Die strategische Partnerschaft mit Brasilien modernisieren

„Die seit 2008 bestehende strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien muss modernisiert und um Themen rund um Digitalisierung und Nachhaltigkeit erweitert werden. Zudem müssen die bilateralen Regierungskonsultationen wieder in regelmäßigem Rhythmus stattfinden. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?“, forderte der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Mitglied des Konzernvorstands Volkswagen AG und CEO TRATON SE, im Wirtschafts- und handelspolitischen Panel der diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage. Das waren deutliche Töne vor der Kulisse der wunderschönen Atlantikstrände Natals, wo die von BDI und CNI organisierte Konferenz vom 15. bis 17. September 2019 stattfand.

Als einer der Eröffnungsredner der Veranstaltung betonte der brasilianische Vizepräsident General Hamilton Mourão, der zu der Zeit auch amtierender Präsident war, die Entschlossenheit der Regierung, das Vertrauen in das Land und seine Institutionen wiederherzustellen – unter anderem durch Strukturreformen, Bekämpfung der Kriminalität, Modernisierung des Staates und Handelsliberalisierung. Dies wurde von den mehr als 1.200 Gästen aus Wirtschaft und Politik mit großem Interesse aufgenommen.

BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf stellte in seiner Rede die Bedeutung von regelbasiertem Handel heraus: „Das Freihandelsabkommen der EU mit dem Mercosur ist ein wichtiges Signal in Zeiten rückwärtsgewandter Abschottung. Und es wird sich auch positiv auf die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards im Mercosur-Raum auswirken.“

Die Gemischte Wirtschaftskommission tagte im Rahmen der Konferenz unter dem deutschen Ko-Vorsitz von Andreas Renschler und dem Parlamentarischen Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß. Beide Seiten haben sich sehr zufrieden über die in den Gesprächen erreichten Fortschritte geäußert – so zum Beispiel bei einem neuen Doppelbesteuerungsabkommen und anderen Erleichterungen für deutsche Unternehmen in Brasilien. Im Mittelpunkt des Treffens stand auch der Ausbau der Zusammenarbeit in den Bereichen Infrastruktur und Digitalisierung.

Die nächsten Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage werden vom 26. bis zum 28. August 2020 in München stattfinden.

DBWT 2019 Andreas Renschler
© FIERN
BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf
© FIERN
Wirtschaftstage in Natal Brasilien
© FIERN
Eröffnung Deutsch-Brasilianische Wirtschaftstage 2019
© FIERN

LADW und BDI im Gespräch mit brasilianischem Vizepräsidenten

Im Kontext der 37. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage vom 15. bis 17. September 2019 in Natal trafen sich BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf und der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler mit dem brasilianischen Vizepräsidenten General Hamilton Mourão, der an der Veranstaltung als amtierender Präsident des Landes teilnahm.

Der Vizepräsident versicherte der deutschen Industrie, dass Brasilien seiner Wachstumsagenda mit ehrgeizigen Wirtschaftsreformen, wie der bereits laufenden Rentenreform oder der in Vorbereitung befindlichen Steuerreform, und der Marktöffnung durch Freihandelsabkommen, wie beispielsweise mit der EU, verpflichtet bliebe. Darüber hinaus war auch das Engagement Brasiliens für den Schutz des Amazonasgebiets Gegenstand des Treffens.

Renschler bekräftigte das Interesse deutscher Unternehmen an bilateraler Zusammenarbeit und stellte General Mourão die vor Kurzem lancierte CEO Agenda vor.

Treffen mit Vizepräsident Mourao
© Vice-Presidência da República

São Paulo wirbt für deutsche Investitionen

Kurz nach seiner Rückkehr von einer China-Reise besuchte João Doria, Gouverneur von São Paulo, Deutschland. Im Fokus beider Reisen standen Gespräche mit der Wirtschaft. Beim Mittagessen mit dem Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) am 30. August 2019 im BDI sicherte Doria den deutschen Unternehmen zu, dass seine Administration den Standort São Paulo attraktiver und wirtschaftsfreundlicher gestalten wird, etwa durch Entbürokratisierung und Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur. Als ehemaliger Unternehmer wisse Doria genau, dass funktionierende Rahmenbedingungen das A und O für Investitionen seien.

Der Bundesstaat São Paulo allein erwirtschaftet ein Drittel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts. Dazu tragen auch in hohem Maße die vielen deutschen Unternehmen bei, die dort konzentriert sind. Auch in den wirtschaftlich schwierigen letzten Jahren haben sie kontinuierlich investiert und ihr Engagement ausgebaut. Die Stadt São Paulo selbst ist einer der größten deutschen Industriestandorte der Welt.

Gouverneur Doria und Delegation
© Christian Kruppa
LADW-Vorsitzender und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Mair und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Kamieth, Hr. Renschler und Hr. Dietz
© Christian Kruppa

Deutschland unter den Schlusslichtern bei Handel und Investitionen in Lateinamerika: LADW plädiert für Kursänderung

LADW-Vorsitzender Andreas Renschler: „Sollten uns deutlich stärker engagieren und miteinander statt übereinander reden“

Studie „CEO Agenda“ für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey vorgestellt

Renschler als Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wiedergewählt

 

„Wenn die deutschen Unternehmen in Lateinamerika nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen sie sich deutlich stärker engagieren“, mahnte Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (LADW), anlässlich der Lateinamerika-Karibik-Konferenz des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort stellten am Dienstag der LADW und McKinsey & Company die Studie „CEO Agenda“ für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika vor.

Die Erhebung kommt zu dem Schluss, dass Deutschland – früher einer der größten Investoren in Lateinamerika – mittlerweile im OECD-Vergleich eines der Schlusslichter ist. Renschler, seit 2015 Vorsitzender des LADW, wurde auf der Mitgliederversammlung bis 2021 wiedergewählt. Er ist Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und CEO von TRATON SE.

Laut „CEO Agenda“ entfallen weniger als drei Prozent der weltweiten deutschen Investitionen auf Lateinamerika – und liegen damit fast drei Viertel unter dem OECD-Durchschnitt. „Mit Blick auf die weltweit wachsenden protektionistischen Handelspraktiken ist schwer nachvollziehbar, dass die Exportnation Deutschland Lateinamerika als Wirtschaftspartner so wenig Beachtung schenkt“, sagte Renschler. Im Gegensatz dazu hätten chinesische und US-amerikanische Unternehmen die Bedeutung erkannt. China und die USA verfolgten eine konsequente Expansionspolitik in der Region: Während die deutschen Exporte in die Region in den vergangenen zehn Jahren im jährlichen Durchschnitt nur um knapp drei Prozent auf 38 Milliarden US-Dollar stiegen, kletterten im selben Zeitraum die US-amerikanischen um fast fünf Prozent auf 392 Milliarden US-Dollar und die chinesischen Exporte um knapp zehn Prozent auf 130 Milliarden US-Dollar.

Die „CEO Agenda“ empfiehlt angesichts dieser Entwicklung dringend einen Kurswechsel zu intensiverer wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Große Potenziale biete die Produktivität. Der Beitrag der Produktivitätssteigerung zum Wirtschaftswachstums seit 2017 beträgt in der Region nur 22 Prozent – was ein Viertel des Beitrags in Asien entspricht und im weltweiten Vergleich zu der geringsten Werten gehört.

„Lateinamerika will und muss produktiver werden. Deutsche Unternehmen können auf diesem Feld einen entscheidenden Beitrag leisten“, sagte Renschler. Durch den demografischen Wandel und die Abnahme der erwerbstätigen Bevölkerung droht Lateinamerika bis 2030 ein Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums um 40 Prozent. Dies könne durch mehr Produktivität aufgefangen werden.

„Nach unserer Analyse gilt dies vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Landwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Transport, Bergbau, Öl und Gas sowie Energie“, erklärt Cornelius Baur, Managing Partner Deutschland von McKinsey & Company.

Für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika muss sich aber auch die Politik engagieren, dies- und jenseits des Atlantiks. „Wir brauchen eine gemeinsam mit der Bundesregierung abgestimmte Langfriststrategie, klare und faire Wettbewerbsbedingungen, ein verbessertes Bildungssystem in der Region sowie eine gezielte Förderung von Pilotprojekten, etwa im Bereich Digitalisierung, Mobilität oder Internet of Things“, plädierte Renschler.

Der LADW pflegt seit 2015 den Austausch mit Politik und Wirtschaft in Deutschland und Lateinamerika, initiiert und gestaltet bilaterale Kooperationsansätze, um Veränderungen anzustoßen und Zukunft mitzugestalten.

Renschler unterstrich: „Es ist wichtig, kontinuierlich den Dialog mit gewählten Institutionen zu führen. Wer etwas verändern will, sollte miteinander anstatt übereinander reden.“

Über die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst.

Übergabe der CEO Agenda
Übergabe der CEO Agenda durch LADW-Vorsitzenden Andreas Renschler und McKinsey CEO Dr. Cornelius Baur an Bundesaußenminister Heiko Maas | © Christian Kruppa

Impressionen: Minister aus Lateinamerika und der Karibik zu Gast beim LADW

Ministers Dialogue with German Industry
Ministers' Dialogue with German Industry
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Palasissaal Hotel Adlon
Palasissaal Hotel Adlon
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores (Mitte)
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley (rechts)
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla

© Christian Kruppa

Gäste des LADW waren die Außenministerinnen und Außenminister aus Lateinamerika, die für die Lateinamerika-Karibik-Konferenz von Bundesaußenminister Heiko Maas am 28. und 29. Mai 2019 nach Berlin angereist sind, sowie die Botschafter der Region in Berlin und ausgewählte Vertreter der deutschen Politik. Während eines Abendessens im Hotel Adlon wurde in einer Preview die von McKinsey für den LADW erarbeitete „CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika“ vorgestellt und bot den Einstieg für eine intensive Diskussion.

Zeitenwandel in Lateinamerika – warum es sich lohnt, genauer hinzusehen

von Andreas Renschler, Vorsitzender des LADW, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE.

 

Der Wandel in Lateinamerika läuft auf Hochtouren. Angefangen mit den neuen Präsidenten in den beiden größten Volkswirtschaften der Region: Der linke Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und der rechte Jair Bolsonaro in Brasilien sind gerade dabei, das Establishment in ihren Ländern mit Hochdruck umzukrempeln und damit das politische und wirtschaftliche Klima Lateinamerikas zu verändern. Beide Staatsoberhäupter versprechen trotz der politischen Unterschiede das Gleiche: Mehr Wohlstand und nachhaltiges Wachstum. Davon könnten zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Lateinamerikas profitieren, für die Brasilien und Mexiko zusammengenommen stehen. Dass die Chancen für den Erfolg nicht gerade klein sind, zeigt das steigende Vertrauen von Investoren aus aller Welt. Es bleibt noch abzuwarten, welchen Weg beide Regierungen einschlagen werden, um ihre Versprechen zu halten. Sicher wird 2019 ein entscheidendes Jahr.

Weiter südlich auf dem Kontinent stehen ebenfalls richtungsweisende Präsidentschaftswahlen an: Die Argentinier müssen im Oktober dieses Jahres dem Neoliberalismus von Präsident Mauricio Macri eine Zu- oder Absage erteilen – möglicherweise auch verbunden mit Polarisierung wie zuletzt in Brasilien. Und im Norden Südamerikas tickt eine Zeitbombe: Venezuelas politische Krise muss ein friedliches Ende finden.

Gerade in solchen Momenten stellt sich wieder die Frage: Positioniert sich Deutschland in Lateinamerika bereits ausreichend? Sollten Deutschland und Europa vielleicht strategischer mit der Heimat von 650 Millionen überwiegend jungen Menschen umgehen? Noch ist Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Karten in Lateinamerika werden derzeit neu gemischt und die Haltung der ausländischen Partner auf den Prüfstand gestellt. Einerseits muss Mexiko in den Beziehungen zu den USA immer noch wie auf Eiern gehen, andererseits spricht man in Brasilien über eine noch nie da gewesene Allianz mit den USA, die Präsident Bolsonaro bei dem Besuch seines Amtskollegen Trump Anfang März knüpfte. Und China arbeitet weiterhin daran, seine Position in Lateinamerika zu stärken – langfristig und ohne Improvisation, denn Peking hat eine klare Strategie, was dort in den nächsten fünfzig Jahren erreicht werden soll.

Währenddessen muss sich die EU konsolidieren. Die Herausforderung Brexit muss gemeistert werden. Noch wichtiger ist, dass die EU ihr wirtschaftliches Gewicht besser in politisches Gewicht ummünzt. Wir sind der größte Wirtschaftsraum der Erde und haben ein berechtigtes Interesse daran, gegenüber den sich immer mehr polarisierenden Wirtschaftsmächten USA und China unsere Eigenständigkeit zu wahren. Wir sollten das Potenzial nutzen, das in der engeren Allianz zwischen der EU und den lateinamerikanischen Volkswirtschaften liegt. Bei den Vereinten Nationen machen die Staaten Lateinamerikas und der Karibik zusammen mit Europa ein Drittel der Gesamtstimmen aus. Die Jahrhunderte alte, kulturelle Verbindung beider Regionen sorgt für das nötige Vertrauen. Es lohnt sich, diese Region wieder neu als engen Partner und Verbündeten zu gewinnen.

Lateinamerika
© Pixabay, Gerd Altmann

Worauf es jetzt in Lateinamerika für uns ankommt

Die neuen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko wagen einen großangelegten Neuanfang. Der Eine ist politisch rechts, der Andere links orientiert. Beide möchten mit der Beseitigung von Problemen wie Kriminalität, Korruption und Bürokratie punkten. Und es soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Ohne das Ausland wird dies nicht gelingen. Für beide Länder scheint das klar zu sein – grenzwertigen Äußerungen und scharfen Sprüchen der Präsidenten zum Trotz. Wie genau die Rhetorik der neuen Staatsoberhäupter Realität wird, werden wir 2019 sehen.

Sicher ist: Diese Neustarts werden die gesamte Region umkrempeln. Denn Brasilien und Mexiko stehen nicht nur für etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas, sie wirken zudem als Stabilitätsanker des Kontinents. Selbst kleinste Kursänderungen gehen nicht spurlos an den Nachbarländern vorüber. Zwar sind die deutschen Unternehmen in Lateinamerika gut vertreten und vernetzt, das Potenzial ist aber längst nicht ausgeschöpft. Es geht also weniger darum, „ob“ man sich in Lateinamerika engagiert, sondern eher um das „wie“.

Es mehren sich bereits Anzeichen wachsender Zuversicht. Ein Vertrauensvorschuss wird von Investoren aus aller Welt gewährt, speziell für Brasilien. Tatsächlich steht das Land wirtschaftlich solide da. Der Finanzmarkt jubelt wie nie zuvor. Nicht umsonst – gerade so ein politischer und wirtschaftlicher Umschwung bietet Chancen, die rechtzeitig ergriffen werden müssen. Auch von uns deutschen Unternehmen. Tun wir das nicht, laufen wir Gefahr, dort den Anschluss zu verpassen. Der Preis dafür wäre hoch, da die Region ein wichtiger Markt ist und bleibt!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
© TRATON SE

Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°10

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

„Brasilien und Mexiko – zwei Richtungen, ein Auftrag: Reform“

Die eindeutigen Wahlsiege von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Jair Bolsonaro in Brasilien zeigen, welch große Hoffnungen die Menschen in beiden Ländern in den Wechsel setzen. So unterschiedlich die politischen Richtungen auch sein mögen: Die Bürger beider Länder wollen eine kluge Wirtschaftspolitik, die Wohlstand schafft und sozialen Ausgleich stärkt, sowie ein entschlossenes Vorgehen gegen Korruption und eine Verbesserung der Sicherheitslage bringt. Das sind Themen, die für die deutsche Wirtschaft ganz zentral sind.

Beide Präsidenten stehen am Beginn ihrer Amtszeiten. Und beide haben sich für ihre Arbeit vor allem einen Begriff auf die Fahnen geschrieben: Reform. Der Gestaltungsbedarf ist enorm. Wir als Unternehmen blicken deshalb offen, konstruktiv und optimistisch auf das Kommende. Brasilien und Mexiko sind für deutsche Firmen wichtige Partnerländer, in denen noch viel Potenzial schlummert, das durch eine kluge und wirtschaftsfreundliche Politik gehoben werden kann. Beide Präsidenten haben ein klares Mandat. Nun sind sie gefordert, dieses zum Wohl ihrer Länder zu nutzen.

Stellvertretender LADW-Vorsitzender Guido Kerkhoff - thyssenkrupp
© thyssenkrupp

Guido Kerkhoff

Vorsitzender des Vorstands der thyssenkrupp AG, Stellv. LADW-Vorsitzender und Ko-Sprecher LADW-Arbeitskreis „Brasilien“

Sunday Brief N°10

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

Regierungswechsel für Lateinamerikas wichtigste Märkte

In Mexiko und Brasilien sind neue Präsidenten angetreten. Wie sie regieren werden, ist noch völlig offen. Sicher ist: Sie werden das politische und wirtschaftliche Klima in Lateinamerika verändern.

Das Jahr 2019 fängt in Lateinamerikas zwei größten Staaten spannend an. In Mexiko und Brasilien sind Präsidenten angetreten, bei denen schwer einzuschätzen ist, wie sie die nächsten Jahre regieren werden. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird erheblichen Einfluss auf die Region haben: Beide Staaten vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform in die USA und weltweit.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Staatsoberhäupter beträchtlich: Andrés Manuel López Obrador in Mexiko tritt Unternehmern kritisch gegenüber und will vor allem mit Umverteilung die Armut im Land beseitigen. Die mexikanischen Unternehmer fürchten, dass er die Uhr zurückdrehen wird zu einer Politik der geschlossenen Grenzen, staatlichem Dirigismus und Sozialpolitik im Einklang mit den Gewerkschaften. Jair Bolsonaro in Brasilien ist ein rechter Politiker, ein ehemaliger Hauptmann, der neoliberale Reformen durchführen will. In Brasilien hofft die Wirtschaft, dass Bolsonaro dem Land endlich den dringend nötigen Reformschub verpasst, Staatskonzerne privatisiert und die Wirtschaft öffnet.

Doch trotz der ideologischen Unterschiede gleichen sich die beiden Amtsinhaber. Nicht nur, dass sie beide mit Mitte 60 ähnlich alt sind. Beide konnten sich gegenüber den Wählern erfolgreich als Vertreter des Anti-Establishments darstellen. Sie versprechen einen Bruch mit der herkömmlichen Politik und wollen hart gegen Korruption und Kriminalität vorgehen. Dabei haben die Regierungen vor ihnen versagt. Brasilien und Mexiko sind beides Staaten mit extrem hoher Kriminalität und Korruption. Wichtig für ihren Sieg war zudem, dass sie in den größten katholischen Ländern der Welt die Stimmen der stark gewachsenen Evangelikalengruppen sichern konnten.

Beide Kandidaten sind jedoch keine politischen Outsider: Obrador wie Bolsonaro sind seit Jahrzehnten Berufspolitiker. Der mexikanische Präsident begann seine Politkarriere in der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die 70 Jahre das Land regierte. Er war Bürgermeister der Hauptstadt Mexiko und dreimal Präsidentschaftskandidat. Der Brasilianer Bolsonaro ist seit fast 30 Jahren Abgeordneter. Beide Politiker waren immer Einzelgänger in der Politik.

Von ihren Anhängern werden die neuen Präsidenten wie Erretter gefeiert, welche anders als die geringgeschätzte Politikerkaste nationalistisch „fürs Volk“ regieren werden. Dabei gleichen sie mit dem Personenkult, der um sie gemacht wird, den traditionellen Caudillos Südamerikas. Beides sind es Politiker, die kaum die Welt außerhalb ihrer nationalen Grenzen kennen, noch sich dafür zu interessieren scheinen.

Dennoch gibt es für Unternehmen und Investoren Unterschiede in beiden Ländern: So tritt López Obrador in Mexiko mit großer Machtfülle an. Seine Partei hat die Mehrheit im Kongress, seine Regierung kontrolliert das Budget. Er hat mit dem Baustopp des neuen Flughafens in Mexiko-Stadt gezeigt, dass er gegenüber der Wirtschaft nicht den pragmatischen Kurs einschlagen wird, den die Unternehmer von ihm erhofften. Zudem sind die Justiz, Medien und Opposition in Mexiko zu schwach, um den Präsidenten zu größerer Kompromissbereitschaft bringen zu können. Auch geht es Mexikos Wirtschaft gut. López Obrador steht nicht unter Druck, in Kürze Reformen für die Wirtschaft liefern zu müssen.

In Brasilien ist das anders: Bolsonaro muss schnell die schwierige Rentenreform in Gang bringen. Nur dann kann das Haushaltsdefizit absehbar sinken und die brasilianische Wirtschaft wieder wachsen, wenn die Investoren ihre Projekte umsetzen und Unternehmen Arbeitsplätze schaffen. Misslingt der Start, dann dürfte Bolsonaro bald politisch geschwächt sein, weil die Wirtschaft erneut stagnieren wird – nach drei Jahren Rezession. Zudem steht er einem starken Kongress gegenüber, mit nur einer Minderheit der Abgeordneten auf seiner Seite. Die Medien, die Justiz und auch die Zivilgesellschaft werden den Präsidenten kontrollieren. Er hat die Wirtschaftskompetenz zudem abgegeben: Sein Superminister für Wirtschaft hat alle relevanten Positionen mit fähigen Ökonomen, Bankern und Technokraten besetzt.

Fazit: Auf den ersten Blick erscheinen die Chancen für einen wirtschaftlichen Reformkurs in Brasilien größer als in Mexiko. Dennoch sind beide Präsidenten Populisten. Entsprechend schwer ist vorherzusehen, wie sie auf Widerstand gegen ihre Politik und Krisen reagieren werden. Beide Staatsoberhäupter könnten versuchen, die Exekutive zu stärken. Damit würde nun auch in Lateinamerikas größten Staaten die gleiche Trendwende beginnen, welche die Türkei, Ungarn und nicht zuletzt die USA seit einiger Zeit erleben.

Regierungswechsel in Brasilien und Mexiko
© Pixabay, Gerd Altmann

Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°10

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

Keine Experimente in Brasilien!

Kurz nach der Stimmenauszählung äußert sich der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG, zu der sehr polarisierenden Wahl in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Renschler fordert schnelles Handeln von der neugewählten Regierung um Jair Bolsonaro.

„Sie muss die gespaltene Gesellschaft wieder einen und stabile politische Rahmenbedingungen schaffen. Und sie sollte berücksichtigen, dass es für Experimente und Worthülsen keinen Spielraum mehr gibt, sondern solide politische Arbeit vonnöten ist. Denn das Land braucht Wachstum“, schreibt er.

Brasilien hat sich mit diesen Wahlen für einen politischen Neuanfang entschieden. Dabei entstehen nicht nur Risiken, ganz im Gegenteil: „Wir sollten die sich bietenden Chancen des anstehenden Neustarts nutzen“, erklärte er. Das Land sei die größte Wirtschaft Lateinamerikas und stehe für etwa ein Drittel des BIP und der Bevölkerung der Region.

„Möglichkeiten, die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft bei der Weiterentwicklung Brasiliens zu nutzen, gibt es mehr als genug. Industrie 4.0 oder neue Logistik- und Mobilitätskonzepte sind nur einige Felder, auf denen die deutsche Wirtschaft weltweit führend ist“, so der LADW-Vorsitzende.

Den kompletten Gastbeitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 253 vom 31. Oktober 2018 auf Seite 17 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

National Museum Brasilien
© BDI fotolia.de snaptitude