Die Pandemie beschleunigt den Strukturwandel in der Industrie

Mit Ford zieht ein traditionell wichtiger Konzern aus Brasilien ab. Das liegt am Strukturwandel der Branche weltweit, aber auch an den schwachen Wachstumsaussichten in der Region. Für die Unternehmen gilt: Wer in Südamerika wettbewerbsfähig bleiben will, muss massiv investieren. Das wollen einige Unternehmen angesichts des unklaren Szenarios nicht riskieren.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Das war kein guter Jahresauftakt für Brasiliens Wirtschaft. Nach 113 Jahren Präsenz in Brasilien kündigte Ford an, seine drei Fabriken in Brasilien zu schließen. Davon betroffen sind rund 5000 Mitarbeiter. Die Ankündigung sorgte für starke Resonanz: Denn Ford ist in Brasilien nicht irgendein Autobauer. Der Hersteller produzierte in Brasilien als einer der ersten ausländischen Konzerne moderne Autos, die Konsumträume mehrerer Generationen. Ford verkaufte jahrelang zusammen mit GM, Volkswagen und später Fiat die meisten Fahrzeuge. Brasilien war immer strategisch wichtig für den Hersteller aus Detroit: Henry Ford wollte 1920 in Fordlândia sogar den Kautschuk für die Reifen im Amazonas herstellen – und scheiterte.

Doch jetzt gibt Ford einen Markt auf, in dem er mit seinem Kompaktmodellen immer noch erfolgreich war: Rund sieben Prozent Marktanteil im sechstgrößten Automarkt der Welt – das gibt man doch als global auftretender Hersteller nicht freiwillig auf, sollte man meinen. Warum macht Ford das?

Einerseits will Ford sich weltweit vor allem auf Elektrofahrzeuge konzentrieren und leichte Nutzfahrzeuge. Das erklärt auch, warum Ford in Argentinien das Werk für den Pickup Ranger ausbaut, aber in Brasilien seine Werke schließt. Die Modellreihe für Kompaktfahrzeuge soll auslaufen, sie bringen nicht genug Profit.

Ford hätte massiv in Brasilien investieren müssen, um seine globale Strategie dort umzusetzen. Denn die Branche steckt inmitten einer der größten Wandlungsprozesse seit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Es geht um die Elektrifizierung und Digitalisierung der Fahrzeuge, um den Einsatz von Big Data, autonomes Fahren. Ford hat entschieden, dass es sich nicht lohnt, diesen Wandel in Brasilien voranzutreiben.

Denn gleichzeitig schrumpft der Markt seit sieben Jahren und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald bessern. Die fehlenden Reformen haben die Hoffnungen der Branche auf eine baldige Besserung des Investitionsklimas verpuffen lassen.

Zudem ist die Kaufkraft der Brasilianer seit 2013 geschrumpft. Exportieren ist schwierig. Brasilien ist kein Billigstandort, die Produktionskosten sind hoch. Zudem ist der Markt geschlossen, in der Region aber auch weltweit. Es lassen sich also keine Skaleneffekte im Verbund mit anderen Produktionsstandorten herstellen.

Diesen Bedeutungsverlust von Südamerika als Standort erlebt die Autobranche derzeit am stärksten. In Brasilien hat bereits Mercedes die Schließung seiner Werke verkündet. Audi hat die Produktion gestoppt. In Argentinien haben Zulieferer wie BASF, Saint-Gobain Sekurit und Honda ihre Produktion eingestellt.

Dennoch sollte nicht der Eindruck entstehen, dass die Automobilbranche insgesamt aus Südamerika abzieht. Volkswagen, Toyota, GM, Renault und vor allem FiatChrysler (bald gemeinsam mit PSA Peugeot Citroën) investieren dort massiv in neue Modelle und Anlagen.

Dass sich auch in Südamerika hochmoderne Fabriken rechnen, das demonstrieren gerade die Nutzfahrzeughersteller, wie Scania, VW, Mercedes und Volvo: Alle haben sie inmitten der schweren Krise in neue Modelle und Produktionslinien investiert und exportieren ihre Fahrzeuge weltweit.

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