Herr Sennes, muss man sich vor den Wahlen in Brasilien fürchten?

Die diesjährigen Wahlen sind von größter Bedeutung. Das Land befindet sich in einer Krise aufgrund von Spannungen, die durch den raschen sozioökonomischen und institutionellen Fortschritt der letzten Jahre entstanden sind. Aber dieser Fortschritt wurde weder von einer Erneuerung der politischen Elite noch von einer wettbewerbsorientierten Agenda begleitet. Die Wirtschaftskrise 2015/16 wie auch die Korruptionsskandale zerstörten das politische Feld von Mitte und bis Mitte-rechts und machten für einen populistischen rechtsextremen Kandidaten Platz: Jair Bolsonaro.

Er vereint Züge von Chavez aus Venezuela und Duterte von den Philippinen. Als Hauptmann a.D. trat er vor 28 Jahren in die Politik ein und ist nun in der 7. Amtsperiode Bundesabgeordneter. Als Verteidiger der Militärdiktatur ist er für seine Aussagen für Folter, gegen Menschenrechte, Homosexuelle und Schwarze bekannt. Sein Profil im Kongress zeigt ihn überwiegend als Gegner von Privatisierungen, Haushaltsanpassung und wirtschaftlicher Öffnung. Sein wirtschaftlicher Berater ist jedoch ultraliberal mit einem PhD der Universität Chicago und Erfahrungen von der Pinochet-Regierung in Chile. Daher bleibt offen, auf welche Grundlage Bolsonaro sich wirklich stützt, falls er gewählt wird.

Lula und die PT wirken nicht mehr als Bindeglied der Kräfte von Mitte und Mitte-links, bleiben aber weiterhin die vorherrschende Kraft in diesem Lager. Fernando Haddad ist klug und hat eine langfristige Vision, hat aber noch nicht die Fähigkeit bewiesen, komplexe Projekte zu leiten. Seine Leistung als Bildungsminister war positiv, aber als Bürgermeister von São Paulo nicht so sehr. Bolsonaro und Haddad sollten in die zweite Runde kommen und Haddad sollte gewinnen.

Ricardo Sennes
© Christian Kruppa

Ricardo Sennes

Brasilianischer Ökonom, Managing Partner Prospectiva und Senior Fellow Atlantic Council

Sunday Brief N°9

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.

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