Chiles Experiment könnte Vorbild für ganz Lateinamerika werden

Es ist zu erwarten, dass die Proteste in Lateinamerika wieder zunehmen. Chile versucht, jetzt mit einer Verfassungsversammlung als Ventil für den aufgeladenen Volkszorn Druck abzubauen. Ob es gelingt, ist offen. Im Andenland beginnt am Wochenende ein spannendes Experiment in Sachen Demokratie.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Chile wählt jetzt eine verfassungsgebende Versammlung. 155 Mitglieder, je zur Hälfte Frauen und Männer, werden dann bis maximal ein Jahr über die neue Verfassung Chiles verhandeln. Dann wird Mitte nächsten Jahres über die revidierte Version per Volksentscheid abgestimmt.

Die Mehrheit der Chilenen hat nach den schweren Protesten 2019 diese Verfassungsänderung gefordert. Viele von ihnen sind enttäuscht: Denn trotz des hohen Wachstums, der verbesserten Sozialindikatoren und der konsolidierten Demokratie seit nun 30 Jahren stört sich die Mehrheit der Chilenen an den fehlenden Aufstiegschancen und der schlechten Grundversorgung durch den Staat. Bei Bildung, Gesundheit und vor allem im Pensionssystem versagt der Staat gegenüber denen, die sich keine private Versorgung leisten können. Es ist abzusehen, dass die neue Verfassung mehr Staat und weniger Marktwirtschaft enthalten wird. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht ein sozialdemokratisches System.

Es geht ihr aber auch um die Modernisierung der Gesellschaft. Chile hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert, was man an den breit diskutierten Themen Scheidung, Abtreibung und Homo-Ehe sieht. Das Vertrauen in Politik, Parteien und Unternehmerschaft, aber auch in Polizei und katholische Kirche hat einen Tiefpunkt erreicht. Dazu beigetragen haben zahlreiche Skandale, die auch das Selbstverständnis einer konservativen, redlichen Elite schwer erschüttert haben.

Verkürzt lässt sich sagen: Während die chilenische Gesellschaft in den letzten zehn Jahren immer liberaler wurde, blieb die Elite verschlossen und konservativ.

Die neue Verfassung ist nun der Versuch, wieder das Vertrauen in die Institutionen und die Demokratie aufzubauen – nicht zuletzt, um das erfolgreiche Wirtschaftsmodell langfristig zu retten. Denn wirtschaftlich spielt Chile in Lateinamerika schon länger in einer höheren Liga.

Wenn es nun gelingt, das Land auch gesellschaftlich per Verfassung zu modernisieren, dann könnte Chile auch politisch ein Vorbild für Lateinamerikas gespaltene Gesellschaften werden.

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EU-Mercosur-Abkommen als Treiber für Nachhaltigkeit

Führende Unternehmen aus EU und Mercosur setzen auf das verhandelte Abkommen zwischen beiden Regionen als einen Hebel, um Nachhaltigkeit zu stärken. Politik- und Wirtschaftsvertreter aus der EU, Portugal und Brasilien waren sich auf der von BusinessEurope am 30. April 2021 veranstalteten Wirtschaftsdebatte einig: Mit dem Abkommen entsteht für die EU und den Mercosur mehr Nutzen als ohne.

Das EU-Mercosur-Abkommen würde Technologietransfers fördern und das Wirtschaftswachstum in beiden Regionen anregen. Darüberhinaus könnte es gerade die Mechanismen schaffen, die nachhaltige Landwirtschaft und kohlenstoffärmere Lieferketten umfassend fördern.

Laut Valdis Dombrovskis, Vizepräsident und Handelskommissar der EU-Kommission, ist das Abkommen in Hinblick auf Handel und nachhaltige Entwicklung eines der fortschrittlichsten, das die EU je verhandelt hat. Um bestehende Zweifel daran auszuräumen, hat die EU-Kommission vorgeschlagen, ein zusätzliches Instrument in das Vertragswerk aufzunehmen. Damit könnte die Einhaltung der Verpflichtungen zum Schutz von Klima und Umwelt besser überwacht und sichergestellt werden. Die Mercosur-Staaten sind zu Gesprächen darüber bereit.

Jetzt müssen beide Seiten an der Definition, Verhandlung und Implementierung dieses Instruments arbeiten. Dann könnte die formaljuristische Prüfung des Abkommens – das sogenannte „legal scrubbing“ – finalisiert werden. Dombrovskis erwartet dies für Ende 2021, der Ratifizierungsprozess könnte 2022 beginnen. Damit dies gelingt, müssen sich die positiven Stimmen unbedingt mehr Gehör verschaffen, so der Handelskommissar.

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© Pixabay/S. Hermann & F. Richter

Schließt sich das Kreditfenster für Lateinamerika?

Es gibt weiterhin erfolgreiche Börsengänge in Lateinamerika. Konzerne aus der Region bekommen meist problemlos Kredit im Ausland. Das gilt auch für die meisten Staaten. Dennoch sieht es so aus, als würden die Finanzierungen für Lateinamerika schwieriger werden.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die gute Nachricht zuerst: 20 Unternehmen haben dieses Jahr bereits erfolgreich Ihre Aktien an der Börse in São Paulo lanciert. Das ist mehr als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. In 2020 öffneten an der B3 rekordmäßig 27 Unternehmen ihr Kapital als Aktien bei Initial public offerings (IPO). Bis vor kurzem sah alles danach aus, als würde es dieses Jahr einen neuen Emissions-Rekord geben. Immerhin haben sich jetzt rund 40 weitere Unternehmen angemeldet, die an der Börse Kapital aufnehmen wollen.

Doch – und das ist die schlechte Nachricht – das scheint zunehmend unwahrscheinlich. Rund 30 IPO oder Zweitemissionen wurden dieses Jahr bereits gecancelt. Nur jede fünfter Börsengang hat den Investoren bisher Gewinne gebracht.

Auch sonst sieht es in Lateinamerika derzeit so aus, als könnte sich das Kreditfenster verkleinern. Professionelle Investoren werden zögerlicher, ihr Kapital in Lateinamerika anzulegen. Das ist ein Trend, der schon letztes Jahr begann, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gerade feststellte: Danach war Lateinamerika im vergangenen Jahr bereits die einzige Emerging-Market-Region, in welche die Banken das Anleihevolumen reduziert haben. 39 Milliarden Dollar verlor die Region letztes Jahr, Brasilien verzeichnet davon allein ein Minus von 22 Milliarden Dollar.

Die Investmentbank JP Morgan erwartet, dass die Finanzierungen für Lateinamerika dieses Jahr knapper werden. Lateinamerika-Bonds verzeichnen die stärksten Rendite-Verluste weltweit. In Brasilien, Kolumbien und Peru fallen die Verluste sogar zweitstellig aus seit Jahresbeginn.

Daran wird sich so schnell nicht ändern, so JP Morgan. Die anhaltenden hohen COVID-Infizierungen und langsamen Impfkampagnen werden das Wachstum in Lateinamerika weiter verzögern. Es ist weiterhin möglich, dass eine dritte Welle an Corona-Mutanten in der Region für neue Rückschläge sorgen wird. Zudem steigt die Inflation, wegen hoher Lebensmittel- und Energiepreise. Die Zentralbanken erhöhen die Zinsen und bremsen damit die Konjunktur aus. Die wenigsten Regierungen haben noch finanzielle Spielräume im Haushalt, um die sozialen Folgen der Pandemie abzumildern – und wenn, dann nur auf Kosten weiterer Zinserhöhungen oder steigender Verschuldung.

Auch die zunehmenden politischen Spannungen in fast allen Ländern lassen Lateinamerika-Bonds unattraktiv werden für institutionelle Investoren, so JP Morgan.

Die gute Nachricht für die Region kam gestern aus Washington: Die US-Zentralbank wird nicht so schnell die Zinsen erhöhen. Für Lateinamerika bedeutet das eine Atempause.

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In Politik und Wirtschaft Südamerikas geht trotz Corona der Alltag weiter

Viele Staaten in der Region haben die Lockdown-Maßnahmen wieder verschärft. Trotzdem fanden jetzt in Ecuador und Peru Wahlen statt. In Brasilien versteigerte die Regierung erfolgreich Lizenzen für Flughäfen, Schienentrassen und Häfen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Peru und Ecuador sind in Südamerika die Länder, die mit am schwersten unter den Folgen der Pandemie leiden. Dennoch haben die Staaten am letzten Sonntag Präsidentschaftswahlen abgehalten. Die völlig unterschiedlichen Ergebnisse lassen keinen Schluss darüber zu, inwieweit der Corona-Virus die politische Landschaft in Lateinamerika verändern wird.

In Ecuador gewann der konservative Banker Guillermo Lasso überraschend deutlich vor dem Linkskandidaten Andrés Arauz. Das freut die Wirtschaft. Sie hofft, dass Lasso von einem Aufschwung der Öl- und Rohstoffpreise profitieren könnte, mit denen Ecuador seine Exporteinnahmen erwirtschaftet. Zudem hat sich das Land erst kürzlich mit dem IWF geeinigt. Dafür wird Lasso zwar die Einnahmen für den Staatshaushalt steigern müssen, aber das hochverschuldete Land zahlt dafür die nächsten Jahre kaum Kredit zurück. Lasso hofft auf das Wohlwollen ausländischer Investoren gegenüber einer liberalen, marktwirtschaftlichen Regierung. Im Kongress hat er nur eine kleine Minderheit der Sitze.

In Peru dagegen ist weiterhin offen, wer das Land regieren wird. Der linke Gewerkschafter Pedro Castillo, der in den Umfragen als chancenlos galt, hat im ersten Wahlgang gewonnen. Keiko Fujimori, bereits zwei Mal knapp gescheitert als Präsidentschaftskandidatin und verstrickt in Korruptionsvorwürfe, wird gegen ihn in Stichwahlen am 6. Juni antreten. Beide Kandidaten haben zusammen nur ein Drittel der abgegebenen Stimmen gewonnen. Es ist völlig offen, was mit dem Andenland geschehen wird, das in den letzten 20 Jahren am stärksten gewachsen ist in Südamerika.

In Brasilien gelang der Regierung in der so genannten „InfraWeek“ erfolgreich ein ganzes Paket an Konzessionen zu versteigern. Rund 600 Millionen Dollar zahlten die Konzerne für die Lizenzen und haben Investitionen in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar zugesagt.

So boten Unternehmen für die Genehmigungen für den Betrieb von 22 Flughäfen. Zwei Lizenzen gingen an die brasilianische Betreiber-Gruppe CCR und eine an den französischen Konzern Vinci. Die Unternehmen boten hohe Agios auf den Mindestpreis. Mit der Versteigerung werden künftig drei Viertel des nationalen Flugverkehrs in privat betriebenen Terminals abgewickelt.

Die West-Ost-Eisenbahnlinie (Fiol) mit verbundenem Hafen für den Erzexport in Bahia ging an das kasachische Bergbauunternehmen Eurasian Natural Resources PLC (ENRC PLC). Fünf Hafenterminals in Maranhão und Rio Grande do Sul wiederum ersteigerten lokale Gruppen wie Santos Brasil. Es ist erstaunlich, dass Brasilien inmitten des unklaren Wirtschaftskurses der Regierung und der wachsenden politischen Spannungen Investoren für langfristige Projekte gewinnen kann.

Dennoch wurde genau registriert, dass sich zwei Investorengruppen fernhielten. Chinas Konzerne, die bei den Vorbereitungen der Ausschreibungen noch aktiv dabei waren, haben sich anscheinend aus brasilianischen Infrastrukturprojekten zurückgezogen. Auch langfristige Finanzinvestoren wie in- und ausländische Pensionsfonds glänzten durch Abwesenheit, trotz des Mangels an langfristigen Investitionsprojekten und der hohen Liquidität weltweit.

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Brasilianische Virusvariante verbreitet sich rasant in der ganzen Region

In Lateinamerika steigen die Corona-Infektionszahlen stark an. Immer öfter wird die zuerst in Brasilien festgestellte Virusmutation P.1 nachgewiesen. Viele Staaten schließen ihre Grenzen gegenüber Brasilien. Gleichzeitig zeigen sich die Statistiken als wenig zuverlässig: Mexiko ist jetzt plötzlich nach offiziellen Daten das Land mit den meisten Corona-Toten weltweit nach den USA, nicht mehr Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Wenn Brasilien niest, dann hat Südamerika eine Grippe“ – diese Redewendung galt bisher vor allem für den großen Einfluss, den die brasilianische Wirtschaft auf dem Kontinent hat: Eine Wachstumsschwäche in Brasilien löst demnach oft eine Rezession in den Nachbarländern aus.

Nun gilt der Spruch jedoch auch im engeren Wortsinn: Für die stark ansteigenden Infektionszahlen in Südamerika scheint immer öfter die erstmals in der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus nachgewiesene Mutation P.1 zu stecken. In allen Nachbarländern nehmen vor allen in den Metropolen und grenznahen Regionen die Infektionen durch P.1 zu. In Paraguay und Argentinien wiesen die Gesundheitsbehörden sogar erstmals die in Rio de Janeiro nachgewiesenen P.2-Mutante nach.

Argentinien hat jetzt, wie Peru, schon seit langem, alle Flüge aus Brasilien gesperrt – wie auch aus Mexiko und Chile. Doch es scheint, dass die Mutationen auf dem Landweg über die grünen Grenzen von Brasilien aus in die Nachbarländer eingeschleppt werden. Da aber Staaten wie Mexiko, Kolumbien, aber auch Paraguay oder Uruguay weiterhin ihre Grenzen offen lassen für Reisende aus Brasilien, dürfte sich der Virus in den nächsten Wochen schnell weiterverbreiten.

In Chile zeigt sich, dass ein erfolgreiches Impfprogramm auch nicht vor dem neuen Virus hilft. Nach Israel und Großbritannien ist Chile das Land mit einer der höchsten Impfraten weltweit. 36 Prozent der Bevölkerung sind dort bereits einmal geimpft nach den Angaben von Our World in Data aus Oxford. Fast eine Million Menschen werden dort täglich geimpft. Bis Ende Juni will die Regierung 80 Prozent der Bevölkerung immunisiert haben.

Doch im März sind die Infektionsraten wieder stark angestiegen: Mit derzeit im Schnitt 357 Infizierten auf eine Million Einwohner sind die Ansteckungsraten nun wieder so hoch wie in Brasilien, wo bisher aber nur 8 Prozent der Bevölkerung von der Impfkampagne erreicht wurden. Die Behörden vermuten, dass sie zu früh die sozialen Distanzierungsmaßnahmen gelockert haben und sich deshalb in den Sommermonaten der Virus schneller ausgebreitet hat.

Auch auf Uruguay scheint das zuzutreffen. Das Land war monatelang eines der Länder in Lateinamerika, das am schnellsten auf die Pandemie reagiert hatte und die Zahlen der Infizierten wie der Toten niedrig halten konnte. Doch das hat sich geändert: Uruguay hat derzeit eine der höchsten Ansteckungsraten weltweit mit 730 Infizierten auf eine Million Einwohner. Das könnte daran liegen, dass Uruguay ein beliebtes Sommer-Ferienziel für die Nachbarländern ist.

Dass die Corona-Statistiken oftmals nicht die Realität wiederspiegeln, zeigt das Beispiel Mexiko: Das mexikanische Gesundheitsministerium revidierte am 29. März die veröffentlichten Daten zur Pandemie und gab an, dass die Zahl der durch das Coronavirus verursachten Todesfälle 60 Prozent höher ist als zuvor gemeldet. Mehr als 321.000 Menschen seien bereits an Covid-19 gestorben. Damit würde Mexiko in Lateinamerika sogar Brasilien überholen und wäre nach den USA weltweit die Nummer 2 auf der Liste der Länder mit den meisten Todesfällen in der Pandemie.

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Lateinamerikas Politiker kommen zunehmend unter Druck wegen Corona

In mehreren Staaten der Region beginnen die Menschen wegen des schlechten Krisenmanagements ihrer Regierungen unzufrieden zu werden. In Paraguay könnten die Proteste zum ersten politischen Regierungswechsel wegen Corona führen. Vielfach nutzen Politiker die Corona-Krise, um Gesetze durchzuboxen, die vor allem ihren eigenen Interessen dienen. Rechte wie linke Populisten gewinnen an Popularität. Die politische Mitte verliert.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In den Nachbarländern beobachten die Politiker und Regierung genau, was gerade in Paraguay geschieht. Dort könnte bald ein Impeachment-Verfahren gegen Präsident Mario Abdo Benítez eingeleitet werden. Seit Tagen protestieren Menschen wegen des herausgezögerten Impfbeginns und der Korruption in den staatlichen Gesundheitsbehörden. Die Situation ist unberechenbar, die Lage unübersichtlich.

Auch im Rest des Kontinents steigt die Spannung. Noch ist es eher ruhig, was auch an den Lockdowns und sozialen Distanzmaßnahmen liegt, die Massenproteste erschweren. Doch das kann sich jeden Moment ändern. Denn der Verdruss über die Politiker steigt.

So steuert Brasilien gerade auf 3000 Corona-Tote am Tag zu. Doch Regierung wie Kongress kümmern sich vor allem um sich selbst: Die Politiker versuchen die Ablenkung der Menschen zu nutzen, um im Kongress Gesetzespakete durchzuwinken, mit denen sie sich Privilegien und Schutz vor der Justiz sichern wollen.

Auch in Argentinien versucht die Vize-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner durch Eingriffe in die Justiz, Straffreiheit für sich und ihre Familie zu garantieren. Gegen sie laufen mehrere Korruptionsverfahren. Gleichzeitig stockt die Impfkampagne. Zudem haben sich mehrere Dutzend führende Politiker impfen lassen.

Das gleiche ist in Peru passiert – das Land, das am stärksten unter der Pandemie und den wirtschaftlichen Folgen in Südamerika leidet. Dort sind ebenfalls Regierungspolitiker als Impfdrängler aufgeflogen. Die Enttäuschung von der Politikerkaste könnte im Andenland auch einen rechtspopulistischen Kandidaten bei den Wahlen am 11. April begünstigen.

In Bolivien hat die Justiz nach den Gemeinde- und Regionalwahlen die frühere Übergangspräsidentin Jeanine Áñez sowie mehrere ihrer Ex-Minister unter dem Vorwurf des „Terrorismus“ und des „Aufruhrs“ festgenommen. Bei den Wahlen hat die Partei des Präsidenten Luis Arce schwach abgeschnitten und scheinbar hofft die Regierung, mit den Maßnahmen gegen die Vorgängerregierung bei den Stichwahlen noch wichtige Wahlbezirke und Gemeinden zu gewinnen. Die Europäische Union forderte Bolivien auf, die Gewaltenteilung zu respektieren.

Zu Beginn des Wahlzyklus in Lateinamerika hat es den Anschein, dass die Pandemie mit ihren schweren sozialen Folgen sowie der Wirtschaftskrise zu einer noch stärkeren Polarisierung in der Politik führt. Derzeit sieht es so aus, als hätten Kandidaten und Politiker aus der politischen Mitte weniger Chancen bei Wahlen oder schlechte Aussichten, Mehrheiten zu versammeln. Rechte wie linke Populisten oder Anti-Establishment-Vertreter führen in der Gunst der Wähler.

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In Brasilien schlagen gerade mehrere Corona-Wellen auf einmal zusammen

In Brasilien spitzt sich die Pandemie zu: Die Intensivstationen sind in den meisten Bundesstaaten überlastet, die Zahlen der Neuinfizierungen wie die der Toten erreichen Rekordwerte. Es gibt wenig Aussichten, dass sich das in den nächsten Wochen ändern wird. Durch das Krisenmanagement der Regierung kommt nun auch der Real massiv unter Druck.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Es ist als würde die zweite und dritte Welle der Pandemie zusammen auf Brasilien zurollen. Die Zahl der Infizierten erreicht bald die Elf-Millionen-Grenze, mit knapp 60.000 Neuinfizierungen pro Tag. Damit liegt Brasilien zwar mit 682 Neuinfizierungen pro eine Million Einwohner bei den Ansteckungszahlen hinter einigen europäischen Staaten, wie etwa Frankreich oder Schweden. Doch in Brasilien steigt die Geschwindigkeit der Infizierungen jetzt sehr schnell an: In zwei Wochen hat sie um mehr als 20 Prozent zugelegt.

Das brasilianische Gesundheitssystem stößt zunehmend an seine Grenzen. Sowohl in privaten wie öffentlichen Kliniken sind in 19 von 27 Bundesstaaten die Intensivstationen über 80 Prozent belegt. In Brasilien kommen auf 1000 Einwohner gerade zwei Krankenhausbetten. In Deutschland sind es viermal mehr. Mit zuletzt 1726 Verstorbenen an einem Tag hat Brasilien erstmals sogar die USA übertroffen und steht nun mit 260.000 Corona-Opfern weiterhin auf Platz 2 weltweit.

Weil die Zahl der täglichen Infizierungen weiter ansteigt, verhängen immer mehr Bundesstaaten Lockdowns. Den Regierungen bleibt auch nicht viel anderes übrig. Denn einerseits sind zwar die Impfkampagnen mit Erfolg angelaufen. 7 Millionen Menschen wurden bereits einmal geimpft, das sind 3,3 Prozent der Bevölkerung. Doch der Nachschub an Vakzinen stockt und die Impfungen verlaufen weiterhin zögerlich.

Gleichzeitig hat die Bundesregierung bisher keinen nationalen Strategieplan für die Bekämpfung der Pandemie vorgestellt. Der Ankauf der Vakzine verläuft langsam und wenig transparent. Experten sind skeptisch, dass die nun vom Gesundheitsminister für die nächsten Monate angekündigten Impfmengen auch tatsächlich zur Verfügung stehen werden.

Inzwischen scheint es, dass das Gesundheitsministerium und die Behörden des Bundesstaates Amazonas mitverantwortlich sind, dass sich neue Varianten des Corona-Virus wie P1 rasant in ganz Brasilien ausbreiten. Weil in der Amazonas-Hauptstadt Sauerstoff fehlte, wurden von dort im Januar rund 500 Patienten in Krankenhäuser in ganz Brasilien verteilt ohne verschärfte Isolationen. Zudem wird der Verkehr aus der Amazonasstadt nicht kontrolliert. Renommierte Epidemiologen erklären damit die schnelle Ausbreitung der neuen Varianten auch im weit entfernten Südbrasilien.

Nach einer Einschätzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich reagieren die Investoren inzwischen direkt auf ein chaotisches Pandemie-Management wie in Brasilien. Die Bank der Banken in Basel hat die Auswirkungen der hohen Zuwachsraten bei den Infizierungen in Staaten wie Brasilien, Argentinien und Kolumbien auf den Wechselkurs verglichen mit denen in den Ländern Asiens, welche die Pandemie erfolgreicher eingedämmt haben. Dabei korrelieren schwache Währungen mit schwachem Krisenmanagement in der Pandemie. Die südamerikanischen Zentralbanken stehen nun vor der schwierigen Lage, dass sie die wegen der schwachen Währungen und der damit einhergehenden steigenden Inflation nun bald die Zinsen erhöhen müssen – bevor die Ökonomien jedoch wieder zu wachsen begonnen haben.

Den Brasilianern bleibt derzeit nichts anderes übrig als zu hoffen, dass die Bundesregierung sich schnell mit den Bundesstaaten, Gemeinden und möglicherweise künftig auch Unternehmen auf eine gemeinsame Strategie bei der Immunisierung der Bevölkerung einigen wird.

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Wer schnell und viel impft, der gewinnt rasant an politischer Popularität

Bisher haben sich Lateinamerikas Regierungen wenig erfolgreich erwiesen im Kampf gegen die Pandemie. Doch das ändert sich gerade: Staaten wie Chile, Brasilien und Mexiko haben schon mehr Menschen ihrer Gesamtbevölkerung geimpft als die meisten Staaten weltweit. Jetzt darf nur die Impfstoffversorgung nicht stoppen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Endlich einmal gibt es gute Nachrichten von der COVID-Front aus Lateinamerika: Wenige Wochen nachdem die Impfungen in rund einem Dutzend Staaten begonnen haben, stehen einige Länder bereits auf den Spitzenplätzen weltweit nach der Zahl der Erstimpfungen. Das gilt für Chile (Platz 5), Brasilien (8) und Mexiko (9) nach Anzahl der Impfungen pro 100 Einwohner, so Our World in Data (OWID) von der Universität Oxford. Aber auch nach den verabreichten Impfzahlen liegt Brasilien mit knapp sechs Millionen verabreichten Dosen weit vor Deutschland, Frankreich oder Italien.

Am beeindruckendsten ist die Bilanz in Chile. Mit 12,43 Geimpften je 100 Einwohner rangiert das Andenland weltweit nach Staaten wie Israel, Vereinigte Arabische Emirate, USA und Großbritannien an der Spitze. In den vergangenen sieben Tagen wurden nur in Israel mehr Menschen geimpft als in Chile.

Der Grund für den Erfolg ist, dass die chilenische Regierung bereits Mitte letzten Jahres Impfdosen bei einer großen Zahl von Anbietern bestellt hat. 35 Millionen Dosen will die Regierung bereits gesichert haben. Bis Juni sollen 80 Prozent der knapp 19 Millionen Chilenen mindestens einmal geimpft sein.

Ob das funktionieren wird, ist derzeit nicht abzuschätzen: Voraussetzung ist, dass die Lieferungen an Impfstoffen anhalten.

Wie problematisch die Versorgungslage ist, das zeigt sich derzeit anschaulich in Brasilien. Obwohl die Regierung von Präsident Bolsonaro die Vorbereitungen der Impfkampagne aus politischen Gründen immer wieder behindert und verzögert, wurden in einem Monat bereits knapp sechs Millionen Menschen oder 2,77 von 100 Brasilianern geimpft. Doch nun stockt die Kampagne, weil die Seren ausgehen. Wann neue Dosen verteilt werden können, bleibt unklar.

Es scheint jedoch wahrscheinlich, dass auch Impfskeptiker in Lateinamerikas Politik bald in der Minderheit sein werden. Denn politisch können die Regierungen mit schnellen und effizienten Impfkampagnen nur gewinnen. Das zeigen die Erfahrungen in Chile: Dort hat der bis vor kurzem noch höchst unbeliebte Präsident Sebastián Piñera seit Anfang Januar um fünf Prozentpunkte an Popularität gewonnen, so das Umfrageinstitut Cadem. Die Hälfte der Bevölkerung hält die Arbeit der Regierung in der Pandemie für positiv. Vor zwei Wochen waren es nur ein Drittel der Chilenen.

Mit Massenimpfungen kann schneller als erwartet wieder Normalität im Alltag aufkommen. Das zeigen ebenfalls die Erhebungen in Chile: Statt zwei Drittel der Bevölkerung, wie Mitte Januar, ist jetzt nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung besorgt, sich mit Corona zu infizieren, so Cadem. Das heißt: Je schneller die Bevölkerung immunisiert ist, umso eher wird auch die Wirtschaft wieder wachsen. Das wird auch den Impfskeptikern zu denken geben.

Impfkampagnen in Lateinamerika laufen an – wenn auch etwas langsam

Die Hoffnungen, dass viele Lateinamerikaner schon gegen den Corona-Virus immun sein könnten, haben sich nicht bestätigt. Dazu kommt ein verlangsamter, teilweise chaotischer Start der Impfungen. Im besten Falle wird Lateinamerika Anfang 2022 die Kontrolle über die Pandemie haben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Als der Internationale Währungsfonds (IWF) vor wenigen Tagen seine Wachstumsprognosen für 2021 veröffentlichte, schien Lateinamerikas Wirtschaft auf dem Weg der Besserung: Um 4,1 Prozent wird die Region dieses Jahr wachsen, schätzt der Fonds. Das sind 0,5 Prozentpunkte mehr als der IWF noch vor drei Monaten erwartet hatte. Der Grund für die aufgehellten Aussichten: Die beginnenden Impfkampagnen sowie die erhofften weiteren staatlichen Hilfsprogramme für die Bevölkerungen werden die Rückkehr zur Normalität beschleunigen, prognostizieren die Ökonomen in Washington.

Doch die Hoffnungen haben sich zerschlagen: Alle Staaten der Region leiden unter einer heftigen zweiten Welle an Infektionen sowie den Mutationen des Corona-Virus. Die Erwartungen, dass in den Ballungszentren Lateinamerikas bereits eine hohe Rate an Immunität („Herdenimmunität“) erreicht sein könnte, haben sich nicht erfüllt.

Gleichzeitig laufen die Impfkampagnen chaotisch an. Bisher melden nur sechs der größten Staaten der Region erste messbare Impfungen. In 13 Staaten sind Impfstoffe zugelassen. Im Prinzip gleichen die Probleme Lateinamerikas bei der Pandemiebekämpfung denen der EU.

Dennoch sind die Staaten Lateinamerikas weitaus weniger in der Lage, Druck auf die Hersteller auszuüben oder mit hohen Geboten das Angebot an Impfstoffen kurzfristig zu erhöhen. Zwar dominieren die Seren von Oxford/AstraZeneca wie Pfizer/Biontech bei den Registrierungen der Sanitätsbehörden. Doch die Notzulassungen nützen wenig, wenn die Unternehmen kaum liefern können.

Dazu kommt, dass in Brasilien und Mexiko die Impfungen besonders chaotisch anlaufen. In den zwei bevölkerungsreichsten Länder Lateinamerikas zögern die Regierungen weiterhin, die Pandemie als ernstes Problem anzuerkennen und die Impfkampagnen entsprechend auf föderaler Ebene zu koordinieren.

China wie Russland dagegen nutzen ihre Vakzine, um politische und wirtschaftliche Vorteile zu verhandeln. So haben die Telekombehörden in Brasilien jetzt plötzlich keinerlei Einwände gegen die Beteiligung des staatlichen chinesischen Telekomkonzerns Huawei bei den bevorstehenden G5 Mobilfunkausschreibungen. Zuvor hatte aus China die Lieferung des Serums ausgesetzt. Nun sollen die Zulieferungen wieder anlaufen.

Hoffnungen auf das Impfprogramm Covax der Weltgesundheitsbehörde (WHO) können sich nur acht der ärmsten Länder in der Region machen. Doch auch die Kampagne ist noch nicht angelaufen.

Die WHO rechnet nun damit, dass Lateinamerika vermutlich erst Anfang 2022 die Pandemie unter Kontrolle bekommen wird.

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Die Pandemie beschleunigt den Strukturwandel in der Industrie

Mit Ford zieht ein traditionell wichtiger Konzern aus Brasilien ab. Das liegt am Strukturwandel der Branche weltweit, aber auch an den schwachen Wachstumsaussichten in der Region. Für die Unternehmen gilt: Wer in Südamerika wettbewerbsfähig bleiben will, muss massiv investieren. Das wollen einige Unternehmen angesichts des unklaren Szenarios nicht riskieren.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das war kein guter Jahresauftakt für Brasiliens Wirtschaft. Nach 113 Jahren Präsenz in Brasilien kündigte Ford an, seine drei Fabriken in Brasilien zu schließen. Davon betroffen sind rund 5000 Mitarbeiter. Die Ankündigung sorgte für starke Resonanz: Denn Ford ist in Brasilien nicht irgendein Autobauer. Der Hersteller produzierte in Brasilien als einer der ersten ausländischen Konzerne moderne Autos, die Konsumträume mehrerer Generationen. Ford verkaufte jahrelang zusammen mit GM, Volkswagen und später Fiat die meisten Fahrzeuge. Brasilien war immer strategisch wichtig für den Hersteller aus Detroit: Henry Ford wollte 1920 in Fordlândia sogar den Kautschuk für die Reifen im Amazonas herstellen – und scheiterte.

Doch jetzt gibt Ford einen Markt auf, in dem er mit seinem Kompaktmodellen immer noch erfolgreich war: Rund sieben Prozent Marktanteil im sechstgrößten Automarkt der Welt – das gibt man doch als global auftretender Hersteller nicht freiwillig auf, sollte man meinen. Warum macht Ford das?

Einerseits will Ford sich weltweit vor allem auf Elektrofahrzeuge konzentrieren und leichte Nutzfahrzeuge. Das erklärt auch, warum Ford in Argentinien das Werk für den Pickup Ranger ausbaut, aber in Brasilien seine Werke schließt. Die Modellreihe für Kompaktfahrzeuge soll auslaufen, sie bringen nicht genug Profit.

Ford hätte massiv in Brasilien investieren müssen, um seine globale Strategie dort umzusetzen. Denn die Branche steckt inmitten einer der größten Wandlungsprozesse seit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Es geht um die Elektrifizierung und Digitalisierung der Fahrzeuge, um den Einsatz von Big Data, autonomes Fahren. Ford hat entschieden, dass es sich nicht lohnt, diesen Wandel in Brasilien voranzutreiben.

Denn gleichzeitig schrumpft der Markt seit sieben Jahren und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald bessern. Die fehlenden Reformen haben die Hoffnungen der Branche auf eine baldige Besserung des Investitionsklimas verpuffen lassen.

Zudem ist die Kaufkraft der Brasilianer seit 2013 geschrumpft. Exportieren ist schwierig. Brasilien ist kein Billigstandort, die Produktionskosten sind hoch. Zudem ist der Markt geschlossen, in der Region aber auch weltweit. Es lassen sich also keine Skaleneffekte im Verbund mit anderen Produktionsstandorten herstellen.

Diesen Bedeutungsverlust von Südamerika als Standort erlebt die Autobranche derzeit am stärksten. In Brasilien hat bereits Mercedes die Schließung seiner Werke verkündet. Audi hat die Produktion gestoppt. In Argentinien haben Zulieferer wie BASF, Saint-Gobain Sekurit und Honda ihre Produktion eingestellt.

Dennoch sollte nicht der Eindruck entstehen, dass die Automobilbranche insgesamt aus Südamerika abzieht. Volkswagen, Toyota, GM, Renault und vor allem FiatChrysler (bald gemeinsam mit PSA Peugeot Citroën) investieren dort massiv in neue Modelle und Anlagen.

Dass sich auch in Südamerika hochmoderne Fabriken rechnen, das demonstrieren gerade die Nutzfahrzeughersteller, wie Scania, VW, Mercedes und Volvo: Alle haben sie inmitten der schweren Krise in neue Modelle und Produktionslinien investiert und exportieren ihre Fahrzeuge weltweit.

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