Steht Brasilien vor einer schnellen Erholung?

In Lateinamerika gehen die Corona-Neuinfektionen langsam zurück – jedoch von einem hohen Niveau aus und nicht überall. Die Wachstumsprognosen bleiben durchwachsen. Nur Brasilien überrascht positiv.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Im September sind die Ansteckungsraten in Lateinamerika erstmals am Sinken. Ausnahme sind Argentinien und Venezuela. In Chile und Mexiko stabilisieren sich die Zahlen der Neuinfektionen. In den anderen größeren Ökonomien nehmen die Infektionsmeldungen ab. Doch von Entwarnung kann noch keine Rede sein. In vielen Ländern findet immer noch ein reduziertes öffentliches Leben statt, mit weiterhin geschlossenen Schulen. Trotzdem steigen immer wieder die Infektionen in einzelnen Regionen und Ländern sprunghaft an.

Derzeit ist Lateinamerika für über die Hälfte der weltweit offiziell registrierten Corona-Opfer verantwortlich. Brasilien steht international auf Platz 2 der meisten Corona-Toten. Unter den zehn Staaten der Welt mit den höchsten Todesfällen pro Tag und pro Million Einwohner befinden sich aktuell acht aus Lateinamerika. Das gilt für Länder wie Argentinien oder Peru, die strenge Isolationspolitiken betrieben und ebenso für Staaten wie Mexiko, die das nicht machten.

Die Folgen für die Wirtschaft sind noch nicht klar. Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile oder Brasilien. Auch Chinas schnelle Erholung hat zu einem Exportschub für Rohstoffe aus Agribusiness, Energie und Bergbau gesorgt.

So haben sich die Aussichten für die Wirtschaft leicht gebessert nach ersten pessimistischen Prognosen noch zur Jahresmitte. 8,5 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen, erwartet die Investmentbank Morgan Stanley. Für 2021 rechnet die Bank mit einem Wachstum von 4,7 Prozent. Das regionale Bruttoinlandsprodukt wird nicht vor Ende 2022 wieder an das Vor-Pandemie-Niveau heranreichen. Die Rezession wird am stärksten Peru (-15,8 Prozent), Argentinien (-12,7 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-6,8 Prozent) und Kolumbien (-8,2 Prozent) werden die Verluste geringer ausfallen.

Überraschend schwach dürfte die Rezession in Brasilien (-5,1 Prozent) verlaufen, also etwa so hoch wie in Deutschland. Das ist ein positives Zeichen für Südamerika, das von Brasilien als Wachstumstreiber abhängig ist. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat gerade festgestellt, dass in Brasilien im August unter den größten Ökonomien weltweit die Zeichen am stärksten auf Expansion stehen – nach China.

Wie nachhaltig dieser Stimmungsumschwung sein wird, bleibt offen: Mit seinen massiven Ausgleichzahlungen von 11,8 Prozent des BIP steht Brasilien unter 168 Nationen auf Platz 24 der Staaten weltweit, die ihre Ökonomien am stärksten mit staatlichen Maßnahmen stimulieren. Kurz nach den USA, aber weit vor Frankreich, Spanien oder etwa Italien. Doch die staatlichen Corona-Hilfen werden spätestens zum Jahresende auslaufen. Die Frage ist nun, ob die Unternehmen bis dahin zu investieren beginnen.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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