Brasilien isoliert sich – und droht, Südamerika mit sich zu ziehen

Der Verlust an Soft Power wird Brasilien und damit ganz Südamerika teuer zu stehen bekommen. Es wird Jahrzehnte dauern, diesen Vertrauensverlust wieder wettzumachen.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

Soft Power war lange Zeit ein Begriff, mit dem nur Politologen etwas anfangen konnten. Der US-Publizist Joseph Nye hat den Begriff geprägt. Gemeint ist, wenn ein Land Einfluss ausübt in der Welt, ohne wirtschaftliche oder militärische Macht einzusetzen. Brasilien hat lange Zeit seine Soft Power bewusst genutzt: Seine demokratischen Regierungen weiteten mit Verhandlungsgeschick und Diplomatie ihren Einfluss aus. Brasilien spielte zeitweise in einer höheren Liga in der Weltpolitik, als dem Land nach Wirtschaftskraft oder Bedrohungspotenzial zugestanden hätte: In der Klimadiskussion, im Freihandel, bei der Durchsetzung von Menschenrechten, bei der Armutsbekämpfung, in der globalen Gesundheitspolitik, selbst in der Weltfinanzkrise 2008 saß Brasilien bei den Verhandlungen mit am Tisch der Großmächte. Weil Brasilien mit allen redete und mit allen zurechtkam, hatte es Einfluss. Diese Soft Power ergänzte perfekt seine zunehmend wichtigere Rolle als Lieferant von Rohstoffen, Agrarprodukten und Energie in der Weltwirtschaft. Brasilien war zudem eine weltweit bewunderte Kultur- und Sportnation, ein begehrtes Reise- und Lebensziel für viele Menschen weltweit.

Doch das ist vorbei. Noch nie war Brasiliens Ruf in der Welt so schlecht wie derzeit. Das begann mit den großen Korruptionsskandalen, die von Brasilien aus ganz Lateinamerika überzogen und im Nachhinein die Linksregierungen unter Lula und Dilma Rousseff in ein schlechtes Licht rückten. Die Wahl des Rechtspopulisten Bolsonaro zum Präsidenten hat den Abstieg noch beschleunigt: Dessen permanenten Attacken gegen die Demokratie, sein chaotisches Regieren, die anhaltende Wirtschaftskrise und jetzt vor allem das schlechte Management der Coronakrise, die das Land zur Nummer 2 weltweit nach Infizierungen und Toten gemacht hat – alles das hat dazu geführt, dass Brasilien zum weltweiten Paria geworden ist. Ohne Verbündete, ohne Sympathien. Es wird Jahrzehnte dauern, dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Wie hoch die Kosten für diesen Verlust an Soft Power sein werden, das lässt sich erahnen. Vor wenigen Tagen sandten 29 Banken und globale Fonds einen offenen Brief an die brasilianische Regierung. Zusammen verwalten sie Aktiva in Höhe von 3,75 Billionen US-Dollar. Sie äußerten ihre Besorgnis über die Zunahme der Amazonasrodungen und den Abbau der Umwelt- und Menschenrechtspolitik. Die Finanzakteure reagieren damit auf den Druck, den sie von ihren Anteilseignern bekommen. Für die ist umweltgerechte Agrarpolitik, der Schutz des Regenwaldes, von Minderheiten und Indigenen oder Gender-Politik die Basis für Investitionen in Brasilien – sonst ziehen sie ihr Kapital eben ab.

Der Schaden wird nicht sich nicht nur auf Brasilien beschränken. Weil das Land die Hälfte der Bevölkerung, Fläche und Wirtschaftskraft Südamerikas vereint, werden auch die anderen Staaten auf dem Kontinent unter dem Verlust der brasilianischen Soft Power leiden.

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