Neuer Optimismus in Lateinamerika – Investoren kehren zurück

Die Hoffnung wächst in Lateinamerika, dass schon bald Impfstoffe gegen COVID-19 in den Masseneinsatz kommen. Trotz der wieder steigenden Infektionszahlen und der unklaren Wachstumsaussichten kehren die Investoren zurück. Das sorgt für einen positiven Stimmungsumschwung.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Gut möglich, dass November 2020 künftig in Lateinamerika als das Datum für den Wendepunkt in der COVID-Pandemie gesehen wird. Denn seit einigen Tagen beginnt sich die Stimmung in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten zwischen Mexiko-Stadt und Patagonien deutlich zu bessern. Das liegt einerseits am Sieg Bidens über Trump, wovon sich die Investoren weniger Spannungen in der Weltpolitik versprechen. Das gilt besonders für Ökonomien wie die in Lateinamerika, die stark von Exporten abhängen.

Die Risikobereitschaft der Investoren ist wieder gestiegen, wovon weltweit alle Emerging-Markets profitieren. Das ist aber auch deutlich in Lateinamerika zu spüren. Im November haben alle Börsen zweistellig zugelegt. Buenos Aires, Santiago und São Paulo führen die Indexgewinne mit einem Plus von rund 20 Prozent an. Auch haben fast alle lateinamerikanischen Währungen gegenüber dem Dollar zugelegt, wodurch die Börsenzuwächse in Dollar noch deutlich positiver ausfallen.

Die gute Stimmung unter den Finanzinvestoren liegt an der wachsenden Hoffnung, dass bald weltweit Impfstoffe gegen Corona eingesetzt werden können. In Brasilien, Argentinien und Chile dürften die Impfaktionen bereits nach dem Jahreswechsel starten.

Doch Vorsicht: Der zunehmende Optimismus in Lateinamerika wird vor allem durch den positiven Stimmungsumschwung in der Weltwirtschaft- und politik getrieben. In der Region selbst hat sich die Lage nicht verbessert. Im COVID Resilience Ranking der Nachrichtenagentur Bloomberg bilden unter den 53 größten Volkswirtschaften weltweit Mexiko, Argentinien und Peru die Schlusslichter. Bloomberg misst die Ökonomien und Regierung nach ihrem Erfolg bei der Eindämmung des Virus mit dem geringsten Maß an sozialen und wirtschaftlichen Einbußen. Aber auch Brasilien (37) und Chile (38) schneiden deutlich schlechter bei der Krisenpolitik ab als der Durchschnitt der Staaten weltweit.

In ihrem Lateinamerika-Ausblick für 2021 analysiert die Investmentbank JP Morgan, dass die größte Herausforderung für die Regierungen Lateinamerikas im nächsten Jahr sein wird, ihre Haushalte wieder ins Lot zu bringen. Angesichts der wachsenden politischen Spannungen dürfte das kompliziert werden, fürchtet JP Morgan. Weitere Zinssenkungen, welche die Finanzausgaben reduzieren würden, sind – bis auf in Mexiko – kaum zu erwarten.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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