Deutschland unter den Schlusslichtern bei Handel und Investitionen in Lateinamerika: LADW plädiert für Kursänderung

LADW-Vorsitzender Andreas Renschler: „Sollten uns deutlich stärker engagieren und miteinander statt übereinander reden“

Studie „CEO Agenda“ für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey vorgestellt

Renschler als Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wiedergewählt

 

„Wenn die deutschen Unternehmen in Lateinamerika nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen sie sich deutlich stärker engagieren“, mahnte Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (LADW), anlässlich der Lateinamerika-Karibik-Konferenz des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort stellten am Dienstag der LADW und McKinsey & Company die Studie „CEO Agenda“ für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika vor.

Die Erhebung kommt zu dem Schluss, dass Deutschland – früher einer der größten Investoren in Lateinamerika – mittlerweile im OECD-Vergleich eines der Schlusslichter ist. Renschler, seit 2015 Vorsitzender des LADW, wurde auf der Mitgliederversammlung bis 2021 wiedergewählt. Er ist Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und CEO von TRATON SE.

Laut „CEO Agenda“ entfallen weniger als drei Prozent der weltweiten deutschen Investitionen auf Lateinamerika – und liegen damit fast drei Viertel unter dem OECD-Durchschnitt. „Mit Blick auf die weltweit wachsenden protektionistischen Handelspraktiken ist schwer nachvollziehbar, dass die Exportnation Deutschland Lateinamerika als Wirtschaftspartner so wenig Beachtung schenkt“, sagte Renschler. Im Gegensatz dazu hätten chinesische und US-amerikanische Unternehmen die Bedeutung erkannt. China und die USA verfolgten eine konsequente Expansionspolitik in der Region: Während die deutschen Exporte in die Region in den vergangenen zehn Jahren im jährlichen Durchschnitt nur um knapp drei Prozent auf 38 Milliarden US-Dollar stiegen, kletterten im selben Zeitraum die US-amerikanischen um fast fünf Prozent auf 392 Milliarden US-Dollar und die chinesischen Exporte um knapp zehn Prozent auf 130 Milliarden US-Dollar.

Die „CEO Agenda“ empfiehlt angesichts dieser Entwicklung dringend einen Kurswechsel zu intensiverer wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Große Potenziale biete die Produktivität. Der Beitrag der Produktivitätssteigerung zum Wirtschaftswachstums seit 2017 beträgt in der Region nur 22 Prozent – was ein Viertel des Beitrags in Asien entspricht und im weltweiten Vergleich zu der geringsten Werten gehört.

„Lateinamerika will und muss produktiver werden. Deutsche Unternehmen können auf diesem Feld einen entscheidenden Beitrag leisten“, sagte Renschler. Durch den demografischen Wandel und die Abnahme der erwerbstätigen Bevölkerung droht Lateinamerika bis 2030 ein Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums um 40 Prozent. Dies könne durch mehr Produktivität aufgefangen werden.

„Nach unserer Analyse gilt dies vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Landwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Transport, Bergbau, Öl und Gas sowie Energie“, erklärt Cornelius Baur, Managing Partner Deutschland von McKinsey & Company.

Für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika muss sich aber auch die Politik engagieren, dies- und jenseits des Atlantiks. „Wir brauchen eine gemeinsam mit der Bundesregierung abgestimmte Langfriststrategie, klare und faire Wettbewerbsbedingungen, ein verbessertes Bildungssystem in der Region sowie eine gezielte Förderung von Pilotprojekten, etwa im Bereich Digitalisierung, Mobilität oder Internet of Things“, plädierte Renschler.

Der LADW pflegt seit 2015 den Austausch mit Politik und Wirtschaft in Deutschland und Lateinamerika, initiiert und gestaltet bilaterale Kooperationsansätze, um Veränderungen anzustoßen und Zukunft mitzugestalten.

Renschler unterstrich: „Es ist wichtig, kontinuierlich den Dialog mit gewählten Institutionen zu führen. Wer etwas verändern will, sollte miteinander anstatt übereinander reden.“

Über die CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika

Mit dieser Agenda wollen LADW und McKinsey & Company Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine aktuelle Faktenbasis für die Diskussion bieten und somit einen Beitrag leisten, eine zukunftsfähige Perspektive für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu generieren. Die CEO Agenda wurde von McKinsey & Company für den LADW erarbeitet und deren Haupterkenntnisse in einer Publikation zusammengefasst.

Übergabe der CEO Agenda
Übergabe der CEO Agenda durch LADW-Vorsitzenden Andreas Renschler und McKinsey CEO Dr. Cornelius Baur an Bundesaußenminister Heiko Maas | © Christian Kruppa

Zeitenwandel in Lateinamerika – warum es sich lohnt, genauer hinzusehen

von Andreas Renschler, Vorsitzender des LADW, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE.

 

Der Wandel in Lateinamerika läuft auf Hochtouren. Angefangen mit den neuen Präsidenten in den beiden größten Volkswirtschaften der Region: Der linke Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und der rechte Jair Bolsonaro in Brasilien sind gerade dabei, das Establishment in ihren Ländern mit Hochdruck umzukrempeln und damit das politische und wirtschaftliche Klima Lateinamerikas zu verändern. Beide Staatsoberhäupter versprechen trotz der politischen Unterschiede das Gleiche: Mehr Wohlstand und nachhaltiges Wachstum. Davon könnten zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Lateinamerikas profitieren, für die Brasilien und Mexiko zusammengenommen stehen. Dass die Chancen für den Erfolg nicht gerade klein sind, zeigt das steigende Vertrauen von Investoren aus aller Welt. Es bleibt noch abzuwarten, welchen Weg beide Regierungen einschlagen werden, um ihre Versprechen zu halten. Sicher wird 2019 ein entscheidendes Jahr.

Weiter südlich auf dem Kontinent stehen ebenfalls richtungsweisende Präsidentschaftswahlen an: Die Argentinier müssen im Oktober dieses Jahres dem Neoliberalismus von Präsident Mauricio Macri eine Zu- oder Absage erteilen – möglicherweise auch verbunden mit Polarisierung wie zuletzt in Brasilien. Und im Norden Südamerikas tickt eine Zeitbombe: Venezuelas politische Krise muss ein friedliches Ende finden.

Gerade in solchen Momenten stellt sich wieder die Frage: Positioniert sich Deutschland in Lateinamerika bereits ausreichend? Sollten Deutschland und Europa vielleicht strategischer mit der Heimat von 650 Millionen überwiegend jungen Menschen umgehen? Noch ist Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Karten in Lateinamerika werden derzeit neu gemischt und die Haltung der ausländischen Partner auf den Prüfstand gestellt. Einerseits muss Mexiko in den Beziehungen zu den USA immer noch wie auf Eiern gehen, andererseits spricht man in Brasilien über eine noch nie da gewesene Allianz mit den USA, die Präsident Bolsonaro bei dem Besuch seines Amtskollegen Trump Anfang März knüpfte. Und China arbeitet weiterhin daran, seine Position in Lateinamerika zu stärken – langfristig und ohne Improvisation, denn Peking hat eine klare Strategie, was dort in den nächsten fünfzig Jahren erreicht werden soll.

Währenddessen muss sich die EU konsolidieren. Die Herausforderung Brexit muss gemeistert werden. Noch wichtiger ist, dass die EU ihr wirtschaftliches Gewicht besser in politisches Gewicht ummünzt. Wir sind der größte Wirtschaftsraum der Erde und haben ein berechtigtes Interesse daran, gegenüber den sich immer mehr polarisierenden Wirtschaftsmächten USA und China unsere Eigenständigkeit zu wahren. Wir sollten das Potenzial nutzen, das in der engeren Allianz zwischen der EU und den lateinamerikanischen Volkswirtschaften liegt. Bei den Vereinten Nationen machen die Staaten Lateinamerikas und der Karibik zusammen mit Europa ein Drittel der Gesamtstimmen aus. Die Jahrhunderte alte, kulturelle Verbindung beider Regionen sorgt für das nötige Vertrauen. Es lohnt sich, diese Region wieder neu als engen Partner und Verbündeten zu gewinnen.

Lateinamerika
© Pixabay, Gerd Altmann

Worauf es jetzt in Lateinamerika für uns ankommt

Die neuen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko wagen einen großangelegten Neuanfang. Der Eine ist politisch rechts, der Andere links orientiert. Beide möchten mit der Beseitigung von Problemen wie Kriminalität, Korruption und Bürokratie punkten. Und es soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Ohne das Ausland wird dies nicht gelingen. Für beide Länder scheint das klar zu sein – grenzwertigen Äußerungen und scharfen Sprüchen der Präsidenten zum Trotz. Wie genau die Rhetorik der neuen Staatsoberhäupter Realität wird, werden wir 2019 sehen.

Sicher ist: Diese Neustarts werden die gesamte Region umkrempeln. Denn Brasilien und Mexiko stehen nicht nur für etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas, sie wirken zudem als Stabilitätsanker des Kontinents. Selbst kleinste Kursänderungen gehen nicht spurlos an den Nachbarländern vorüber. Zwar sind die deutschen Unternehmen in Lateinamerika gut vertreten und vernetzt, das Potenzial ist aber längst nicht ausgeschöpft. Es geht also weniger darum, „ob“ man sich in Lateinamerika engagiert, sondern eher um das „wie“.

Es mehren sich bereits Anzeichen wachsender Zuversicht. Ein Vertrauensvorschuss wird von Investoren aus aller Welt gewährt, speziell für Brasilien. Tatsächlich steht das Land wirtschaftlich solide da. Der Finanzmarkt jubelt wie nie zuvor. Nicht umsonst – gerade so ein politischer und wirtschaftlicher Umschwung bietet Chancen, die rechtzeitig ergriffen werden müssen. Auch von uns deutschen Unternehmen. Tun wir das nicht, laufen wir Gefahr, dort den Anschluss zu verpassen. Der Preis dafür wäre hoch, da die Region ein wichtiger Markt ist und bleibt!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
© TRATON SE

Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°10

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„Brasilien und Mexiko – zwei Richtungen, ein Auftrag: Reform“

Die eindeutigen Wahlsiege von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Jair Bolsonaro in Brasilien zeigen, welch große Hoffnungen die Menschen in beiden Ländern in den Wechsel setzen. So unterschiedlich die politischen Richtungen auch sein mögen: Die Bürger beider Länder wollen eine kluge Wirtschaftspolitik, die Wohlstand schafft und sozialen Ausgleich stärkt, sowie ein entschlossenes Vorgehen gegen Korruption und eine Verbesserung der Sicherheitslage bringt. Das sind Themen, die für die deutsche Wirtschaft ganz zentral sind.

Beide Präsidenten stehen am Beginn ihrer Amtszeiten. Und beide haben sich für ihre Arbeit vor allem einen Begriff auf die Fahnen geschrieben: Reform. Der Gestaltungsbedarf ist enorm. Wir als Unternehmen blicken deshalb offen, konstruktiv und optimistisch auf das Kommende. Brasilien und Mexiko sind für deutsche Firmen wichtige Partnerländer, in denen noch viel Potenzial schlummert, das durch eine kluge und wirtschaftsfreundliche Politik gehoben werden kann. Beide Präsidenten haben ein klares Mandat. Nun sind sie gefordert, dieses zum Wohl ihrer Länder zu nutzen.

Stellvertretender LADW-Vorsitzender Guido Kerkhoff - thyssenkrupp
© thyssenkrupp

Guido Kerkhoff

Vorsitzender des Vorstands der thyssenkrupp AG, Stellv. LADW-Vorsitzender und Ko-Sprecher LADW-Arbeitskreis „Brasilien“

Sunday Brief N°10

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Regierungswechsel für Lateinamerikas wichtigste Märkte

In Mexiko und Brasilien sind neue Präsidenten angetreten. Wie sie regieren werden, ist noch völlig offen. Sicher ist: Sie werden das politische und wirtschaftliche Klima in Lateinamerika verändern.

Das Jahr 2019 fängt in Lateinamerikas zwei größten Staaten spannend an. In Mexiko und Brasilien sind Präsidenten angetreten, bei denen schwer einzuschätzen ist, wie sie die nächsten Jahre regieren werden. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird erheblichen Einfluss auf die Region haben: Beide Staaten vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform in die USA und weltweit.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Staatsoberhäupter beträchtlich: Andrés Manuel López Obrador in Mexiko tritt Unternehmern kritisch gegenüber und will vor allem mit Umverteilung die Armut im Land beseitigen. Die mexikanischen Unternehmer fürchten, dass er die Uhr zurückdrehen wird zu einer Politik der geschlossenen Grenzen, staatlichem Dirigismus und Sozialpolitik im Einklang mit den Gewerkschaften. Jair Bolsonaro in Brasilien ist ein rechter Politiker, ein ehemaliger Hauptmann, der neoliberale Reformen durchführen will. In Brasilien hofft die Wirtschaft, dass Bolsonaro dem Land endlich den dringend nötigen Reformschub verpasst, Staatskonzerne privatisiert und die Wirtschaft öffnet.

Doch trotz der ideologischen Unterschiede gleichen sich die beiden Amtsinhaber. Nicht nur, dass sie beide mit Mitte 60 ähnlich alt sind. Beide konnten sich gegenüber den Wählern erfolgreich als Vertreter des Anti-Establishments darstellen. Sie versprechen einen Bruch mit der herkömmlichen Politik und wollen hart gegen Korruption und Kriminalität vorgehen. Dabei haben die Regierungen vor ihnen versagt. Brasilien und Mexiko sind beides Staaten mit extrem hoher Kriminalität und Korruption. Wichtig für ihren Sieg war zudem, dass sie in den größten katholischen Ländern der Welt die Stimmen der stark gewachsenen Evangelikalengruppen sichern konnten.

Beide Kandidaten sind jedoch keine politischen Outsider: Obrador wie Bolsonaro sind seit Jahrzehnten Berufspolitiker. Der mexikanische Präsident begann seine Politkarriere in der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die 70 Jahre das Land regierte. Er war Bürgermeister der Hauptstadt Mexiko und dreimal Präsidentschaftskandidat. Der Brasilianer Bolsonaro ist seit fast 30 Jahren Abgeordneter. Beide Politiker waren immer Einzelgänger in der Politik.

Von ihren Anhängern werden die neuen Präsidenten wie Erretter gefeiert, welche anders als die geringgeschätzte Politikerkaste nationalistisch „fürs Volk“ regieren werden. Dabei gleichen sie mit dem Personenkult, der um sie gemacht wird, den traditionellen Caudillos Südamerikas. Beides sind es Politiker, die kaum die Welt außerhalb ihrer nationalen Grenzen kennen, noch sich dafür zu interessieren scheinen.

Dennoch gibt es für Unternehmen und Investoren Unterschiede in beiden Ländern: So tritt López Obrador in Mexiko mit großer Machtfülle an. Seine Partei hat die Mehrheit im Kongress, seine Regierung kontrolliert das Budget. Er hat mit dem Baustopp des neuen Flughafens in Mexiko-Stadt gezeigt, dass er gegenüber der Wirtschaft nicht den pragmatischen Kurs einschlagen wird, den die Unternehmer von ihm erhofften. Zudem sind die Justiz, Medien und Opposition in Mexiko zu schwach, um den Präsidenten zu größerer Kompromissbereitschaft bringen zu können. Auch geht es Mexikos Wirtschaft gut. López Obrador steht nicht unter Druck, in Kürze Reformen für die Wirtschaft liefern zu müssen.

In Brasilien ist das anders: Bolsonaro muss schnell die schwierige Rentenreform in Gang bringen. Nur dann kann das Haushaltsdefizit absehbar sinken und die brasilianische Wirtschaft wieder wachsen, wenn die Investoren ihre Projekte umsetzen und Unternehmen Arbeitsplätze schaffen. Misslingt der Start, dann dürfte Bolsonaro bald politisch geschwächt sein, weil die Wirtschaft erneut stagnieren wird – nach drei Jahren Rezession. Zudem steht er einem starken Kongress gegenüber, mit nur einer Minderheit der Abgeordneten auf seiner Seite. Die Medien, die Justiz und auch die Zivilgesellschaft werden den Präsidenten kontrollieren. Er hat die Wirtschaftskompetenz zudem abgegeben: Sein Superminister für Wirtschaft hat alle relevanten Positionen mit fähigen Ökonomen, Bankern und Technokraten besetzt.

Fazit: Auf den ersten Blick erscheinen die Chancen für einen wirtschaftlichen Reformkurs in Brasilien größer als in Mexiko. Dennoch sind beide Präsidenten Populisten. Entsprechend schwer ist vorherzusehen, wie sie auf Widerstand gegen ihre Politik und Krisen reagieren werden. Beide Staatsoberhäupter könnten versuchen, die Exekutive zu stärken. Damit würde nun auch in Lateinamerikas größten Staaten die gleiche Trendwende beginnen, welche die Türkei, Ungarn und nicht zuletzt die USA seit einiger Zeit erleben.

Regierungswechsel in Brasilien und Mexiko
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Alexander Busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°10

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Keine Experimente in Brasilien!

Kurz nach der Stimmenauszählung äußert sich der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler, Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG, zu der sehr polarisierenden Wahl in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Renschler fordert schnelles Handeln von der neugewählten Regierung um Jair Bolsonaro.

„Sie muss die gespaltene Gesellschaft wieder einen und stabile politische Rahmenbedingungen schaffen. Und sie sollte berücksichtigen, dass es für Experimente und Worthülsen keinen Spielraum mehr gibt, sondern solide politische Arbeit vonnöten ist. Denn das Land braucht Wachstum“, schreibt er.

Brasilien hat sich mit diesen Wahlen für einen politischen Neuanfang entschieden. Dabei entstehen nicht nur Risiken, ganz im Gegenteil: „Wir sollten die sich bietenden Chancen des anstehenden Neustarts nutzen“, erklärte er. Das Land sei die größte Wirtschaft Lateinamerikas und stehe für etwa ein Drittel des BIP und der Bevölkerung der Region.

„Möglichkeiten, die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft bei der Weiterentwicklung Brasiliens zu nutzen, gibt es mehr als genug. Industrie 4.0 oder neue Logistik- und Mobilitätskonzepte sind nur einige Felder, auf denen die deutsche Wirtschaft weltweit führend ist“, so der LADW-Vorsitzende.

Den kompletten Gastbeitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 253 vom 31. Oktober 2018 auf Seite 17 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Ein „Weiter so“ tut es in Brasilien nicht – ein Grund für Zuversicht!

Eine Generalwahl ist für Brasilien immer eine Herkulesaufgabe: Die Wahlpflicht schickt knapp 70 Prozent der 210 Millionen Brasilianer zu den Urnen. Im Oktober werden Staatsoberhaupt und Regierungschef, 513 Bundesabgeordnete, zwei Drittel des Bundessenats sowie Landesregierungen und Parlamente aller 27 Bundesstaaten gewählt. Aber diesmal erschwert die aktuelle politische Gemengelage die Wahl zusätzlich. Die Volksparteien wurden durch die großangelegte Korruptionsaufarbeitung der letzten Jahre zutiefst erschüttert. Renommierte Politiker saßen oder sitzen in Haft. Das fünftgrößte Land der Erde ist zerrissen, denn das „Altbekannte“ soll keine Option mehr sein, aber ein wirkliches Novum ist nicht jedermanns Sache. Da ist es nicht überraschend, dass die bevorstehenden Wahlen Meinungen und Menschen im Lande Tag für Tag polarisieren.

Diese außergewöhnliche Konstellation stellt Brasilien auf eine harte Bewährungsprobe: Die Politik muss einen Neustart wagen. Die Wirtschaft wird sich eine Zeit lang in ungewissem Fahrwasser behaupten müssen. Und vor allem muss die Gesellschaft Brasiliens wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Der Ausgang von Wahlen ist immer ungewiss, aber eines steht jetzt schon fest: Ganz gleich, wer die Wahl gewinnt, ein einfaches „Weiter so“ kann es nicht geben. Eine immer offenere Gesellschaft, eine wachsame Öffentlichkeit und eine Wirtschaft, die nach Wachstum strebt, erhöhen den Druck auf das politische Handeln. Das gibt uns Anlass zur Zuversicht. Wir werden auch als deutsche Unternehmen weiterhin einen langen Atem brauchen, aber Brasilien hat gute Voraussetzungen, sein Potenzial in stabiles Wachstum umzumünzen und sich auch international wieder nach vorn zu bringen.

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
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Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON AG

Sunday Brief N°9

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Herr Sennes, muss man sich vor den Wahlen in Brasilien fürchten?

Die diesjährigen Wahlen sind von größter Bedeutung. Das Land befindet sich in einer Krise aufgrund von Spannungen, die durch den raschen sozioökonomischen und institutionellen Fortschritt der letzten Jahre entstanden sind. Aber dieser Fortschritt wurde weder von einer Erneuerung der politischen Elite noch von einer wettbewerbsorientierten Agenda begleitet. Die Wirtschaftskrise 2015/16 wie auch die Korruptionsskandale zerstörten das politische Feld von Mitte und bis Mitte-rechts und machten für einen populistischen rechtsextremen Kandidaten Platz: Jair Bolsonaro.

Er vereint Züge von Chavez aus Venezuela und Duterte von den Philippinen. Als Hauptmann a.D. trat er vor 28 Jahren in die Politik ein und ist nun in der 7. Amtsperiode Bundesabgeordneter. Als Verteidiger der Militärdiktatur ist er für seine Aussagen für Folter, gegen Menschenrechte, Homosexuelle und Schwarze bekannt. Sein Profil im Kongress zeigt ihn überwiegend als Gegner von Privatisierungen, Haushaltsanpassung und wirtschaftlicher Öffnung. Sein wirtschaftlicher Berater ist jedoch ultraliberal mit einem PhD der Universität Chicago und Erfahrungen von der Pinochet-Regierung in Chile. Daher bleibt offen, auf welche Grundlage Bolsonaro sich wirklich stützt, falls er gewählt wird.

Lula und die PT wirken nicht mehr als Bindeglied der Kräfte von Mitte und Mitte-links, bleiben aber weiterhin die vorherrschende Kraft in diesem Lager. Fernando Haddad ist klug und hat eine langfristige Vision, hat aber noch nicht die Fähigkeit bewiesen, komplexe Projekte zu leiten. Seine Leistung als Bildungsminister war positiv, aber als Bürgermeister von São Paulo nicht so sehr. Bolsonaro und Haddad sollten in die zweite Runde kommen und Haddad sollte gewinnen.

Ricardo Sennes
© Christian Kruppa

Ricardo Sennes

Brasilianischer Ökonom, Managing Partner Prospectiva und Senior Fellow Atlantic Council

Sunday Brief N°9

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China baut seine Präsenz in Brasilien strategisch aus – und folgt dabei einem detaillierten Plan

Vereinfacht lässt sich sagen: Vor der Jahrtausendwende existierte China in Südamerika kaum als Handelspartner, Investor oder politischer Akteur. Das hat sich rasant geändert. Und trifft besonders auf Brasilien zu. Rund 55 Prozent aller Direktinvestitionen aus China nach Südamerika sind in den letzten eineinhalb Dekaden nach Brasilien geflossen. 54 Milliarden Dollar waren das. Brasilien ist weltweit die Nummer 3 als Empfänger chinesischer Investitionen. Zudem ist China heute der größte Exportmarkt für Brasilien. Von dort kommen auch die meisten Importprodukte. Das alles ist kein Zufall, sondern langfristig geplant. China geht in Südamerika genau so vor, wie es die Regierung in ihren Papieren zu Lateinamerika und der Karibik von 2008 und 2016 formuliert hat. Die Annäherung fand in drei Phasen statt. 

Von 2005 bis 2013 ging es China vor allem darum, Rohstoff- und Energiequellen zu sichern. In diese Phase fielen die Großkredite an Petrobras gegen künftige Öllieferungen, die Investitionen von chinesischen Agrar-Tradern oder auch die wachsenden Beteiligungen in den Häfen. In São Paulo ließen sich die ersten der inzwischen fünf chinesischen Banken nieder, die am Anfang vor allem den Handel mit China finanzierten, inzwischen aber auch die Investitionen begleiten.

Phase 2 steht unter dem chinesischen Sprichwort: „Wenn du reich werden willst, dann baue eine Straße“. Seit drei Jahren investieren chinesische Staatskonzerne in die brasilianische Infrastruktur. Allein 2017 kauften sich chinesische Konzerne für rund zehn Milliarden Dollar in die brasilianische Strombranche ein. State Grid ist nun der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens, China Three Gorges der führende private Stromproduzent im Land. China zeigt dabei gutes Timing: Seine Konzerne begannen mit ihren Investitionen in Brasilien, als dort der Staat und die privaten Unternehmer durch die Rezession und den Korruptionsskandal „Lava-Jato“ außer Gefecht gesetzt waren. Bei den Investitionen denkt China strategisch in die Zukunft: Die Digitalisierung und Vernetzung der Investitionen ist nur eine Frage der Zeit. Denn wer Stromnetze, Straßen, Schienenwege, Häfen und bald Telekommunikationsnetze kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung als Investor, wenn es um die Digitalisierung und Datenkommunikation Brasiliens geht.

Phase 3 der Investitionsstrategie läuft jetzt gerade an. Drei Beispiele: Das Online-Kaufhaus Alibaba will die Lizenz des brasilianischen Frachtflughafens Viracopos kaufen. Dort will das Unternehmen sein Logistikzentrum für Brasilien aufbauen, um den Markt der 210 Millionen Konsumenten zu bedienen. Der chinesische Batteriehersteller und Autokonzern BYD (“Build your dreams“) liefert gerade die ersten 20 von 200 Elektronik-Trucks an eine städtische Müllentsorgung. In Brasilien produziert das Unternehmen zudem E-Busse und Solarpanels. Der chinesische Uber-Konkurrent Didi Chuxing hat Anfang dieses Jahres den brasilianischen 99app aufgekauft für 300 Millionen Dollar und damit das brasilianische Unternehmen zum ersten Startup-Unternehmen gemacht mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar. China will Brasilien enger in die Wertschöpfungsketten seiner Industrie einbauen.

Im Konzeptpapier von 2016 steht auch, wie es weitergehen soll: In der großen Politik durch den Abschluss von Handelsabkommen. Durch verstärkte institutionalisierte Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene in Brasília wie auch in den Bundesstaaten. Durch öffentlich-private Investitionsprojekte. Durch intensive Kontaktpflege mit künftigen politischen Führern. Durch den Aufbau von akademischen Think-Tanks. Für jeden dieser Punkte lassen sich heute schon Belege finden.

China hat in wenigen Jahren an seinen Universitäten viel Wissen über Brasilien angesammelt und in der Politik Netzwerke aufgebaut. Nach nur einer Dekade treten chinesische Korrespondenten, Diplomaten, Akademiker, Unternehmer und Banker diskret, aber überaus sattelfest in Brasilien auf. Sie sind bestens vernetzt, sprechen perfekt Portugiesisch, kennen sich in Details über die brasilianischen Politik und Bürokratie aus. Diplomaten in Brasília berichten, dass ihre chinesischen Kollegen in einigen wichtigen Ministerien ein- und ausgehen würden, als seien sie zu Hause. Im Planungsministerium etwa existiert eine chinesisch-brasilianische technische Arbeitsgruppe, die jetzt bei ihrem dritten Treffen über Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar entscheiden will.

China füllt also in Brasilien zunehmend das Vakuum aus, welches die USA dort hinterlassen. Genauso wie die EU: So wird Ende Oktober in Montevideo ein hochrangiger ökonomischer Mercosur-China-Dialog stattfinden – während die Chancen auf ein baldiges Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur gerade wieder gesunken sind.

Wir Europäer sollten angesichts der Offensive aus Fernost überlegen, ob unser Lateinamerika-Konzept nicht aktualisiert werden müsste. Das gilt besonders für uns Deutsche, die wir mit Brasilien als strategischem Partnerland regelmäßige Konsultationen abhalten wollen. Bisher fanden die nur 2015 einmal statt. Seitdem hat sich in Brasilien viel getan.

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alexander busch

Korrespondent Handelsblatt, Wirtschaftswoche und NZZ in Lateinamerika

Sunday Brief N°9

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Mehr Kompromissbereitschaft bei EU-Mercosur-Abkommen

In einem gemeinsamen Schreiben an Bundeskanzlerin Merkel, den brasilianischen Präsidenten Temer, EU-Kommissarin Malmström und Mercosur-Verhandlungsführerin Csukasi plädieren der LADW, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der brasilianische Industrieverband (CNI) für mehr Tempo und Kompromissbereitschaft bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur.

„Die Europäische Union und die Mercosur-Mitgliedsstaaten haben eine einmalige Gelegenheit, ein Abkommen zu treffen, das Weichen für zukünftige, prosperierende Wirtschaftsbeziehungen stellt“, heißt es im Dokument. Für die drei Organisationen gefährden gegenwärtige Entwicklungen das gesamte System der Welthandelsorganisation (WTO). Angesichts dessen komme dem Vertragswerk eine noch höhere strategische Bedeutung zu.

Konkret wird in dem Schreiben ausgeführt: “Beide Seiten sind aufgefordert, bei den wenigen verbliebenen strittigen Punkten Kompromisse einzugehen, wie zum Beispiel bei den Übergangsfristen zum Abbau von Zöllen auf bestimmte EU-Industriegüter, den Importquoten für Agrarerzeugnisse des Mercosur oder den geschützten Ursprungsbezeichnungen. Einzelinteressen dürfen dem Abschluss eines ausgewogenen Abkommens und den weitreichenden Gewinnen, die dieser Vertrag für Wirtschaft und Bevölkerung beider Seiten bieten könnte, nicht im Wege stehen.“

Die deutsche Industrie unterstützt ein solches Abkommen mit Nachdruck. Laut Angaben der Kommission ist die EU der größte Handelspartner und ausländische Investor des Mercosur. Eine Übereinkunft von zwei der fünf größten Wirtschaftsmächte der Welt wäre – gerade in Zeiten aufsteigenden Protektionismus – ein Zeichen für offenen, regelbasierten Handel. Der Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen würde dem Wirtschaftsraum von rund 800 Millionen Menschen die Wachstumsimpulse geben, die beide Seiten jetzt so dringend brauchen. Allein die Einsparungen für EU-Exporteure durch wegfallende Zölle werden auf 4 Milliarden Euro im Jahr geschätzt.

 

Weiterführende Informationen

Überblick der EU-Kommission zu den Verhandlungen

Zahlen und Fakten zum Abkommen

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