Ist die schnelle Erholung der Wirtschaft Lateinamerikas nachhaltig?

Die wirtschaftlichen Aktivitäten in einigen wichtigen Märkten Lateinamerika legen in einem Tempo zu, das vor Kurzem nicht möglich schien. Doch Prognosen bleiben schwierig: Die Bevölkerung ist mit zwei Ausnahmen noch wenig geimpft, neue Virus-Varianten können sich schnell ausbreiten. Auch die politischen Spannungen halten an.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Kein swoosh, sondern ein V“ erwartet die Investmentbank JP Morgan für die Erholung Lateinamerikas in diesem Jahr: Nach -6,6 % (2020) rechnen deren Ökonomen jetzt mit +6,4 % (2021) Zuwachs. Das erstaunt: Denn weiterhin ist Lateinamerika weltweit die Region, die am stärksten von der Pandemie betroffen ist. Zwar sinken die Infizierungen und Todesfälle in allen Ländern, doch das Niveau bleibt im weltweiten Vergleich hoch.

Bei den Impfungen sind die Staaten zuletzt gut weitergekommen. Sie liegen jedoch im internationalen Vergleich deutlich zurück. Kein Land hat mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung zweimal geimpft – mit der Ausnahme von Uruguay und Chile. Dort sind rund 60 % der Menschen vollständig immunisiert. Die Delta-Virus-Variante beginnt sich erst jetzt in Lateinamerika auszubreiten.

Die Wachstumsprognosen fallen insgesamt positiv, aber unterschiedlich aus. Am positivsten überraschen die erneut aufgebesserten Vorhersagen in den zwei größten Volkswirtschaften der Region: In Mexiko (+6,8 %) und Brasilien (+5,5 %) dürften die Konjunktur so stark anziehen, dass die Wirtschaftskraft in den nächsten Monaten bereits das Vor-Pandemie-Niveau erreichen könnte.

Auch in den Andenländern ist die Erholung im Gange, aber der weitere Verlauf ist ungewiss: Vor allem die politischen Unruhen in Kolumbien (erwartetes Wachstum für dieses Jahr: +7,5 %) haben dort im Mai für eine Unterbrechung der Verarbeitungsketten gesorgt. In Peru verunsichert die Wahl des Linkspräsidenten Pedro Castillo die Unternehmen. Dort wird trotz der hohen Prognose von +10,8 % in diesem Jahr eine Erholung der Aktivitäten auf den Stand vor der Pandemie erst Anfang nächsten Jahres erwartet.

Auch in Chile sorgen die unklaren Aussichten in der Politik (Wahlen im November und Verfassungsgebende Versammlung) für eine erwartetes Wachstum von nur +8 %. Argentinien wird sich auch mit einer prognostizierten Erholung von +6,3 % in absehbarer Zeit nicht von seiner Wirtschaftskrise erholen, welche die Pandemie noch verstärkt hat. Das argentinische BIP ist vergangenes Jahr um fast -10 % geschrumpft, nach bereits mehreren Rezessionsjahren.

Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist die in den meisten Ökonomien zunehmende Inflation. Wird sie – wie einige Ökonomen erwarten – gegen Jahresende bereits wieder schwächer werden, also temporär bleiben? Oder werden die hohen Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise anhalten, deren Preissteigerungseffekte durch die schwachen Wechselkurse in Lateinamerika noch verstärkt werden?

COVID-19 in Latin America

Development of case numbers in the region


Currently reported cases in the countries


COVID-19 vaccine doses administered


Share of people vaccinated by country

Weitere News dieser Kategorie

Großes Investoreninteresse an Infrastrukturprojekten in Brasilien
Schnellere Post-Pandemie-Erholung der Region
Kommt Bewegung in die Integration Lateinamerikas?