COVID-19 verwandelt die politische Landschaft Lateinamerikas

Politiker mit klaren Strategien gewinnen in der Corona-Krise an Popularität, Leugner verlieren an Rückhalt. Das größte Problem kommt aber noch: Der soziale Abstieg durch die wirtschaftliche Krise.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das Corona-Virus hat Lateinamerika vor einem Monat als eine der letzten Regionen weltweit erreicht – und es ist überraschend, wie schnell Präsidenten in kurzer Zeit ihre Popularität steigern können, wenn sie mit klaren Strategien gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen. Das zeigt sich in Peru, Chile und Argentinien.

In Peru etwa hat Präsident Martín Vizcarra direkt nach den ersten Infizierungen schon Mitte März das Land geschlossen und einen radikalen Lockdown verhängt. Vizcarras Popularität ist seitdem von 52 auf 87 Prozent gestiegen.

In Chile hat der unbeliebte konservative Präsident Sebastián Piñera eine schrittweise soziale Isolation eingeführt. Gleichzeitig hat er Hilfsmaßnahmen des Staates verordnet. Inzwischen konnte Piñera, der durch die Demonstrationen gegen seine Regierung und für eine neue Verfassung massiv geschwächt ist, seine Popularitätsrate fast verdoppeln auf 21 Prozent.

Auch in Argentinien schärft Alberto Fernández sein Profil als sozialer Macher mit einer klaren Quarantäne-Politik. Über 80 Prozent der Bevölkerung stehen hinter ihm. Seine Wahl gewann er vor fünf Monaten mit rund 50 Prozent der Stimmen.

Umgekehrt gilt: Wenn Präsidenten die Krise verleugnen, schönreden oder zögerlich reagieren – dann verlieren sie rasant an Rückhalt in der Bevölkerung. Das gilt unabhängig von der politischen Ausrichtung für die Populisten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko.

Der rechtspopulistische Bolsonaro hält die Brasilianer gegen den Rat seiner Minister und Experten weiterhin dazu an, zur Arbeit zu gehen. Der Virus sei nicht viel schlimmer als eine Grippe, behauptet er. Inzwischen haben fast alle Gouverneure das öffentliche Leben beschränkt. Jeden Abend kommt es zu lautstarkem Topfschlagen gegen den Präsidenten – auch in Wohngegenden, in denen die meisten für den ehemaligen Militär gestimmt haben. Die Popularität Bolsonaros steht mit 30 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt Anfang 2019.

Der linkspopulistische López Obrador hat bis vor wenigen Tagen die Mexikaner aufgefordert, in Restaurants zu gehen und sich möglichst viel zu umarmen. Doch inzwischen scheint er den Ernst der Lage erkannt zu haben. Am letzten Märztag hat er abrupt den nationalen Notstand ausgerufen. Seine Beliebtheit ist seit Anfang letzten Jahres von 78 auf jetzt 59 Prozent gesunken.

Dennoch können die Popularitätsraten sich schnell ändern. Denn die größte Herausforderung kommt jetzt erst auf die Regierungen zu. Die Krise erreicht einen wirtschaftlich angeschlagenen Kontinent. Die Präsidenten werden bald daran gemessen werden, wie sie mit den negativen sozialen Folgen umgehen werden. Sie müssen einen Weg finden, ihre neugewonnene Popularität auch dann zu halten, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zunehmen.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

Weitere News dieser Kategorie

Was sich durch die COVID-19-Pandemie in Lateinamerika ändern wird
Die Investoren beginnen, schwache Regierungen abzustrafen
Lateinamerikas Regierungen ohne Plan, wie es weitergehen soll