Wahlprognosen werden schwierig in Lateinamerika

Das überraschende Ergebnis der ersten Wahlrunde in Kolumbien zeigt, wie instabil die politische Lage in Lateinamerika ist. Vor allem Außenseiter haben Chancen auf einen Wahlsieg. Doch sie haben keine politische Basis und können kaum etwas von dem umsetzen, was sie versprochen haben.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Seit Jahresanfang schien es für die meisten Kolumbianer als wahrscheinlich, dass der Linke Gustavo Petro im ersten Durchgang bei den Wahlen Ende Mai gewinnen würde. Bei den Parlamentswahlen zuvor hatte seine Partei große Stimmenzuwächse erlebt. Petro wäre der erste Linke an der Spitze Kolumbiens.

Doch es kam anders: Zwar gewann Petro die erste Runde der Wahlen mit einer deutlichen Mehrheit von 40 Prozent der Stimmen. Dennoch ist es heute wenig wahrscheinlich, dass er der nächste Präsident Kolumbiens wird.

Denn der parteilose Unternehmer und Ex-Bürgermeister Rodolfo Hernández hat überraschend 28 Prozent der Stimmen gewonnen. Der drittplatzierte Kandidat aus dem konservativen Lager hat seine Wähler bereits aufgefordert, Hernández zu wählen. Damit hat der weitgehend unbekannte 77-jährige Populist Hernández rein rechnerisch 52 Prozent der Stimmen – und nun gute Chancen der nächste Präsident des Landes zu werden.

Das sind keine guten Nachrichten: Denn Hernández hat keinerlei politische Basis im Kongress und ein konfuses politisches Programm. Kolumbien ist ein Land voller komplizierter politischer, sozialer und wirtschaftlicher Probleme und bräuchte eigentlich jemand an der Spitze des Landes, der Allianzen schmieden kann zwischen den politischen Lagern.

Damit wiederholt sich in Kolumbien nur das, was in den Andenländern bereits bei den letzten Wahlen passiert ist: In Peru gewann der völlig unbekannte Dorfschullehrer Pedro Castillo vor einem Jahr knapp die Wahlen. Seitdem zeigt er sich dem Amt wenig gewachsen und hat schon mehrfach sein Kabinett gewechselt. Es ist unwahrscheinlich, dass er seine Amtszeit bis zu Ende regieren wird.

In Chile hat ebenfalls der Rechtsaußenpolitiker José Antonio Kast überraschend den ersten Wahlgang gewonnen und nur in den Stichwahlen gegen den ehemaligen Studentenführer Gabriel Boric verloren. Sowohl Boric wie Kast sind keine politischen Außenseiter. Sie gehören jedoch nicht den traditionellen Parteien Chiles an.

Vereinfachend lässt sich sagen, dass bei all diesen Wahlen diejenigen überraschend den größten Erfolg hatten, die am weitesten vom politischen Establishment entfernt standen. Das Problem für ihre Regierungen ist jedoch nun, dass sie alle eine schwache Basis in ihren Parlamenten haben und deswegen wenig umsetzen können von dem, was sie vorher versprochen haben. Darum haben Boric und Castillo rasant an Popularität verloren.

Für Lateinamerika bedeutet das: Die politische Lage wird unvorhersehbar und instabiler.

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