Trotz der schnellen Erholung bleiben die Investoren nervös in Südamerika

Warum sind der Peso, Real und Sol so schwach, obwohl gleichzeitig viele Staaten Südamerikas die Pandemie-Rezession schneller hinter sich lassen, als vor kurzem noch erwartet? Die Investoren fürchten, dass steigende US-Zinsen die Belebung stoppen könnten.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Fast alle Ökonomien in Südamerika erholen sich schneller als erwartet von der Pandemie-Rezession. Nach Brasilien und Mexiko haben die Investmentbanken gerade die Wachstumsprognosen für Chile in diesem Jahr auf überraschend hohe 9,5% angehoben. Schon im Juni hat die chilenische Wirtschaft das Vor-Pandemie-Niveau erreicht.

Wie Chile profitieren fast alle südamerikanischen Staaten vom Rohstoffboom. Auch die Importe legen deutlich zu – was ein Anzeichen dafür ist, dass die Unternehmen wieder investieren. Tatsächlich sind die Einfuhren an Maschinen und Ausrüstungen ebenfalls stark gewachsen, wie etwa in Brasilien. Die Leistungsbilanzdefizite in der Region sind nach den eineinhalb Pandemiejahren geschrumpft. Damit sinkt die Gefahr von Zahlungsausfällen.

Trotzdem zählen der chilenische Peso, der peruanische Sol und der kolumbianische Peso zu den Währungen, die in den letzten Monaten stark an Wert verloren haben. Auch der Real hat seit Beginn der Pandemie gegen den Dollar rund 20% nachgegeben. Die täglichen Schwankungen der Wechselkurse haben enorm zugenommen.

Das passt nicht zusammen: Die Erholung einerseits und die die hohe Volatilität der Wechselkurse und die anhaltende Schwäche der Währungen andererseits.

Sie sind ein klares Indiz dafür, dass die Investoren der Erholung nicht trauen. Der Grund sind einerseits die schwachen öffentlichen Finanzen in der Region, andererseits das angespannte politische Szenario. Auch die Aussichten einer möglichen Zinserhöhung in den USA erhöht die Nervosität in Südamerika.

Sollte es zu einer Erhöhung der weltweiten Zinsen kommen – so fürchten die Experten des Institute of International Finance (IIF) in Washington – könnte das Vertrauen der Anleger schnell schwinden, so dass ein Szenario mit anhaltender Wachstumsschwäche in Lateinamerika schwer zu vermeiden wäre.

Denn die gestiegenen Haushaltsdefizite müssen finanziert werden. Die sind in der Pandemie gewachsen, weil die Regierungen soziale Ausgleichszahlungen leisteten, um die Ärmsten in ihren Ländern zu unterstützen. Doch die politischen Unruhen und sozialen Spannungen in Kolumbien, Chile, Brasilien und Peru führen dazu, dass die Regierungen auch in diesem Jahr die Budgetvorgaben überschreiten. Kommt es dann zu einer Zinserhöhung in den USA, dann müssen auch die Zentralbanken in Südamerika die Leitzinsen hochsetzen und gleichzeitig verteuern sich die Kreditkosten für die Unternehmen und Staaten der Region.

Das würde wiederum das Wachstum ausbremsen. Schon jetzt nimmt der Druck auf die Geldbehörden zu, nach einem strikteren monetären Kurs: Die Inflationsraten steigen stärker als erwartet.

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