Brasilien isoliert sich – und droht, Südamerika mit sich zu ziehen

Der Verlust an Soft Power wird Brasilien und damit ganz Südamerika teuer zu stehen bekommen. Es wird Jahrzehnte dauern, diesen Vertrauensverlust wieder wettzumachen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Soft Power war lange Zeit ein Begriff, mit dem nur Politologen etwas anfangen konnten. Der US-Publizist Joseph Nye hat den Begriff geprägt. Gemeint ist, wenn ein Land Einfluss ausübt in der Welt, ohne wirtschaftliche oder militärische Macht einzusetzen. Brasilien hat lange Zeit seine Soft Power bewusst genutzt: Seine demokratischen Regierungen weiteten mit Verhandlungsgeschick und Diplomatie ihren Einfluss aus. Brasilien spielte zeitweise in einer höheren Liga in der Weltpolitik, als dem Land nach Wirtschaftskraft oder Bedrohungspotenzial zugestanden hätte: In der Klimadiskussion, im Freihandel, bei der Durchsetzung von Menschenrechten, bei der Armutsbekämpfung, in der globalen Gesundheitspolitik, selbst in der Weltfinanzkrise 2008 saß Brasilien bei den Verhandlungen mit am Tisch der Großmächte. Weil Brasilien mit allen redete und mit allen zurechtkam, hatte es Einfluss. Diese Soft Power ergänzte perfekt seine zunehmend wichtigere Rolle als Lieferant von Rohstoffen, Agrarprodukten und Energie in der Weltwirtschaft. Brasilien war zudem eine weltweit bewunderte Kultur- und Sportnation, ein begehrtes Reise- und Lebensziel für viele Menschen weltweit.

Doch das ist vorbei. Noch nie war Brasiliens Ruf in der Welt so schlecht wie derzeit. Das begann mit den großen Korruptionsskandalen, die von Brasilien aus ganz Lateinamerika überzogen und im Nachhinein die Linksregierungen unter Lula und Dilma Rousseff in ein schlechtes Licht rückten. Die Wahl des Rechtspopulisten Bolsonaro zum Präsidenten hat den Abstieg noch beschleunigt: Dessen permanenten Attacken gegen die Demokratie, sein chaotisches Regieren, die anhaltende Wirtschaftskrise und jetzt vor allem das schlechte Management der Coronakrise, die das Land zur Nummer 2 weltweit nach Infizierungen und Toten gemacht hat – alles das hat dazu geführt, dass Brasilien zum weltweiten Paria geworden ist. Ohne Verbündete, ohne Sympathien. Es wird Jahrzehnte dauern, dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Wie hoch die Kosten für diesen Verlust an Soft Power sein werden, das lässt sich erahnen. Vor wenigen Tagen sandten 29 Banken und globale Fonds einen offenen Brief an die brasilianische Regierung. Zusammen verwalten sie Aktiva in Höhe von 3,75 Billionen US-Dollar. Sie äußerten ihre Besorgnis über die Zunahme der Amazonasrodungen und den Abbau der Umwelt- und Menschenrechtspolitik. Die Finanzakteure reagieren damit auf den Druck, den sie von ihren Anteilseignern bekommen. Für die ist umweltgerechte Agrarpolitik, der Schutz des Regenwaldes, von Minderheiten und Indigenen oder Gender-Politik die Basis für Investitionen in Brasilien – sonst ziehen sie ihr Kapital eben ab.

Der Schaden wird nicht sich nicht nur auf Brasilien beschränken. Weil das Land die Hälfte der Bevölkerung, Fläche und Wirtschaftskraft Südamerikas vereint, werden auch die anderen Staaten auf dem Kontinent unter dem Verlust der brasilianischen Soft Power leiden.

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Lateinamerika: “Out of the frying pan into the fire”?

Lateinamerika beginnt mit den Lockerungen der sozialen Isolation trotz weiter ansteigender Infektionszahlen. Für die Wirtschaft bedeutet das: Der Kontinent wird länger und stärker in der Rezession verharren als der Rest der Weltwirtschaft. Es gibt aber auch Lichtblicke.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Investmentbank JP Morgan hat gerade ihren Lateinamerika-Ausblick für dieses Jahr veröffentlicht mit dem Titel, der für sich selbst spricht: „Out of the frying pan into the fire“, übersetzt etwa: „Aus der Pfanne direkt ins Feuer.“ Derzeit sieht es danach aus, als ob die wirtschaftliche Krise in Lateinamerika stärker ausfallen wird als im Rest der Welt – und die Region dazu noch länger brauchen wird, um sich von dem Einbruch zu erholen. Denn Lateinamerika versuchte nach dem Ende des Rohstoffzyklus die letzten fünf Jahre mehr oder weniger erfolglos wieder auf Wachstumskurs zu kommen – da kam die Corona-Krise dazu. „Die Auswirkungen von COVID-19 sind nicht nur eine weitere Bodenwelle für die lateinamerikanischen Ökonomien“, schreibt JP Morgan. „Es ist eher so, als sei das Fahrzeug von einem Felsvorsprung gestürzt.“

8,4 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen. Für 2021 rechnet die Investmentbank mit einer eher statistisch als realwirtschaftlich bedingten Erholung und einem Wachstum in Höhe von 4,5 Prozent. Dennoch wird das regionale Bruttosozialprodukt nicht vor 2022 wieder an das Vor-Pandemie-Niveau heranreichen. Die Rezession wird am stärksten Peru (-12,7 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-5,2 Prozent) und Kolumbien (-6,5 Prozent) werden die Verluste am geringsten ausfallen.

Der Grund für die düsteren Aussichten sind in allen Staaten ähnlich: Die Länder beginnen die sozialen Isolationsvorschriften zu lockern, obwohl die Infektionszahlen noch weiter ansteigen. Zwar sind die Infektionszahlen im Vergleich zu vielen Staaten in Europa deutlich geringer – was jedoch zum Teil mit den fehlenden Tests zusammenhängt. Weiterhin besteht die Gefahr, dass die Regierungen die Kontrolle über die Ausbreitung der Krankheit verlieren. Zudem ist der Spielraum für staatliche Ausgabenprogramme beschränkt. Bereits 2021 müssen die Staaten wieder sparen, um ihre Staatsbudgets nicht überzustrapazieren.

Ein möglicherweise positiver Schock für Lateinamerika könnte eine schnelle Erholung in China bedeuten, mit wachsender Nachfrage und steigenden Preisen nach Rohstoffen aus der Region.

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Mexiko: Wie die Regierung im Schatten der Corona-Krise die Wirtschaft umbaut

Mexiko droht infolge der Coronakrise die stärkste Rezession in Lateinamerika. Doch die Regierung überlässt die Unternehmen und Mitarbeiter ihrem Schicksal. Das wird dem wichtigen Standort der deutschen Industrie in der Region schaden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Verkehrte Welt in Mexiko: Ausgerechnet der linkspopulistische Präsident López Obrador setzt in der Corona-Krise auf eine beinharte Austeritätspolitik statt auf staatliche Hilfsprogramme. Gerade mal 1,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung gibt seine Regierung aus, um die Folgen abzumildern. Damit bildet Mexiko das Schlusslicht in Lateinamerika. Dabei dürfte die Wirtschaft mit einem Minus von fast neun Prozent in keinem anderen Land der Region so stark schrumpfen.

Für Unternehmen oder Arbeitnehmer sind gar keine Hilfsmaßnahmen vorgesehen: Es gibt weder Kurzarbeitergeld noch Steuerstundungen oder Hilfskredite. López Obrador macht kein Hehl daraus, dass er die Krise als willkommenen Anlass sieht, um die private Wirtschaft zurechtzustutzen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Wirtschaft und Regierung sei zutiefst gestört, heißt es in der Industrie und den Verbänden.

López Obrador nutzt die Corona-Krise, um die Wirtschaft im Eiltempo umzubauen: Staatskonzerne, allen voran Pemex, sollen die Wirtschaft wieder dominieren. Jobs will er schaffen bei staatlichen Infrastrukturprojekten, wie der Eisenbahnlinie Tren Maya, dem Bau der Dos-Bocas-Raffinerie sowie des neuen Flughafens Santa Lucia in Mexiko-Stadt. Die Energiewende wurde kurzerhand abgeschafft. Statt auf erneuerbare Energien setzt die Regierung nun auf Schweröl-Kraftwerke. Dass Pemex von den Rating-Agenturen schon bald auf Junk-Niveau herabgestuft wird – das kümmert die Regierung nicht. Das wird jedoch den Investitionsfluss nach Mexiko empfindlich stören.

Für die deutsche Industrie ist das ein heftiger Schlag: Mexiko ist nach den USA und China der drittwichtigste Markt für Maschinen und Anlagen außerhalb Europas. Die deutschen Autobauer Audi, BMW und Mercedes haben dort erst kürzlich neue Werke errichtet. Mexiko ist der viertgrößte Kfz-Exporteur weltweit.

Doch der Präsident wird seinen wirtschaftsfeindlichen Kurs nicht stoppen. Er hat die Mehrheit im Kongress. Und vor allem: 60 Prozent der Bevölkerung stehen weiterhin hinter ihm.

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FAQ zum Freihandelsabkommen zwischen EU und Mercosur

Das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und den Staaten des Mercosur – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – beinhaltet Bestimmungen zu politischem Dialog, Kooperation und Handel. Am Rande des G20-Gipfeltreffens am 28. Juni 2019 wurde nach fast 20-jähriger Verhandlungsdauer eine Einigung über den Handelsteil erzielt. Durch das Abkommen entsteht die größte Freihandelszone der Welt mit knapp 800 Millionen Einwohnern. Es ist ein Meilenstein für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Vor allem innovative kleine und mittlere Unternehmen werden durch das Abkommen eine höhere Rechtssicherheit für ihre unternehmerischen Aktivitäten erlangen. Bevor es in Kraft treten kann, muss es noch durch das europäische sowie die nationalen Parlamente ratifiziert werden.

Europa darf aber die große Chance nicht verpassen, eines der ersten Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Wirtschaftsraum abzuschließen. Damit werden viele neue Geschäftsmöglichkeiten sowie Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz eröffnet. Gerade in einer weltwirtschaftlichen Krise würde dies wertvolle Impulse für Wirtschaft und Arbeitsplätze in den Unterzeichnerstaaten bedeuten. Mindestens genauso wichtig wäre es aber in Zeiten, in denen multilaterale Handelsregeln häufig missachtet und von einigen Staaten Protektionismus und nationale Interessen über die internationale Kooperation gesetzt werden, geopolitisch bedeutsame Partnerschaften zu festigen. Mit dem Freihandelsabkommen kann die EU die Globalisierung aktiv nach eigenen Vorstellungen mitgestalten. Das Abkommen prägt dauerhaft die Regeln für gute Handelsbeziehungen, fördert die multilateralen Prinzipien der Transparenz, Gleichbehandlung und Nicht-Diskriminierung und stärkt internationale Vereinbarungen zur Förderung von Sozial- und Umweltstandards. Zudem schafft das Freihandelsabkommen die Grundlage für einen intensiven politischen und gesellschaftlichen Dialog zur Umsetzung der Vereinbarungen. Gelingt es nicht, auf vertraglicher Basis enger zusammen zu arbeiten, verpassen wir eine gute Gelegenheit, Werte und Standards in den Mercosur-Staaten an das hohe Niveau der EU anzugleichen.

1) Warum strebt die EU überhaupt ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten an?

Europa und die Weltwirtschaft insgesamt profitieren enorm vom internationalen Handel und grenzüberschreitenden Investitionen, einschließlich der dahinterstehenden Arbeitsteilung. Die EU-Handelspolitik ist darauf ausgerichtet, durch Verträge mit Gruppen von Staaten, beispielsweise in der Welthandelsorganisation (WTO), und einzelnen Staaten die Voraussetzungen für einen reibungslosen und regelbasierten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Investitionen zu schaffen. Bilaterale Handelsverträge der EU ergänzen den allgemeinen multilateralen Rahmen der Welthandelsorganisation. Bei den bilateralen Verträgen geht es zum einen um eine wechselseitige Marktöffnung, aber auch immer darum, hohe EU-Standards und grundlegende Werte international zu verbreiten, beispielweise Offenheit, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz. Obwohl die Europäische Union schon lange substanzielle Wirtschaftsbeziehungen zu den Mercosur-Staaten unterhält, besteht noch kein umfassendes bilaterales Handelsabkommen. Vielmehr sind noch weite Teile des lateinamerikanischen Marktes durch hohe Zoll- und andere Schranken gekennzeichnet. Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen würde den Handel mit den südamerikanischen Staaten deutlich erleichtern.

2) Wofür braucht die deutsche Wirtschaft ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur?

Ohne offene Märkte im Ausland kann die deutsche Wirtschaft nicht bestehen. Wie in kaum einem anderen Land ist der Wohlstand in Deutschland vom regelbasierten Handel abhängig. Die enge Einbindung in die Weltwirtschaft ist an der Beschäftigung ablesbar: Knapp 30 Prozent der deutschen Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Export ab, im Verarbeitenden Gewerbe sind es sogar 56 Prozent. Bereits heute gehen rund 240.000 Arbeitsplätze in Deutschland auf Exporte in den Mercosur zurück. Nur 2,4 Prozent der deutschen Exporte gehen heute in die Mercosur-Länder. Durch den freien Handel mit dem Mercosur könnte Deutschland seine Exporte in die Region deutlich erhöhen und zugleich seine Risiko-Anfälligkeit beim Export in andere Märkte verringern.

3) Welche Vorteile bietet das EU-Mercosur-Abkommen für deutschen Unternehmen?

Durch das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur bekommen deutsche Unternehmen einen freien, regelbasierten Zugang zu einem Markt mit rund 265 Millionen Konsumenten. Die derzeit noch durch hohe Zölle abgeschotteten Mercosur-Länder haben großen Modernisierungsbedarf. Hohe Importkosten können da sehr hinderlich sein – der durchschnittlich angewendete Zollsatz für Industriegütereinfuhren liegt in Argentinien und Brasilien mehr als dreimal so hoch wie in der EU (2018 laut WTO: 14,2 / 13,9 / 4,2 Prozent). Die Südamerikaner sind zudem jung, aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien und europaaffin. Durch all das bestehen große Absatzchancen für deutsche Produkte und Lösungen. Auch von dem Einsparpotenzial durch die Abschaffung von Zöllen und anderen Handelshemmnissen werden Unternehmen und Verbraucher profitieren. Dabei geht es um mehrere Milliarden Euro jährlich.

4) Ist das Assoziierungsabkommen auch für den industriellen Mittelstand attraktiv?

Auf jeden Fall! Handelshemmnisse belasten kleine Unternehmen deutlich mehr als Großunternehmen, da sie oftmals weder die Zeit noch die Ressourcen haben, diese Hürden zu bewältigen. Die erhöhte Transparenz, die das Abkommen schaffen würde, sowie die Vereinfachung der Zollverfahren sind vor allem für kleine Unternehmen auf beiden Seiten hilfreich. Um die besonderen Herausforderungen der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im internationalen Handel und bei Investitionen anzugehen, enthält das EU-Handelsabkommen mit den Mercosur-Ländern ein spezielles Kapitel zu deren Förderung. Davon können die KMU profitieren, denen erst unter den verbesserten Bedingungen interessante Geschäftsmöglichkeiten geboten werden, aber auch die knapp 10.000 KMU in Deutschland, die bereits heute in den Mercosur exportieren.

5) Birgt das Abkommen Risiken für die deutsche Wirtschaft?

Das Abkommen ist gerade dafür da, Risiken im Handelsgeschäft mit dem Mercosur zu minimieren, in dem es den Austausch von Waren und Dienstleistungen klar regelt. Große Risiken würden eher dadurch entstehen, wenn das Abkommen nicht in Kraft tritt. Der Mercosur verhandelt gerade zahlreiche Freihandelsabkommen mit anderen Ländern und Regionen. Europäische Produkte und Dienstleistungen würden im Vergleich zu Waren aus diesen Ländern auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein, wenn sie Einfuhrzöllen und Handelshemmnissen in den Mercosur-Ländern unterliegen, die Angebote der Wettbewerber aber nicht.

6) Welche Chancen bietet das Abkommen für die Länder des Mercosur?

Mit dem Abkommen besteht für die Mercosur-Länder die große Chance, ihre gesamte Produktionskette – in Landwirtschaft, Industrie, Handel, Transport und Dienstleistungen – nachhaltig zu modernisieren. Die EU ist einer der größten und attraktivsten Absatzmärkte weltweit, der durch das Abkommen einfacher zu erschließen ist. Damit könnten große Gewinne für die dortige Wirtschaft erzielt werden, die mit mehr Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätzen, sozialer Sicherheit und besseren Produkten für den Endverbraucher einhergehen.

7) Schwächt das Abkommen die europäische Landwirtschaft?

Die Interessen der europäischen Landwirtschaft sind im Abkommen angemessen berücksichtigt. Der Absatz von vor Ort beliebten europäischen Erzeugnissen wie Weinen, Spirituosen und Käsesorten wird künftig nicht mehr durch übermäßig komplizierte Verfahren und Zöllen von 20 bis 35 Prozent belastet. Zudem könnte die EU als erster Handelspartner ein Abkommen mit den Staaten des Mercosur abschließen. Dies würde der EU und Deutschland in den nächsten Jahren einen privilegierten Marktzugang ermöglichen. Auch wenn Anpassungsprozesse auf europäische Seite zu erwarten sind, kommt das Abkommen insgesamt auch der deutschen Agrar- und Lebensmittelbranche zugute. Das partnerschaftliche Abkommen bietet eine gute Grundlage für einen fairen Wettbewerb.

8) Bleiben die hohen Verbraucherschutzstandards in der Europäischen Union bestehen?

Ja, die hohen EU-Verbraucherschutzstandards sind nicht verhandelbar. Wie bei allen Freihandelsabkommen müssen auch die aus dem Mercosur eingeführten Agar- und Lebensmittelerzeugnisse den strengen EU-Sicherheitsstandards entsprechen. Diese gelten für alle in der EU verkauften und verbrauchten Produkte, unabhängig davon, ob sie im Inland erzeugt oder importiert werden. Hieran wird sich mit dem Abkommen nichts ändern.

9) Was bedeutet das Abkommen für die Umwelt und den Amazonas-Regenwald?

Das Freihandelsabkommen bietet eine einmalige Möglichkeit für die EU, positiven Einfluss auf die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards im Mercosur-Raum zu nehmen. In einem eigenen Nachhaltigkeitskapitels werden die Länder verpflichtet, Regelungen zu Biodiversität, nachhaltiger Waldwirtschaft und zur Bekämpfung des illegalen Holzeinschlags einzuhalten. Die Europäische Kommission setzt hierfür auf einen dialogorientierten Durchsetzungsmechanismus: Eine Zusammenarbeit in bilateralen, regionalen und internationalen Foren soll sicherstellen, dass die Vereinbarungen des Nachhaltigkeitskapitels umgesetzt werden. Dieses Verfahren bietet auch den Organisationen der Zivilgesellschaft eine aktive Rolle, die Umsetzung des Abkommens zu überwachen, insbesondere alle Umweltbelange.

10) Hat das Abkommen Auswirkungen auf den Klimaschutz?

Das EU-Abkommen mit den Mercosur-Staaten bietet konkrete Mechanismen, die eine positive Auswirkung auf den Klimaschutz erwarten lassen, obwohl ein Anstieg des Handels zu mehr Transporten und gegebenenfalls Emissionen führen kann. Die vereinbarten Verpflichtungen sorgen unter anderem für größere Effizienz bei Handel und Produktion, eine schnellere Verbreitung von Umwelttechnik, eine bessere Einhaltung internationaler Standards und mit steigendem Wohlstand tendenziell mehr Investitionen in den Umweltschutz und umweltfreundlichere Produkte. Darüber hinaus erhöht das Abkommen das Engagement der Beteiligten für den Klimaschutz. So haben sich zum Beispiel die EU und der Mercosur im Freihandelsabkommen auch zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzübereinkommens verpflichtet. Damit besteht ein zusätzlicher Hebel, die Partnerländer daran zu binden. Für Brasilien beinhaltet dies auch eine Verpflichtung zur Bekämpfung der Entwaldung. Zudem sollen über die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung, zu deren Zielen sich die Mercosur-Staaten verpflichtet haben, Mechanismen erarbeitet werden, die dem Klimawandel entgegenwirken.

11) Sind die Arbeitnehmerrechte durch das Abkommen geschützt?

Im Kapitel zur nachhaltigen Entwicklung wird auch die Achtung der Arbeitnehmerrechte geschützt. Die Parteien haben vereinbart, dass das EU-Mercosur-Abkommen bestehende Rechte fördern muss und diese nicht verwässern darf. Dabei beziehen sie sich auf die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) definierten grundlegenden Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, wie zum Beispiel Nichtdiskriminierung am Arbeitsplatz, Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit, Koalitionsfreiheit und das Recht auf Tarifverhandlungen. Durch eine zügige Inkraftsetzung des Abkommens könnte Rückschritten bei Arbeitnehmerrechten früher entgegengewirkt werden, von denen jüngst Gewerkschaften in einzelnen Mercosur-Staaten berichteten.

12) Wird das Abkommen Regelungen zum Investitionsschutz beinhalten?

Investitionsschutz war nicht Bestandteil der Verhandlungen zwischen der EU und Mercosur-Staaten. Deutschland hat bilaterale Investitionsförderungs- und Schutzverträge (IFV) mit Argentinien, Paraguay und Uruguay. Ein IFV mit Brasilien ist unterzeichnet, aber noch nicht in Kraft.

Weiterführende Informationen

Antworten der Europäischen Kommission auf weitere wichtige Fragen finden Sie hier.

Was sich durch die COVID-19-Pandemie in Lateinamerika ändern wird

Welche Prognosen für Lateinamerika sind für die Zeit nach der Coronakrise möglich? Sicher scheint, dass die Ökonomien stärker von den Regierungen kontrolliert und die Bevölkerung ärmer sein wird. Südamerika wird zum Rohstoffexporteur zurückfallen und immer weniger als Standort der weltweiten Industrie konkurrieren können. Ob die sozialen Spannungen wieder aufflammen, bleibt abzuwarten. Populisten stehen überall in den Startlöchern.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Rund zwei Monate ist es her, dass die ersten Corona-Infizierten in Südamerika registriert wurden. Noch ist die Region deutlich vom Höhepunkt der täglichen Neuansteckungen und Toten entfernt sind. Derzeit scheint die Zahl der Infizierten in Argentinien, Chile und Peru geringer auszufallen als etwa in Ecuador, Mexiko oder Brasilien. Doch weiterhin sind die Statistiken weder zu vergleichen noch verlässlich.

Dennoch ist jetzt schon abzusehen, dass Lateinamerika die schwerste Rezession nach den Schuldenkrisen der 1980er Jahre erleben wird. Die Lage ist überraschend ähnlich. Heute wie damals steigen die Schulden der Staaten rasant – jetzt infolge der sozialen Maßnahmen aufgrund von Corona, damals für staatliche Investitionen. Auch diesmal sind Nachfrage und Preise für Öl wie viele Agro- und Bergbauprodukte gesunken. Für einen Rohstoff-Exporteur wie Südamerika ist das eine tragische Kombination, weil die Zahlungsfähigkeit schrumpft. Neue Schuldenkrisen werden unvermeidlich sein. Ecuador und Argentinien versuchen sie gerade mit Verhandlungen zu vermeiden. Wie die Finanzinvestoren und die multilateralen Banken auf eine regionale Verschuldungskrise reagieren werden, ist noch offen.

Abzusehen ist, dass Steuern steigen werden und insgesamt die staatliche Kontrolle der Wirtschaft zunehmen wird. Hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut werden die Pro-Kopf-Einkommen und damit den Konsum schrumpfen lassen. Damit stottert neben den Rohstoffexporten auch der entscheidende Wachstumsmotor Lateinamerikas, die Nachfrage der 630 Millionen Menschen. Für Investoren wird es weniger attraktiv in die Produktion von Konsumgütern zu investieren.

Die schwächeren Währungen könnten die Region als Exportplattform begünstigen. Doch wegen des technologischen Rückstandes der Industrie und der verringerten globalen Wertschöpfungsketten, dürfte vor allem Südamerika noch stärker als bisher zum Rohstoffexporteur werden.

Die Auswirkungen auf die Politik sind noch unklar: Werden die sozialen Unruhen, die noch vor wenigen Monaten Chile, Ecuador, Kolumbien und Bolivien erschütterten sich in der Pos-Corona-Ära fortsetzen? Einerseits scheint es in den Umfragen etwa in Chile, dass weder die Kritik an den sozialen Gegensätzen durch die Krise noch die Unzufriedenheit mit der Politik abgenommen haben. Andererseits zeigt sich den gleichen Umfragen, dass gutes Krisenmanagement von der Bevölkerung anerkannt wird. So ist einerseits eine Fortsetzung der Unruhen möglich, andererseits aber auch, dass autoritäre Regierungen versuchen werden, diese zu unterdrücken. Generell scheint es sicher, dass Populisten in allen Ländern versuchen werden, die Krise zu nutzen.

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Die Investoren beginnen, schwache Regierungen abzustrafen

Die Corona-Krise hat einen Prozess beschleunigt, der sich schon in den letzten Monaten andeutete: Investoren und Rating-Agenturen achten genauer auf die Qualität der Regierungen in den Ländern und lassen ihre Einschätzungen dazu verstärkt in ihre Risikobewertungen einfließen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Diese Woche stufte die Rating-Agentur Fitch die Aussichten für ihre Risikoeinschätzung für Brasilien von stabil auf negativ herab. Die drittgrößte Agentur erklärte das unter anderem auch explizit mit den zunehmenden Spannungen zwischen der Regierung und dem Kongress. Die Agentur sieht die Chancen für neue Reformen für die Zeit nach der Corona-Krise wegen des Konfrontationskurses in der Politik deutlich verringert.

Damit ändern die Analysten zwar noch nichts an der Kreditwürdigkeit Brasiliens, die derzeit auf BB-, also drei Stufen unter dem Investmentgrade steht. Bei der nächsten Revision ist aber nun ein weiteres Downgrade wahrscheinlicher geworden. Damit verteuern sich die Kredite für Brasilien, den Staat wie die Unternehmen. Ein Rating ist wie eine Note, mit der das Vertrauen in das Land bewertet wird. Je schlechter es ausfällt, umso mehr Zinsen verlangen die Gläubiger.

In den letzten Wochen gab es ähnliche Risikoerhöhungen aus politischen Gründen auch sonst in Lateinamerika. Standard & Poor´s stufte Chile herab wegen der wachsenden sozialen Spannungen zwischen Regierung und Bevölkerung. Chile besitzt aber weiterhin ein Investmentgrade der Agentur.

In Mexiko reduzierte Fitch sowohl das Kreditrisiko des Staates als auch des staatlichen Ölkonzerns Pemex. Mexikos Kreditrating steht jetzt nur noch eine Stufe über dem von Junk-Bonds. Die Herabstufung erfolgte wegen des schwachen Abschneidens der Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador in der Pandemie, der keine Strategie hat, wie er auf die Krise reagieren soll. Auch Pemex braucht wachsende staatliche Zuschüsse, weil der Präsident den Ölkonzern angewiesen hat, seine Produktion hochzufahren. Dabei liegen die Förderkosten je Fass höher als der Ertrag.

Die einzige Ausnahme unter den neuesten negativen Revisionen in der Region ist Kolumbien, wo die Analysten vor allem den gesunkenen Ölpreis und die Coronakrise für das schwächere Rating verantwortlich machen – und nicht die Regierung.

Die Corona-Krise wirkt also wie ein Bewährungstest für die Regierungen in Lateinamerika: Irrationale oder inkonsistente Politik wie in Brasilien und Mexiko werden von den Investoren jetzt sofort abgestraft – und nicht mehr toleriert, wie noch vor kurzem.

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Lateinamerikas Regierungen ohne Plan, wie es weitergehen soll

Nach dem ersten, teilweise erfolgreichen Krisenmanagement reagieren die Regierungen in Lateinamerika zunehmend chaotisch: Sie stehen vor dem Dilemma, dass sie die Wirtschaft wieder in Gang bekommen wollen, aber dass das wegen der noch zunehmenden Infizierungen riskant ist. Sicher ist, dass die Staaten sich zunehmend verschließen werden. Eine regionale Integration scheint in der nächsten Zukunft unwahrscheinlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In wenigen Tagen hat sich in den meisten Staaten Lateinamerikas die Gesundheitssituation dramatisch verschlechtert. In vielen Ballungszentren der Region sind die Krankenhäuser und Erste-Hilfe-Stationen überfüllt. Auch wenn die Zahlen wegen der unterschiedlichen Erhebungen schwer vergleichbar sind, ist doch der Trend klar: Die Zahl der Infizierten und damit Toten legt noch weiter zu. Das gilt auch für Staaten, wie Argentinien oder Peru, die bereits sehr früh mit harter Isolationspolitik reagiert haben. Es dürfte Länder wie Brasilien oder Mexiko noch heftiger treffen, deren Regierungen zögerlich reagierten und die Pandemie weiterhin herunterspielen.

Für die ganze Region gilt: Es zeigt sich, dass die Regierungen keine Pläne haben, wie sie mit der öffentlichen Gesundheitskrise und den wirtschaftlichen wie sozialen Folgen umgehen sollen. Die neu gewonnen Popularität, die einige Präsidenten zu Beginn der Krise aufbauen konnten – die könnte sich bald auflösen. So wie in Peru, wo die arbeitslosen Menschen trotz der strikten Isolationspolitik versuchen, aus den Städten zu fliehen, weil sie dort nicht mehr ihren Lebensunterhalt verdienen können.

In Brasilien agiert die Regierung chaotisch. Sie löst ständig neue politische Krisen aus, aber hat keinen nationalen Plan für den Notstand. Brasília hat die Krisenbewältigung weitgehend den Gouverneuren und Bürgermeistern überlassen. Auch in Mexiko hat die Regierung bisher keine Maßnahmen zur Linderung der Folgen für die Wirtschaft aufgelegt, dabei stürzt diese gerade heftig ab.

Angesichts der Hilfslosigkeit wenden die Regierungen die in Lateinamerika längst als überwunden geglaubten Rezepte an: Sie machen die Grenzen zu, stoppen jede regionale Zusammenarbeit. So ist Argentinien jetzt für weitere Integrationsverhandlungen aus dem Mercosur ausgetreten. Damit ist das Ende des Mercosur in der heutigen Form eingeleitet. Argentinien bewegt sich mit dem absehbaren Zahlungsstopp auf die Auslandsschulden damit wieder auf eine Isolation zu, wie bereits von 2002 bis 2015.

Unternehmen und Investoren sollten sich in Zukunft in Lateinamerika auf nationale, durch Zölle geschützte Märkte einstellen, mit der damit einhergehenden Bevorzugung und Subvention nationaler Unternehmen.

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Lateinamerika steht vor zwei entscheidenden Wochen

In Lateinamerika wird sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden, wie stark der Virus die Bevölkerung infizieren und wie hoch die Todesraten sein werden. Entscheidend ist, wie heftig die arme Bevölkerungsmehrheit betroffen sein wird. Die Anzeichen sind widersprüchlich. Die Finanzinvestoren haben ihre Entscheidungen bereits getroffen. Sie ziehen ihr Kapital ab.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Erst Anfang Mai wird in Lateinamerika mehr Klarheit darüber bestehen, wie stark die Bevölkerung vom Covid-19-Virus infiziert sein wird. Bisher finden die meisten Ansteckungen in den urbanen Zentren und vor allem in der Mittelschicht statt. Doch die Mittelschicht ist im Vergleich zu Europa klein und lebt in Lateinamerika stärker isoliert von der armen Bevölkerungsmehrheit. Deswegen bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie in den Armenvierteln des Kontinents auswirken wird. Einerseits gibt es lokale Krisenherde mit überlasteten Krankenhäusern und Bestattungsdiensten wie in Ecuadors Metropole Guayaquil oder der Amazonashauptstadt Manaus in Brasilien. Andererseits melden etwa die öffentlichen Gesundheitsdienste noch keine exponentielle Steigerung der Krankenfälle.

Das Problem ist in ganz Lateinamerika, dass die Regierungen ihre Öffnungspläne für die Wirtschaft kaum auf empirische Daten stützen können. Es gibt viel zu wenig Tests für repräsentative Erhebungen über die Krankenstände. Es ist illusorisch sie für die nächsten Wochen zu erwarten, wie einige Regierungen es immer wieder verkünden. Erst wenn die Kranken Kontakt mit den öffentlichen Gesundheitssystemen aufnehmen, dürften die Einschätzungen über die Auswirkungen der Corona-Krise realistischer ausfallen als bisher.

Die lokalen Investmentbanken beobachten sehr genau den Verlauf der Krise und veröffentlichen umfangreiche Analysen. Der Grund: Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist ein gewaltiger Risiko- und damit Kostenfaktor für ihre Kunden, die Investoren.

Die Mehrheit der Finanzinvestoren hat die Entscheidung aber bereits getroffen: Sie ziehen ihr Kapital aus lateinamerikanischen Bonds und Anleihen ab. Der Aktienindex der B3 in São Paulo, die Schlüsselbörse für die ganze Region – hat seit Jahresanfang in Dollar rund 50 Prozent verloren. Die Aussichten, dass diese Portfolio-Investoren bald wieder zurückkehren, sind gering. Der Tenor der Analysen der Investmentbanken: Es lohnt sich derzeit nicht für Investoren, das Lateinamerika-Risiko einzugehen. Dafür fallen die Erholungs- und Wachstumsaussichten für die Region mittelfristig zu schwach aus. Die wegen der Hilfsmaßnahmen und Steuerausfälle schnell steigenden Defizite und die Verschuldung der Staaten und Unternehmen werden die wirtschaftliche Erholung verzögern.

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Düstere Aussichten für das Wachstum in Lateinamerika

Lateinamerika wird durch die Corona-Krise wirtschaftlich schwer leiden. Das gilt jedoch nicht für alle Staaten: Die Andenstaaten sind besser gerüstet für die Erholung als etwa Mexiko und Brasilien. Dort drohen die Regierungen mit ihrer widersprüchlichen Politik die Krise noch zu verschärfen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Corona-Krise trifft in Lateinamerika auf einen wirtschaftlich bereits angeschlagenen Kontinent. Die neusten Prognosen etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank fallen entsprechend negativ aus: Lateinamerika insgesamt wird rund fünf Prozent an Wirtschaftskraft verlieren, also etwas stärker schrumpfen als die Weltwirtschaft insgesamt.

Die Krise wirkt sich unterschiedlich aus: Die drei größten Ökonomien Brasilien, Mexiko und Argentinien werden stärker von der Rezession betroffen sein und länger brauchen, um sie hinter sich zu lassen. Die Andenökonomien Chile, Peru und Kolumbien dagegen werden weniger hart unter den sinkenden Rohstoffpreisen, der Kapitalflucht sowie steigender Arbeitslosigkeit leiden. Ihr Wachstum wird sich 2021 vermutlich auch schneller wieder erholen als in den großen Volkswirtschaften. Wegen ihrer geringeren Haushaltsdefizite können die Andenländern stärker anti-zyklische Maßnahmen durchführen. Auch von der Erholung Chinas werden sie als Zulieferer nach Fernost bald profitieren können.

Die düsteren Prognosen der Institutionen aus Washington und der Investmentbanken für Brasilien, Mexiko und Argentinien liegt einerseits an deren bereits defizitären Haushalten und hohen Schuldenständen. Sie müssen sich noch stärker verschulden, um über Sozialhilfe die Not ihrer Bevölkerungen zu senken. Diese steigenden Schulden werden die zukünftigen Wachstumsaussichten belasten. Entsprechend verzögert fällt die Erholung für die drei Ökonomien aus. Sie werden im nächsten Jahr nur zwischen 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, so die Weltbank.

Negativ wirkt sich zudem aus, dass die Regierungen in Brasilien und Mexiko verlangsamt und widersprüchlich auf die Ausbreitung des Virus reagieren – gerade jetzt, wenn eine transparente und klare Politik gefragt ist, wie sie der IWF einfordert. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht das Risiko von politischen Fehlentscheidungen in den beiden größten Ökonomien als hoch an.

Das sind schlechte Aussichten für ganz Lateinamerika: Brasilien und Mexiko vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform – in die USA und weltweit.

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COVID-19 und die Lage in Lateinamerika

Die COVID-19-Pandemie hat auch Lateinamerika und seine Märkte mit voller Wucht erreicht. Der klassische LADW Sunday Brief wird vorübergehend an diese sehr volatile Situation angepasst: Von nun an werden Sie hier alle zwei Wochen mit Trends und Analysen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Region informiert.

Verfasst werden die Nachrichten von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ, und immer donnerstags veröffentlicht.

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