lange ihre Beziehungen zu der Region intensivieren. Auch die wohlhabenden Nahoststaaten werden gerade zu wichtigen Investoren und Handelspartnern Lateinamerikas. Genauso wollen Indien und andere asiatische Staaten ihre Beziehungen ausbauen.

Lateinamerika ist so groß wie USA und China zusammen mit nur einem Drittel der Menschen

Ein Grund für das gestiegene Interesse ist, dass Lateinamerika nicht nur große Mengen an Agrarprodukten, Energie und Metallen produziert, sondern davon Überschüsse erwirtschaftet, weil es selbst wenig verbraucht. Zum Vergleich: Lateinamerika hat eine Fläche etwa so groß wie China und die USA zusammen. Doch lebt dort mit 650 Millionen Menschen nur rund ein Drittel der Bevölkerung der beiden Großmächte.

Lateinamerika wird seine Vorrangstellung auf einzelnen Rohstoff- und Energiemärkten weltweit noch ausbauen: Schon jetzt hat es bei einzelnen Produkten eine führende Position. Fast die Hälfte der globalen Lithiumreserven befinden sich in Südamerika. Neben Chile und Argentinien bauen auch Brasilien, Mexiko und Ecuador die Produktion aus. Peru und Chile bedienen 40 Prozent der weltweiten Kupfernachfrage.

15 Prozent der weltweiten Öl- und Gasreserven liegen auf dem Kontinent. Brasilien und Guyana sowie möglicherweise schon bald Argentinien steigern ihre Exporte massiv.

Lateinamerikas Farmer liefern knapp die Hälfte der auf dem Weltmarkt gehandelten Agrarprodukte für die Lebensmittelproduktion. Die Bedeutung der Landwirtschaft der Region für die Sicherung der Ernährung weltweit wird weiter zunehmen.

Neben decoupling und reshoring könnte die Region von powershoring profitieren

Doch es gibt auch einen anderen, neuen Grund für die gewachsene Attraktivität Lateinamerikas: Die Region profitiert davon, stabil dazustehen in einer instabilen, kriselnden Welt. Zwar drohen auch in Lateinamerika neue Spannungen zwischen einzelnen Staaten. Doch die Region hat seit 100 Jahren keinen Krieg mehr erlebt. Zudem ist sie weit entfernt von den derzeitigen und potenziellen Konfliktherden in Europa, Nah- und Fernost.

Das macht Lateinamerika attraktiver für Unternehmen, die ihre Fertigungsketten in sicherere Regionen verlegen wollen. Die Stichworte sind decoupling und reshoring. Mexiko und Zentralamerika profitieren bereits jetzt von diesem Trend. US-Konzerne investieren nicht mehr in China, sondern errichten ihre neuen Fabriken näher an ihren Heimatmärkten.

Der Trend zur Verlagerung der Werke nach Lateinamerika durch weltweite Konzerne steht erst am Anfang. Er dürfte noch zunehmen. Das liegt auch an der nachhaltigen Energiematrix des Kontinents: Nirgendwo sonst auf der Welt werden im Durchschnitt 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen – und die Nachhaltigkeit nimmt weiter zu. Der Strom in Staaten wie Uruguay, Paraguay oder Costa Rica wird fast ausschließlich nachhaltig gewonnen. Für Industrieunternehmen, die ihre Emissionsbilanz verbessern wollen, ist das zusätzlich attraktiv für eine Standortentscheidung. Das Stichwort hier lautet powershoring. Zumal Lateinamerika auch die Voraussetzungen hat, bei der Produktion von grünem Wasserstoff weltweit an der Spitze mitzuspielen.

Die Regierungen müssen die Chance nutzen

Die Financial Times beschrieb die historische Gelegenheit für den Kontinent gerade so: Lateinamerika hat seine beste Chance seit einer Generation. Die einzigartigen Vorteile der Region bieten eine außergewöhnliche Möglichkeit, wenn es den Regierungen gelingt, sie zu nutzen.

Aktuell sind die größten Risiken in Lateinamerika: China, die überforderte Politik und die organisierte Kriminalität.

So ist China wichtigster Absatzmarkt für Lateinamerikas Exporteure geworden und in vielen Staaten der größte Investor. Die Wachstumsflaute in Fernost schlägt sich noch nicht in den Handelsbilanzen der Staaten nieder. Es könnten jedoch Ausfälle drohen. Ebenso bleibt abzuwarten, wie Chinas Investitionen sich weiterentwickeln. Sollte es zu einem Konflikt Pekings mit Taiwan kommen, dann könnten die lateinamerikanischen Unternehmen Probleme bekommen, ihre Produkte nach Fernost zu verkaufen.

Zwar haben sich die Demokratien in der Region beim letzten Wahlzyklus als widerstandsfähig gezeigt. Doch den gewählten Regierungen fällt es schwer, ihre Programme und damit den Wählerauftrag umzusetzen: Soziale Proteste sowie gespaltene und damit gelähmte Parlamente behindern die Exekutiven in Chile, Peru, Kolumbien – und möglicherweise bald in weiteren südamerikanischen Ländern wie Argentinien.

Dieses Jahr stehen in den großen Ökonomien des Doppelkontinents nur Wahlen in Mexiko im Juni an. Dort hoffen die Unternehmen, dass die Nachfolgerin des Präsidenten Andres Manuel Lopez Obrador, eine investorenfreundlichere Politik umsetzen wird. Denn die Aussichten für Mexiko sind aus unternehmerischer Sicht gut.

Die autoritären Regime in Venezuela, Kuba und Nicaragua schneiden bei der Krisenbewältigung schlechter ab: Lateinamerika erlebt vor allem aus diesen Ländern eine historische Emigration.

Zusätzlich belastend ist die organisierte Kriminalität. Drogenbanden fordern zunehmend die Staaten heraus. Es wird schwerer, deren Macht einzudämmen. Die Kosten für die Gesellschaften steigen mit der wachsenden Unsicherheit. Obwohl nur rund acht Prozent der Weltbevölkerung in Lateinamerika leben, finden dort ein Drittel der Morde weltweit statt.

Die Experten von Latam Investor fassen die Vorteile Lateinamerikas kurz und bündig so zusammen: Lateinamerika sei friedlicher als Osteuropa, weniger korrupt als Afrika und demokratischer als Asien.

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© Pixabay/Manfred Richter

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