Schnellere Post-Pandemie-Erholung der Region

Der Internationale Währungsfonds hat überraschend stark die Wachstumsprognosen für Lateinamerika in diesem Jahr angehoben. Brasilien und Mexiko jedoch enttäuschen. Ab 2022 fällt das Wachstum in der ganzen Region wieder etwas zurück.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Wachstumsaussichten haben sich für Lateinamerika deutlich verbessert – prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem neuesten World Economic Outlook. Dabei hat der Fonds die Prognosen für Lateinamerika im Vergleich zum April am stärksten weltweit angehoben. Mit 6,3 % Wachstum in diesem Jahr wird Lateinamerika etwa so schnell wie der Durchschnitt der Emerging-Markets weltweit zulegen. Der Grund sind vor allem die hohen Rohstoffpreise und die inzwischen schon recht fortgeschrittenen Impfkampagnen in den Ländern. In Brasilien, wo die Bundesregierung lange Zeit die Impfkampagne verzögerte, sind inzwischen mehr Menschen mindestens einmal gegen Corona geimpft als in Deutschland.

Chile (11 %), Peru (10 %), Kolumbien (7,6 %) und Argentinien (7,5 %) werden dieses Jahr die Erholung unter den größeren Ökonomien in der Region anführen. Enttäuschend fallen jedoch die Prognosen für Brasilien aus: Dieses Jahr wächst die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas noch 5,2 %, für 2022 rechnet der IWF nur noch mit einem Plus von mageren 1,5 %. Auch Mexikos Ökonomie wird dieses Jahr mit 6,2 % und 4 % 2022 unterdurchschnittlich zulegen.

Insgesamt trüben sich die Aussichten für ganz Lateinamerika für das kommende Jahr ein: Mit 3 % für ganz Lateinamerika bildet die Region das Schlusslicht unter den Weltregionen auf der Skala der Wachstumsprognosen. Kolumbien (3,8 %), Peru (4,6 %) und Mexiko (4 %) werden – so die Prognosen des IWF – überdurchschnittlich wachsen.

Die größten Risiken, welche der IWF für das Wachstum in den nächsten Jahren sieht, gelten besonders in Lateinamerika: Das ist einerseits das Risiko neuer Corona-Variationen, welche neue Lockdowns notwendig machen könnten. Die Lücken zwischen Angebot und Nachfrage bei vielen Gütern und Dienstleistern – von Lebensmitteln über Gas bis zu Lkw-Fahrern und Halbleitern – könnte ebenfalls zu Wachstumseinbußen führen. Die wachsende Inflation – die in Lateinamerika mit 9,3 % in diesem Jahr deutlich über dem Durchschnitt der Emerging-Markets (5,5 %) liegt, belastet die Konjunktur. Und nicht zuletzt können sich soziale Spannungen und Wahlen (in Argentinien, Chile, Kolumbien, Brasilien in den nächsten zwölf Monaten) bremsend auf die Volkswirtschaften auswirken.

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Kommt Bewegung in die Integration Lateinamerikas?

Mexiko will einen neuen Integrationsversuch in Lateinamerika anführen. Das ist eine gute Idee, denn alle anderen Integrationsprojekte in der Region stehen still. Es sieht jedoch nicht danach aus, als könnte die Wirtschaft von der Initiative profitieren.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das waren überraschende Neuigkeiten, beim Treffen der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) vor zwei Wochen: Der mexikanische Gastgeber Präsident Andrés Manuel López Obrador erklärte, dass sein Land den Integrationsprozess in Lateinamerika neu antreiben wolle. Die EU sei das Vorbild. Das waren die ersten öffentlich verkündeten multilateralen Integrationsabsichten in Lateinamerika seit langer Zeit.

Es scheint, dass Mexiko damit das Vakuum besetzen will, dass Brasilien in der Region hinterlässt. Seit knapp einer Dekade konzentriert sich Brasilien verstärkt auf sich selbst und hat die Kooperation innerhalb Lateinamerikas auf ein Minimum beschränkt.

Mexikos Regierung ist in den letzten Wochen bereits als Unterstützer des Verhandlungsprozesses zwischen der venezolanischen Opposition und dem Regime außenpolitisch aktiv geworden.

Dennoch sind die Aussichten für einen neuen Integrationsschub für die Wirtschaft gering: Die CELAC ist zerstritten. Die vor zehn Jahren gegründete, aber kaum aktive Gemeinschaft versteht sich als politische Alternative zur Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), bei der auch Kanada und die USA Mitglied sind, aber nicht Kuba.

So wirkt die CELAC vor allem als Plattform der eher linken Regierungen, die sich zudem scheuen, auf die Demokratiedefizite in Venezuela, Nicaragua oder Kuba hinzuweisen. So waren beim Mexiko-Treffen auch nicht die Präsidenten von Chile, Kolumbien und Argentinien vertreten. Brasilien hat unter Präsident Bolsonaro bereits Anfang 2020 die CELAC verlassen. Bis auf Mexiko sind die wirtschaftlich wichtigsten Staaten der Region dort also nicht aktiv.

Doch auch alle anderen Integrationsbemühungen in Lateinamerika sind derzeit eingeschlafen Die Integrationsprojekte des Mercosur mit der EU, EFTA, Kanada und Singapur bewegen sich nicht. Auch innerhalb der südamerikanischen Gemeinschaft herrscht Unfrieden. Uruguay will mit China eigene Verhandlungen für einen Abkommen beginnen. Die Pazifik-Allianz, die von Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko gegründet wurde, weitet sich zwar ständig mit neuen Mitgliedern aus. Doch Synergien zwischen den Ländern der Gemeinschaft entstehen kaum.

Trotzdem könnte Mexikos Versuch, die politische Integration zu beleben, durchaus erfolgreich sein: Dafür müssten bei den nächsten Wahlen in Kolumbien, Chile und Brasilien Links-Mitte Kandidaten gewinnen, was gut möglich sein könnte. Dennoch ist unwahrscheinlich, dass ein flächendeckender Linksrutsch in Lateinamerika die wirtschaftliche Integration beschleunigen wird.

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Trockenheit belastet die Post-Pandemie-Erholung in Lateinamerika

Die immer häufigeren und intensiveren Trockenperioden wirken sich zunehmend negativ auf die Wirtschaft aus. Betroffen sind Landwirtschaft, Bergbau, Energie und Transport.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im Zentrum Südamerikas setzen sich die ausbleibenden Niederschläge in einer fatalen Kettenreaktion auf die Ökonomien fort. Die Dürre im südlichen Amazonasgebiet und in der Pantanal-Region ist die schlimmste der letzten 50 Jahre. Die jedes Jahr geringeren Regenfälle im Zentrum Brasiliens belasten aber nicht nur die Farmer in Mato Grosso. Weil der Paraná-Fluss so wenig Wasser wie seit langem nicht mehr führt, sind die Staudämme im Südosten des Landes leergelaufen. Wenn es in den nächsten Wochen nicht zu regnen beginnt, dann könnten zum Jahresende Stromrationierungen notwendig sein – wie zuletzt vor 20 Jahren. Das Amazonasland leidet unter der stärksten Dürrephase seit fast einem Jahrhundert.

Auch in Argentinien und Paraguay belasten fehlende Niederschläge die Landwirtschaft. Erst 2018 litten die Farmer in der Pampa unter der schwersten Trockenheit seit 50 Jahren. Doch jetzt fallen die Flüsse immer mehr als Transportwege aus. Argentinien exportiert 80 % seines Getreides von den Binnenhäfen um Rosário zum Atlantik. In Paraguay sind es 95 % aller Ausfuhren. Die Schiffe können jedoch derzeit immer weniger laden, die Farmer müssen auf Lkw ausweichen, welche die Ernte zu den Häfen am Atlantik bringen. Die Folgen sind steigende Lebensmittelpreise.

Auch in den Anden nimmt die Trockenheit zu: Dort hat es ebenfalls seit Jahren zu wenig geregnet, sodass die Obstanbauregionen im argentinischen Mendoza und im chilenischen Valparaíso dieses Jahr kräftige Einbußen erleben werden. In Chile wurde in vier von 16 Regionen der Wassernotstand ausgerufen. Die Städte und Farmer werden immer abhängiger vom Gletscherwasser. Doch auch die Eisfelder schrumpfen.

In Mexiko erleben 70 % des Landes eine Dürre, 25 % des Landes sind sogar von extremer Trockenheit betroffen. Auch hier sind es zuerst die Farmer im Norden und Westen, die Ernteausfälle beklagen. Das Land muss zunehmend Mais importieren.

Nach einer Untersuchung der Weltbank könnten Chiles und Argentiniens Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr allein wegen der Trockenheit um jeweils rund einen Prozentpunkt sinken. Für Brasilien haben Investmentbanken die Wachstumsprognosen für 2022 gerade auf unter ein Prozent gesenkt – die Dürre ist aber nur ein Grund für die wirtschaftliche Stagnation. Sollte tatsächlich eine Energiekrise mit Stromrationierungen dazu kommen – was bisher nicht sicher ist – dann könnte Brasiliens Bruttoinlandsprodukt (BIP) im nächsten Jahr sogar schrumpfen.

Erstaunlich ist deshalb, dass der Klimawandel und seine Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft bisher eher Randthemen auf der politischen Agenda Lateinamerikas sind. Das dürfte sich jedoch schnell ändern.

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Europas Industrie braucht dringend eine Strategie für Lateinamerika

Die Region orientiert sich immer mehr nach Fernost – nicht nur China wird immer wichtiger, auch die anderen asiatischen Wachstumsländer gewinnen rasant an Gewicht im Handel und bei den Investitionen. Europa verliert an Bedeutung.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

70 Kilometer nördlich von Lima beginnt der chinesische Hafenbetreiber Cosco Shipping Ports gerade mit dem Neubau eines Hafens. Investitionsvolumen: 3 Milliarden Dollar. Ab 2023 soll der Betrieb in Chancay starten. Mit seiner Kapazität dürfte er dann in Zukunft den Hafen von San Antonio in Chile einholen, zur Zeit der wichtigste Pazifikhafen Südamerikas.

Chancay soll eine Schlüsselrolle bei Südamerikas „natürlicher Erweiterung“ von Chinas „Belt and Road Initiative“ spielen. Erst 2017 hat China Lateinamerika als strategischen Partner der Initiative eingestuft. Inzwischen haben 19 Länder ein Abkommen mit Peking unterzeichnet.

In Europa wird leicht übersehen, dass nicht nur der Handel zwischen China und Südamerika wachsen wird. Die Infrastruktur der neuen Seidenstraße wird auch den Austausch Südamerikas mit ganz Asien beschleunigen.

Marcos Troyjo, der brasilianische Präsident der Neuen Entwicklungsbank (NDB), die 2015 von den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) mit Sitz in Shanghai gegründet wurde, hat gerade in der brasilianischen Zeitung Estado de São Paulo darauf hingewiesen, dass Asien derzeit Europa abhängt im Außenhandel mit Südamerika. Danach habe allein Brasilien in den letzten 12 Monaten mehr nach Asien exportiert (selbst wenn man China und Japan nicht berücksichtige) als in die Europäische Union. Troyjo vergleicht die Volumen eindrücklich: Danach exportiere Brasilien heute mehr nach Singapur als nach Deutschland. Mehr nach Südkorea als nach Spanien. Mehr nach Malaysia als nach Italien, mehr nach Indien als nach Großbritannien. Mehr nach Thailand als nach Frankreich. Mehr nach Bangladesch als nach Australien, Dänemark, Finnland, Österreich und Israel zusammen.

Im Jahr 2001 tauschten Brasilien und China Waren im Wert von einer Milliarde Dollar pro Jahr. Heute seien es alle 60 Stunden eine Milliarde Dollar, sagt Troyjo. Es ist abzusehen, dass die schnell wachsenden asiatischen Emerging-Markets einen ähnlichen Exportboom in Südamerika auslösen, wie das China vor 20 Jahren getan hat. Denn Südamerikas Bergbau- und Agrokonzerne liefern die industriellen Rohstoffe für den Ausbau der Infrastruktur, der Ballungsräume und Industrie in Fernost. Sie bieten aber auch die commodities für die Ernährung der aufsteigenden Mittelschichten in diesen Ländern.

Mit den Exporten werden auch die asiatischen Investitionen in die Infrastruktur Südamerikas massiv steigen. Rohstoffe haben nur einen Wert, wenn sie transportiert werden können. Der Chancay-Hafen in Peru ist das neueste Beispiel dafür.

Die Kredite und Finanzierungen für die Investitionen werden ebenfalls zunehmend aus Fernost kommen. So hat die Neue Entwicklungsbank gerade mit der Erweiterung ihrer Mitgliedschaft begonnen. Seit dieser Woche sind die Vereinigten Arabischen Emirate, Uruguay und Bangladesch neue Mitgliedsländer in der NDB.

Europas Industrie muss dringend eine Strategie entwickeln, wie sie auf die gewaltige Verschiebung der globalen Wirtschaftsachsen in Südamerika reagieren soll.

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Starke Partnerschaft mit viel Ausbaupotenzial

Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Mexiko – das war der Konsens beim digitalen 2. Deutsch-Mexikanischen CEO Roundtable am 25. August 2021. CEOs und Vorstände beider Länder haben sich intensiv mit den Themen Digitalisierung, Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen, Klimaschutz, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz auseinandergesetzt. Ausgerichtet wurde das Treffen der 2019 initiierten Plattform von BDI und LADW in Kooperation mit den mexikanischen Wirtschaftsverbänden CCE, CONCAMIN und COPARMEX.

„Mexiko und Deutschland haben gute Voraussetzungen, gemeinsam die digitale und ökologische Transformation der Wirtschaft mitzugestalten“, stellte Michael Heinz, Stellvertretender LADW-Vorsitzender und Mitglied des Vorstands der BASF SE, fest. Als exportabhängige Nationen seien beide Länder darauf angewiesen, ihre Volkswirtschaft zügig an die neuesten Herausforderungen der Digitalisierung und des Klimawandels anzupassen, damit sie auch in Zukunft international wettbewerbsfähig blieben. „Klimaneutralität wird nur in enger Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erreicht – und dies auf internationaler Ebene“, so Heinz.

BDI-Präsident Prof. Dr. Siegried Russwurm regte zudem eine engere bilaterale Zusammenarbeit auf globaler Ebene an: „In allen internationalen Organisationen sind Mexiko und Deutschland wichtige Verbündete. Positionen beider Länder zu Klimaschutz, globalen Sozial- und Umweltstandards, Transparenz und mehr sind weitgehend deckungsgleich. Darauf sollten wir aufbauen.“

Mexiko ist bereits zum größten Exportmarkt Deutschlands in Lateinamerika aufgestiegen. Und umgekehrt ist Deutschland der wichtigste Handelspartner des Landes in der EU. Mehr als 2000 deutsche Unternehmen mit oft über 100-jähriger Geschichte haben dort bereits einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss.

Dennoch bleibt die Verbesserung der Rahmenbedingungen im Lande unabdingbar für den Ausbau der Kooperation. Themen wie Marktöffnung, Rechtsstaatlichkeit oder Fortschritte für die Sicherheitslage sind noch immer dringende Anliegen der Unternehmen. Eine zukunftsfähige Diversifizierung der Wirtschaft mit gut ausgebildeten Fachkräften, eine technologieorientierte und klimafreundliche Modernisierung der lokalen Industrie sowie der Ausbau von Logistik und Infrastruktur würden eine nachhaltige Entwicklung Mexikos vorantreiben.

Auch das modernisierte Handelsabkommen mit der EU könnte wichtige Impulse für mehr Investitionen und Handel setzen, insbesondere durch neue Marktchancen für deutsche Unternehmen auf dem Beschaffungs-, Agrar- und Dienstleistungsmarkt. Beide Seiten sollten alle Kräfte bündeln, damit das Abkommen bald ratifiziert werden kann.

Mexiko-Stadt
Mexiko-Stadt © Pixabay/Carlos Alcazar
Michael Heinz
Michael Heinz, Stellvertretender LADW-Vorsitzender und Mitglied des Vorstands der BASF SE © BASF SE

Warum Klimawandel die Industrialisierung anschieben könnte

Mit der sauberen Energiematrix und seinen Rohstoffen werden die lateinamerikanischen Ökonomien besonders von der grünen Wende in der Weltwirtschaft profitieren. Doch dafür müssten die Regierungen mitziehen. Das gilt vor allem für Mexiko und Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Länder und Unternehmen auf der ganzen Welt reagieren verstärkt auf den Klimawandel. Emissionsneutrale Ökonomien sind das Ziel. Die Maßnahmen gegen den Klimawandel werden zu einem zentralen Thema im globalen Konkurrenzkampf. Für Lateinamerika bietet das eine einmalige Chance.

Denn die Region hat in vielen Ländern nachhaltigere Energieproduktionen als der Durchschnitt der Industriestaaten. Das liegt einerseits an der traditionell dominierenden Wasserkraft zur Stromerzeugung im Zentrum Südamerikas. Auch die Biotreibstoffe werden vor allem in Brasilien schon seit vielen Jahren produziert und eingesetzt. Deren Bedeutung wird in den nächsten Jahren in allen Agrarregionen Lateinamerikas noch zunehmen. Das liegt an den neuen Technologien, mit der zunehmend Biomasse, aber auch städtische Abfälle in Treibstoffe und Strom verwandelt werden.

Zudem sorgen die schnell wachsenden Investitionen in Wind- und Solarparks für eine nachhaltigere Energieproduktion in Lateinamerika. Die Region hat neben der hohen Sonnenstrahlung auch die windstärksten Gebiete weltweit – und das Potenzial von off-shore-Windparks ist noch nicht einmal angezapft. Auch die industrielle Nutzung von der reichlich vorhandenen Erdwärmeenergie steht erst am Anfang.

Chile macht gerade vor, wie die Sonnenenergie in „grünen“ Wasserstoff umgewandelt werden kann, der also nicht aus konventionellen Energien gewonnen wird, sondern aus Solar- und Windenergie. Die anderen Staaten werden folgen. Denn mit den sinkenden Preisen für die nachhaltige Energie-Infrastruktur zur Herstellung von Wasserstoff, dürfte Lateinamerika in den nächsten zehn Jahren zu einem wichtigen Produzenten werden.

Für Lateinamerika wird der grüne Wandel hohe Investitionen mit sich bringen und Arbeitsplätze schaffen. Sogar der dringend notwendige Produktivitäts- und Industrialisierungsschub könnten die Änderungen in der Weltwirtschaft auslösen.

Denn der grüne Wasserstoff kann in die Wertschöpfungsketten der lokalen Industrien eingebaut werden und nicht nur als Treibstoff oder Energieträger exportiert werden. Schon jetzt fragen die Unternehmen in Europa, den USA und China „grünen“ Stahl und Kupfer nach. Außerdem könnten die Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette und Logistik von der Erzmine im Amazonas oder den Anden bis zu den Häfen in Europa oder China nachhaltig mit Biotreibstoffen oder Wasserstoff, also CO2-neutral aufbauen.

Es gibt aber ein Problem. Während sich der ökologische Wandel weltweit beschleunigt, haben die Regierungen der beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas gerade den umgekehrten Weg eingeschlagen. In Brasilien und Mexiko nehmen die Präsidenten das Thema nicht ernst: Mexiko hat die Regierung nachhaltige Energien von der Prioritätenliste verbannt. Sie setzt auf die traditionelle Ölindustrie und Raffinerien. Auch in Brasilien ignoriert die Regierung die Chancen, welche sich aus der Umstellung in der Weltwirtschaft ergeben.

Doch Regierungen wechseln. Auch bei Sonnen- und Windenergie sind viele Staaten Lateinamerikas erst spät auf den Zug aufgesprungen. Heute zählen sie zu den wichtigen Investitionsstandorten der Branchen weltweit.

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Trotz der schnellen Erholung bleiben die Investoren nervös in Südamerika

Warum sind der Peso, Real und Sol so schwach, obwohl gleichzeitig viele Staaten Südamerikas die Pandemie-Rezession schneller hinter sich lassen, als vor kurzem noch erwartet? Die Investoren fürchten, dass steigende US-Zinsen die Belebung stoppen könnten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Fast alle Ökonomien in Südamerika erholen sich schneller als erwartet von der Pandemie-Rezession. Nach Brasilien und Mexiko haben die Investmentbanken gerade die Wachstumsprognosen für Chile in diesem Jahr auf überraschend hohe 9,5% angehoben. Schon im Juni hat die chilenische Wirtschaft das Vor-Pandemie-Niveau erreicht.

Wie Chile profitieren fast alle südamerikanischen Staaten vom Rohstoffboom. Auch die Importe legen deutlich zu – was ein Anzeichen dafür ist, dass die Unternehmen wieder investieren. Tatsächlich sind die Einfuhren an Maschinen und Ausrüstungen ebenfalls stark gewachsen, wie etwa in Brasilien. Die Leistungsbilanzdefizite in der Region sind nach den eineinhalb Pandemiejahren geschrumpft. Damit sinkt die Gefahr von Zahlungsausfällen.

Trotzdem zählen der chilenische Peso, der peruanische Sol und der kolumbianische Peso zu den Währungen, die in den letzten Monaten stark an Wert verloren haben. Auch der Real hat seit Beginn der Pandemie gegen den Dollar rund 20% nachgegeben. Die täglichen Schwankungen der Wechselkurse haben enorm zugenommen.

Das passt nicht zusammen: Die Erholung einerseits und die die hohe Volatilität der Wechselkurse und die anhaltende Schwäche der Währungen andererseits.

Sie sind ein klares Indiz dafür, dass die Investoren der Erholung nicht trauen. Der Grund sind einerseits die schwachen öffentlichen Finanzen in der Region, andererseits das angespannte politische Szenario. Auch die Aussichten einer möglichen Zinserhöhung in den USA erhöht die Nervosität in Südamerika.

Sollte es zu einer Erhöhung der weltweiten Zinsen kommen – so fürchten die Experten des Institute of International Finance (IIF) in Washington – könnte das Vertrauen der Anleger schnell schwinden, so dass ein Szenario mit anhaltender Wachstumsschwäche in Lateinamerika schwer zu vermeiden wäre.

Denn die gestiegenen Haushaltsdefizite müssen finanziert werden. Die sind in der Pandemie gewachsen, weil die Regierungen soziale Ausgleichszahlungen leisteten, um die Ärmsten in ihren Ländern zu unterstützen. Doch die politischen Unruhen und sozialen Spannungen in Kolumbien, Chile, Brasilien und Peru führen dazu, dass die Regierungen auch in diesem Jahr die Budgetvorgaben überschreiten. Kommt es dann zu einer Zinserhöhung in den USA, dann müssen auch die Zentralbanken in Südamerika die Leitzinsen hochsetzen und gleichzeitig verteuern sich die Kreditkosten für die Unternehmen und Staaten der Region.

Das würde wiederum das Wachstum ausbremsen. Schon jetzt nimmt der Druck auf die Geldbehörden zu, nach einem strikteren monetären Kurs: Die Inflationsraten steigen stärker als erwartet.

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Ist die schnelle Erholung der Wirtschaft Lateinamerikas nachhaltig?

Die wirtschaftlichen Aktivitäten in einigen wichtigen Märkten Lateinamerika legen in einem Tempo zu, das vor Kurzem nicht möglich schien. Doch Prognosen bleiben schwierig: Die Bevölkerung ist mit zwei Ausnahmen noch wenig geimpft, neue Virus-Varianten können sich schnell ausbreiten. Auch die politischen Spannungen halten an.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Kein swoosh, sondern ein V“ erwartet die Investmentbank JP Morgan für die Erholung Lateinamerikas in diesem Jahr: Nach -6,6 % (2020) rechnen deren Ökonomen jetzt mit +6,4 % (2021) Zuwachs. Das erstaunt: Denn weiterhin ist Lateinamerika weltweit die Region, die am stärksten von der Pandemie betroffen ist. Zwar sinken die Infizierungen und Todesfälle in allen Ländern, doch das Niveau bleibt im weltweiten Vergleich hoch.

Bei den Impfungen sind die Staaten zuletzt gut weitergekommen. Sie liegen jedoch im internationalen Vergleich deutlich zurück. Kein Land hat mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung zweimal geimpft – mit der Ausnahme von Uruguay und Chile. Dort sind rund 60 % der Menschen vollständig immunisiert. Die Delta-Virus-Variante beginnt sich erst jetzt in Lateinamerika auszubreiten.

Die Wachstumsprognosen fallen insgesamt positiv, aber unterschiedlich aus. Am positivsten überraschen die erneut aufgebesserten Vorhersagen in den zwei größten Volkswirtschaften der Region: In Mexiko (+6,8 %) und Brasilien (+5,5 %) dürften die Konjunktur so stark anziehen, dass die Wirtschaftskraft in den nächsten Monaten bereits das Vor-Pandemie-Niveau erreichen könnte.

Auch in den Andenländern ist die Erholung im Gange, aber der weitere Verlauf ist ungewiss: Vor allem die politischen Unruhen in Kolumbien (erwartetes Wachstum für dieses Jahr: +7,5 %) haben dort im Mai für eine Unterbrechung der Verarbeitungsketten gesorgt. In Peru verunsichert die Wahl des Linkspräsidenten Pedro Castillo die Unternehmen. Dort wird trotz der hohen Prognose von +10,8 % in diesem Jahr eine Erholung der Aktivitäten auf den Stand vor der Pandemie erst Anfang nächsten Jahres erwartet.

Auch in Chile sorgen die unklaren Aussichten in der Politik (Wahlen im November und Verfassungsgebende Versammlung) für eine erwartetes Wachstum von nur +8 %. Argentinien wird sich auch mit einer prognostizierten Erholung von +6,3 % in absehbarer Zeit nicht von seiner Wirtschaftskrise erholen, welche die Pandemie noch verstärkt hat. Das argentinische BIP ist vergangenes Jahr um fast -10 % geschrumpft, nach bereits mehreren Rezessionsjahren.

Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist die in den meisten Ökonomien zunehmende Inflation. Wird sie – wie einige Ökonomen erwarten – gegen Jahresende bereits wieder schwächer werden, also temporär bleiben? Oder werden die hohen Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise anhalten, deren Preissteigerungseffekte durch die schwachen Wechselkurse in Lateinamerika noch verstärkt werden?

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Chinas politischer Einfluss in Brasilien wächst

In Europa wird Brasilien vor allem wegen der Umwelt- und Amazonaspolitik der Regierung Bolsonaro kritisiert. Ein Dialog findet kaum mehr statt. China nutzt die Lücke und bekommt über die Nachhaltigkeitsagenda immer mehr Einfluss in Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

In Brasilien häufen sich in den letzten Monaten die offiziellen Seminare zum Thema Nachhaltigkeit. Teilnehmer sind Vertreter von Staat, Regierung, Privatunternehmen und Verbände. Es geht um Nachhaltigkeit in den Handelsbeziehungen, zertifizierte Handelsketten bei Agro und Lebensmitteln, Dekarbonisierung der Wirtschaft, organische Lebensmittel und sogar über Reduzierung der Brandrodungen in Amazonas wird debattiert.

Das ist überraschend in einem Land wie Brasilien, wo gerade die Umwelt- und Regenwaldpolitik der Regierung im Zentrum der Kritik stehen. Ebenso überraschend ist, dass unter den ausländischen Teilnehmern bei diesen Debatten erstmals massiv China auftritt: Mit hochrangigen Ministern, Bankern und Vertretern der Akademie. Europäer sind – bis auf die Privatwirtschaft – kaum noch vertreten. Dabei gehört Nachhaltigkeit zu den Kernthemen der bilateralen Agenda zwischen Europa und Brasilien. Doch das ist Vergangenheit.

Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der Brasilien in Europa nicht an den Pranger gestellt wird. Dabei geht es vor allem um die Umwelt- und Amazonaspolitik Bolsonaros. Die Kritik trifft durchaus zu. Doch stellt sich die Frage, ob Europa überhaupt noch einen Dialog mit Brasilien will. Vielmehr scheint es, dass Europa gegenüber Brasilien die Türen zugeschlagen hat.

Diese Lücke nutzt Peking jetzt geschickt. Chinas Diplomaten haben eine Dialog-Offensive zum Thema Umwelt und Nachhaltigkeit gestartet.

Das ist strategisch klug. Denn die Großmacht aus Asien ist neben der USA und Europa der wichtigste Handelspartner Brasiliens und zunehmend einflussreich als Investor. Doch auch zwischen China und Brasilien knirscht es in den Beziehungen. Präsident Bolsonaro und einige seiner Vertrauten kritisieren China regelmäßig.

Doch davon unbeeindruckt arbeiten Chinas Diplomaten gemeinsam mit Vertretern der Regierung und Wirtschaft Brasiliens an einer neuen Nachhaltigkeits-Agenda. Dafür bietet China Finanzierungen an und will einen permanenten institutionalisierten Informationsaustausch zwischen den Staaten einrichten. Der soll auf allen Ebenen stattfinden, zwischen Regierungen, Unternehmern, Agro und Konsumenten. Wie zu erwarten, werden Themen wie Indigenenschutz oder Menschenrechte dabei nicht diskutiert. Aus Brasilien sind zahlreiche hochrangige Vertreter aus Unternehmen, Ministerien und Forschungsinstituten beteiligt. Das sind die Ansprechpartner, die sich jede EU-Delegation in Brasilien als Dialogpartner wünschen würde.

Doch ab jetzt redet China in Brasilien bei den Themen Umwelt, Konsumentenschutz und Nachhaltigkeit mit und bestimmt mit über die künftigen Normen und Regeln im dekarbonisierten Warenaustausch.

Über die Nachhaltigkeitsthemen bringt China geschickt seine politisch-technologische Agenda in die bilaterale Diskussion ein. Stichwort: Huaweis Beteiligung am 5G Netz. Denn wer kann gegen schnellere Handynetze sein, wenn diese Smart-Farming ermöglichen oder beim Aufbau zertifizierter, nachhaltiger Lieferketten helfen?

Europa sollte aufpassen, dass es wegen der fehlenden Dialogbereitschaft nicht vollends den Einfluss in Brasilien verliert.

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Steigende Lebensmittelpreise erhöhen in Südamerika das Protestrisiko

Die Region ist einer der wichtigsten Lieferanten des Weltmarktes für Agrarprodukte – und dennoch erlebt die Bevölkerung dort die höchsten Lebensmittelpreissteigerungen weltweit. Der Grund: Die Farmer exportieren ihre Produkte, deren Preise sind in Dollar quotiert. Die Preise in Real und Peso für Lebensmittel erhöht das zusätzlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die südamerikanischen Farmer haben in den letzten Monaten eine Rekordernte eingefahren und konnten entsprechend mehr nach China exportieren, dem wichtigsten Abnehmer für Soja, Hühnerfleisch und Mais aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay.

Für die Konsumenten in diesen Ländern ist das jedoch kein Trost: Denn die Preise für Bohnen, Reis, Zucker und Pflanzenöle, aber eben auch für Fleisch von Rind, Geflügel und Schwein sind im Mai so stark gestiegen, wie seit zehn Jahren nicht mehr. In Argentinien hat die Regierung deswegen die Rindfleischexporte verboten, um die Unterversorgungen und Preisanstiege zu bremsen. Genutzt hat es wenig.

Der Grund für die hohen Preise sind einerseits auf der Angebotsseite die schwere Trockenheit in Brasilien, welche die Produktion verringern wird. Zudem lassen die hohen Ölpreise auch wieder Biodiesel und Ethanol attraktiv werden. Die Farmer verkaufen ihren Mais oder Soja an Energiekonzerne, welche die Saaten in Biodiesel umwandeln. Zuckerkonzerne produzieren Ethanol statt Zucker. Das Dilemma „Tank oder Teller“ bekommt eine neue Aktualität.

So besteht in Südamerika ein Paradox: Der Kontinent ist der wichtigste Lebensmittellieferant für den Weltmarkt – doch seine eigene Bevölkerung kann sich diese immer weniger leisten. Die Tendenz ist, dass die Preissteigerungen erst noch richtig zunehmen werden – nämlich dann, wenn die Produzenten ihre Preiserhöhungen für Treibstoffe und Agrarprodukte an die Konsumenten weitergeben werden. 2020 konnten die Farmer noch bei fast gleichen Kosten wie zum Vorjahr produzieren. Doch nun sind die Preise für Pflanzenschutzmittel, Dünger und Diesel kräftig gestiegen.

Bereits jetzt bezahlen die Südamerikaner noch mehr für Lebensmittel als andere Bevölkerungen: Ihre Währungen sind schwach gegenüber dem Dollar. Aber Agrarrohstoffe werden, wie auch Energie und Industrierohstoffe, in Dollar gehandelt. Auf die gestiegenen Preise bezahlen die Konsumenten in São Paulo und Buenos Aires noch einen Wechselkursaufschlag.

Für die Regierungen in Südamerika ist das ein explosives Gemisch: Preiserhöhungen wie für Mais in Mexiko oder in den Andenländern haben bereits 2007 und 2010 zu Revolten geführt. Schon jetzt demonstrieren die Menschen in Ecuador, Kolumbien, aber vor kurzem auch Peru, Bolivien und Chile für bessere Leistungen vom Staat und mehr soziale Gerechtigkeit. Durch die Pandemie sind viele Südamerikaner aus der Mittelschicht abgestiegen in die Armut. Selbst im reichen Brasilien grassiert wieder der Hunger – der eigentlich schon längst besiegt schien.

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