Steigende Lebensmittelpreise erhöhen in Südamerika das Protestrisiko

Die Region ist einer der wichtigsten Lieferanten des Weltmarktes für Agrarprodukte – und dennoch erlebt die Bevölkerung dort die höchsten Lebensmittelpreissteigerungen weltweit. Der Grund: Die Farmer exportieren ihre Produkte, deren Preise sind in Dollar quotiert. Die Preise in Real und Peso für Lebensmittel erhöht das zusätzlich.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die südamerikanischen Farmer haben in den letzten Monaten eine Rekordernte eingefahren und konnten entsprechend mehr nach China exportieren, dem wichtigsten Abnehmer für Soja, Hühnerfleisch und Mais aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay.

Für die Konsumenten in diesen Ländern ist das jedoch kein Trost: Denn die Preise für Bohnen, Reis, Zucker und Pflanzenöle, aber eben auch für Fleisch von Rind, Geflügel und Schwein sind im Mai so stark gestiegen, wie seit zehn Jahren nicht mehr. In Argentinien hat die Regierung deswegen die Rindfleischexporte verboten, um die Unterversorgungen und Preisanstiege zu bremsen. Genutzt hat es wenig.

Der Grund für die hohen Preise sind einerseits auf der Angebotsseite die schwere Trockenheit in Brasilien, welche die Produktion verringern wird. Zudem lassen die hohen Ölpreise auch wieder Biodiesel und Ethanol attraktiv werden. Die Farmer verkaufen ihren Mais oder Soja an Energiekonzerne, welche die Saaten in Biodiesel umwandeln. Zuckerkonzerne produzieren Ethanol statt Zucker. Das Dilemma „Tank oder Teller“ bekommt eine neue Aktualität.

So besteht in Südamerika ein Paradox: Der Kontinent ist der wichtigste Lebensmittellieferant für den Weltmarkt – doch seine eigene Bevölkerung kann sich diese immer weniger leisten. Die Tendenz ist, dass die Preissteigerungen erst noch richtig zunehmen werden – nämlich dann, wenn die Produzenten ihre Preiserhöhungen für Treibstoffe und Agrarprodukte an die Konsumenten weitergeben werden. 2020 konnten die Farmer noch bei fast gleichen Kosten wie zum Vorjahr produzieren. Doch nun sind die Preise für Pflanzenschutzmittel, Dünger und Diesel kräftig gestiegen.

Bereits jetzt bezahlen die Südamerikaner noch mehr für Lebensmittel als andere Bevölkerungen: Ihre Währungen sind schwach gegenüber dem Dollar. Aber Agrarrohstoffe werden, wie auch Energie und Industrierohstoffe, in Dollar gehandelt. Auf die gestiegenen Preise bezahlen die Konsumenten in São Paulo und Buenos Aires noch einen Wechselkursaufschlag.

Für die Regierungen in Südamerika ist das ein explosives Gemisch: Preiserhöhungen wie für Mais in Mexiko oder in den Andenländern haben bereits 2007 und 2010 zu Revolten geführt. Schon jetzt demonstrieren die Menschen in Ecuador, Kolumbien, aber vor kurzem auch Peru, Bolivien und Chile für bessere Leistungen vom Staat und mehr soziale Gerechtigkeit. Durch die Pandemie sind viele Südamerikaner aus der Mittelschicht abgestiegen in die Armut. Selbst im reichen Brasilien grassiert wieder der Hunger – der eigentlich schon längst besiegt schien.

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