Ein Investitionsboom in Startups verändert Lateinamerikas Wirtschaft

Das brasilianische Startup Nubank ist diese Woche an die Börse gegangen und jetzt die wertvollste Bank Lateinamerikas. Die Finanzindustrie in der Region erlebt die stärkste Umwälzung ihrer Geschichte. Doch auch in anderen Branchen geschieht gerade das gleiche. Lateinamerikas Ökonomie gewinnt an Produktivität.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die brasilianische Nubank hat vor acht Jahren mit kostenlosen Kreditkarten begonnen und schreibt bis heute nur Verluste. Dennoch ist sie seit dieser Woche mehr wert als die brasilianische Privatbank Itaú-Unibanco, die bislang das führende Institut nach Marktkapitalisierung in der Region war.

Mit dem Börsengang spielt Nubank zudem den Vorreiter einer ganzen Branche an der Wallstreet: Der erfolgreiche IPO von Nubank gilt nun als Referenz für andere globale Neobanken wie Chime aus Kalifornien oder Revolut aus Großbritannien, die ebenfalls ihr Kapital eröffnen wollen.

Doch Nubank ist nicht allein: Es gibt in Lateinamerika inzwischen etwa zwei Dutzend Fintechs, die den etablierten Banken Konkurrenz machen. Stone, PagSeguro oder XP aus dem brasilianischen Finanzsektor haben ebenfalls in New York ihre Aktien notiert.

Dieser Verdrängungsprozess findet auch in anderen Branchen statt: Quinto Andar oder Loft wirbeln den brasilianischen Immobiliensektor durcheinander. Rappi aus Kolumbien oder ifood haben die Essens-Branche völlig verändert. Loggi rollt den Logistiksektor auf. Ualá aus Argentinien ist als Fintech erfolgreich und geht jetzt nach Mexiko. Satellogic aus Uruguay ist das erste Unicorn unter den AgTechs – also ein Startup, das nach den ersten Finanzierungsrunden über eine Milliarde Dollar wert ist.

Der Wert der Fintechs wie anderen Startups in der Region wird sowohl von dem allgemeinen Hype um Neobanken weltweit getrieben als auch dem Interesse der Venture-Capital-Investoren an High Tech-Unternehmen in Lateinamerika: Allein zwischen Januar und November dieses Jahres flossen 14 Milliarden Dollar Kapital in diese Unternehmen. Das ist dreimal mehr als im bisherigen Rekordjahr 2020. Die Zahl der Unicorns in Lateinamerika verdoppelt sich seit 2018 jedes Jahr. Heute gelten 26 Startups als Unicorns.

Das japanische Investmentkonglomerat Softbank hat gerade seinen Lateinamerika-Fond aufgestockt auf nun insgesamt acht Milliarden Dollar. An 48 Startups ist Softbank in Lateinamerika beteiligt, 15 davon sind Unicorns.

Inzwischen stecken auch traditionelle Investoren ihr Geld in brasilianische Fintechs: Bei Nubank stieg Mitte des Jahres der US-Investor Berkshire Hathaway um Warren Buffet ein. Bei C6 in Brasilien etwa übernahm JP Morgan 40 Prozent des Kapitals.

Für Lateinamerika sind das gute Nachrichten: Wenn die Regierungen seit Jahren kaum noch Reformen hinbekommen, dann dürften die größten Produktivitätssteigerungen derzeit aus der digitalen Umwandlung kommen.

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