Lateinamerika steht vor zwei entscheidenden Wochen

In Lateinamerika wird sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden, wie stark der Virus die Bevölkerung infizieren und wie hoch die Todesraten sein werden. Entscheidend ist, wie heftig die arme Bevölkerungsmehrheit betroffen sein wird. Die Anzeichen sind widersprüchlich. Die Finanzinvestoren haben ihre Entscheidungen bereits getroffen. Sie ziehen ihr Kapital ab.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Erst Anfang Mai wird in Lateinamerika mehr Klarheit darüber bestehen, wie stark die Bevölkerung vom Covid-19-Virus infiziert sein wird. Bisher finden die meisten Ansteckungen in den urbanen Zentren und vor allem in der Mittelschicht statt. Doch die Mittelschicht ist im Vergleich zu Europa klein und lebt in Lateinamerika stärker isoliert von der armen Bevölkerungsmehrheit. Deswegen bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie in den Armenvierteln des Kontinents auswirken wird. Einerseits gibt es lokale Krisenherde mit überlasteten Krankenhäusern und Bestattungsdiensten wie in Ecuadors Metropole Guayaquil oder der Amazonashauptstadt Manaus in Brasilien. Andererseits melden etwa die öffentlichen Gesundheitsdienste noch keine exponentielle Steigerung der Krankenfälle.

Das Problem ist in ganz Lateinamerika, dass die Regierungen ihre Öffnungspläne für die Wirtschaft kaum auf empirische Daten stützen können. Es gibt viel zu wenig Tests für repräsentative Erhebungen über die Krankenstände. Es ist illusorisch sie für die nächsten Wochen zu erwarten, wie einige Regierungen es immer wieder verkünden. Erst wenn die Kranken Kontakt mit den öffentlichen Gesundheitssystemen aufnehmen, dürften die Einschätzungen über die Auswirkungen der Corona-Krise realistischer ausfallen als bisher.

Die lokalen Investmentbanken beobachten sehr genau den Verlauf der Krise und veröffentlichen umfangreiche Analysen. Der Grund: Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist ein gewaltiger Risiko- und damit Kostenfaktor für ihre Kunden, die Investoren.

Die Mehrheit der Finanzinvestoren hat die Entscheidung aber bereits getroffen: Sie ziehen ihr Kapital aus lateinamerikanischen Bonds und Anleihen ab. Der Aktienindex der B3 in São Paulo, die Schlüsselbörse für die ganze Region – hat seit Jahresanfang in Dollar rund 50 Prozent verloren. Die Aussichten, dass diese Portfolio-Investoren bald wieder zurückkehren, sind gering. Der Tenor der Analysen der Investmentbanken: Es lohnt sich derzeit nicht für Investoren, das Lateinamerika-Risiko einzugehen. Dafür fallen die Erholungs- und Wachstumsaussichten für die Region mittelfristig zu schwach aus. Die wegen der Hilfsmaßnahmen und Steuerausfälle schnell steigenden Defizite und die Verschuldung der Staaten und Unternehmen werden die wirtschaftliche Erholung verzögern.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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