2023 – das Jahr, in dem die Geopolitik nach Südamerika kam

Die Region wird zunehmend in die Auseinandersetzungen der Weltmächte hineingezogen und lokale Konflikte drohen, geopolitisch aufgeladen zu werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Noch Anfang dieses Jahres dominierte in der südamerikanischen Politik die Auffassung, dass die großen geopolitischen Auseinandersetzungen hier wenig Einfluss hätten. Ukraine-Russland, China-USA – das alles fand so weit entfernt statt, dass diese Konflikte in der Region kaum Auswirkungen haben könnten. Im Gegenteil: Man hegte die leise Hoffnung, dass Südamerika Krisengewinnler sein könnte.

Die Welt brauchte plötzlich mehr Rohstoffe und Energie von dort. Das galt für Lebensmittel und Öl genauso wie für Erze wie Lithium oder Kupfer. Südamerika schien die Region zu sein, die für Ausfälle und Veränderungen auf dem Weltmarkt einspringen konnte: Für die bedrohten Ernten in der Ukraine, das mit Sanktionen belegte russische Öl sowie bei den für die Energiewende benötigten Technologien, die Rohstoffe brauchten.

Mehr noch: In Südamerika hoffte man sogar, dass die Ökonomien der Länder durch neue Investitionen ausländischer Konzerne profitieren könnten. Stichwort: Friend- oder Nearshoring. Damit ist gemeint, dass Multis weltweit ihre Fabriken aus China abziehen und in andere Regionen verlegen könnten.

Doch es kam anders: Von Nearshoring ist in Südamerika noch nichts zu spüren – in Mexiko oder Mittelamerika mag das anders sein. Aber hier halten sich die Multis mit Investitionen sogar eher zurück.

Tatsächlich profitiert hat die Region zeitweise von den steigenden Preisen für Agrarprodukte, Energie und industrielle Rohstoffe, doch der Effekt ist inzwischen verpufft.

Als falsch dagegen erwies sich die Vorstellung, dass die weltweiten Spannungen nur gefiltert in Südamerika ankommen würden.

Ein Beispiel dafür, war der Amtsantritt des Präsidenten Javier Milei in Buenos Aires. Dort kam es zu einer ungewöhnlichen Szene: Plötzlich standen sich der ungarische Präsident Victor Orbán und Wolodymyr Selensky aus der Ukraine gegenüber und führten einen intensiven Disput. Mit Argentinien oder Südamerika hatte der wenig zu tun.

Außerdem schwelen Konflikte in der eigenen Nachbarschaft, so wie jetzt zwischen Venezuela und Guyana. Diese regionalen Auseinandersetzungen drohen, geopolitisch aufgeladen zu werden.

Denn in der Karibik stehen die USA auf Seiten Guyanas und Russland unterstützt Venezuela. Putin hat das Karibikland militärisch hochgerüstet. Auch China zieht im Hintergrund seine Fäden, weil es mit beiden Staaten politisch wie wirtschaftlich eng verbunden ist. Der venezolanische Machthaber Maduro scheint Putins Vorgehen gegenüber der Ukraine als Blaupause genommen zu haben.

Nun schauen alle auf Brasilien als Regionalmacht: Kann Präsident Luiz Inácio Lula da Silva den Konflikt vor seiner Haustür lösen? Brasilien steht vor dem größten außenpolitischen Problem seit Jahren. Präsident Lula sagt zu Recht: „Was wir wirklich nicht in unserer Region brauchen können, ist ein Krieg.“

Tatsächlich ist es seit langem ein Standortvorteil Südamerikas, dass es kaum regionale Konflikte gibt. Zwar ist die öffentliche Sicherheit wegen der hohen Kriminalität gering, aber Kriege zwischen Nationen gab es schon lange nicht mehr, wenn man von den kurzen Auseinandersetzungen zwischen Peru und Ecuador vor knapp 30 Jahren absieht.

Das ändert sich gerade: Es scheint, als sei die Geopolitik plötzlich nach Südamerika gekommen. Die Region wird zunehmend in die Auseinandersetzungen der großen Mächte hineingezogen und ist in der Weltpolitik nicht mehr wie bisher der ferne Kontinent.

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© Pixabay/Maik

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