„Nach vorne schauen – und weitermachen“

In Lateinamerika verharren die Infektionsraten auf hohem Niveau, auch die Zahl der Opfer sinkt nicht. Eine Entwarnung für die Coronakrise ist nicht in Sicht. Doch immer mehr Staaten kehren trotzdem zur Normalität zurück. Die Finanzinvestoren scheinen auf eine wirtschaftliche Erholung zu setzen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Nach vorne schauen – und weitermachen“ – das empfahl Präsident Jair Bolsonaro vor einer Woche seinen Landsleuten, als offiziell 100.000 Brasilianer an Corona gestorben waren. Inzwischen rechnen Experten, dass die 150.000-Toten-Grenze Ende September erreicht wird. Doch trotz der Tragödie, die auch Folge des Missmanagements der Regierung ist, versuchen viele Brasilianer nun genau das zu machen, was der Präsident ihnen empfohlen hat: In die Normalität zurückzukehren.

Dieser Prozess findet in den meisten Staaten in der Region statt. Nach einer Untersuchung von Oxford Economics haben die Aktivitäten in Mexiko und Brasilien sich am weitesten erholt seit Ausbruch der Pandemie. In Brasilien bewegen sich die ökonomischen Aktivitäten nur noch 13 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, in Mexiko sind es 17 Prozent. Auch Peru hat sich deutlich erholt mit nur noch 23 Prozent Rückstand zum März. In Chile, Argentinien und Kolumbien, in denen die Regierungen auch jetzt immer wieder neu soziale Isolationsmaßnahmen verhängen, liegen die Aktivitäten noch immer rund ein Drittel unter dem Vor-Krisen-Niveau, so Oxford Economics.

In Brasilien deuten mehrere Mikroindikatoren auf eine stattfindende Normalisierung hin. So hat der Stromverbrauch im August wieder Vorjahresniveau erreicht. Die Kapazitäten der Industrie sind im Vergleich zu vor der Krise zu 80 Prozent ausgelastet. Die Lagerbestände der Unternehmen werden schneller abgebaut, als bisher erwartet. In fast allen Branchen ist die Zuversicht gegenüber Juni deutlich gewachsen. Die Ausnahme ist der Dienstleistungsbereich, der noch unter Schließungen leidet.

An den brasilianischen Finanzmärkten herrscht gute Stimmung: Dieses Jahr werden an der Börse so viele Aktienlaunchs (IPO) erwartet, wie zuletzt im Rekordjahr 2007. Die Übernahmen und Fusionen in den Branchen Gesundheit, Bildung, Infrastruktur haben kräftig zugenommen. Die niedrigen Zinsen machen den Aktienmarkt sowohl für Privatanleger als auch für Unternehmen zur Kapitalaufnahme attraktiv.

Positiv für die Leistungsbilanzen in ganz Lateinamerika ist, dass die Rücküberweisungen der Lateinamerikaner in den USA und Europa weit weniger eingebrochen sind, als bisher befürchtet. Nur rund 7 Prozent könnten die Überweisungen dieses Jahr abnehmen, erwarten die Experten beim Inter-American Dialogue. Die Weltbank hatte noch im April einen Rückgang für 2020 von 20 Prozent prognostiziert.

Für die Risikoeinschätzungen für ganz Lateinamerika werden sich auch neueste Entwicklungen bei den Umschuldungen positiv auswirken: Argentinien wie Ecuador sind auf dem Weg, sich mit ihren Gläubigern zu einigen.

COVID-19 in Lateinamerika

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