China baut seine Präsenz in Brasilien strategisch aus – und folgt dabei einem detaillierten Plan

Vereinfacht lässt sich sagen: Vor der Jahrtausendwende existierte China in Südamerika kaum als Handelspartner, Investor oder politischer Akteur. Das hat sich rasant geändert. Und trifft besonders auf Brasilien zu. Rund 55 Prozent aller Direktinvestitionen aus China nach Südamerika sind in den letzten eineinhalb Dekaden nach Brasilien geflossen. 54 Milliarden Dollar waren das. Brasilien ist weltweit die Nummer 3 als Empfänger chinesischer Investitionen. Zudem ist China heute der größte Exportmarkt für Brasilien. Von dort kommen auch die meisten Importprodukte. Das alles ist kein Zufall, sondern langfristig geplant. China geht in Südamerika genau so vor, wie es die Regierung in ihren Papieren zu Lateinamerika und der Karibik von 2008 und 2016 formuliert hat. Die Annäherung fand in drei Phasen statt. 

Von 2005 bis 2013 ging es China vor allem darum, Rohstoff- und Energiequellen zu sichern. In diese Phase fielen die Großkredite an Petrobras gegen künftige Öllieferungen, die Investitionen von chinesischen Agrar-Tradern oder auch die wachsenden Beteiligungen in den Häfen. In São Paulo ließen sich die ersten der inzwischen fünf chinesischen Banken nieder, die am Anfang vor allem den Handel mit China finanzierten, inzwischen aber auch die Investitionen begleiten.

Phase 2 steht unter dem chinesischen Sprichwort: „Wenn du reich werden willst, dann baue eine Straße“. Seit drei Jahren investieren chinesische Staatskonzerne in die brasilianische Infrastruktur. Allein 2017 kauften sich chinesische Konzerne für rund zehn Milliarden Dollar in die brasilianische Strombranche ein. State Grid ist nun der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens, China Three Gorges der führende private Stromproduzent im Land. China zeigt dabei gutes Timing: Seine Konzerne begannen mit ihren Investitionen in Brasilien, als dort der Staat und die privaten Unternehmer durch die Rezession und den Korruptionsskandal „Lava-Jato“ außer Gefecht gesetzt waren. Bei den Investitionen denkt China strategisch in die Zukunft: Die Digitalisierung und Vernetzung der Investitionen ist nur eine Frage der Zeit. Denn wer Stromnetze, Straßen, Schienenwege, Häfen und bald Telekommunikationsnetze kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung als Investor, wenn es um die Digitalisierung und Datenkommunikation Brasiliens geht.

Phase 3 der Investitionsstrategie läuft jetzt gerade an. Drei Beispiele: Das Online-Kaufhaus Alibaba will die Lizenz des brasilianischen Frachtflughafens Viracopos kaufen. Dort will das Unternehmen sein Logistikzentrum für Brasilien aufbauen, um den Markt der 210 Millionen Konsumenten zu bedienen. Der chinesische Batteriehersteller und Autokonzern BYD (“Build your dreams“) liefert gerade die ersten 20 von 200 Elektronik-Trucks an eine städtische Müllentsorgung. In Brasilien produziert das Unternehmen zudem E-Busse und Solarpanels. Der chinesische Uber-Konkurrent Didi Chuxing hat Anfang dieses Jahres den brasilianischen 99app aufgekauft für 300 Millionen Dollar und damit das brasilianische Unternehmen zum ersten Startup-Unternehmen gemacht mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar. China will Brasilien enger in die Wertschöpfungsketten seiner Industrie einbauen.

Im Konzeptpapier von 2016 steht auch, wie es weitergehen soll: In der großen Politik durch den Abschluss von Handelsabkommen. Durch verstärkte institutionalisierte Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene in Brasília wie auch in den Bundesstaaten. Durch öffentlich-private Investitionsprojekte. Durch intensive Kontaktpflege mit künftigen politischen Führern. Durch den Aufbau von akademischen Think-Tanks. Für jeden dieser Punkte lassen sich heute schon Belege finden.

China hat in wenigen Jahren an seinen Universitäten viel Wissen über Brasilien angesammelt und in der Politik Netzwerke aufgebaut. Nach nur einer Dekade treten chinesische Korrespondenten, Diplomaten, Akademiker, Unternehmer und Banker diskret, aber überaus sattelfest in Brasilien auf. Sie sind bestens vernetzt, sprechen perfekt Portugiesisch, kennen sich in Details über die brasilianischen Politik und Bürokratie aus. Diplomaten in Brasília berichten, dass ihre chinesischen Kollegen in einigen wichtigen Ministerien ein- und ausgehen würden, als seien sie zu Hause. Im Planungsministerium etwa existiert eine chinesisch-brasilianische technische Arbeitsgruppe, die jetzt bei ihrem dritten Treffen über Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar entscheiden will.

China füllt also in Brasilien zunehmend das Vakuum aus, welches die USA dort hinterlassen. Genauso wie die EU: So wird Ende Oktober in Montevideo ein hochrangiger ökonomischer Mercosur-China-Dialog stattfinden – während die Chancen auf ein baldiges Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur gerade wieder gesunken sind.

Wir Europäer sollten angesichts der Offensive aus Fernost überlegen, ob unser Lateinamerika-Konzept nicht aktualisiert werden müsste. Das gilt besonders für uns Deutsche, die wir mit Brasilien als strategischem Partnerland regelmäßige Konsultationen abhalten wollen. Bisher fanden die nur 2015 einmal statt. Seitdem hat sich in Brasilien viel getan.

Papierlaterne
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alexander busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°9

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

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