Trockenheit belastet die Post-Pandemie-Erholung in Lateinamerika

Die immer häufigeren und intensiveren Trockenperioden wirken sich zunehmend negativ auf die Wirtschaft aus. Betroffen sind Landwirtschaft, Bergbau, Energie und Transport.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im Zentrum Südamerikas setzen sich die ausbleibenden Niederschläge in einer fatalen Kettenreaktion auf die Ökonomien fort. Die Dürre im südlichen Amazonasgebiet und in der Pantanal-Region ist die schlimmste der letzten 50 Jahre. Die jedes Jahr geringeren Regenfälle im Zentrum Brasiliens belasten aber nicht nur die Farmer in Mato Grosso. Weil der Paraná-Fluss so wenig Wasser wie seit langem nicht mehr führt, sind die Staudämme im Südosten des Landes leergelaufen. Wenn es in den nächsten Wochen nicht zu regnen beginnt, dann könnten zum Jahresende Stromrationierungen notwendig sein – wie zuletzt vor 20 Jahren. Das Amazonasland leidet unter der stärksten Dürrephase seit fast einem Jahrhundert.

Auch in Argentinien und Paraguay belasten fehlende Niederschläge die Landwirtschaft. Erst 2018 litten die Farmer in der Pampa unter der schwersten Trockenheit seit 50 Jahren. Doch jetzt fallen die Flüsse immer mehr als Transportwege aus. Argentinien exportiert 80 % seines Getreides von den Binnenhäfen um Rosário zum Atlantik. In Paraguay sind es 95 % aller Ausfuhren. Die Schiffe können jedoch derzeit immer weniger laden, die Farmer müssen auf Lkw ausweichen, welche die Ernte zu den Häfen am Atlantik bringen. Die Folgen sind steigende Lebensmittelpreise.

Auch in den Anden nimmt die Trockenheit zu: Dort hat es ebenfalls seit Jahren zu wenig geregnet, sodass die Obstanbauregionen im argentinischen Mendoza und im chilenischen Valparaíso dieses Jahr kräftige Einbußen erleben werden. In Chile wurde in vier von 16 Regionen der Wassernotstand ausgerufen. Die Städte und Farmer werden immer abhängiger vom Gletscherwasser. Doch auch die Eisfelder schrumpfen.

In Mexiko erleben 70 % des Landes eine Dürre, 25 % des Landes sind sogar von extremer Trockenheit betroffen. Auch hier sind es zuerst die Farmer im Norden und Westen, die Ernteausfälle beklagen. Das Land muss zunehmend Mais importieren.

Nach einer Untersuchung der Weltbank könnten Chiles und Argentiniens Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr allein wegen der Trockenheit um jeweils rund einen Prozentpunkt sinken. Für Brasilien haben Investmentbanken die Wachstumsprognosen für 2022 gerade auf unter ein Prozent gesenkt – die Dürre ist aber nur ein Grund für die wirtschaftliche Stagnation. Sollte tatsächlich eine Energiekrise mit Stromrationierungen dazu kommen – was bisher nicht sicher ist – dann könnte Brasiliens Bruttoinlandsprodukt (BIP) im nächsten Jahr sogar schrumpfen.

Erstaunlich ist deshalb, dass der Klimawandel und seine Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft bisher eher Randthemen auf der politischen Agenda Lateinamerikas sind. Das dürfte sich jedoch schnell ändern.

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