Keine zweite Corona-Welle in Lateinamerika?

Völlig unübersichtlich sind die Corona-Protokolle in Lateinamerika. Jedes Land, Provinz oder Bundesstaat und Gemeinde versucht auf eigene Faust, die zweite Welle der Pandemie zu vermeiden. Ein erneuter Anstieg der Infektionen wäre katastrophal: Alle Ökonomien haben sich in den letzten drei Monaten erholt. Doch nun stagnieren die Aktivitäten wieder in Lateinamerika.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Wer diese Tage zum ersten Mal wieder innerhalb Lateinamerikas reist, der erlebt eine neue, zuweilen chaotische Unübersichtlichkeit an Vorschriften und Protokollen zu Corona – ähnlich wie in Europa. Nicht nur Länder befinden sich in völlig unterschiedlichen Etappen der Normalisierung. Manchmal unterscheiden sich schon Stadtviertel mit ihren Auflagen. Während im Stadtviertel San Isidro, einem Vorort von Buenos Aires, schon fast wieder Normalität herrscht, etwa mit geöffneten Restaurants, ist im benachbarten Viertel Tigre das öffentliche Leben weiterhin streng eingeschränkt. Ein anderes Beispiel: Für Flüge nach Peru ist ein negativer PCR-Test notwendig sowie Maske und Schutzschild Pflicht während des ganzen Fluges. Umgekehrt, auf dem Rückflug nach Brasilien wird nicht einmal gefragt, ob man Corona-Symptome aufweist. Während in São Paulo die Schulen schon Mitte Oktober wieder mit Präsenzunterricht begonnen haben, findet in Salvadors öffentlichen Schulen im Nordosten weiterhin kein Unterricht statt – seit Anfang März!

Dieses Durcheinander an Regeln und Vorschriften lässt sich vor allem mit der Furcht der Regierungen auf allen Ebenen vor einer zweiten Welle wie in Europa erklären. Bisher bestätigt sich ein erneuter Anstieg an Infektionen für die gesamte Region nicht, ausschließen lässt sich der jedoch bisher keinesfalls. Es gibt weiterhin lokale Regionen, in denen der Virus sich unkontrolliert ausbreitet. Immer noch sind unter den zwölf größeren Staaten weltweit mit den höchsten Todesraten, etwa die Hälfte aus Lateinamerika. Auch bei den Infektionszahlen auf 100.000 Einwohner befinden sich fünf Staaten Lateinamerikas unter den Dutzend am stärksten betroffenen weltweit.

Nach der neuesten Untersuchung von Oxford Economics stoppte die Erholung der wirtschaftlichen Aktivität im November abrupt. Noch in der zweiten Oktoberhälfte hatten sich Chile, Peru und Kolumbien deutlich positiv entwickelt. Nun liegen die Ökonomien Chiles, Mexikos und Kolumbien immer noch rund 20 Prozent unter dem Stand von Ende Februar. In Brasilien ist mit einem Minus von 8,7 Prozent der Aktivitäten im Vergleich zum Vorkrisenniveau die Erholung am weitesten fortgeschritten. Am weitesten abgeschlagen sind weiterhin Peru und Argentinien mit etwa 30 Prozent.

Überraschenderweise haben die US-Wahlen mit dem absehbaren Sieg Joe Bidens in der Region für Entspannung gesorgt: Durchweg haben die Währung gewonnen gegenüber dem Dollar. Auch die Börsen legten kräftig zu in allen Staaten. Ausländische Finanzinvestoren nutzten wieder die Börsen in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien zum Einstieg.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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