Isoliertes Lateinamerika?

In den letzten Tagen haben Lateinamerikas wichtigste Regierungschefs demonstriert, wie wenig Interesse sie an globalen Themen oder am Austausch mit der Welt haben. Die Folge: Die Unternehmen reagieren auf die politische Isolation mit Eigeninitiative.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die letzten zehn Tage fanden der G20-Gipfel in Rom und danach der Umweltgipfel COP26 in Glasgow statt. Es waren die ersten Spitzentreffen dieser Art nach fast zwei Jahren Pandemie – also eine einmalige Gelegenheit für jeden Staatschef, um sich zu vernetzen, für Verständnis zu werben, zu erklären, Positionen zu beziehen.

Doch was machen die drei wichtigsten Staatsoberhäupter aus Lateinamerika?

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador reiste erst gar nicht an.

Der argentinische Regierungschef Alberto Fernández machte sich mit einer 100-köpfigen Delegation auf nach Europa. Doch statt sich in Umweltfragen als der visionäre Staatsmann aus Lateinamerika zu profilieren, versuchte Fernández jeden Regierungschef davon zu überzeugen, dass Argentiniens Verschuldungsprobleme ungerecht seien und dass das Land eine Sonderbehandlung durch den Internationalen Währungsfonds verdiene. Umwelt und Klimawandel interessierten Fernández nur, wenn sich damit Schulden abbauen ließen.

Der Brasilianer Jair Bolsonaro war zwar in Rom, hielt sich aber von den offiziellen Ereignissen weitgehend fern. Ihn interessierte der Gipfel nicht. Aber auch die anderen Regierungschefs wollten offensichtlich nicht mit ihm gesehen werden. Nach Glasgow flog Bolsonaro erst gar nicht.

Es ist klar, dass Außenpolitik immer auch Innenpolitik ist, also mit Blick auf die Wähler stattfindet. Doch wenn Lateinamerikas wichtigste Staatschefs demonstrieren, dass ihnen die weltweiten Agenda ziemlich gleichgültig ist, und nicht einmal versuchen, sich als ernstzunehmende Staaten dazustellen, dann schaden sie mit dieser Isolation ihren Ländern.

Die Wirtschaft reagiert auf die zunehmende nationalistische Introvertiertheit ihrer Regierungen mit Eigeninitiative: In- wie ausländische Unternehmen in Lateinamerika beginnen sich selbst um ausländische Märkte zu kümmern und Strategien über die Landesgrenzen hinaus zu entwickeln. Das liegt am schwachen Wachstum in der Region, aber auch, weil viele Geschäftsmodelle gerade im digitalen Bereich nur ab einer gewissen Größe funktionieren. Beispiele finden sich in allen Branchen.

Zudem orientieren Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten an ESG-Kriterien, um nachhaltig in Sachen Umwelt, Soziales und der Unternehmensführung vorzugehen – auch wenn die nationalen Regulierer diese Kriterien im Moment nicht einfordern. Dieser Prozess hat in den letzten zwölf Monaten in allen Staaten Lateinamerikas an Intensität gewonnen.

COVID-19 in Latin America

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