Lateinamerika stimmt überraschend geeint gegen Russland

Im Vorfeld der UN-Vollversammlung hatten einige Präsidenten damit gezögert, Russland zu verurteilen. Noch ist unklar, wie sich die Ukraine-Krise auf die Ökonomien in der Region auswirken wird.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Als bei der UN-Vollversammlung am 2. März 141 Staaten den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilten, waren dabei auch die überwältigende Mehrheit der Länder Lateinamerikas. Kein Staat sprach sich für Russland aus. Kuba, Bolivien, El Salvador und Nicaragua enthielten sich. Das zu Russland stehende Venezuela war ohne Stimmrecht, weil es seine Beiträge nicht bezahlt hatte.

Diese Einigkeit, mit der die Staaten Lateinamerikas den Abzug Russlands forderten, überraschte: Denn in den Tagen seit dem Angriff Russlands auf das Nachbarland, hatten wichtige Staatschefs der Region damit gezögert, die Invasion zu verurteilen.

Die linksnationalistischen und autoritären Regierungen Kubas, Nicaraguas und Venezuelas bezeichneten den Überfall auf die Ukraine zuvor als legitim. Das war zu erwarten. Russland ist ein wichtiger Waffenlieferant und Gläubiger für diese Länder.

Unerwartet war, dass El Salvador ausscherte und nicht die russische Aggression verurteilte. Es wird vermutet, dass der autoritäre Präsident sich mit Russland gut stellen will. Er könnte El Salvador mit seiner staatlichen Förderung von Kryptowährungen als einen Kanal anbieten, um die Sanktionen zu umgehen. Russland könnte etwa den Handel mit Rohstoffen und anderen Gütern via digitale Währungen unkontrolliert über das mittelamerikanische Land abwickeln – fürchten US-Behörden.

Mexiko und Brasilien bemühten sich vor der Abstimmung um einen Balance-Akt in der Krise. Der Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador erklärte, dass Mexiko sich mit allen Staaten weltweit gut stellen wolle und das Land deshalb nicht die Sanktionen gegen Russland unterstützen werde.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hatte noch kurz vor Beginn der russischen Offensive bei einem Besuch im Kreml seine „Solidarität mit Russland“ erklärt und öffentlich bekräftigt, sich nicht in den Konflikt einmischen zu wollen. Sein Land sei zudem durch umfangreiche Düngerimporte wirtschaftlich an Russland gebunden. Dennoch sorgten die Außenminister beider Länder mit ihren parallelen Statements, die deutlich härter gegen Russland ausfielen, schließlich bei der Abstimmung der UN dafür, dass beide Staaten doch offiziell Russlands Aggression verurteilten.

Überraschend war, dass sich die Staatschefs in Panama, Paraguay, Peru sowie Honduras nicht zu einer Verurteilung der russischen Invasion durchringen konnten.

Klare Kritik an Russland kam, wie erwartet von den konservativeren Regierungen in Kolumbien, Uruguay und Ecuador. Auch der diese Woche sein Amt antretende Linkspräsident Gabriel Boric in Chile verurteilte die Aggression klar.

Eine neue außenpolitische Entwicklung hat die Ukraine-Krise zwischen Venezuela und den USA ausgelöst. Die eigentlichen Erzfeinde haben begonnen, über Energie und politische Annäherung zu sprechen. Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt, produziert aber wegen des wirtschaftsfeindlichen Kurses seiner Regierung weit unter Potenzial. Die USA könnte einen Lieferanten ganz in der Nähe gut gebrauchen, die Regierung des Autokraten Nicolás Maduro erhofft sich gelockerte Sanktionen gegenüber seinem Land.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen auf Russland auf Lateinamerika sind schwer zu prognostizieren: Einerseits könnten Rohstoffexporteure wie Argentinien, Brasilien, Chile und Peru von den steigenden Preisen für Agrargüter wie Metalle profitieren. Auch Ölexporteure wie Ecuador und Kolumbien profitieren von den hohen Ölpreisen.

Schlecht sind die gestiegenen Energiepreise für alle Nettoimporteure von Öl und Gas – vor allem in der Karibik und Mittelamerika. Auch die nun stark reduzierten Düngemittelexporte aus Russland, der Ukraine und Weißrussland könnten mittelfristig zu Ernterückgängen bei den Agrarproduzenten in Südamerika führen.

Insgesamt werden die deutlich steigenden Inflationsraten auch in Lateinamerika zu einem Anstieg der Armut und verringertem Wachstum führen.

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