Lateinamerika und Europa rücken näher zusammen

Insgesamt geht es Lateinamerika derzeit eher schlecht. Dennoch ist der Kontinent für uns Europäer wichtiger geworden.

Machen wir uns nichts vor. Derzeit erlebt der größere Teil Lateinamerikas eine schwere politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise. So wie zuletzt in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das gilt nicht für alle Staaten gleichermaßen. Aber unterm Strich sieht es derzeit nicht gut aus. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Dekade hat in der Region zwar die Märkte vergrößert und die Armut reduziert. Doch diese Errungenschaften sind durch die Krisen wieder bedroht. Gleichzeitig verpasst die Region immer mehr den Anschluss in der Weltwirtschaft. Die meisten Unternehmen Lateinamerikas hinken in ihrer Produktivität ihren weltweiten Konkurrenten hinterher. Digitalisierung oder Industrie 4.0 sind in der Region noch nicht einmal ansatzweise verbreitet. Statt die Industrialisierung voranzutreiben, entwickelt sich die Region wieder zurück: Zum Rohstofflieferanten.

Sicher gibt es positive Ausnahmen von diesem düsteren Bild, aber der Trend stimmt und ein Ende der Durstrecke ist nicht in Sicht. Denn die notwendigen wirtschaftlichen Reformen stehen derzeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen wie etwa in Argentinien, nicht auf der Tagesordnung. Der Grund: Die meisten Regierungen stecken ebenfalls in der Krise, sind höchst unpopulär und kämpfen ums Überleben. Da bleibt keine Energie mehr für Reformen. Dadurch verstärkt sich die Führungskrise noch: Denn auch die Politik – nicht nur die Wirtschaft – hat vieles schleifen lassen oder sich an existenziell wichtige Probleme nicht herangewagt. Beispiele: Die wachsende Kriminalität in der Region. Die immer noch weltweit höchsten Einkommensgegensätze. Das niedrige Bildungsniveau, trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren. Die in großen Teilen immer noch marode Infrastruktur des Kontinents.

Dennoch sollten wir angesichts der derzeitigen Schwäche Lateinamerika nicht links liegen lassen. Ganz im Gegenteil. Die Region war selten so wichtig für unsere eigenen Interessen in der Welt wie derzeit: Denn mit den veränderten globalen Rahmenbedingungen durch die neue Politik in den USA ist Lateinamerika bei vielen Themen ein Partner Deutschlands und Europas geworden. Wir machen leicht den Fehler, die wirtschaftliche Schwäche Lateinamerikas mit politischer Bedeutungslosigkeit gleichzusetzen. Doch das wäre falsch. Das zeigt sich etwa beim G20-Gipfel jetzt wieder: Mit Mexiko, Argentinien und Brasilien sind gleich drei Mitgliedsländer aus Lateinamerika im Gremium der führenden Industrie- und Schwellenländer vertreten. Die Bedeutung Lateinamerikas in der Gruppe der Zwanzig wird zunehmen: Bundeskanzlerin Merkel übergibt die Präsidentschaft des Gremiums Ende des Jahres an Argentinien. Der argentinische Präsident Mauricio Macri arbeitet seit seinem Amtsantritt intensiv daran, dass Lateinamerika in den G20 geschlossen auftritt und damit seinen Einfluss erhöht.

In der UNO machen die lateinamerikanischen Staaten und der Karibik 17 Prozent der Gesamtstimmen aus. Im Handel, beim Klima, bei Normen und Standards, aber vor allem bei der Demokratie als politisches System ziehen Deutschland und Lateinamerika an einem Strang. Das erklärt auch, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem G20-Gipfel Argentinien und Mexiko besucht hat, um abzusprechen, wo man beim Gipfel in Hamburg aufeinander zählen kann.

Nicht vergessen sollten wir, dass die 650 Millionen Lateinamerikaner einerseits einen bedeutenden Markt bilden und es andererseits vor allem Menschen sind, die Deutschland und Europa größtenteils positiv gegenüber stehen. Der Austausch zwischen Europa und Lateinamerika hat in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Nicht nur im Handel, bei Investitionen und in der Politik – auch sozial, kulturell und akademisch sind wir enger miteinander verbunden denn je. Das Risiko besteht derzeit, dass wir diese Nähe und das Vertrauen verlieren, wenn wir nicht daran arbeiten, es zu erhalten. Denn mit China tritt jetzt eine Weltmacht in Lateinamerika ungemein kraftvoll auf. Sie füllt geschickt das wachsende Vakuum aus, welches die USA dort hinterlassen. China erwirbt nicht mehr nur Rohstoffquellen auf dem Kontinent. Staatliche Unternehmen aus dem Reich der Mitte kaufen sich derzeit in die industrielle DNA des Kontinents ein: Stromversorger, Häfen, Kraftwerke, städtische und interurbane Schienenwege werden immer mehr aus Fernost kontrolliert. Chinesische Banken sind schon länger vor Ort, um die Übernahmen zu finanzieren. Mit ihren Investitionen öffnen und sichern sich chinesische Unternehmen den Markt Lateinamerikas für Maschinen und Anlagen, also genau dort, wo die deutsche Wirtschaft eigentlich ihre Stärke hat.

Doch deutsche Zulieferer kommen bei den Großprojekten immer seltener zum Zuge. Einerseits weil es keine deutschen Konsortialführer mehr gibt, welche das Risiko übernehmen. Andererseits, weil die Finanzierungen fehlen und die Projekte politisch zu wenig begleitet werden. Das will das Bundeswirtschaftsministerium jetzt ändern. Es wurde eine eigene Geschäftsstelle gegründet, als zentraler Ansprechpartner für strategisch wichtige Großprojekte weltweit. Der Finanzierungsspielraum soll bis an die Grenzen der OECD-Möglichkeiten ausgeweitet werden. Bei Bedarf soll eine Task Force wichtige Projekte zwischen Ressorts koordinieren. Es wäre jetzt ein günstiger Zeitpunkt, die Initiative in Lateinamerika mit Leben zu füllen.

Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche,NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief °5

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

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