Zusammenarbeit mit Lateinamerika stärken

Die deutsche Wirtschaft drängt darauf, ihr Engagement in Lateinamerika auszubauen. Dafür braucht es neue Akzente in der Lateinamerika-Politik. Der Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) stellen deshalb ein gemeinsames Positionspapier für eine stärkere Kooperation mit der Region vor.

Anlässlich der Veröffentlichung des Positionspapiers betont der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler: „Für deutsche Unternehmen sind Freihandelsabkommen in der Zusammenarbeit mit Lateinamerika dringend notwendig, damit wir auch in Zukunft dort eine strategische Rolle spielen. Eine baldige Ratifizierung des EU-Mercosur-Abkommens ist unverzichtbar.“

Das Papier basiert auf den Erkenntnissen der CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey & Company und enthält Handlungsempfehlungen an die Politik.

Bundesaußenminister Maas auf der Lateinmerika-Karibik-Konferenz
© Christian Kruppa

Lateinamerika im Umbruch: Dranbleiben ist die beste Option

Wirtschaftliche und politische Kehrtwenden erregen temporeich und fast simultan zwischen Nord und Süd die über 650 Millionen lateinamerikanischen Gemüter. Seit knapp einem Jahr versuchen die neuen Regierungen in den beiden größten Volkswirtschaften der Region ihre Wahlversprechen umzusetzen. Und das in entgegengesetzter Richtung: In Mexiko mit einer linksgerichteten, in Brasilien mit einer rechtsorientierten, aber wirtschaftsliberalen Agenda. Auch in Argentinien sorgte vor Kurzem die Präsidentschaftswahl mit dem Sieg des linken Oppositionskandidaten Alberto Fernández für einen bedeutenden Politikwechsel und damit den Abschied vom wirtschaftsliberalen Kurs Mauricio Macris.

Demonstrationen und Proteste in verschiedenen Ländern zeigen den Unmut von Teilen der Bevölkerung über die aktuelle Regierungspolitik, wie etwa in Ecuador oder aktuell in Chile, dem einstigen Musterkind für Stabilität in der Region. Kurz nach zweifelhaften Wahlen muss jetzt Bolivien mitten in einer politischen Krise einen neuen Präsidenten wählen. Im Gegensatz zu Venezuela, das immer noch unter einem andauernden Ausnahmezustand leidet.

Gerade in einer solchen Lage ist aber eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den dortigen Ländern das Gebot der Stunde, damit die langfristigen Perspektiven nicht im derzeit herrschenden Nebel übersehen werden. Denn die momentanen Umstände definieren den Markt nicht allein, die Eigenschaften tun dies vielmehr. Ein gemeinsamer Nenner ist beispielsweise in fast allen aktuellen politischen Spannungen in Lateinamerika zu erkennen: Eine wachsamere Gesellschaft, die mehr als je zuvor an Politik interessiert ist. Dies fordert die etablierten Systeme heraus – egal in welchem Land oder  welche Partei. Und gerade diese aufmerksame und anspruchsvolle Gesellschaft ist in den noch relativ jungen Demokratien Lateinamerikas eine wichtige Errungenschaft für mehr Rechtstaatlichkeit und bessere Rahmenbedingungen in der Zukunft.

Für 2020 bleibt es spannend. Die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China hinterlassen auch in der Region ihre Spuren. Die Unternehmen in Lateinamerika werden sich zunächst auf wirtschaftspolitische Ungewissheiten, eine insgesamt abkühlende Konjunktur und eine angespannte Lage einstellen müssen. Jedoch nicht auf Dauer. Auf Umbrüche folgt in Lateinamerika oft der Aufbruch. Und dabei wird die Rolle Brasiliens als Stabilitätsanker umso wichtiger: Schafft es das Land seinen ambitionierten Plan für Strukturreformen, Staatsmodernisierung und Infrastrukturausbau umzusetzen, so werden die Märkte der Region sehr davon profitieren. Ganz zu schweigen von der Marktöffnung Brasiliens, die nun auch Freihandelsabkommen mit den USA, China und anderen Nationen auf die Tagesordnung setzt. Ein Grund mehr für uns in Europa, die Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der EU mit dem Mercosur zügig anzugehen, solange wir noch im Rennen sind. Dranbleiben ist weiterhin die beste Option!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
© TRATON SE

Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°11

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Die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst, die erstmalig auf der Lateinamerika-Karibik-Konferenz 2019 von Bundesaußenminister Maas vorgestellt wurde.

Publikation „CEO agenda for Germany’s economic cooperation with Latin America and the Caribbean“

Preview der CEO Agenda
Preview der CEO Agenda beim LADW Dinner mit den AußenministerInnen aus Lateinamerika und der Karibik © Christian Kruppa

Sunday Brief N°11

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Südamerika erlebt unruhige Zeiten

Der Kontinent ist in Aufruhr. Daran wird sich so bald nichts ändern. Wenn Brasilien oder die Weltwirtschaft sich schneller erholen als erwartet, könnte das die Region stabilisieren.

Die politischen Wechsel in Südamerika finden derzeit so rasant statt, dass man kaum mitkommt. Die überraschenden Wendungen auf dem Kontinent leiteten die Argentinier im August ein. Sie machten klar, dass sie den regierenden wirtschaftsliberalen Präsidenten Mauricio Macri abwählen würden – was sie im Oktober tatsächlich taten. Nun kommt in der zweitgrößten Ökonomie Südamerikas – neben Kolumbien – mit Alberto Fernández wieder ein Peronist an die Macht. Zusammen mit Ex-Präsidentin Cristina Kirchner als Vize ist er angetreten. Für Unternehmer und Investoren ist das kein gutes Omen. Sie haben mit der Linkspopulistin schlechte Erfahrungen gemacht.

Auch in Ecuador und Bolivien ist es zu Aufständen gekommen. In Bolivien musste Präsident Evo Morales das Land verlassen, weil auch Militärs und Polizei ihn nach den Wahlfälschungen nicht mehr unterstützen wollten. Die größte Überraschung stellt jedoch Chile dar: Ausgerechnet im erfolgreichsten und stabilsten Land der Region ist es zu gewalttägigen Massenprotesten gekommen. Inzwischen wollen die Chilenen über eine neue Verfassung verhandeln. Doch die Proteste gehen weiter.

Es sieht derzeit nicht danach aus, als würden die Unruhen in Südamerika so bald aufhören – sie könnten zudem auch auf andere Länder übergreifen. In Peru etwa ist die Lage unsicher, im Januar soll es Neuwahlen geben. Doch die wenigsten Peruaner trauen ihren Politikern noch. In Kolumbien nehmen die Spannungen zu wegen der Flüchtlinge aus Venezuela und der wieder aktiven Guerilla. Auch in Argentinien könnte es in wenigen Monaten zu Protesten kommen, wenn die Wähler merken, dass die neue Regierung kaum Handlungsspielraum hat und vor allem sparen muss.

Die Auslöser für die Spannungen in den Ländern sind unterschiedlich, aber die Gründe für die Unzufriedenheit und Wut sind von Panama bis Patagonien ziemlich ähnlich. Es ist das schwache Wachstum seit fast einer Dekade, welches die Hoffnungen der Armen auf den Aufstieg zunichte gemacht hat. Auch die traditionellen Mittelschichten haben Angst vor dem Abstieg. Sie müssen die schwachen staatlichen Dienstleistungen zunehmend privat bezahlen. Die großen Arm-Reich-Gegensätze und Einkommensunterschiede empören viele. Ebenso, dass die Kampagnen gegen die Korruption zunehmend ausgebremst werden, obwohl sie in einigen Ländern noch nicht mal richtig begonnen haben. Das Risiko wächst, dass einerseits politischen Außenseiter den Frust der Menschen nutzen und mit Hilfe der sozialen Medien am politischen Establishment vorbei aufsteigen werden. Andererseits könnten die Regierungen auch autoritär, also mit Hilfe der Militärs, versuchen, wieder die Ordnung herzustellen. Beides würde die Spannungen noch zusätzlich anheizen.

Dennoch sollte man die Entwicklungen nicht verallgemeinern. In Chile existiert die politische Basis für eine Einigung: Es gibt auf beiden Seiten des politischen Spektrums den Willen, einen Kompromiss zu finden. Es ist schwer vorstellbar, dass die große Mehrheit der Chilenen alles auf Spiel setzen will, was sie in den letzten drei Dekaden aufgebaut hat. Auch stehen die wichtigen Pazifikstaaten wirtschaftlich solide da: Die Inflation ist in Chile, Peru und Kolumbien niedrig, die Haushaltsbilanzen sind ausgeglichen. Die Staaten haben also Spielraum, um Sozialausgaben oder Verteilungsmaßnahmen einzuleiten. Die Ökonomien könnten sich schnell wieder erholen, wenn die Proteste abklingen.

Auch Brasilien könnte mit einer wirtschaftlichen Erholung große Teile Südamerikas stabilisieren. Die Mercosur-Staaten Argentinien, Uruguay, Paraguay, aber auch Bolivien und selbst Chile würden von einem starkem Brasilien Wachstumsimpulse bekommen. Brasilien bewegt sich unter der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro auf einem liberalen Reformkurs, etwa bei der Umsetzung der Rentenreform. Weitere Reformpakete mit strengen Ausgabenregeln für die öffentlichen Haushalte will die Regierung jetzt aufgleisen. Ob sie die umsetzen kann, ist offen. Die Konjunktur beginnt sich zu erholen. Ob das ausreicht, um bald schon als Lokomotive ganz Südamerika mitzuziehen, ist derzeit unwahrscheinlich. Dennoch vereinen sich derzeit auf Brasilien mit seinen Reformen die größten Wachstumshoffnungen in einer Region, die überraschend volatil geworden ist.

Stabilisierend könnte auch eine wieder wachsende Nachfrage in der Weltwirtschaft nach Rohstoffen wirken – sowohl agrarische als auch industrielle. Südamerikas Ökonomien und die Staatshaushalte sind überproportional abhängig von Exporten von Primärgütern. Wachsende Steuereinnahmen könnten direkt zum Abbau von sozialen Spannungen eingesetzt werden.

Angesichts des Aufruhrs jetzt sollte man nicht vergessen: Ruhe und Stabilität waren langfristig gesehen in Südamerika eher die Ausnahme, abrupte Wechsel in der Politik und der Konjunktur dagegen meist die Regel. Daran sind die meisten Unternehmen gewohnt, die schon länger in Südamerika tätig sind. Auch in den Boomjahren war der Geschäftsalltag in Südamerika keineswegs einfach.

Planet Erde Lateinamerika
© Pixabay/Sergio HT

Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°11

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Die strategische Partnerschaft mit Brasilien modernisieren

„Die seit 2008 bestehende strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien muss modernisiert und um Themen rund um Digitalisierung und Nachhaltigkeit erweitert werden. Zudem müssen die bilateralen Regierungskonsultationen wieder in regelmäßigem Rhythmus stattfinden. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?“, forderte der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Mitglied des Konzernvorstands Volkswagen AG und CEO TRATON SE, im Wirtschafts- und handelspolitischen Panel der diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage. Das waren deutliche Töne vor der Kulisse der wunderschönen Atlantikstrände Natals, wo die von BDI und CNI organisierte Konferenz vom 15. bis 17. September 2019 stattfand.

Als einer der Eröffnungsredner der Veranstaltung betonte der brasilianische Vizepräsident General Hamilton Mourão, der zu der Zeit auch amtierender Präsident war, die Entschlossenheit der Regierung, das Vertrauen in das Land und seine Institutionen wiederherzustellen – unter anderem durch Strukturreformen, Bekämpfung der Kriminalität, Modernisierung des Staates und Handelsliberalisierung. Dies wurde von den mehr als 1.200 Gästen aus Wirtschaft und Politik mit großem Interesse aufgenommen.

BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf stellte in seiner Rede die Bedeutung von regelbasiertem Handel heraus: „Das Freihandelsabkommen der EU mit dem Mercosur ist ein wichtiges Signal in Zeiten rückwärtsgewandter Abschottung. Und es wird sich auch positiv auf die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards im Mercosur-Raum auswirken.“

Die Gemischte Wirtschaftskommission tagte im Rahmen der Konferenz unter dem deutschen Ko-Vorsitz von Andreas Renschler und dem Parlamentarischen Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß. Beide Seiten haben sich sehr zufrieden über die in den Gesprächen erreichten Fortschritte geäußert – so zum Beispiel bei einem neuen Doppelbesteuerungsabkommen und anderen Erleichterungen für deutsche Unternehmen in Brasilien. Im Mittelpunkt des Treffens stand auch der Ausbau der Zusammenarbeit in den Bereichen Infrastruktur und Digitalisierung.

Die nächsten Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage werden vom 26. bis zum 28. August 2020 in München stattfinden.

DBWT 2019 Andreas Renschler
© FIERN
BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf
© FIERN
Wirtschaftstage in Natal Brasilien
© FIERN
Eröffnung Deutsch-Brasilianische Wirtschaftstage 2019
© FIERN

LADW und BDI im Gespräch mit brasilianischem Vizepräsidenten

Im Kontext der 37. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage vom 15. bis 17. September 2019 in Natal trafen sich BDI-Präsident Prof. Dieter Kempf und der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler mit dem brasilianischen Vizepräsidenten General Hamilton Mourão, der an der Veranstaltung als amtierender Präsident des Landes teilnahm.

Der Vizepräsident versicherte der deutschen Industrie, dass Brasilien seiner Wachstumsagenda mit ehrgeizigen Wirtschaftsreformen, wie der bereits laufenden Rentenreform oder der in Vorbereitung befindlichen Steuerreform, und der Marktöffnung durch Freihandelsabkommen, wie beispielsweise mit der EU, verpflichtet bliebe. Darüber hinaus war auch das Engagement Brasiliens für den Schutz des Amazonasgebiets Gegenstand des Treffens.

Renschler bekräftigte das Interesse deutscher Unternehmen an bilateraler Zusammenarbeit und stellte General Mourão die vor Kurzem lancierte CEO Agenda vor.

Treffen mit Vizepräsident Mourao
© Vice-Presidência da República

São Paulo wirbt für deutsche Investitionen

Kurz nach seiner Rückkehr von einer China-Reise besuchte João Doria, Gouverneur von São Paulo, Deutschland. Im Fokus beider Reisen standen Gespräche mit der Wirtschaft. Beim Mittagessen mit dem Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) am 30. August 2019 im BDI sicherte Doria den deutschen Unternehmen zu, dass seine Administration den Standort São Paulo attraktiver und wirtschaftsfreundlicher gestalten wird, etwa durch Entbürokratisierung und Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur. Als ehemaliger Unternehmer wisse Doria genau, dass funktionierende Rahmenbedingungen das A und O für Investitionen seien.

Der Bundesstaat São Paulo allein erwirtschaftet ein Drittel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts. Dazu tragen auch in hohem Maße die vielen deutschen Unternehmen bei, die dort konzentriert sind. Auch in den wirtschaftlich schwierigen letzten Jahren haben sie kontinuierlich investiert und ihr Engagement ausgebaut. Die Stadt São Paulo selbst ist einer der größten deutschen Industriestandorte der Welt.

Gouverneur Doria und Delegation
© Christian Kruppa
LADW-Vorsitzender und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Mair und Gouverneur Doria
© Christian Kruppa
Dr. Kamieth, Hr. Renschler und Hr. Dietz
© Christian Kruppa

Deutschland unter den Schlusslichtern bei Handel und Investitionen in Lateinamerika: LADW plädiert für Kursänderung

LADW-Vorsitzender Andreas Renschler: „Sollten uns deutlich stärker engagieren und miteinander statt übereinander reden“

Studie „CEO Agenda“ für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey vorgestellt

Renschler als Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wiedergewählt

 

„Wenn die deutschen Unternehmen in Lateinamerika nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen sie sich deutlich stärker engagieren“, mahnte Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (LADW), anlässlich der Lateinamerika-Karibik-Konferenz des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort stellten am Dienstag der LADW und McKinsey & Company die Studie „CEO Agenda“ für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika vor.

Die Erhebung kommt zu dem Schluss, dass Deutschland – früher einer der größten Investoren in Lateinamerika – mittlerweile im OECD-Vergleich eines der Schlusslichter ist. Renschler, seit 2015 Vorsitzender des LADW, wurde auf der Mitgliederversammlung bis 2021 wiedergewählt. Er ist Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und CEO von TRATON SE.

Laut „CEO Agenda“ entfallen weniger als drei Prozent der weltweiten deutschen Investitionen auf Lateinamerika – und liegen damit fast drei Viertel unter dem OECD-Durchschnitt. „Mit Blick auf die weltweit wachsenden protektionistischen Handelspraktiken ist schwer nachvollziehbar, dass die Exportnation Deutschland Lateinamerika als Wirtschaftspartner so wenig Beachtung schenkt“, sagte Renschler. Im Gegensatz dazu hätten chinesische und US-amerikanische Unternehmen die Bedeutung erkannt. China und die USA verfolgten eine konsequente Expansionspolitik in der Region: Während die deutschen Exporte in die Region in den vergangenen zehn Jahren im jährlichen Durchschnitt nur um knapp drei Prozent auf 38 Milliarden US-Dollar stiegen, kletterten im selben Zeitraum die US-amerikanischen um fast fünf Prozent auf 392 Milliarden US-Dollar und die chinesischen Exporte um knapp zehn Prozent auf 130 Milliarden US-Dollar.

Die „CEO Agenda“ empfiehlt angesichts dieser Entwicklung dringend einen Kurswechsel zu intensiverer wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Große Potenziale biete die Produktivität. Der Beitrag der Produktivitätssteigerung zum Wirtschaftswachstums seit 2017 beträgt in der Region nur 22 Prozent – was ein Viertel des Beitrags in Asien entspricht und im weltweiten Vergleich zu der geringsten Werten gehört.

„Lateinamerika will und muss produktiver werden. Deutsche Unternehmen können auf diesem Feld einen entscheidenden Beitrag leisten“, sagte Renschler. Durch den demografischen Wandel und die Abnahme der erwerbstätigen Bevölkerung droht Lateinamerika bis 2030 ein Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums um 40 Prozent. Dies könne durch mehr Produktivität aufgefangen werden.

„Nach unserer Analyse gilt dies vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Landwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Transport, Bergbau, Öl und Gas sowie Energie“, erklärt Cornelius Baur, Managing Partner Deutschland von McKinsey & Company.

Für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika muss sich aber auch die Politik engagieren, dies- und jenseits des Atlantiks. „Wir brauchen eine gemeinsam mit der Bundesregierung abgestimmte Langfriststrategie, klare und faire Wettbewerbsbedingungen, ein verbessertes Bildungssystem in der Region sowie eine gezielte Förderung von Pilotprojekten, etwa im Bereich Digitalisierung, Mobilität oder Internet of Things“, plädierte Renschler.

Der LADW pflegt seit 2015 den Austausch mit Politik und Wirtschaft in Deutschland und Lateinamerika, initiiert und gestaltet bilaterale Kooperationsansätze, um Veränderungen anzustoßen und Zukunft mitzugestalten.

Renschler unterstrich: „Es ist wichtig, kontinuierlich den Dialog mit gewählten Institutionen zu führen. Wer etwas verändern will, sollte miteinander anstatt übereinander reden.“

Über die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst.

Übergabe der CEO Agenda
Übergabe der CEO Agenda durch LADW-Vorsitzenden Andreas Renschler und McKinsey CEO Dr. Cornelius Baur an Bundesaußenminister Heiko Maas | © Christian Kruppa

Impressionen: Minister aus Lateinamerika und der Karibik zu Gast beim LADW

Ministers Dialogue with German Industry
Ministers' Dialogue with German Industry
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Uruguays Außenminister Rodolfo Nin Novoa
Palasissaal Hotel Adlon
Palasissaal Hotel Adlon
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Dr. Cornelius Baur CEO Deutschland und Österreich McKinsey
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenministerin Jamaicas Kamina Johnson Smith
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Außenminister von Barbados Jerome Walcott
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Argentiniens Außenminister Jorge Faurie
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Bolivianischer Außenminister Diego Pary Rodríguez
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores
Ecuadors Außenminister José Valencia Amores (Mitte)
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
BMF Staatssekretär Wolfgang Schmidt
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Außenminister der Bahamas Darren A. Henfield
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Brasiliens Vizeaußenminister Nóbrega und Botschafter Jaguaribe
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Panamas Vizepräsidentin Isabel Saint Malo
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin von St. Lucia Sarah Flood-Beaubrun
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Außenministerin Suriname Yldiz Pollack-Beighle
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Vizepremierminister St Vincent and the Grenadines Louis Straker
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley
Nicaraguas Minister for National Policies Paul Oquist Kelley (rechts)
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla
Vizeaußenministerin Kolumbiens Luz Stella Jara Portilla

© Christian Kruppa

Gäste des LADW waren die Außenministerinnen und Außenminister aus Lateinamerika, die für die Lateinamerika-Karibik-Konferenz von Bundesaußenminister Heiko Maas am 28. und 29. Mai 2019 nach Berlin angereist sind, sowie die Botschafter der Region in Berlin und ausgewählte Vertreter der deutschen Politik. Während eines Abendessens im Hotel Adlon wurde in einer Preview die von McKinsey für den LADW erarbeitete „CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika“ vorgestellt und bot den Einstieg für eine intensive Diskussion.

Zeitenwandel in Lateinamerika – warum es sich lohnt, genauer hinzusehen

von Andreas Renschler, Vorsitzender des LADW, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE.

 

Der Wandel in Lateinamerika läuft auf Hochtouren. Angefangen mit den neuen Präsidenten in den beiden größten Volkswirtschaften der Region: Der linke Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und der rechte Jair Bolsonaro in Brasilien sind gerade dabei, das Establishment in ihren Ländern mit Hochdruck umzukrempeln und damit das politische und wirtschaftliche Klima Lateinamerikas zu verändern. Beide Staatsoberhäupter versprechen trotz der politischen Unterschiede das Gleiche: Mehr Wohlstand und nachhaltiges Wachstum. Davon könnten zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Lateinamerikas profitieren, für die Brasilien und Mexiko zusammengenommen stehen. Dass die Chancen für den Erfolg nicht gerade klein sind, zeigt das steigende Vertrauen von Investoren aus aller Welt. Es bleibt noch abzuwarten, welchen Weg beide Regierungen einschlagen werden, um ihre Versprechen zu halten. Sicher wird 2019 ein entscheidendes Jahr.

Weiter südlich auf dem Kontinent stehen ebenfalls richtungsweisende Präsidentschaftswahlen an: Die Argentinier müssen im Oktober dieses Jahres dem Neoliberalismus von Präsident Mauricio Macri eine Zu- oder Absage erteilen – möglicherweise auch verbunden mit Polarisierung wie zuletzt in Brasilien. Und im Norden Südamerikas tickt eine Zeitbombe: Venezuelas politische Krise muss ein friedliches Ende finden.

Gerade in solchen Momenten stellt sich wieder die Frage: Positioniert sich Deutschland in Lateinamerika bereits ausreichend? Sollten Deutschland und Europa vielleicht strategischer mit der Heimat von 650 Millionen überwiegend jungen Menschen umgehen? Noch ist Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Karten in Lateinamerika werden derzeit neu gemischt und die Haltung der ausländischen Partner auf den Prüfstand gestellt. Einerseits muss Mexiko in den Beziehungen zu den USA immer noch wie auf Eiern gehen, andererseits spricht man in Brasilien über eine noch nie da gewesene Allianz mit den USA, die Präsident Bolsonaro bei dem Besuch seines Amtskollegen Trump Anfang März knüpfte. Und China arbeitet weiterhin daran, seine Position in Lateinamerika zu stärken – langfristig und ohne Improvisation, denn Peking hat eine klare Strategie, was dort in den nächsten fünfzig Jahren erreicht werden soll.

Währenddessen muss sich die EU konsolidieren. Die Herausforderung Brexit muss gemeistert werden. Noch wichtiger ist, dass die EU ihr wirtschaftliches Gewicht besser in politisches Gewicht ummünzt. Wir sind der größte Wirtschaftsraum der Erde und haben ein berechtigtes Interesse daran, gegenüber den sich immer mehr polarisierenden Wirtschaftsmächten USA und China unsere Eigenständigkeit zu wahren. Wir sollten das Potenzial nutzen, das in der engeren Allianz zwischen der EU und den lateinamerikanischen Volkswirtschaften liegt. Bei den Vereinten Nationen machen die Staaten Lateinamerikas und der Karibik zusammen mit Europa ein Drittel der Gesamtstimmen aus. Die Jahrhunderte alte, kulturelle Verbindung beider Regionen sorgt für das nötige Vertrauen. Es lohnt sich, diese Region wieder neu als engen Partner und Verbündeten zu gewinnen.

Lateinamerika
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