Warum Klimawandel die Industrialisierung anschieben könnte

Mit der sauberen Energiematrix und seinen Rohstoffen werden die lateinamerikanischen Ökonomien besonders von der grünen Wende in der Weltwirtschaft profitieren. Doch dafür müssten die Regierungen mitziehen. Das gilt vor allem für Mexiko und Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Länder und Unternehmen auf der ganzen Welt reagieren verstärkt auf den Klimawandel. Emissionsneutrale Ökonomien sind das Ziel. Die Maßnahmen gegen den Klimawandel werden zu einem zentralen Thema im globalen Konkurrenzkampf. Für Lateinamerika bietet das eine einmalige Chance.

Denn die Region hat in vielen Ländern nachhaltigere Energieproduktionen als der Durchschnitt der Industriestaaten. Das liegt einerseits an der traditionell dominierenden Wasserkraft zur Stromerzeugung im Zentrum Südamerikas. Auch die Biotreibstoffe werden vor allem in Brasilien schon seit vielen Jahren produziert und eingesetzt. Deren Bedeutung wird in den nächsten Jahren in allen Agrarregionen Lateinamerikas noch zunehmen. Das liegt an den neuen Technologien, mit der zunehmend Biomasse, aber auch städtische Abfälle in Treibstoffe und Strom verwandelt werden.

Zudem sorgen die schnell wachsenden Investitionen in Wind- und Solarparks für eine nachhaltigere Energieproduktion in Lateinamerika. Die Region hat neben der hohen Sonnenstrahlung auch die windstärksten Gebiete weltweit – und das Potenzial von off-shore-Windparks ist noch nicht einmal angezapft. Auch die industrielle Nutzung von der reichlich vorhandenen Erdwärmeenergie steht erst am Anfang.

Chile macht gerade vor, wie die Sonnenenergie in „grünen“ Wasserstoff umgewandelt werden kann, der also nicht aus konventionellen Energien gewonnen wird, sondern aus Solar- und Windenergie. Die anderen Staaten werden folgen. Denn mit den sinkenden Preisen für die nachhaltige Energie-Infrastruktur zur Herstellung von Wasserstoff, dürfte Lateinamerika in den nächsten zehn Jahren zu einem wichtigen Produzenten werden.

Für Lateinamerika wird der grüne Wandel hohe Investitionen mit sich bringen und Arbeitsplätze schaffen. Sogar der dringend notwendige Produktivitäts- und Industrialisierungsschub könnten die Änderungen in der Weltwirtschaft auslösen.

Denn der grüne Wasserstoff kann in die Wertschöpfungsketten der lokalen Industrien eingebaut werden und nicht nur als Treibstoff oder Energieträger exportiert werden. Schon jetzt fragen die Unternehmen in Europa, den USA und China „grünen“ Stahl und Kupfer nach. Außerdem könnten die Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette und Logistik von der Erzmine im Amazonas oder den Anden bis zu den Häfen in Europa oder China nachhaltig mit Biotreibstoffen oder Wasserstoff, also CO2-neutral aufbauen.

Es gibt aber ein Problem. Während sich der ökologische Wandel weltweit beschleunigt, haben die Regierungen der beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas gerade den umgekehrten Weg eingeschlagen. In Brasilien und Mexiko nehmen die Präsidenten das Thema nicht ernst: Mexiko hat die Regierung nachhaltige Energien von der Prioritätenliste verbannt. Sie setzt auf die traditionelle Ölindustrie und Raffinerien. Auch in Brasilien ignoriert die Regierung die Chancen, welche sich aus der Umstellung in der Weltwirtschaft ergeben.

Doch Regierungen wechseln. Auch bei Sonnen- und Windenergie sind viele Staaten Lateinamerikas erst spät auf den Zug aufgesprungen. Heute zählen sie zu den wichtigen Investitionsstandorten der Branchen weltweit.

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