Was sich durch die COVID-19-Pandemie in Lateinamerika ändern wird

Welche Prognosen für Lateinamerika sind für die Zeit nach der Coronakrise möglich? Sicher scheint, dass die Ökonomien stärker von den Regierungen kontrolliert und die Bevölkerung ärmer sein wird. Südamerika wird zum Rohstoffexporteur zurückfallen und immer weniger als Standort der weltweiten Industrie konkurrieren können. Ob die sozialen Spannungen wieder aufflammen, bleibt abzuwarten. Populisten stehen überall in den Startlöchern.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Rund zwei Monate ist es her, dass die ersten Corona-Infizierten in Südamerika registriert wurden. Noch ist die Region deutlich vom Höhepunkt der täglichen Neuansteckungen und Toten entfernt sind. Derzeit scheint die Zahl der Infizierten in Argentinien, Chile und Peru geringer auszufallen als etwa in Ecuador, Mexiko oder Brasilien. Doch weiterhin sind die Statistiken weder zu vergleichen noch verlässlich.

Dennoch ist jetzt schon abzusehen, dass Lateinamerika die schwerste Rezession nach den Schuldenkrisen der 1980er Jahre erleben wird. Die Lage ist überraschend ähnlich. Heute wie damals steigen die Schulden der Staaten rasant – jetzt infolge der sozialen Maßnahmen aufgrund von Corona, damals für staatliche Investitionen. Auch diesmal sind Nachfrage und Preise für Öl wie viele Agro- und Bergbauprodukte gesunken. Für einen Rohstoff-Exporteur wie Südamerika ist das eine tragische Kombination, weil die Zahlungsfähigkeit schrumpft. Neue Schuldenkrisen werden unvermeidlich sein. Ecuador und Argentinien versuchen sie gerade mit Verhandlungen zu vermeiden. Wie die Finanzinvestoren und die multilateralen Banken auf eine regionale Verschuldungskrise reagieren werden, ist noch offen.

Abzusehen ist, dass Steuern steigen werden und insgesamt die staatliche Kontrolle der Wirtschaft zunehmen wird. Hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut werden die Pro-Kopf-Einkommen und damit den Konsum schrumpfen lassen. Damit stottert neben den Rohstoffexporten auch der entscheidende Wachstumsmotor Lateinamerikas, die Nachfrage der 630 Millionen Menschen. Für Investoren wird es weniger attraktiv in die Produktion von Konsumgütern zu investieren.

Die schwächeren Währungen könnten die Region als Exportplattform begünstigen. Doch wegen des technologischen Rückstandes der Industrie und der verringerten globalen Wertschöpfungsketten, dürfte vor allem Südamerika noch stärker als bisher zum Rohstoffexporteur werden.

Die Auswirkungen auf die Politik sind noch unklar: Werden die sozialen Unruhen, die noch vor wenigen Monaten Chile, Ecuador, Kolumbien und Bolivien erschütterten sich in der Pos-Corona-Ära fortsetzen? Einerseits scheint es in den Umfragen etwa in Chile, dass weder die Kritik an den sozialen Gegensätzen durch die Krise noch die Unzufriedenheit mit der Politik abgenommen haben. Andererseits zeigt sich den gleichen Umfragen, dass gutes Krisenmanagement von der Bevölkerung anerkannt wird. So ist einerseits eine Fortsetzung der Unruhen möglich, andererseits aber auch, dass autoritäre Regierungen versuchen werden, diese zu unterdrücken. Generell scheint es sicher, dass Populisten in allen Ländern versuchen werden, die Krise zu nutzen.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

Die Investoren beginnen, schwache Regierungen abzustrafen

Die Corona-Krise hat einen Prozess beschleunigt, der sich schon in den letzten Monaten andeutete: Investoren und Rating-Agenturen achten genauer auf die Qualität der Regierungen in den Ländern und lassen ihre Einschätzungen dazu verstärkt in ihre Risikobewertungen einfließen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Diese Woche stufte die Rating-Agentur Fitch die Aussichten für ihre Risikoeinschätzung für Brasilien von stabil auf negativ herab. Die drittgrößte Agentur erklärte das unter anderem auch explizit mit den zunehmenden Spannungen zwischen der Regierung und dem Kongress. Die Agentur sieht die Chancen für neue Reformen für die Zeit nach der Corona-Krise wegen des Konfrontationskurses in der Politik deutlich verringert.

Damit ändern die Analysten zwar noch nichts an der Kreditwürdigkeit Brasiliens, die derzeit auf BB-, also drei Stufen unter dem Investmentgrade steht. Bei der nächsten Revision ist aber nun ein weiteres Downgrade wahrscheinlicher geworden. Damit verteuern sich die Kredite für Brasilien, den Staat wie die Unternehmen. Ein Rating ist wie eine Note, mit der das Vertrauen in das Land bewertet wird. Je schlechter es ausfällt, umso mehr Zinsen verlangen die Gläubiger.

In den letzten Wochen gab es ähnliche Risikoerhöhungen aus politischen Gründen auch sonst in Lateinamerika. Standard & Poor´s stufte Chile herab wegen der wachsenden sozialen Spannungen zwischen Regierung und Bevölkerung. Chile besitzt aber weiterhin ein Investmentgrade der Agentur.

In Mexiko reduzierte Fitch sowohl das Kreditrisiko des Staates als auch des staatlichen Ölkonzerns Pemex. Mexikos Kreditrating steht jetzt nur noch eine Stufe über dem von Junk-Bonds. Die Herabstufung erfolgte wegen des schwachen Abschneidens der Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador in der Pandemie, der keine Strategie hat, wie er auf die Krise reagieren soll. Auch Pemex braucht wachsende staatliche Zuschüsse, weil der Präsident den Ölkonzern angewiesen hat, seine Produktion hochzufahren. Dabei liegen die Förderkosten je Fass höher als der Ertrag.

Die einzige Ausnahme unter den neuesten negativen Revisionen in der Region ist Kolumbien, wo die Analysten vor allem den gesunkenen Ölpreis und die Coronakrise für das schwächere Rating verantwortlich machen – und nicht die Regierung.

Die Corona-Krise wirkt also wie ein Bewährungstest für die Regierungen in Lateinamerika: Irrationale oder inkonsistente Politik wie in Brasilien und Mexiko werden von den Investoren jetzt sofort abgestraft – und nicht mehr toleriert, wie noch vor kurzem.

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Lateinamerikas Regierungen ohne Plan, wie es weitergehen soll

Nach dem ersten, teilweise erfolgreichen Krisenmanagement reagieren die Regierungen in Lateinamerika zunehmend chaotisch: Sie stehen vor dem Dilemma, dass sie die Wirtschaft wieder in Gang bekommen wollen, aber dass das wegen der noch zunehmenden Infizierungen riskant ist. Sicher ist, dass die Staaten sich zunehmend verschließen werden. Eine regionale Integration scheint in der nächsten Zukunft unwahrscheinlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

In wenigen Tagen hat sich in den meisten Staaten Lateinamerikas die Gesundheitssituation dramatisch verschlechtert. In vielen Ballungszentren der Region sind die Krankenhäuser und Erste-Hilfe-Stationen überfüllt. Auch wenn die Zahlen wegen der unterschiedlichen Erhebungen schwer vergleichbar sind, ist doch der Trend klar: Die Zahl der Infizierten und damit Toten legt noch weiter zu. Das gilt auch für Staaten, wie Argentinien oder Peru, die bereits sehr früh mit harter Isolationspolitik reagiert haben. Es dürfte Länder wie Brasilien oder Mexiko noch heftiger treffen, deren Regierungen zögerlich reagierten und die Pandemie weiterhin herunterspielen.

Für die ganze Region gilt: Es zeigt sich, dass die Regierungen keine Pläne haben, wie sie mit der öffentlichen Gesundheitskrise und den wirtschaftlichen wie sozialen Folgen umgehen sollen. Die neu gewonnen Popularität, die einige Präsidenten zu Beginn der Krise aufbauen konnten – die könnte sich bald auflösen. So wie in Peru, wo die arbeitslosen Menschen trotz der strikten Isolationspolitik versuchen, aus den Städten zu fliehen, weil sie dort nicht mehr ihren Lebensunterhalt verdienen können.

In Brasilien agiert die Regierung chaotisch. Sie löst ständig neue politische Krisen aus, aber hat keinen nationalen Plan für den Notstand. Brasília hat die Krisenbewältigung weitgehend den Gouverneuren und Bürgermeistern überlassen. Auch in Mexiko hat die Regierung bisher keine Maßnahmen zur Linderung der Folgen für die Wirtschaft aufgelegt, dabei stürzt diese gerade heftig ab.

Angesichts der Hilfslosigkeit wenden die Regierungen die in Lateinamerika längst als überwunden geglaubten Rezepte an: Sie machen die Grenzen zu, stoppen jede regionale Zusammenarbeit. So ist Argentinien jetzt für weitere Integrationsverhandlungen aus dem Mercosur ausgetreten. Damit ist das Ende des Mercosur in der heutigen Form eingeleitet. Argentinien bewegt sich mit dem absehbaren Zahlungsstopp auf die Auslandsschulden damit wieder auf eine Isolation zu, wie bereits von 2002 bis 2015.

Unternehmen und Investoren sollten sich in Zukunft in Lateinamerika auf nationale, durch Zölle geschützte Märkte einstellen, mit der damit einhergehenden Bevorzugung und Subvention nationaler Unternehmen.

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Lateinamerika steht vor zwei entscheidenden Wochen

In Lateinamerika wird sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden, wie stark der Virus die Bevölkerung infizieren und wie hoch die Todesraten sein werden. Entscheidend ist, wie heftig die arme Bevölkerungsmehrheit betroffen sein wird. Die Anzeichen sind widersprüchlich. Die Finanzinvestoren haben ihre Entscheidungen bereits getroffen. Sie ziehen ihr Kapital ab.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Erst Anfang Mai wird in Lateinamerika mehr Klarheit darüber bestehen, wie stark die Bevölkerung vom Covid-19-Virus infiziert sein wird. Bisher finden die meisten Ansteckungen in den urbanen Zentren und vor allem in der Mittelschicht statt. Doch die Mittelschicht ist im Vergleich zu Europa klein und lebt in Lateinamerika stärker isoliert von der armen Bevölkerungsmehrheit. Deswegen bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie in den Armenvierteln des Kontinents auswirken wird. Einerseits gibt es lokale Krisenherde mit überlasteten Krankenhäusern und Bestattungsdiensten wie in Ecuadors Metropole Guayaquil oder der Amazonashauptstadt Manaus in Brasilien. Andererseits melden etwa die öffentlichen Gesundheitsdienste noch keine exponentielle Steigerung der Krankenfälle.

Das Problem ist in ganz Lateinamerika, dass die Regierungen ihre Öffnungspläne für die Wirtschaft kaum auf empirische Daten stützen können. Es gibt viel zu wenig Tests für repräsentative Erhebungen über die Krankenstände. Es ist illusorisch sie für die nächsten Wochen zu erwarten, wie einige Regierungen es immer wieder verkünden. Erst wenn die Kranken Kontakt mit den öffentlichen Gesundheitssystemen aufnehmen, dürften die Einschätzungen über die Auswirkungen der Corona-Krise realistischer ausfallen als bisher.

Die lokalen Investmentbanken beobachten sehr genau den Verlauf der Krise und veröffentlichen umfangreiche Analysen. Der Grund: Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist ein gewaltiger Risiko- und damit Kostenfaktor für ihre Kunden, die Investoren.

Die Mehrheit der Finanzinvestoren hat die Entscheidung aber bereits getroffen: Sie ziehen ihr Kapital aus lateinamerikanischen Bonds und Anleihen ab. Der Aktienindex der B3 in São Paulo, die Schlüsselbörse für die ganze Region – hat seit Jahresanfang in Dollar rund 50 Prozent verloren. Die Aussichten, dass diese Portfolio-Investoren bald wieder zurückkehren, sind gering. Der Tenor der Analysen der Investmentbanken: Es lohnt sich derzeit nicht für Investoren, das Lateinamerika-Risiko einzugehen. Dafür fallen die Erholungs- und Wachstumsaussichten für die Region mittelfristig zu schwach aus. Die wegen der Hilfsmaßnahmen und Steuerausfälle schnell steigenden Defizite und die Verschuldung der Staaten und Unternehmen werden die wirtschaftliche Erholung verzögern.

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Düstere Aussichten für das Wachstum in Lateinamerika

Lateinamerika wird durch die Corona-Krise wirtschaftlich schwer leiden. Das gilt jedoch nicht für alle Staaten: Die Andenstaaten sind besser gerüstet für die Erholung als etwa Mexiko und Brasilien. Dort drohen die Regierungen mit ihrer widersprüchlichen Politik die Krise noch zu verschärfen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Corona-Krise trifft in Lateinamerika auf einen wirtschaftlich bereits angeschlagenen Kontinent. Die neusten Prognosen etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank fallen entsprechend negativ aus: Lateinamerika insgesamt wird rund fünf Prozent an Wirtschaftskraft verlieren, also etwas stärker schrumpfen als die Weltwirtschaft insgesamt.

Die Krise wirkt sich unterschiedlich aus: Die drei größten Ökonomien Brasilien, Mexiko und Argentinien werden stärker von der Rezession betroffen sein und länger brauchen, um sie hinter sich zu lassen. Die Andenökonomien Chile, Peru und Kolumbien dagegen werden weniger hart unter den sinkenden Rohstoffpreisen, der Kapitalflucht sowie steigender Arbeitslosigkeit leiden. Ihr Wachstum wird sich 2021 vermutlich auch schneller wieder erholen als in den großen Volkswirtschaften. Wegen ihrer geringeren Haushaltsdefizite können die Andenländern stärker anti-zyklische Maßnahmen durchführen. Auch von der Erholung Chinas werden sie als Zulieferer nach Fernost bald profitieren können.

Die düsteren Prognosen der Institutionen aus Washington und der Investmentbanken für Brasilien, Mexiko und Argentinien liegt einerseits an deren bereits defizitären Haushalten und hohen Schuldenständen. Sie müssen sich noch stärker verschulden, um über Sozialhilfe die Not ihrer Bevölkerungen zu senken. Diese steigenden Schulden werden die zukünftigen Wachstumsaussichten belasten. Entsprechend verzögert fällt die Erholung für die drei Ökonomien aus. Sie werden im nächsten Jahr nur zwischen 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, so die Weltbank.

Negativ wirkt sich zudem aus, dass die Regierungen in Brasilien und Mexiko verlangsamt und widersprüchlich auf die Ausbreitung des Virus reagieren – gerade jetzt, wenn eine transparente und klare Politik gefragt ist, wie sie der IWF einfordert. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht das Risiko von politischen Fehlentscheidungen in den beiden größten Ökonomien als hoch an.

Das sind schlechte Aussichten für ganz Lateinamerika: Brasilien und Mexiko vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform – in die USA und weltweit.

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COVID-19 und die Lage in Lateinamerika

Die COVID-19-Pandemie hat auch Lateinamerika und seine Märkte mit voller Wucht erreicht. Der klassische LADW Sunday Brief wird vorübergehend an diese sehr volatile Situation angepasst: Von nun an werden Sie hier alle zwei Wochen mit Trends und Analysen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Region informiert.

Verfasst werden die Nachrichten von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ, und immer donnerstags veröffentlicht.

© CDC
© CDC

COVID-19 verwandelt die politische Landschaft Lateinamerikas

Politiker mit klaren Strategien gewinnen in der Corona-Krise an Popularität, Leugner verlieren an Rückhalt. Das größte Problem kommt aber noch: Der soziale Abstieg durch die wirtschaftliche Krise.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das Corona-Virus hat Lateinamerika vor einem Monat als eine der letzten Regionen weltweit erreicht – und es ist überraschend, wie schnell Präsidenten in kurzer Zeit ihre Popularität steigern können, wenn sie mit klaren Strategien gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen. Das zeigt sich in Peru, Chile und Argentinien.

In Peru etwa hat Präsident Martín Vizcarra direkt nach den ersten Infizierungen schon Mitte März das Land geschlossen und einen radikalen Lockdown verhängt. Vizcarras Popularität ist seitdem von 52 auf 87 Prozent gestiegen.

In Chile hat der unbeliebte konservative Präsident Sebastián Piñera eine schrittweise soziale Isolation eingeführt. Gleichzeitig hat er Hilfsmaßnahmen des Staates verordnet. Inzwischen konnte Piñera, der durch die Demonstrationen gegen seine Regierung und für eine neue Verfassung massiv geschwächt ist, seine Popularitätsrate fast verdoppeln auf 21 Prozent.

Auch in Argentinien schärft Alberto Fernández sein Profil als sozialer Macher mit einer klaren Quarantäne-Politik. Über 80 Prozent der Bevölkerung stehen hinter ihm. Seine Wahl gewann er vor fünf Monaten mit rund 50 Prozent der Stimmen.

Umgekehrt gilt: Wenn Präsidenten die Krise verleugnen, schönreden oder zögerlich reagieren – dann verlieren sie rasant an Rückhalt in der Bevölkerung. Das gilt unabhängig von der politischen Ausrichtung für die Populisten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko.

Der rechtspopulistische Bolsonaro hält die Brasilianer gegen den Rat seiner Minister und Experten weiterhin dazu an, zur Arbeit zu gehen. Der Virus sei nicht viel schlimmer als eine Grippe, behauptet er. Inzwischen haben fast alle Gouverneure das öffentliche Leben beschränkt. Jeden Abend kommt es zu lautstarkem Topfschlagen gegen den Präsidenten – auch in Wohngegenden, in denen die meisten für den ehemaligen Militär gestimmt haben. Die Popularität Bolsonaros steht mit 30 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt Anfang 2019.

Der linkspopulistische López Obrador hat bis vor wenigen Tagen die Mexikaner aufgefordert, in Restaurants zu gehen und sich möglichst viel zu umarmen. Doch inzwischen scheint er den Ernst der Lage erkannt zu haben. Am letzten Märztag hat er abrupt den nationalen Notstand ausgerufen. Seine Beliebtheit ist seit Anfang letzten Jahres von 78 auf jetzt 59 Prozent gesunken.

Dennoch können die Popularitätsraten sich schnell ändern. Denn die größte Herausforderung kommt jetzt erst auf die Regierungen zu. Die Krise erreicht einen wirtschaftlich angeschlagenen Kontinent. Die Präsidenten werden bald daran gemessen werden, wie sie mit den negativen sozialen Folgen umgehen werden. Sie müssen einen Weg finden, ihre neugewonnene Popularität auch dann zu halten, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zunehmen.

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Argentinien sucht in Europa nach Verbündeten

Der erst seit Dezember 2019 amtierende Staatspräsident Argentiniens Alberto Fernández besuchte heute im Rahmen einer Europareise auch Berlin für ein Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel.

In einem vom LADW organisierten Wirtschaftsgespräch mit dem Präsidenten und seiner Delegation zeigte sich Fernández gegenüber dem Engagement deutscher Unternehmen in Argentinien sehr aufgeschlossen. Argentinien brauche die deutsche Wirtschaft und sehe diese als Partner für ein Comeback des Landes.

Die Wiederbelebung Argentiniens hat für den Präsident höchste Priorität, der erste Schritt bleibt aber eine zu verhandelnde, langfristige Strategie zur Umschuldung, insbesondere mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Regierung ist bemüht, das Vertrauen in das Land wiederherzustellen und Rahmenbedingen für Investitionen zu verbessern. So soll beispielsweise ein neues Gesetz die Investitionssicherheit im Land stärken. Aktuelle Abschottungsmaßnahmen seien bittere, aber vorübergehende Heilmittel. Fernández hat sich auch für Multilateralismus und internationale Organisationen ausgesprochen.

Während seiner Reise traf Fernández auch den Papst, den italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte, den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Gesucht wird die Unterstützung der EU-Länder für die beabsichtigte Neuverhandlung der Rückzahlung des IWF-Kredits.

Präsident Fernández und der stellv. LADW-Vorsitzende Kerkhoff
Präsident Fernández und der stellv. LADW-Vorsitzende Kerkhoff © Christian Kruppa
Außenminister Solá, Präsident Fernández und Botschafter Villagra Delgado
Außenminister Solá, Präsident Fernández und Botschafter Villagra Delgado (v. l. n. r.) © Christian Kruppa
Präsident Fernández im Gespräch mit der deutschen Wirtschaft
Präsident Fernández im Gespräch mit der deutschen Wirtschaft © Christian Kruppa

Zusammenarbeit mit Lateinamerika stärken

Die deutsche Wirtschaft drängt darauf, ihr Engagement in Lateinamerika auszubauen. Dafür braucht es neue Akzente in der Lateinamerika-Politik. Der Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) stellen deshalb ein gemeinsames Positionspapier für eine stärkere Kooperation mit der Region vor.

Anlässlich der Veröffentlichung des Positionspapiers betont der LADW-Vorsitzende Andreas Renschler: „Für deutsche Unternehmen sind Freihandelsabkommen in der Zusammenarbeit mit Lateinamerika dringend notwendig, damit wir auch in Zukunft dort eine strategische Rolle spielen. Eine baldige Ratifizierung des EU-Mercosur-Abkommens ist unverzichtbar.“

Das Papier basiert auf den Erkenntnissen der CEO Agenda für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von LADW und McKinsey & Company und enthält Handlungsempfehlungen an die Politik.

Bundesaußenminister Maas auf der Lateinmerika-Karibik-Konferenz
© Christian Kruppa

Lateinamerika im Umbruch: Dranbleiben ist die beste Option

Wirtschaftliche und politische Kehrtwenden erregen temporeich und fast simultan zwischen Nord und Süd die über 650 Millionen lateinamerikanischen Gemüter. Seit knapp einem Jahr versuchen die neuen Regierungen in den beiden größten Volkswirtschaften der Region ihre Wahlversprechen umzusetzen. Und das in entgegengesetzter Richtung: In Mexiko mit einer linksgerichteten, in Brasilien mit einer rechtsorientierten, aber wirtschaftsliberalen Agenda. Auch in Argentinien sorgte vor Kurzem die Präsidentschaftswahl mit dem Sieg des linken Oppositionskandidaten Alberto Fernández für einen bedeutenden Politikwechsel und damit den Abschied vom wirtschaftsliberalen Kurs Mauricio Macris.

Demonstrationen und Proteste in verschiedenen Ländern zeigen den Unmut von Teilen der Bevölkerung über die aktuelle Regierungspolitik, wie etwa in Ecuador oder aktuell in Chile, dem einstigen Musterkind für Stabilität in der Region. Kurz nach zweifelhaften Wahlen muss jetzt Bolivien mitten in einer politischen Krise einen neuen Präsidenten wählen. Im Gegensatz zu Venezuela, das immer noch unter einem andauernden Ausnahmezustand leidet.

Gerade in einer solchen Lage ist aber eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den dortigen Ländern das Gebot der Stunde, damit die langfristigen Perspektiven nicht im derzeit herrschenden Nebel übersehen werden. Denn die momentanen Umstände definieren den Markt nicht allein, die Eigenschaften tun dies vielmehr. Ein gemeinsamer Nenner ist beispielsweise in fast allen aktuellen politischen Spannungen in Lateinamerika zu erkennen: Eine wachsamere Gesellschaft, die mehr als je zuvor an Politik interessiert ist. Dies fordert die etablierten Systeme heraus – egal in welchem Land oder  welche Partei. Und gerade diese aufmerksame und anspruchsvolle Gesellschaft ist in den noch relativ jungen Demokratien Lateinamerikas eine wichtige Errungenschaft für mehr Rechtstaatlichkeit und bessere Rahmenbedingungen in der Zukunft.

Für 2020 bleibt es spannend. Die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China hinterlassen auch in der Region ihre Spuren. Die Unternehmen in Lateinamerika werden sich zunächst auf wirtschaftspolitische Ungewissheiten, eine insgesamt abkühlende Konjunktur und eine angespannte Lage einstellen müssen. Jedoch nicht auf Dauer. Auf Umbrüche folgt in Lateinamerika oft der Aufbruch. Und dabei wird die Rolle Brasiliens als Stabilitätsanker umso wichtiger: Schafft es das Land seinen ambitionierten Plan für Strukturreformen, Staatsmodernisierung und Infrastrukturausbau umzusetzen, so werden die Märkte der Region sehr davon profitieren. Ganz zu schweigen von der Marktöffnung Brasiliens, die nun auch Freihandelsabkommen mit den USA, China und anderen Nationen auf die Tagesordnung setzt. Ein Grund mehr für uns in Europa, die Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der EU mit dem Mercosur zügig anzugehen, solange wir noch im Rennen sind. Dranbleiben ist weiterhin die beste Option!

Foto des LADW Vorsitzenden Andreas Renschler - Volkswagen AG und TRATON SE
© TRATON SE

Andreas Renschler

LADW-Vorsitzender, Mitglied Konzernvorstand Volkswagen AG und CEO TRATON SE

Sunday Brief N°11

Dieser Sunday Brief ist auch als PDF mit der Kolumne, Stimme und dem Leitartikel verfügbar.