Düstere Aussichten für das Wachstum in Lateinamerika

Lateinamerika wird durch die Corona-Krise wirtschaftlich schwer leiden. Das gilt jedoch nicht für alle Staaten: Die Andenstaaten sind besser gerüstet für die Erholung als etwa Mexiko und Brasilien. Dort drohen die Regierungen mit ihrer widersprüchlichen Politik die Krise noch zu verschärfen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Die Corona-Krise trifft in Lateinamerika auf einen wirtschaftlich bereits angeschlagenen Kontinent. Die neusten Prognosen etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank fallen entsprechend negativ aus: Lateinamerika insgesamt wird rund fünf Prozent an Wirtschaftskraft verlieren, also etwas stärker schrumpfen als die Weltwirtschaft insgesamt.

Die Krise wirkt sich unterschiedlich aus: Die drei größten Ökonomien Brasilien, Mexiko und Argentinien werden stärker von der Rezession betroffen sein und länger brauchen, um sie hinter sich zu lassen. Die Andenökonomien Chile, Peru und Kolumbien dagegen werden weniger hart unter den sinkenden Rohstoffpreisen, der Kapitalflucht sowie steigender Arbeitslosigkeit leiden. Ihr Wachstum wird sich 2021 vermutlich auch schneller wieder erholen als in den großen Volkswirtschaften. Wegen ihrer geringeren Haushaltsdefizite können die Andenländern stärker anti-zyklische Maßnahmen durchführen. Auch von der Erholung Chinas werden sie als Zulieferer nach Fernost bald profitieren können.

Die düsteren Prognosen der Institutionen aus Washington und der Investmentbanken für Brasilien, Mexiko und Argentinien liegt einerseits an deren bereits defizitären Haushalten und hohen Schuldenständen. Sie müssen sich noch stärker verschulden, um über Sozialhilfe die Not ihrer Bevölkerungen zu senken. Diese steigenden Schulden werden die zukünftigen Wachstumsaussichten belasten. Entsprechend verzögert fällt die Erholung für die drei Ökonomien aus. Sie werden im nächsten Jahr nur zwischen 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, so die Weltbank.

Negativ wirkt sich zudem aus, dass die Regierungen in Brasilien und Mexiko verlangsamt und widersprüchlich auf die Ausbreitung des Virus reagieren – gerade jetzt, wenn eine transparente und klare Politik gefragt ist, wie sie der IWF einfordert. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht das Risiko von politischen Fehlentscheidungen in den beiden größten Ökonomien als hoch an.

Das sind schlechte Aussichten für ganz Lateinamerika: Brasilien und Mexiko vereinen knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes und mit etwa 335 Millionen Einwohnern etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas. Für die deutsche Wirtschaft sind es wichtige Standorte. Während die deutsche Industrie in Brasilien den großen lokalen Markt beliefert, nutzt sie Mexiko vor allem als Exportplattform – in die USA und weltweit.

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