Die USA wollen Lateinamerika dominieren, doch wirtschaftlich bleibt China stark

Die neuen konservativen Regierungen suchen die Nähe zu Washington, ohne mit Peking zu brechen. Für Europa eröffnet das neue Chancen als Handels- und Investitionspartner.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Ende letzten Jahres verkündete die US-Regierung ihre neue Sicherheitsdoktrin für die „Western Hemisphere“. Danach soll Lateinamerika wieder stärker von Washington kontrolliert werden. Die Zusammenarbeit mit der Region soll politisch, wirtschaftlich und militärisch intensiviert werden.

Bislang ist dieser stärkere Einfluss vor allem politisch und militärisch zu spüren. Mit der Festnahme von Nicolás Maduro in Venezuela griff das US-Militär massiv in die Innenpolitik eines Staates in Lateinamerika ein – so wie zuletzt vor mehreren Jahrzehnten. Mit einer 20 Milliarden Dollar schweren Swap-Linie und direkten Peso-Käufen stützte Washington die argentinische Währung vor den Zwischenwahlen vor einem Jahr. Das war mitentscheidend dafür, dass Präsident Javier Milei einen überraschend klaren Sieg verzeichnen konnte.

Für die US-Regierung scheint es auf den ersten Blick einfacher, mit den Regierungen in Lateinamerika enger zusammenzuarbeiten: Bei den Wahlen in der Region in den letzten zwei Jahren konnten sich fast überall Kandidaten durchsetzen, die Trump politisch nahestehen.

Das betrifft inzwischen auch direkt ökonomische Interessen Europas. So haben die USA mit Argentinien ein Abkommen geschlossen, das den Mercosur-Vertrag mit der EU in Teilen kopiert, den USA aber deutlich mehr Privilegien beim Marktzugang und beim Schutz des geistigen Eigentums in Südamerika zusichert. Es ist anzunehmen, dass Washington solche Abkommen auch gern mit anderen Staaten Lateinamerikas abschließen würde.

Dennoch lässt sich feststellen: Die neuen konservativen Regierungen in Lateinamerika suchen zwar in der Sicherheitspolitik und bei der Drogenbekämpfung die strategische Nähe zu Washington. Wirtschaftlich aber wollen sie sich nicht zwischen den USA und China entscheiden.

Das bekam gerade Außenminister Marco Rubio zu spüren: Er besuchte auf einer dreitägigen Reise Kolumbien, Ecuador und Peru. Doch obwohl die drei Staatsoberhäupter politisch der US-Regierung nahestehen, wollte keiner von ihnen chinesische Investitionen oder den Handel mit der Volksrepublik einschränken.

Das gilt besonders für Peru, wo chinesische Staatskonzerne stark im Bergbau, in der Energieversorgung und vor allem mit dem Großhafen Chancay präsent sind. Der Einfluss Chinas auf die Politik und Wirtschaft des Landes ist den USA schon länger ein Dorn im Auge.

Die neue Präsidentin Keiko Fujimori signalisierte gegenüber Rubio, dass die Annäherung an die USA keinen Bruch mit China bedeuten werde. Sie verwies zudem auf Perus Mitgliedschaft in der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft APEC, der sowohl China als auch die USA angehören.

Ähnlich hält es Kolumbien. Abelardo de la Espriella will das Land wieder zum engsten Sicherheitspartner der USA in Südamerika machen und soll Washington zugesagt haben, aus Chinas Belt-and-Road-Initiative („Neue Seidenstraße“) auszusteigen. Einen wirtschaftlichen Bruch mit Peking plant seine Regierung jedoch nicht. „China ist sehr präsent. Die Beziehungen werden unter einem rein pragmatischen Gesichtspunkt beurteilt“, sagte Außenminister Omar Bula.

Und in Ecuador kam Präsident Daniel Noboa dem amerikanischen Außenminister bei der Sicherheitszusammenarbeit weit entgegen. Doch beim Thema China hielt er sich bedeckt. Kein Wunder: Noboa hat gerade einen einwöchigen Staatsbesuch in China absolviert. Dabei wurden mehrere Kooperationsabkommen unterzeichnet, unter anderem zu Handel, grüner Industrie und Digitalwirtschaft.

Selbst der argentinische Präsident Milei lobte kürzlich in einem Interview mit dem Economist die Zusammenarbeit mit China als „sehr angenehm“ und verwies auf die Verlängerung des 19-Milliarden-Dollar-Währungsswaps von Peking.

Das zeigt: Keine Regierung in Lateinamerika kann es sich erlauben, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu China zu kappen. Dazu sind die Investitionen aus China und der Handel mit der asiatischen Wirtschaftsmacht für die Staaten der Region viel zu bedeutend.

Doch die wachsende wirtschaftliche Verflechtung mit China hat für Lateinamerika auch eine Kehrseite: Die Industrien der Region sind dem Ansturm der chinesischen Konkurrenz oft nicht gewachsen. Das gilt nicht nur für die Autobranche, wo chinesische Unternehmen in drei Jahren ein Fünftel des Marktes erobert haben. Auch im Maschinenbau, bei Pharma und in der Medizintechnik gewinnen chinesische Unternehmen rasant Marktanteile. Beim Massenkonsum erobern Plattformen wie Shein, Shopee und AliExpress über Online-Importe Marktanteile im Einzelhandel.

Washington kann Lateinamerika politisch wieder enger an sich binden, China wirtschaftlich aber nicht verdrängen. Europas Chance liegt dazwischen – als Investitions- und Handelspartner für eine Region, die ihre Abhängigkeit von beiden Mächten begrenzen will.

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