Wird Lateinamerika von einem neuen Superzyklus für Rohstoffe profitieren?

Die Anzeichen mehren sich, dass die Weltwirtschaft vor anhaltenden Preisanstiegen für Rohstoffe und Energie steht. Die könnten für Lateinamerika zu einem unerwarteten Treiber von Wachstum und Investitionen werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Ein schwacher Dollar führt zu steigenden Rohstoffpreisen – das war schon immer so. Doch die Schwäche der US-Währung ist nicht der alleinige Grund dafür, dass die Preise etwa für Kupfer, Öl, Soja und Eisenerz in den letzten Monaten so stark gestiegen sind. Vieles deutet darauf hin, dass die Weltwirtschaft vor einem neuen Superzyklus für Rohstoffe steht.

Den gab es zuletzt von 2003 bis 2011. China trat als neuer Nachfrager auf den Weltmarkt und trieb die Preise für Rohstoffe nach oben. Damals erlebten vor allem Südamerikas Ökonomien einen gewaltigen Wachstumsboom. Denn der Kontinent ist einer der führenden Rohstofflieferanten der Welt. Das gilt sowohl für soft commodities aus der Landwirtschaft wie für Industrierohstoffe.

Jetzt steigen nicht nur deren Preise seit Monaten. Auch an den Börsen findet ein Umschwung in der Präferenz der Anleger statt: Die Investoren steigen aus Tech-Aktien aus und investieren ihr Kapital zunehmend in Industrie, Energie und eben Rohstoffe. „The revenge of the old economy“, heißt es bereits bei den Investmentbanken.

Die Argumente für eine anhaltende Hausse bei Rohstoffen und Energie liegen auf der Hand. So rechnen die meisten Ökonomen damit, dass die Weltwirtschaft bald wieder deutlich wachsen wird. Einerseits wegen des absehbaren Endes der Pandemie nach dem Impfbeginn und andererseits wegen Bidens Wahlsieg, wovon sich die Investoren weniger Spannungen in der Weltpolitik versprechen.

Zudem sind die Zinsen niedrig und die Industrieländer werden weiter mit staatlichen Förderprogrammen die Schäden der Pandemie in ihren Ökonomien lindern wollen. Das alles lässt die Nachfrage nach Rohstoffen kräftig ansteigen.

Doch diese Nachfrage trifft auf ein starres Angebot: Die Unternehmen haben die letzte Dekade wegen der niedrigen Preise wenig in Minen und Farmen investiert. Zudem sind die Lagerstände bei den meisten Rohstoffen historisch niedrig. Steigende Preise werden die Folge sein.

Zudem gibt es neue Nachfrage auf dem Weltmarkt: Indien könnte heute die Rolle spielen, wie China vor einer Dekade. Der wachsende Wohlstand in Indien lässt auch dort den Bedarf an Lebensmitteln wie Stahl und Kupfer, aber auch Soja und Weizen rasant ansteigen.

Noch dazu treibt die Umstellung auf Elektromobilität und neue Batterietechnologien weltweit die Nachfrage nach Kupfer, Aluminium und Zink voran. Für ganz Lateinamerika könnte das eine unerwartete Chance bieten. Denn bei Metallen etwa sind Brasilien, Chile, Peru und Mexiko weltweit wichtige Exporteure. Bei Agrarprodukten stehen Argentinien und Brasilien an der Spitze.

Die entscheidende Frage wird jedoch sein, ob es den Regierungen in der Region diesmal gelingt, die Kapitalzuflüsse aus den Rohstoffexporten produktiv einzusetzen – statt damit Konsum und Korruption zu finanzieren.

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