Politisch fallen Prognosen für Lateinamerika derzeit schwer. Welche Themen sind derzeit wichtig für die Wirtschaft?

Lateinamerika stehen wichtige Wahlen bevor: Im Mai wird in Kolumbien ein neuer Präsident gewählt, im Juli in Mexiko und im Oktober in Brasilien. Derzeit ist schwer abzusehen, wer an die Macht kommen wird. Das erhöht die Unsicherheit in der Region. In diesen drei Ländern leben rund 60 Prozent der Lateinamerikaner. Dort entstehen mehr als zwei Drittel der Wirtschaftsleistung des Kontinents.

Dennoch lassen sich Themen erkennen, welche die nächste Zeit Wirtschaft und Investoren in Lateinamerika bewegen werden.

Stabiler wirtschaftlicher Rahmen

Alle wichtigen Ökonomien auf dem Kontinent werden dieses und nächstes Jahr wachsen, wenn auch – mit nur etwa drei Prozent – geringer als die Weltwirtschaft insgesamt. Landwirtschaft, Bergbau und Konsum sind die Wachstumstreiber. Industrie und die Investitionen ziehen verzögert an. Inflation, Leistungsbilanzen, Devisenreserven sind weitgehend im grünen Bereich. Lediglich in Brasilien und Argentinien belasten die hohen Haushaltsdefizite. Kurzfristig haben die Regierungen trotz begrenzter staatlicher Mittel zwei Möglichkeiten, neue Wachstumsimpulse auszulösen: Einerseits durch verstärkte Integration untereinander und andererseits durch Investitionen in die Infrastruktur.

Mehr Druck zur Integration

Lateinamerika ist trotz zahlreicher Versuche die letzten 50 Jahre wenig untereinander integriert. Nur 17 Prozent des Handels finden in der Region statt. Deswegen haben die Staaten schlechte Karten bei Verhandlungen mit anderen Ländern oder Regionen über eine Integration. Brasilien wirkte in der Region lange wie ein Bremsklotz der Kooperation. Das beginnt sich vorsichtig zu ändern: Die Verhandlungen zwischen der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur und der EU, Kanada und der Pazifik-Allianz Lateinamerikas kommen voran. Doch die Skepsis, ob Lateinamerika zusammenfinden wird, ist vor allem in Mexiko groß. Brasilien hat sich in der Vergangenheit nicht an beschlossene Regeln gehalten. Neue Impulse könnte die Integration in Lateinamerika durch die Abschottungspolitik der USA bekommen.

Infrastruktur als Wachstumstreiber

Ein Grund für die schwache Integration ist die Infrastruktur zwischen Atlantik und Pazifik. Es fehlt an Straßen, Stromverbindungen, Häfen und Kommunikationsnetzen. Mit Investitionen in die Infrastruktur können die Regierungen kurzfristig die Konjunktur beleben. Die Finanzierung sei nicht das Problem, sagt Joe Kaeser, CEO von Siemens, gerade beim World Economic Forum on Latin America in São Paulo. Kapital für Investitionen sei weltweit vorhanden. Die fehlende Planung sei ein Hindernis für Investitionen. Angesichts leerer Kassen sind die Regierungen auf die Zusammenarbeit mit privaten Investoren als Alternative angewiesen, um schnell Jobs und Investitionen schaffen.

Chinas wachsender Einfluss

Wenn Lateinamerika nicht selbst seine Infrastruktur verbessert, dann wird China als Investor die Initiative übernehmen, wie es bereits jetzt überall geschieht. China habe einen klaren Plan, eine hohe Risikobereitschaft, kenne sich bestens aus in Emerging-Markets und verfüge fast unbegrenzt über Kapital, sagt Georgina Baker, Vize-Präsidentin der International Finance Corporation der Weltbank.

Anhaltender Zufluss an ausländischem Kapital

Die Zuflüsse ausländischen Kapitals sind auch während der Rezession und politischen Krisen seit 2013 stabil geblieben. Das gilt sowohl für die Staaten der Pazifikallianz (Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko), aber vor allem auch für Brasilien. Der Grund sei die Makro-Stabilität, sagt Cândido Bracher, CEO der Itaú Unibanco. Brasiliens Institutionen seien ineffizient, aber sie funktionierten. In keinem anderen BRIC-Land sei das Vertrauen der ausländischen Investoren in die Eigentumsrechte so groß wie in Brasilien. Das könne sich jedoch schnell ändern, wenn Investoren den Eindruck bekämen, Brasilien sei nicht mehr in der Lage, seine Probleme zu lösen.

Fehlende Führung

Mit den großen Korruptionsskandalen ist die Politikverdrossenheit gewachsen. Wenn es den Regierungen nicht gelingt, ihre Bevölkerung zu integrieren, dann werde es „brennende statt selbstfahrende Autos geben“, warnt Kaeser. Es fehlt derzeit eine Politikerriege, die den Kontinent einigen und ein gemeinsames Ziel vorgeben kann. Den etablierten Politikern fehlten Visionen, kritisiert Ngaire Woods von der Oxforder Blavatnik School of Government. Es reiche nicht, den Wählern Budgetkürzungen und Rentenreformen als Wahlprogramm anzubieten. Deswegen haben Außenseiter Chancen, an die Macht zu kommen.

Wachsender Reformkonsens

Damit das Wachstum nicht zyklisch bleibt, müssen die Regierungen umfangreiche Mikroreformen einleiten. Das gilt bis auf wenige Ausnahmen wie Chile für alle Staaten, die bei der Wettbewerbsfähigkeit Jahr für Jahr weiter zurückbleiben. Positiv ist, dass der Reformkonsens wächst: Erstmals kommt der in den letzten zehn Jahren gewachsene Protektionismus unter Druck. Wie staatliche Mittel effizienter eingesetzt werden können, wird breit diskutiert. Unternehmer betrachten den Export erstmals wieder als überlebensnotwendig. Die schwächeren Währungen helfen ihnen bei der Marktöffnung im Ausland.

Pixabay, Werner22Brigitte

Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°8

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

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