Lateinamerika steckt noch voll in der Pandemie, doch ein Wahlzyklus beginnt

Die Weltwirtschaft könnte dieses Jahr so stark wachsen wie schon lange nicht mehr. Ob Lateinamerika davon profitieren wird, hängt davon ab, wie lange es noch braucht, bis die Pandemie in der Region eingedämmt wird.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Noch ist schwer einzuschätzen, wie sich die jetzige Ferienzeit in Südamerika auf die Infektionszahlen auswirken wird. Zwar scheinen bis auf Ausnahmen wie Argentinien die Zahl der Neuinfizierungen zu sinken. Und auch die Impfungen beginnen jetzt in den meisten Staaten. Doch erst ab der Jahresmitte dürften sie flächendeckend zum Einsatz kommen. Noch ist also der weitere Verlauf der Pandemie in Lateinamerika unklar. Eine Normalisierung des Alltagslebens scheint in den nächsten Monaten schwer vorstellbar.

Das könnte dazu führen, dass Lateinamerika erst spät von der neuen Dynamik in der Weltwirtschaft profitieren wird. Die Prognosen der Investmentbanken für 2021 zeigen das: Zwischen 3 und 4 Prozent wird Lateinamerika dieses Jahr nur wachsen, nach einem Minus von 7 bis 9 Prozent 2020. Damit sei die Region auch in diesem Jahr erneut das globale Schlusslicht in der Weltwirtschaft, so die Prognose von JP Morgan. Nur rund halb so viel wie die Emerging-Markets weltweit dürfte die Wirtschaftskraft zwischen Patagonien und Mexiko damit 2021 zulegen.

Die Pandemie hat Lateinamerikas Schwächen bloßgestellt und teilweise noch verstärkt: Zum schwachen Wachstum kommen jetzt auch noch die hohen Haushaltsdefizite wegen der Konjunkturmaßnahmen während der ersten Corona-Welle. Die Staatsverschuldung ist in die Höhe geschnellt. Die Interamerikanische Entwicklungsbank erwartet, dass die Verschuldung der Region derzeit bei 74 Prozent des BIP liegt, verglichen mit 57 Prozent im Jahr 2019. Ein solch hohes Verhältnis von Schulden zu BIP untergräbt die Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung. Die meisten großen lateinamerikanischen Volkswirtschaften werden laut der Rating-Agentur Moody’s frühestens im Jahr 2022 oder 2023 wieder das Produktionsniveau von vor der Pandemie erreichen.

Gutes Regieren und Reformen wären jetzt notwendig – doch zwischen Passivismus (Brasilien, Mexiko) und Aktivismus (Peru und Argentinien) „verfüge kein Land derzeit über eine überzeugende Führung“, urteilt Oxford Economics.

Dazu kommen 2021 auch wieder Wahlen: In Peru wird im April ein neuer Präsident gewählt, in Chile im November. In Argentinien (Oktober) und Mexiko (Juni) finden wichtige Wahlen für die Legislativen statt. Die Sorge ist, dass in den bisher vergleichsweise gut regierten Staaten am Pazifik Populisten ans Ruder kommen, wie in Brasilien oder Argentinien. Das würde in ganz Südamerika den Druck für marktwirtschaftliche Reformen schwächen.

Kolumbien und Mexiko gelten aus der ökonomischen Makroperspektive derzeit als am stabilsten aufgestellt. Brasilien dagegen ist immer mehr von der Investorenstimmung abhängig: Wie lange werden sie die höchsten Schulden unter den Emerging-Markets noch finanzieren wollen? Von der Regierung Bolsonaro sind in den letzten zwei Jahren ihrer Amtszeit kaum noch Reformen zu erwarten.

Argentinien dürfte auch nach einem möglichen Abkommen mit dem IWF in den nächsten Monaten noch lange keine Kredite bekommen. Zu erratisch und planlos erscheint die Regierung von Alberto Fernández, der zunehmend unter den Einfluss seiner Vize, Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, gerät.

Dennoch gibt es auch einige positiven Nachrichten aus Lateinamerika. Die Inflation und die Leistungsbilanzen sind unter Kontrolle. Auch die anziehenden Rohstoff- und Energiepreise werden in der Region für wachsende Exporteinnahmen sorgen und die insgesamt sinkenden Auslandsinvestitionen zumindest teilweise ersetzen.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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