Überraschend gute Aussichten für Lateinamerikas Wirtschaft

Die Corona-Infektionen haben in Lateinamerika seit Jahresbeginn ihr Allzeitrekordhoch erreicht – doch ohne die befürchteten dramatischen Folgen wie zuvor. Ausländische Investoren stecken so viel Kapital in Lateinamerikas Finanzmärkte wie schon lange nicht mehr.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Covid-Omikron-Welle hat auch in Lateinamerika ihren Zenit erreicht: Nach rekordhohen Neuinfektionen noch im Januar sinkt die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle. Ein Grund könnte sein, dass Lateinamerika heute der Kontinent mit der höchsten Impfquote weltweit ist. Der Abklang der Pandemie wirkt sich teilweise positiv auf die allgemeine wirtschaftliche Situation aus.

So konnten Kolumbien und Chile ihre Wachstumstrends von vor der Pandemie fortsetzen. Die Wirtschaften Mexikos, Brasiliens und auch Perus entwickeln sich jedoch weiterhin schwächer als noch vor zwei Jahren.

Argentinien ist weiterhin unter den großen sechs Ökonomien der Außenseiter mit einem erwarteten Wachstum von vier Prozent und einer Inflation von 56 Prozent am Ende dieses Jahres.

Neue Wolken tauchen auf am Horizont: Auch im restlichen Lateinamerika sorgen sich die Ökonomen wegen der Inflation. Doch anders als in Europa oder den USA steuern die Zentralbanken hier bereits klar gegen die Teuerung an. In Brasilien, Chile und Kolumbien haben die Zentralbanken die Zinsen bereits so deutlich erhöht, dass die Ökonomen ab Ende dieses Jahres sinkende Inflationsraten erwarten. Dennoch werden die steigenden Rohstoff- und Energiepreise weiteren Druck auf das allgemeine Preisniveau ausüben.

Neu ist jedoch: Die ausländischen Finanzinvestoren lassen sich im Moment nicht von den unsicheren Aussichten abschrecken – im Gegenteil: Seit Jahresanfang bewegt vor allem ausländisches Kapital die Aktienmärkte in der Region. Die Börsen in Brasilien, aber auch in Peru, Kolumbien und Chile haben seit Jahresbeginn deutlich gewonnen. Ganz im Gegensatz zu den führenden Handelsplätzen für Aktien in Europa, den USA oder Asien.

Die Risikokapitalinvestoren setzen weiterhin auf Lateinamerika. Letztes Jahr flossen etwa 15 Mrd. Dollar als Venture-Capital nach Lateinamerika. Das ist etwa dreimal so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2019. Zum Vergleich: In Asien (außer China) investierten die Risikokapital-Fonds letztes Jahr rund 25 Mrd. Dollar. Im Januar haben diese Investoren ihre Zuflüsse erneut erhöht.

Gleichzeitig erwarten viele Investoren, dass die Preise für Rohstoffe zulegen werden und setzen auf Bergbau- und Agrarunternehmen, die es in Lateinamerika zahlreich gibt.

Der Kapitalzufluss hat zu einer Stärkung der Kaufkraft der Region geführt: In Brasilien, aber auch in Peru, Mexiko und Chile haben die Währungen gegenüber dem Dollar kräftig zugelegt.

Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor bleiben die politischen Krisen und Spannungen in fast allen Ländern der Region. In Peru scheint es zunehmend unwahrscheinlich, dass die Regierung von Pedro Castillo die nächsten Monate überleben wird. In Chile tritt mit Gabriel Boric im März erstmals ein linker Präsident an, während gleichzeitig die Verfassung überarbeitet wird. In Argentinien ist die Regierung gespalten, ob sie ein Abkommen mit dem IWF unterzeichnen soll. Und in Brasilien wie Kolumbien wird in diesem Jahr gewählt, was die politischen Spannungen in diesen Ländern zusätzlich erhöht.

COVID-19 in Latin America

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